Blandine:
Bonjour Monsieur Prof. Schreiber.
Ich bedanke mich, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen.
Ich würde mit der Frage anfangen, ob Sie sich vorstellen könnten?
Und auch mit der Frage, woran Sie an der Universität Tübingen forschen?
Prof. Frank Schreiber:
Ja gerne. Mein Name ist Frank Schreiber, ich bin Professor der Physik, genauer gesagt, in der Physik der biologischen und molekularen Materie.
Ich bin Experimentator. Wir machen viele Experimente mit Röntgen und Neutronenstreuung.
Blandine:
Können Sie dieses Forschungsgebiet für Nichtwissenschaftler konkreter erklären?
Prof. Frank Schreiber:
Ja, gerne. Wir sind interessiert an der Struktur von Materie auf der atomaren Skala, das heißt zu Deutsch, wo die Atome sitzen, wie die Atome Moleküle bilden, wie sie komplexe Materie zusammensetzen. Das heißt, dass wir die Struktur untersuchen, und insbesondere die damit verbundene Dynamik, das heißt, wie die Atome sich bewegen.
Denn praktisch alles, was wir um uns herum sehen und was uns biologisch ausmacht, zeichnet sich dadurch aus, dass sich etwas bewegt. Ein statisches Bild der Atome, festgenagelt an bestimmten Positionen, ist nicht genug, sondern diese Atome bewegen sich und machen etwas. Und diese Dynamik untersuchen wir ganz besonders.
Blandine:
Und in diesem Zusammenhang arbeiten Sie mit verschiedenen Wissenschaftlern an der Universität und mit welchen Institutionen weltweit zusammen?
Prof. Schreiber:
Wir arbeiten mit Kollegen an der Universität Tübingen zusammen, sowohl hier im Haus innerhalb des Institutes als auch mit anderen Instituten und Fachbereichen. Wir haben eine sehr interdisziplinäre Orientierung, wir arbeiten auch gerne mit der Chemie und Biologie zusammen, und insbesondere haben wir sehr viele Kontakte international zu Kollegen und Kolleginnen, die kooperieren bei diesen Streuexperimenten mit Röntgenstrahlung und Neutronen. Das ist im internationalen Kontext vor allem mit Grenoble in Frankreich, als europäisches Zentrum, aber auch Hamburg und Lund in Schweden.
Blandine:
Ich weiß, dass Sie frankophil sind. Sie haben einen Aufenthalt in Paris 1995/96 während Ihres Studiums gemacht. Sie sind Mitglied des Zentrums für frankophone Welten und Sie nehmen an einem französischen Kurs für Beschäftigte am Fremdsprachenzentrum der Universität Tübingen teil.
Wieso interessieren Sie sich für die französische Sprache? Ist sie in Ihrem Fachgebiet relevant?
Prof. Frank Schreiber:
Es ist- glaube ich -eine Mischung zwischen beruflichem Interesse und Notwendigkeit einerseits und auch privatem Interesse.
Das berufliche Interesse kommt insbesondere daher, dass wir eben sehr viel in Grenoble arbeiten. Und auch wenn man in Grenoble mit Englisch überleben kann und auch wenn die berufliche Kommunikation doch meistens auf Englisch läuft, fühlt man sich wohler. Man hat mehr von dem Aufenthalt, wenn man besser kommunizieren kann und wenn man die Landessprache kann.
Und das private Interesse ist auch da, was die französische Kultur anbelangt und allgemein das Interesse an dem Nachbarn.
Blandine:
Haben Sie Französisch in der Schule gelernt?
Prof. Schreiber:
Ich hatte Französisch in der Schule. Es hat aber leider nicht so gut funktioniert. Ich glaube, da bin ich nicht der Einzige. Das hat mir letztendlich leider nicht viele Kenntnisse vermittelt. Und deswegen habe ich mich entschlossen, nach der Schule meine Kenntnisse zu verbessern.
Blandine:
Und mit welchen Institutionen arbeiten Sie in Frankreich? Mit der Universität oder mit einem Forschungszentrum?
