Institut für die Kulturen des Alten Orients

Das Grabungsprojekt Tall Mozan / Urkeš in Nordost-Syrien

Eines der Grabungsprojekte, die vom Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES) der Universität Tübingen durchgeführt wurden, war die Untersuchung von Teilen der Stadtanlage des Tall Mozan. Dieser Tall liegt in Nordost-Syrien nahe der türkischen Grenze zwischen den heutigen Städten Qamišli und Amuda, im Quellgebiet des Ḫabūr-Flusses. Zwischen 1984 und 2010 fanden dort Grabungen des International Institute of Mesopotamian Area Studies (IIMAS), Los Angeles, unter der Leitung von Marilyn Kelly-Buccellati und Giorgio Buccellati statt. Die deutschen Grabungen vor Ort begannen 1998 und endeten 2003. Sie wurden geleitet von Peter Pfälzner, Tübingen, und standen unter der Schirmherrschaft der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG). Zwischen dieser und dem IIMAS wurde ein Kooperationsvertrag abgeschlossen, wodurch eine amerikanisch-deutsche Zusammenarbeit auf dem Tall Mozan initiiert wurde. Finanziert wurden die Grabungen der Universität Tübingen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Historische Hintergründe

Der Tall Mozan ist mit einer Gesamtfläche von 130 ha (Oberstadt und Unterstadt zusammen) einer der größten Siedlungshügel in Nordmesopotamien. Die amerikanischen Grabungen und die auf dem Tall verstreute Keramik zeigen eine zeitliche Spanne der Stadt vom Beginn des dritten bis ins zweite Jahrtausend v. Chr. an. Ein Ergebnis der Forschungen des IIMAS ist, dass es sich bei den Schichten des letzten Drittels des 3. Jts. auf dem Tall Mozan um das alte hurritische Urkeš handelte. In dem Gebäude AK, das ein zum Königspalast gehöriges Magazingebäude darstellt, wurden Siegel mit Inschriften der Königin Uqnitum und des Königs Tupkiš von Urkeš gefunden. Damit wurde klar, dass es sich hier um eine der einflussreichen Städte Nordmesopotamiens kurz vor und wahrscheinlich während der Akkadzeit handelte. Die Hurriter tauchen in Nordmesopotamien (heutiges Nord-Irak und Nordost- Syrien) im letzten Drittel des dritten Jahrtausends v. Chr. auf. Noch zur Zeit der Ebla-Archive tragen alle Personen, die als aus dem Gebiet zwischen Baliḫ und Tigris stammend genannt werden, semitische Namen. Zur Zeit des Reiches von Akkad aber (ca. 2350–2140 v. Chr.) sind hurritische Namen in Nordmesopotamien geläufig. Es werden Könige und Städte genannt, die auf komplex organisierte Gesellschaften der Hurriter hinweisen mit einem hohen Grad an Kontrolle und Verwaltung. Die Hurriter, so wird angenommen, wanderten aus Gebieten ein, die im Nordosten der heutigen Türkei und Armenien liegen. Hurritisch konnte bisher noch keiner Sprachfamilie zugeordnet werden, sondern stellt einen eigenen sprachlichen Entwicklungszweig dar. In der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends löst das Altassyrische Reich als Machtfaktor die hurritische Organisation ab. Erst im 16. Jh. v. Chr. kommt es zu einer weiteren Staatsbildung durch die Hurriter (Mitanni-Reich). Es wird angenommen, dass dieses durch eine zweite Einwanderungswelle der Hurriter aus dem Norden ermöglicht wurde. Die Hurriter gelangten in dieser Zeit in ein Machtvakuum, das nach dem Feldzug der Hethiter (unter Muršili I., 1594 v. Chr.) entstand.

