Institut für Erziehungswissenschaft

Studienreise nach Slowenien

2026

Im Rahmen unserer Studienreise verbrachten wir eine intensive und abwechslungsreiche Woche in Ljubljana, Slowenien. Jeder Tag eröffnete neue Einblicke in pädagogische Konzepte, soziale Initiativen und wissenschaftliche Arbeit und zeigte auf unterschiedliche Weise, wie Bildung, gesellschaftliche Verantwortung und soziale Gerechtigkeit zusammenwirken können. Die Begegnungen mit engagierten Fachkräften und die Auseinandersetzung mit vielfältigen Themen machten die Woche zu einer ebenso fachlich bereichernden wie persönlich inspirierenden Erfahrung.
Gleich zu Beginn führte uns unser Weg am Montagvormittag hinaus aus der Stadt und hinein in die Natur. In der Waldkita und -schule „Samorog“ (deutsch: „Einhorn“) erwartete uns ein Lernort, der sich grundlegend von klassischen Bildungseinrichtungen unterscheidet. Umgeben von Bäumen und fernab fester Klassenräume erleben die Kinder hier die Natur als täglichen Bildungsraum. Rund 50 Kinder im Alter von zwei Jahren bis zur Mittelstufe werden von einem multiprofessionellen Team begleitet. Besonders beeindruckend war für uns das „Klassenzimmer“ mitten im Wald, das eindrucksvoll verdeutlichte, wie Lernen ohne Wände gelingen kann. Während einer jahrgangsübergreifenden Theaterprobe konnten wir außerdem beobachten, wie selbstverständlich Kreativität, Gemeinschaft und Lernen hier ineinandergreifen.
Am Nachmittag lernten wir Ljubljana aus einer ungewohnten Perspektive kennen. Die feministische Stadtführung machte sichtbar, welche Rolle Frauen in der Geschichte der Stadt gespielt haben und wie häufig ihre Beiträge im öffentlichen Raum übersehen werden. Bekannte Straßen und Plätze erhielten dadurch eine neue Bedeutung und regten dazu an, Geschichte aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. 
Der Dienstag stand zunächst ganz im Zeichen der Kinderrechte. Beim Besuch des Netzwerks für Kinderrechte erfuhren wir mehr über die Arbeit der Slovenian Association of Friends of Youth (SAFY), die sich seit 1953 für Kinder und Jugendliche in Slowenien einsetzt. Besonders eindrücklich war zu sehen, wie eng politische Interessenvertretung und konkrete Unterstützungsangebote miteinander verbunden sind. Der Einsatz gegen Kinderarmut und für vulnerable Gruppen wie Roma-Kinder oder Kinder aus einkommensschwachen Familien verdeutlichte die gesellschaftliche Relevanz dieser Arbeit. Gleichzeitig erhielten wir Einblicke in praktische Hilfsangebote wie die psychosoziale Telefon-Hotline „TOM“, die Kindern und Jugendlichen in schwierigen Situationen Unterstützung bietet.
Am Nachmittag wechselten wir von der Praxis in die Forschung und besuchten das Educational Research Institute. Als zentrale öffentliche Einrichtung für Bildungsforschung in Slowenien beschäftigt sich das Institut mit einer Vielzahl aktueller bildungswissenschaftlicher Fragestellungen. Besonders spannend war für uns das „Step by Step Centre for Quality in Education“, das die professionelle Entwicklung von Frühpädagog*innen und Grundschullehrkräften durch Aktionsforschung begleitet. Beeindruckend war dabei, wie konsequent Forschung und Praxis miteinander verbunden werden, um Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem zu fördern. 
Der Mittwoch führte uns in zwei öffentliche Kindergärten und ermöglichte einen direkten Einblick in die frühpädagogische Praxis Sloweniens. Dabei wurde schnell deutlich, welchen hohen Stellenwert Bildung und ganzheitliche Entwicklung bereits im frühen Kindesalter einnehmen.
Im Kindergarten Andersen lernten wir ein Konzept kennen, das unterschiedliche pädagogische Ansätze miteinander verbindet. Die Einrichtung betreut rund 200 Kinder in zwölf Gruppen und ist Teil eines größeren Kindergartenverbundes in Ljubljana. Besonders interessant waren die vielfältigen Schwerpunkte, die von Märchen- und Naturpädagogik bis hin zur Apipädagogik reichen. Die Verbindung von kulturellen Traditionen, Naturerfahrungen und kreativem Lernen vermittelte ein lebendiges Bild davon, wie vielseitig frühkindliche Bildung gestaltet werden kann.
Auch der anschließende Besuch im Kindergarten Pedenjped bot spannende Einblicke. Die Einrichtung betreut derzeit 137 Kinder in neun Gruppen, darunter eine spezialisierte Gruppe für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Im Gespräch mit den Fachkräften wurde deutlich, wie konsequent Themen wie Umweltbildung, Gesundheit, Werteerziehung und Multikulturalität in den Alltag integriert werden. Besonders bemerkenswert erschien uns die enge Zusammenarbeit mit den Eltern, die aktiv in die Weiterentwicklung der Einrichtung eingebunden werden und damit einen wichtigen Beitrag zur pädagogischen Qualität leisten.
Ein besonderer Höhepunkt der Woche war für viele von uns die Stadtführung „Ljubljana Invisible“ am Donnerstag. Statt die bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt in den Mittelpunkt zu stellen, lenkte sie den Blick auf Menschen und Lebensrealitäten, die im Alltag häufig unsichtbar bleiben. Geführt wurden wir von Menschen, die selbst Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit gemacht haben. An Orten, die für obdachlose Menschen von Bedeutung sind, berichteten sie offen von ihren persönlichen Lebenswegen, Herausforderungen und Erfahrungen. Die Gespräche machten gesellschaftliche Probleme greifbar und verliehen abstrakten Themen wie Armut, Ausgrenzung und sozialer Teilhabe ein Gesicht. Die Offenheit der Guides und die Möglichkeit zum direkten Austausch hinterließen einen nachhaltigen Eindruck und regten zum Nachdenken an.
Den Abschluss unserer Reise bildete am Freitag der Besuch einer Kindertageseinrichtung des Hermagoras Vereins in Klagenfurt. Dort stand das Thema Mehrsprachigkeit und Minderheitenkultur im Mittelpunkt. Der 1851 gegründete Verein engagiert sich seit Generationen für die slowenische Sprache und Kultur in Kärnten. Besonders eindrucksvoll war die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart: Einerseits erfuhren wir von den historischen Herausforderungen, denen die slowenische Minderheit ausgesetzt war, andererseits wurde deutlich, wie lebendig die Sprache und Kultur bis heute in den Bildungseinrichtungen des Vereins weitergegeben werden. Das Prinzip „eine Person – eine Sprache“, nach dem die Einrichtungen arbeiten, verdeutlichte anschaulich, wie hier Mehrsprachigkeit von Beginn an gefördert wird.
Rückblickend war die Studienreise weit mehr als eine fachliche Exkursion. Sie bot uns die Möglichkeit, unterschiedliche Bildungskonzepte kennenzulernen, gesellschaftliche Herausforderungen aus neuen Perspektiven zu betrachten und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich mit großem Engagement für Bildung, soziale Gerechtigkeit und kulturelle Vielfalt einsetzen. Die Vielzahl an Eindrücken, Begegnungen und Denkanstößen machte die Woche zu einer bereichernden Erfahrung, die uns sowohl fachlich als auch persönlich nachhaltig prägen wird.