Prof. F. Schreiber:
Es ist die Universität Grenoble Alpes und dann insbesondere das internationale Institut für die Neutronenforschung, das ILL (Institut Laue-Langevin), das weltweit führende Institut für Neutronenforschung und die ESRF (European Synchroton Radiation Facility), eine Quelle für sehr brillante Röntgenstrahlung. Beide sind europäische Einrichtungen, aber in Frankreich gelegen und deswegen habe ich einen besonderen Bezug zu Frankreich.
Blandine:
Wann ist diese Zusammenarbeit mit Grenoble entstanden und warum?
Prof. Schreiber:
Für mich war es 1997, als ich gerade von den USA zurückgekommen war. Ich war dort als Postdoc in Princeton und zu der Zeit ist die ESRF gerade fertiggestellt worden und stand für Experimente zur Verfügung. Und dann habe ich angefangen, an dem ILL und an der ESRF zu arbeiten. Das sind fast 30 Jahre.
Blandine:
Hätten Sie eine kleine Anekdote, was Ihre erste Erfahrung in Frankreich war oder mit der Sprache?
Prof. Schreiber:
Mit der Sprache? Es gibt da meine eigene Entwicklung und dann den Kontakt mit den Kollegen und mit der Bevölkerung außerhalb der Arbeitswelt. Meine Erfahrung ist, würde ich sagen, ist, dass manche Sachen tatsächlich besser auf Französisch funktionieren, das heißt mittelmäßiges Französisch funktioniert besser als gutes Englisch in der Kommunikation.
Ich glaube aber auch, dass einiges in Frankreich sich geändert hat, und dass die Bereitwilligkeit auf mittelmäßiges Französisch oder auf Englisch auf Leute einzugehen ist größer geworden. Auch die Offenheit auf der französischen Seite ist größer geworden.
Und es gibt auch kleine Anekdoten, die gar nicht mit der Sprache zu tun haben.
Meine erste Begegnung am ILL war ein Streikaufruf der Kollegen. Als ich das Experiment starten wollte, wurde ich mit einem Flugblatt aufgefordert, mich dem Streik anzuschließen.
Das war natürlich nicht sehr produktiv für mich wissenschaftlich.
Blandine:
Es war eine kulturelle Erfahrung.
Sie haben gerade erzählt, dass die Sprache in ihrem Fachgebiet Englisch bleibt.
Inwiefern kann die französische Sprache doch eine Rolle spielen?
Prof. Schreiber:
Als Türöffner oder als Eisbrecher, insbesondere wenn man sich offen zeigt, das Französische zu benutzen, bringt es gewisse Sympathiepunkte und erzeugt eine größere Bereitwilligkeit der französischen Kollegen, sich auf gewisse Dinge einzulassen.
In meinem Bereich ist es nicht eine Frage vom Leben und Tod, Französisch zu sprechen, aber es macht Sachen leichter.
Blandine:
Und wie nehmen Sie die französische Sprache an der Universität Tübingen wahr?
Prof. Schreiber
In Tübingen mache ich das über den Kurs für Beschäftigte, den ich sehr empfehlen kann. Das mache ich bei dem Kurs von Frau Veronique Huber, die den Kurs fantastisch leitet und den ich jedem ans Herz legen kann, und ich mache einiges privat über Internettools. Wenn ich z.B. etwas suche oder nachschauen will, dann suche ich gerne den Wikipedia-Artikel auf Französisch oder irgendein Video auf YouTube auf Französisch.
Blandine:
Und was war Ihre Motivation, Mitglied vom Zentrum für frankophone Welten zu werden?
Prof. Schreiber:
Zunächst mal die allgemeine Unterstützung und dass ich ein Signal senden wollte, dass man Interesse hat, und nicht nur, wenn man Romanist ist, sondern auch wenn man Naturwissenschaftler ist und Neugier besitzt. Ich wusste nicht, was da passiert, dann wollte ich wissen, was da gemacht wird.
Blandine:
Und welche Erwartungen haben Sie an dieses Zentrum?
Prof. Schreiber:
Informiert zu bleiben, was es an Entwicklungen gibt. Das ist eine diffuse Ebene, aber der Austausch ist trotzdem fruchtbar. Dann hoffe ich auch, dass es auf studentischer Seite etwas die Hemmschwellen abbaut. Das heißt, dass man Studenten ansprechen kann, die weniger von der Vorstellung geprägt sind, dass man in Frankreich perfekt sprechen muss, und dass alles für Deutsche kompliziert sei, dass man dort hingehen kann und diese Nachbarschaft oder diese Freundschaft pflegen kann.
