Geschichte der Juden im östlichen Europa (Dr. Jan Arend)
Veranstaltungsform:
Vorlesung
Dozent*in:
Dr. Jan Arend
Termin:
2 std., Fr. 12-14 Uhr
Beginn:
17.04.2026
Ort:
Hörsaal Keplerstr. 001
Bemerkungen:
-
Kommentar
Vor dem Hintergrund der Shoa wird die Geschichte der Juden in Osteuropa oft als eine Geschichte immerwährender Bedrohung und Verfolgung dargestellt. Dabei gerät die Vielfalt und Komplexität jüdischer Erfahrungen in einem Geschichtsraum in Vergessenheit, der während Jahrhunderten das Hauptsiedlungsgebiet der jüdischen Weltbevölkerung bildete. Im frühneuzeitlichen Polen und nach 1772 auch im Russischen Reich entwickelten sich vitale Zentren jüdischer Kultur, die durch enge kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zur nicht-jüdischen Umwelt geprägt waren. Aufgrund der vielfachen Verbindungen zwischen der jüdischen und der nicht-jüdischen Welt eröffnet eine Beschäftigung mit der Geschichte der Juden in Osteuropa nicht nur den Blick auf ein wichtiges Kapitel jüdischer Vergangenheit, sondern bietet zugleich die Chance, allgemeinere Fragen der Geschichte des europäischen Ostens zu behandeln. Die Vorlesung beleuchtet diese Zusammenhänge und legt dabei den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert. Thematisiert werden die rechtliche und ökonomische Stellung der Juden, religiöse Strömungen (Rabbinismus, Chassidismus, Messianismus), Aufklärung und Säkularisierung, Geschlechterverhältnisse sowie antijüdische Gewalt. Mit Blick auf das 19. Jahrhundert geht es dann auch um unterschiedliche jüdische Reaktionen auf die Industrialisierung und den modernen Antisemitismus, wozu die jüdische Hinwendung zu sozialistischem Gedankengut ebenso zählte wie die Emigration und die Entstehung einer zionistischen Bewegung. Literatur.
Lektüre
Anke Hilbrenner: Jüdische Geschichte. Beitrag im „Digitalen Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas“: epub.ub.uni-muenchen.de/2055/1/Hilbrenner_JuedGeschichte.pdf; Antony Polonsky: The Jews in Poland and Russia, Vol. I: 1350 to 1881. Oxford 2019; Antony Polonsky: The Jews in Poland and Russia, Vol. II: 1881 to 1914. Oxford 2020; Heiko Haumann: Geschichte der Ostjuden. München 2008.
Sacharov, Havel, Wałęsa und Naval’nyj. Dissens und Nonkonformität im östlichen Europa von den 1950er Jahren bis heute (Prof. Dr. Klaus Gestwa/Prof. Dr. Schamma Schahadat))
Veranstaltungsform:
Hauptseminar
Dozent*in:
Prof. Dr. Klaus Gestwa, Prof. Dr. Schamma Schahadat
Termin:
3 std., Di. 10-13 Uhr
Beginn:
21.04.2026
Ort:
Großer Übungsraum des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde (Raum 28)
Bemerkungen:
-
Inhalt
Als Gegenteil von Konsens meint Dissens Uneinigkeit und Meinungsverschiedenheit. Geprägt wurde der Begriff schon im 16. Jh. mit Bezug auf die religiöse Opposition, die sich in Polen-Litauen und England nicht der Staatskirche anschließen wollte. Seit den 1950er Jahren wurden in den sozialistischen Parteistaaten Osteuropa diejenigen als „Dissidenten“ bezeichnet, die sich öffentlich in Opposition zum autoritären System positionierten und von der kommunistischen Partei als politische Gegner:innen verfolgt wurden. Als affiner Begriff zu Dissens bezieht sich Nonkonformität auf vom verordneten kulturellen Kanon abweichende Haltungen sowie Handlungen und auf eigenwillige Lebensstile jenseits des realsozialistischen Mainstreams (z.B. Hippies).
