Lehrstuhl Prof. Dr. Georg Braungart

Promotion zu "Freud als Erzähler" (Arbeitstitel)

»[E]s berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.«

Sprache ist das primäre Trägermedium der Psychoanalyse. In ihr vollzieht und zeigt sich das Unbewusste, von dem Lacan später behaupten wird, dass es wie Sprache organisiert und strukturiert sei.  Das Verhältnis Freuds insbesondere zur deutschen Sprache war und ist immer noch Gegenstand der Forschung: Es sind vor allem in stilistischer Hinsicht „[die] Schönheit und Schlagkraft [seiner] Formulierungen“, kombiniert mit „rhythmischer und klanglicher Sicherheit“, die Walter Muschg an dem Schriftsteller Sigmund Freud 1975 würdigt und nach rhetorischen Gesichtspunkten beurteilt. Nicht umsonst schließlich verleiht die Deutsche Akademie für Dichtung und Sprache den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

Zwischen doctor poeta und poeta doctus – wie es Jan Assman so treffend formuliert – wagt sich Freud als Schriftsteller und Mediziner in literarische Untiefen vor, die ihm schließlich selbst befremdlich anmuten, so dass er an der Wissenschaftlichkeit seines eigenen Schreibens zweifelt: Freuds Fallerzählungen, seine Studien über Hysterie, offenbaren ihn letztlich auch als hervorragenden Erzähler, dessen Erzählen einer eingehenden Untersuchung sehr wohl wert ist.

Das Dissertationsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, Freuds Erzählen modellhaft zu erfassen, es vor dem Kontext seiner psychoanalytischen Therapie und Praxis zu verorten und greifbarer zu machen. Dabei soll es nicht nur um diese vielfach zitierte „Eigentümlichkeit“ des „quasi-Novellencharakters“ der Hysteriestudien gehen, die in der Forschung meist im Mittelpunkt einer narratologischen Betrachtung stehen, sondern auch um seine literatur- und kulturtheoretischen Schriften; diese prägen das Freud‘sche Textcorpus ebenso, wie seine frühe Kokain- oder Aphasiestudie. Der Fokus soll über die Hysteriestudien hinaus erweitert werden, um Freuds Erzählen auf einer breiten Textbasis zu veranschaulichen.

 

Aus: Sigmund Freud, Josef Breuer: »Studien über Hysterie«, in: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Bd.1, Frankfurt/M. 1999, S. 277.