Das DOG-Projekt

Die Ausgrabungen des IANES auf dem Tall Mozan waren Teil des Forschungsprojektes "Die Urbanisierung Nordmesopotamiens im 3. Jt. v. Chr.", das vom Leiter der Grabungen seit 1995 verfolgt wurde. Ziel dieses Forschungsprojektes ist die Untersuchung der Entwicklung und Ausprägung von Städten im angegebenen geographischen und zeitlichen Rahmen. Die bisherigen Kenntnisse über die zeitliche Ausdehnung der Siedlung auf dem Tall Mozan, ihre Identifikation mit dem hurritischen Urkeš und ihre Größe versprachen die Möglichkeit, hier verschiedene Aspekte eines der städtischen Zentren in Nordmesopotamien untersuchen zu können. Gerade auch der Übergang des dritten ins zweite Jahrtausend stellt einen Zeitraum in Nordmesopotamien dar, der aufgrund mangelnder Befunde und fehlender Keramikchronologie noch relativ schlecht beleuchtet war. Um zu Aussagen über die Art der Anlage der Stadt und über Aspekte eventueller Stadtplanung zu gelangen, standen folgende Schwerpunkte im Mittelpunkt der Arbeiten: 1) die Stadtzentrumsgestaltung, 2) die Wohnviertelplanung und 3) das Straßen- und Wegesystem. Diese bestimmten die Herangehensweise während der Feldforschungen. Angesetzt wurden die Grabungen im topographischen Zentrum der Stadt, um die Gestaltung der Stadtmitte zu untersuchen. Zum zweiten wurde versucht, ein Wohnviertel, angrenzend an die Stadtmitte, zu ergraben. Dabei wurde neben der Großflächigkeit des freizulegenden Gebietes eine ausreichende zeitliche Tiefe angestrebt, um auch Aspekte der Stadtentwicklung zu beleuchten. Mit Hilfe geomagnetischer Prospektionen sollten weitere funktionale Bereiche der Siedlung erkannt und das Straßen- und Wegesystem verfolgt werden. Eingeschlossen wurde hierbei auch die Untersuchung der Unterstadt, wobei der geomagnetischen Prospektion im Jahre 2001 unmittelbar ein Survey folgte, um Anhaltspunkte über die Datierung der Unterstadt und die Entwicklung ihrer Ausdehnung zu erlangen.

Nutzungsphasen

Übersicht

Die Grabungen des IANES auf dem Tall Mozan erbrachten eine Nutzungsphasenabfolge von der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends bis in die zweite Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. Die wichtigsten und zusammenhängendsten Architekturbefunde liegen dabei in den Nutzungsphasen der Akkad-Zeit = Früh-Ğazīra IV-Periode (ca. 2350–2140), in den Phasen der Ur III-Zeit = Früh-Ğazīra V-Periode (ca. 2140–2000) und in den Phasen der Mittleren Bronzezeit = Alt- Ğazīra I/II-Periode (1. Hälfte des zweiten Jahrtausends).

Die Stadt in der Früh-Ğazīra III-Periode (Mitte des 3. Jts. = Nutzungsphasen C12–16)

Das sich heute in der Topographie des Geländes abzeichnende Siedlungsgelände des Tall Mozan teilt sich in eine, einen Hügel bildende, zentrale Oberstadt mit einer massiven Stadtmauer aus Lehmziegeln und eine flache, sich um die Oberstadt ziehende, Unterstadt mit einer weiteren Ummauerung. Die Stadt bestand in dieser Ausdehnung seit der Früh-Ğazīra III-Periode. Im Zentrum der Oberstadt lag ein Tempel (Grabungsstelle BA), der auf einer massiven ca. 30 x 40 m großen und mindestens 9,80 m hohen Lehmziegelterrasse aufsaß, die von einer ovalen Begrenzung umgeben war. Eine große Steintreppe führte von Süden auf die Terrasse und damit zum Tempel. In der Grabungsstelle C2 wurden spärliche Reste eines größeren Steingebäudes freigelegt.

Befunde der Früh-Ğazīra IV-Periode ( Akkad-Zeit, ca. 2350–2140 = Nutzungsphasen C8–11)

Die Ausdehnung der Stadt scheint in der Akkad-Zeit dieselbe wie in der vorangegangenen Epoche gewesen zu sein. Die Bebauung der Unterstadt dünnte allerdings aus. Die Lehmziegelterrasse und der auf ihr stehende Tempel im Zentrum der Oberstadt blieben bestehen. Eine monumentale Steintreppe führte nachweislich von dieser Anlage hinunter in die Stadt und erreichte zunächst einen freien Platz südlich des Tempelkomplexes (Grabungsstelle B6). Wiederum südlich schließt sich an den Platz ein Wohnviertel an, das während der Akkadzeit aus kleinen sehr einfachen Lehmhäusern besteht (Grabungsstelle C2).

Befunde der Früh-Ğazīra V-Periode (Ur III–Zeit, ca. 2140–2000 = Nutzungsphase C7)

Im weiteren Verlauf des 3. Jts. v. Chr. verändert sich die Ausprägung der Stadt in einzelnen Bereichen. Im ehemaligen Wohnviertel südlich des weiterhin bestehenden großen zentralen Platzes entsteht in der Ur III-Zeit ein großes Wirtschaftsgebäude: wahrscheinlich ein Khan (Gebäude IX - sog. Puššam-Haus). In ihm wurde eine Anzahl von Türverschlüssen mit Siegelabrollungen gefunden, die Händler nennen und mit denen die genannten Händler ihre Waren im Gebäude versiegelten. In der Nachbarschaft dieses Gebäudes existieren die kleinen Wohnhäuser weiter. Die Tempelterrasse nördlich des freien zentralen Platzes blieb in Benutzung.

