Tabea Fuchs
Israelbezogene Identitätskonstruktionen christlich-neocharismatischer Organisationen (Arbeitstitel)
Das Promotionsprojekt nimmt in teilnehmender Beobachtung Aushandlungsprozesse von eigener und ‚fremder‘ Identität sowie die Aneignung jüdischer Religionspraxis in christlich(-neocharismatischen) Organisationen im deutschsprachigen Raum wahr, die einen dezidierten Israelbezug aufweisen. Ausgehend vom vielschichtigen theologischen Topos Israel als zentralem Bezugspunkt christlicher Tradition und Selbstvergewisserung werden diskursive, soziale und religiöse Praktiken und Prozesse in den Blick genommen, in denen „wahres Christsein“ und „wahres Judesein“ markiert und in Beziehung zueinander verhandelt werden. Damit schließt das Projekt an den internationalen – insbesondere mit Blick auf den US-amerikanischen Kontext – breiten Forschungsstand zum christlich-evangelikalen Zionismus (u.a. Ariel 2013; Durbin 2019; Hummel 2023; Sutton 2017) an. Christlicher Zionismus und Philosemitismus tragen dabei oftmals Ambivalenzen negierende Bilder vom Judentum in sich, die zwischen idealisierender Überhöhung und fortbestehenden christozentrischen, asymmetrischen Deutungsansprüchen oszillieren.
Forschungsfrage und Interesse des Promotionsprojekts sind die religiösen (Aneignungs-)Praktiken, sozialen Interaktionen und diskursiven Aushandlungen im Zusammenhang mit dem Topos Israel und Bild des Judentums sowie die Frage, wie durch diese eine Vorstellung von christlicher Wir-Identität hergestellt wird und welche humandifferenzierenden Kategorien und Praktiken damit verschränkt sind. Dabei sollen darin eingelassene, implizite Wissensbestände, theologische Deutungen sowie deren politisch-kulturelle Implikationen sichtbar gemacht und in den internationalen und interdisziplinären Fachdiskurs eingeordnet werden. Methodisch ist das Projekt qualitativ-ethnografisch angelegt. Die Annäherung an das Feld erfolgt über frei zugängliche Publikationen, teilnehmende Beobachtungen bei Konferenzen, Gottesdiensten, Gedenkmärschen und -veranstaltungen sowie über ethnografische Interviews.
Forschungsfragen:
Wie werden Identitätskonstruktionen zwischen Christentum und Israel im (neo-)charismatischen deutschsprachigen Raum hergestellt?
Welche beobachtbaren Praktiken (doings/ sayings) strukturieren das Feld, und wie greifen sie ineinander?
Welche israelbezogenen Selbst- und Fremdzuschreibungen erzeugen Formen von Wir-Identität, und inwiefern lassen sich dabei essentialisierende oder Suprematie erzeugende Deutungsfiguren rekonstruieren?
Welche Gegenwarts- und Geschichtsdeutungen – insbesondere im Hinblick auf Nationalsozialismus, Shoah und dispensationalistisch-apokalyptisch geprägte Szenarien – werden im Feld mobilisiert, und welche identitätskonstruierenden Funktionen kommen ihnen zu?