In unserem Seminar wollen wir aus interdisziplinärer Perspektive der Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaft den Phänomenen des Dissens und der Nonkonformität im östlichen Europa nachgehen. Zentrale Geschehnisse waren in Ungarn der Volksaufstand von 1956, in der Tschechoslowakei die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und in Polen die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność 1980. Eingehend werden wir uns mit prominenten Literat:innen, Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Bürgerrechtler:innen beschäftigen wie Paul Goma, Monica Lovinescu, György Dalos und György Konrád (Ungarn), Václav Havel und Pavel Kohout (Tschechoslowakei), Czesław Miłos, Adam Michnik, Anna Walentynowicz und Lech Wałęsa (Polen), Joseph Brodsky, Andrej Sinjavskij, Lev Kopelev, Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharov (Sowjetunion). Der Blick richtet sich besonders auch auf ukrainische Dissident:innen wie Alla Gorska, Vasyl Stus, Ivan Dzjuba und Lina Kostenko. Mit dem Aufstieg autoritärer Regimes in Osteuropa hat das Thema Dissens zu Beginn der 21. Jh. eine beklemmende Aktualität erhalten. Das Seminar schlägt darum den Bogen zur gegenwärtigen russischen, belarussischen und georgischen Opposition mit ihren führenden Vertreter:innen wie Alexej Naval’nyj, Maryja Kalesnikava und Mzia Amaghlobeli.
Lektüre
Dietrich Beyrau: Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der Sowjetunion 1917–1985, Göttingen 1993; ders.: Im Kreislauf der Geschichte. Die Macht und ihre Widersacher in Russland, in: Osteuropa 8-9/2021, S. 113-137; Wolfgang Eichwede/Jan Pauer (Hg.): Ringen um Autonomie. Dissidentendiskurse in Mittel- und Osteuropa, Münster 2017; Wolfgang Eichwede: Don Quichottes Sieg. Die Bürgerrechtler und die Revolution von 1989, in: Osteuropa 2012 (Sonderheft: Aufrechter Gang. Lev Kopelev und Heinrich Böll), S. 101-140; Benjamin Nathans: To the success of our hopeless cause. The many lives of the Soviet dissident movement, Princeton 2024; Radomyr Mokryk: Die ukrainischen „Sechziger“. Chronologie einer Revolte, Stuttgart 2025.
Migration, Transformation, Erinnerung. Kroatien im 20. und 21. Jh. (Dr. Daniela Simon)
Veranstaltungsform:
Proseminar
Dozent*in:
Dr. Daniela Simon
Termin:
3 std., Mi. 14-17 Uhr
Beginn:
22.04.2026
Ort:
IdGL, Molstraße 18, Seminarraum
Bemerkungen:
Exkursion: Die vorbereitenden Sitzungen finden am 15.4., 29.4. und 13.5., die Exkursion vom 1. bis 6.6. und die Projektdarstellung am 24.6., 8.7. und 15.7. statt!
Inhalt
Das Proseminar bietet eine chronologisch aufgebaute Einführung in die historische und kulturelle Entwicklung Kroatiens vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu Migration, Gewalt- und Kriegserfahrungen sowie der Umgang mit ethnischer, religiöser und kultureller Diversität, ebenso wie deren Spiegelung in lokalen Erinnerungskulturen, Gedenkorten und urbanen Räumen. Anhand ausgewählter Exkursionsorte werden diese Entwicklungen exemplarisch vertieft. Das Ziel des Seminars ist es, den Studierenden grundlegende Kenntnisse zur kroatischen Geschichte und Kultur zu vermitteln, ihre Fähigkeit zur historischen Kontextualisierung zu stärken und sie zu einer kritischen, vergleichenden Auseinandersetzung mit europäischen Transformations- und Erinnerungsgeschichten anzuleiten. Es handelt sich um ein interdisziplinär ausgerichtetes Seminar, das sich an Studierende der Geschichtswissenschaft sowie der Empirischen Kulturwissenschaft richtet. Das Seminar umfasst vorbereitende Sitzungen in Tübingen, die sowohl theoretische als auch inhaltliche Grundlagen vermitteln, sowie eine praxisorientierte Feldforschung („short cuts“) in Zagreb, Požega, Osijek, Vukovar und ggf. auch weiteren Orten vom 1.–6. Juni 2026. Während der Exkursion werden Methoden wie teilnehmende Beobachtung, Interviews sowie Foto-, Video- und Audioaufnahmen angewandt, mit dem Ziel, ein digitales Reisetagebuch zu erstellen. Von den Studierenden wird interdisziplinäres Arbeiten, Eigeninitiative und aktive Beteiligung erwartet. Die Hin- und Rückfahrt erfolgt organisiert mit dem Bus. Für die Exkursionskosten wird eine Förderung beantragt; ein Eigenbeitrag der Studierenden in Höhe von 180 Euro ist erforderlich.
Lektüre
Steindorff, Ludwig: Geschichte Kroatiens. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Regensburg 2020; Goldstein, Ivo: Croatia. A History. London 2011.