Die Alt-Ğazīra I/II-Periode (Beginn 2. Jts. v. Chr. = Nutzungsphasen C3–6)

Kontinuität bis ins zweite Jahrtausend hinein besitzen die Tempelterrasse (vom Tempel selber konnten nur Schichten aus der Mitte des 3. Jts. v. Chr. nachgewiesen werden), der große zentrale Platz und das Wirtschaftsgebäude (Puššam-Haus). In dieser Zeit entstehen neue Wohnhäuser zwischen dem Platz und dem Wirtschaftsgebäude. Sie sind räumlich ausgedehnter und qualitätsvoller gebaut als ihre Vorgänger des 3. Jts.

2. Hälfte 2. Jt. v. Chr. (Nutzungsphase BS 3)

Aus der Späten Bronzezeit sind nur wenige Architekturreste erhalten. Sie fielen zum großen Teil der Erosion zum Opfer. Dennoch konnte nachgewiesen werden, dass der Freie Platz in der Stadtmitte und die Tempelterrasse auch in der zweiten Hälfte des 2. Jts. weiter existierte. Völlig aufgegeben wurde die Stadt am Ende des 2. Jts. v. Chr.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Stadt über einen großen, wenn nicht gar über den gesamten Zeitraum ihres Bestehens in ihrem Zentrum eine Lehmziegelterrasse besaß, auf der ein Tempelgebäude stand. Die Tempelterrasse existierte dabei nachweislich von der Früh-Ğazīra III-Periode bis in die späte Bronzezeit. Der Tempel selbst ist dagegen nur für die Früh-Ğazīra III-Zeit nachgewiesen. Die Terrasse ist in ihrer Größe vergleichbar mit den Stufenpyramiden (Zikkuraten) des südlichen Mesopotamiens. Südlich an die Terrasse schloss sich ein Freier Platz an, der über die gesamte Zeitspanne des Bestehens der Stadt ab seinem frühesten Nachweis in der Früh-Ğazīra IV-Stufe von jeglicher Bebauung freigehalten wurde. Südlich des Freien Platz erstreckte sich ein Wohnviertel.

Die kleinteilige Bebauung der Früh-Ğazīra IV-Zeit verrät einen sozial niedrigen Stand der Bewohnerschaft. Elemente, die im Sinne einer Stadtplanung zu deuten wären, sind innerhalb des Wohnviertels dieser Zeit nicht zu erkennen. Die Kontinuität des Platzes und das Vorhandensein einer großen Tempelterrasse als Mittelpunkt der Stadtanlage verraten dagegen durchaus eine zentral gelenkte räumliche Organisation. Am Ende des 3. Jts. (Früh-Ğazīra V-Periode) wird neben den noch existierenden einfachen Wohnhäusern im Bereich C2 ein großes Gebäude errichtet, das als Wirtschaftsgebäude (eventuell als Khan) gedeutet werden kann. Am Beginn des 2. Jts. entstehen neben dem sich noch in Benutzung befindlichen Wirtschaftsgebäude geräumigere und besser gebaute Wohnhäuser. Diese gleichen sich in der Ausrichtung und in der Größe und sind über ein regelmäßiges Wegenetz erschlossen. Damit hat sich der Charakter des Wohnviertels gegenüber der Bebauung des dritten Jahrtausends stark verändert.
Die Keramikabfolge aus den gegrabenen Schichten des Bereiches B6 und C2 ergab wichtige Erkenntnisse für die Keramikchronologie der Ḫabūrregion des 3. und 2. Jts. vor Chr. Der Tall Mozan ist ein Beispiel für die kontinuierliche Besiedlung einer alten Stadtanlage über diesen gesamten Zeitraum hinweg.

Literatur

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Dohmann-Pfälzner, H. – Pfälzner, P., "Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Bericht über die in Kooperation mit dem IIMAS durchgeführte Kampagne 1999", MDOG 132 (2000), 185-228.

Dohmann-Pfälzner, H. – Pfälzner, P., "Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Bericht über die in Kooperation mit dem IIMAS durchgeführte Kampagne 2000", MDOG 133 (2001), 97-140.

Dohmann-Pfälzner, H. – Pfälzner, P., "Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Bericht über die in Kooperation mit dem IIMAS durchgeführte Kampagne 2001", MDOG 134 (2002), 149-192.

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Schmidt, C.,"Ausgrabungen 1998-2001 in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Die Keramik der Früh-Ğazīra V- bis Alt-Ğazīra II-Zeit", SUN A4, Wiesbaden, 2013.

Bianchi, A. – Dohmann-Pfälzner, H. – Geith, E. – Pfälzner, P. – Wissing, A., (Mit einem Beitrag von C. Kümmel), "Ausgrabungen 1998-2001 in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Die Architektur und Stratigraphie der zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš", SUN A1, Wiesbaden, 2014.

Wissing, A., "Ausgrabungen 1998-2001 in der Zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš. Die Bestattungen der Frühen und Mittleren Bronzezeit in der zentralen Oberstadt von Tall Mozan/Urkeš", SUN A5, Wiesbaden, 2017.