Demokratie ist kein Selbstläufer – sie muss immer wieder neu gedacht, erprobt und vermittelt werden. Doch wie lässt sich ein so grundlegender und zugleich umstrittener Begriff im Hochschulunterricht lebendig und kritisch-reflexiv erschließen? Das Projekt Demokratisch wie die Bienchen? wählt dafür einen ungewöhnlichen, aber produktiven Zugang: die soziale Organisation von Bienen.
Bienen begleiten das politische Denken seit der Antike. Der Bienenstock galt lange als Sinnbild monarchischer und ständischer Ordnung – bis Thomas Seeley argumentierte, dass Bienenvölker Entscheidungen durch kollektive Deliberation treffen und damit erstaunliche Parallelen zu direktdemokratischen Verfahren aufweisen. Gleichzeitig sind Bienen heute zu einem Symbol zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen Artenverlust und agrarindustrielle Übernutzung geworden, wie erfolgreiche Volksbegehren in Bayern und Baden-Württemberg eindrücklich belegen. Und nicht zuletzt eröffnen KI und Machine Learning neue Einsichten in die Kommunikation im Bienenstock – bis hin zu Fragen einer Interspecies Democracy, die die Grenzen demokratischen Denkens auf nichtmenschliche Wesen ausweitet. Der Biene als Sympathieträgerin gelingt es dabei, auch jene Studierenden zu erreichen, für die politische Theorie zunächst abstrakt wirkt.
Das Projekt macht sich diese Verbindung zunutze: Gemeinsam mit Lehramtsstudierenden werden demokratietheoretisch fundierte Lernspiele entwickelt, die einen kritisch-reflexiven Austausch über demokratisches Zusammenleben ermöglichen. Dabei eignen sich die Studierenden interdisziplinär Wissen aus Biologie, Soziologie und Politikwissenschaft an, reflektieren kritisch widerstreitende Positionen der Fachliteratur und übersetzen demokratietheoretische Lernziele in narrative Spielkonzepte – unter Nutzung und Weiterentwicklung bestehender Open Educational Resources (OER).
Studierenden kommt in diesem Projekt eine besondere Rolle zu: Sie sind nicht bloß Lernende, sondern gleichberechtigte Partner*innen im Forschungs- und Entwicklungsprozess. Sie wirken als Spieleentwickler*innen sowie -tester*innen. Da sie als Autor*innen der veröffentlichten Materialien auf ZOERR ausgewiesen werden, übernimmt der Kurs auch Elemente publikationsorientierter Lehre. Students as Partners ist somit ein strukturelles Prinzip.
Das Projekt erarbeitet drei Produkte, die über das Projektende hinaus wirken: erstens demokratietheoretisch inspirierte Lernspiele als OER, die Hochschullehrenden und Lehrpersonen frei zur Verfügung stehen, um gesellschaftspolitische Kontroversen fächerübergreifend zu thematisieren; zweitens ein Manual zur Lernspielentwicklung, das Studierende und Lehrpersonen dazu befähigt, selbst Lernspiele im Rahmen von Open Educational Practices (OEP) zu entwickeln; und drittens ein Kursprogramm für einen dauerhaft implementierten Kurs im Vertiefungsmodul des Bildungswissenschaftlichen Studiums (M.Ed.). Alle Materialien werden auf ZOERR veröffentlicht.
Die gesellschaftliche Relevanz des Projekts ist unmittelbar: Der Leitfaden Demokratiebildung des Landes Baden-Württemberg hält fest, dass Demokratiebildung nicht Aufgabe eines einzelnen Fachs ist, sondern als ganzheitliche Aufgabe alle Fächer und das gesamte Schulleben betrifft – und genau hier setzt das Projekt an. Schulische Bildungspläne verlangen, dass gesellschaftliche Kontroversen fachbezogen behandelt werden; demokratietheoretische Fragen sind damit längst nicht mehr allein Aufgabe des Gemeinschaftskundeunterrichts. Die entwickelten Lernspiele bieten Lehrpersonen aller Fächer ein erprobtes Instrument, um genau das zu tun.