Song als Soundtrack der Geschichte. Lieder als historische Quelle (Prof. Dr. Klaus Gestwa)
Veranstaltungsform:
Übung
Dozent*in:
Prof. Dr. Klaus Gestwa
Termin:
2 std., Mi. 12-14 Uhr
Beginn:
22.04.2026
Ort:
Großer Übungsraum des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde (Raum 28)
Bemerkungen:
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Inhalt
Pete Seeger, Songwriter und Veteran der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, meinte: „Der richtige Song zur richtigen Zeit kann die Geschichte verändern“. Zwar bleibt es fraglich, ob Songs aus eigener Kraft den Lauf der Geschichte verändern können. Sie haben aber als ikonische Erkennungsmelodien, die mit wichtigen historischen Geschehnissen und Prozesse untrennbar verknüpft sind, auf ihre Weise Geschichte geschrieben.
Als wichtige Kommunikationsmittel schaffen Lieder mit ihrem emotionalen Kitt sozialen Zusammenhang und festigen gesellschaftliche Selbstverständnisse. Soziale Bewegungen, Revolten und Widerstandsgruppen hatten ihre Hymnen und Kampflieder, um Menschen für ihre Sache zu mobilisieren. Krieg und Revolution schufen ihr eigenes Liedgut, um die wechselhaften Erfahrungen von Hoffnung und Aufbruch, Tod und Leid zum Ausdruck zu bringen. Massenlieder nutzten diktatorische Regime gezielt, um ihre Ideologien zu Gehör zu bringen und diese in Gesellschaft und Kultur zu verankern. Immer wieder wurden Songs, die den Zeitgeist bewegten, zu Millionensellern, um so im Rahmen der Unterhaltungsindustrie lukrative Geschäfte zu machen.
Ziel der Übung ist es, die Zugänge und Methoden der Sound History zu diskutieren und ausgewählte Songs als historische Dokumente zu analysieren. Die Musikgeschichte (Klassik, Jazz, Rock, Metal, Pop, Schlager, Techno, Hiphop, Rap) wird über Osteuropa hinaus global gedacht. Analysiert werden Songs vom 19. Jh. bis heute.
Nach einer Einführungsphase wählen Seminarteilnehmer:innen ihre Songs aus, deren Geschichte sie in den Sitzungen präsentieren. Als gesondertes Thema wird die Geschichte des Eurovision Song Contest in der Sitzung am 13. Mai behandelt werden.
Der Stalinismus in der Sowjetunion (Dr. Jan Arend)
Veranstaltungsform:
Übung, GM1
Dozent*in:
Dr. Jan Arend
Termin:
3 std., Mo. 14-17 Uhr
Beginn:
13.04.2026
Ort:
Großer Übungsraum des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde (Raum 28)
Bemerkungen:
-
Kommentar
Unter Stalin entstand in der Sowjetunion seit dem Ende der 1920er Jahre eine Herrschaftsform, die durch extreme Gewalt, einen allgegenwärtigen Personenkult und tiefgreifende soziale und ökonomische Umbrüche geprägt war. Die Übung behandelt den Stalinismus als zentrale Epoche der sowjetischen Geschichte. Ziel ist es, die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen stalinscher Herrschaft zu analysieren. Thematische Schwerpunkte bilden die Zwangskollektivierung und Industrialisierung, der Große Terror, das System der Lager (Gulag) sowie der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. Zudem wird die Ausbreitung stalinistischer Herrschaftsmodelle auf die sowjetischen Satellitenstaaten in Ostmittel- und Südosteuropa nach 1945 betrachtet. Eine leitende Fragestellung ist, wie und weshalb „gewöhnliche“ Menschen zu Opfern, Mitwissern oder Tätern stalinistischer Gewalt wurden.
Am Beispiel des Stalinismus bietet die Übung eine Einführung in wissenschaftliches Lesen und Schreiben im Fach Geschichte. Auf der Grundlage gemeinsam gelesener und analysierter Texte erlernen Sie grundlegende Methoden historischer Analyse und Argumentation. Im Verlauf der Veranstaltung verfassen Sie Essays, zu denen Sie inhaltliches, methodisches sowie sprachliches Feedback erhalten. Der abschließende Essay wird als Modulprüfung im Grundmodul 1 angerechnet.
Lektüre
Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. München: R. Oldenbourg, 1998. Hoffmann, David L. (Hrsg.): Stalinism. The Essential Readings. Malden, MA 2003. Kotkin, Stephen: Stalin. Waiting for Hitler, 1929-1941. London 2017.