Blandine:
Das heißt, Sie motivieren konkret, Ihre Studierende nach Frankreich zu gehen und an Forschungsprojekten teilzunehmen?
Prof. Schreiber:
Ja, in der Tat. Das geschieht auf verschiedenen Ebenen. Zunächst haben wir auf Doktorandenebene regelmäßig Austausche, das heißt, dass Doktoranden von uns nach Frankreich gehen, nach Grenoble spezifisch. Dann gibt es die Möglichkeit, Praktika insbesondere in Grenoble zu machen. Das kann ich sehr empfehlen und da versuche ich, die Hemmschwelle abzubauen. Leider gibt es oft die Vorstellung, dass es kompliziert ist und damit verbunden ist, dass man perfekt Französisch können muss, und das ist nicht der Fall. Und regelmäßig ist es so, dass es eine große Skepsis bei vielen Studierenden gibt. Aber die, die dort waren, waren alle glücklich.
Blandine:
Träumen Sie vielleicht von einem Studiengang mit Französisch für Ihre Studierenden?
Prof. Schreiber:
Es wäre gut, sowas zu haben, einen Studiengang, der diese Austausche pflegt.
Unserer Erfahrung nach, das heißt meiner und der meiner Kollegen, ist es relativ kompliziert.
Es geht um die Frage, die Anerkennung zu regeln. Die meisten Kollegen, mich eingeschlossen, scheuen etwas davor zurück, sich in dieses administrative Abenteuer zu stürzen. Aber es wäre schön, das zu haben.
Blandine:
Es wäre dann ein Appel an die Universität, das in die Tat umzusetzen.
Prof. Schreiber:
So kann man das verstehen. Ich möchte nicht vermessen sein, aber es wäre gut, wenn es unterstützt würde und auch wenn jenseits der universitären Ebene, auf nationale und europäische Ebene insgesamt, die Sachen weniger kompliziert wären.
Blandine:
Vielleicht als Schluss, was wünschen Sie sich für die Wissenschaft auf Französisch, für die Sprache an der Universität oder in Ihrem wissenschaftlichen Leben?
Prof. Schreiber:
Realistischerweise ist die zentrale Sprache in der Naturwissenschaft definitiv das Englisch und das wird sich sicherlich nicht ändern und das wird eher noch stärker, wie ich vermute. Gleichzeitig ist es so, dass es auf der Kommunikationsebene mit einzelnen Kollegen schöner ist, wenn man vielleicht die Sprache des Nachbarn spricht und dass zu mehr Verständnis führt und dass insgesamt die Hemmschwellen abgebaut werden.
Mein Eindruck ist, dass die Skepsis der Studierenden, als der jüngeren Generationen größer geworden ist als sie vor 10, 20 Jahren war, und das ist bedauerlich. Und auch das Französische in den Schulen ist - glaube ich -nicht stärker geworden und dem sollte man entgegenwirken. Ich würde mich freuen, wenn mehr Schüler Französisch lernen würden.
Blandine:
Ihrer Meinung nach: Wie könnte man das ändern?
Prof. Schreiber:
Das ist eine große Aufgabe und eine große Frage. Da habe ich keine Patentlösung.
Ich glaube, dass das Erscheinungsbild nach wie vor so ist, dass unser Nachbar uns ein bisschen weiter weg erscheint, als er in Wirklichkeit ist.
Blandine:
Dann sind diese Austausche und Projekte fruchtbar?
Prof. Schreiber:
Die sind fruchtbar, aber man muss dafür arbeiten. Und wir haben in unserem Bereich fast keine Studierende aus Frankreich.
Das ist fast eine Einbahnstraße. Es würde wahrscheinlich helfen, wenn mehr französische Studierende zu uns kommen würden.
Blandine:
Dann wäre es ein Appel an die französische Regierung, die deutsche Sprache mehr zu lehren.
Danke sehr für das Interview.
Prof. Schreiber:
Ich habe zu danken.