Zwischen dem 14. Februar und dem 1. März 2026 fand die diesjährige zweite Stufe des Tübingen Chapel Hill Programms in North Carolina statt. Damit reisten bereits zum fünften Mal deutsche Studierende an die Partneruniversität in den USA.
Auch in diesem Jahr nahmen wieder 20 Tübinger Studierende an der durch die Reinhold-und-Maria-Teufel-Stiftung finanzierten Reise teil. Nach einem entspannten Wochenende, an dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Universitätsstadt bereits auf eigene Faust erkunden konnten, begann am Montagmorgen das Programm an der Law School. Nach einer Führung durch das Gebäude konnten Vorlesungen für die kommende Woche ausgewählt werden. Die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Lehrveranstaltungen zum US-Recht zu besuchen, wurde mit großem Engagement wahrgenommen. Dabei durften nicht nur die Rechtsgebiete nach individuellem Interesse gewählt werden; es gab auch die Möglichkeit, in verschiedenen Semestergängen reinzuhören. Von strafrechtlicher Irrtumsdogmatik bis hin zur föderalen Selbstverwaltung eröffnete sich den Studierenden durch Teilnahme an den Vorlesungen ein rechtsvergleichender Blick auf das amerikanische Case-Law. Fächer wie ,,Race and the Law‘‘ waren für viele unbekannt und erfreuten sich großer Beliebtheit. Besonders eindrucksvoll war es, die sokratische Lehrmethode zu erleben, bei der die Dozenten Studierende jederzeit auch ohne vorherige Wortmeldung spontan befragen. Während die amerikanischen Kommilitonen dadurch stets aufmerksam bleiben mussten, konnten die Studierenden aus Tübingen das Geschehen mit einer gewissen Gelassenheit verfolgen – schließlich verringerte unser Status als Besucher das Risiko erheblich, selbst plötzlich in die Fragerunde zu geraten. Dennoch bezogen die Dozenten auch die deutschen Studierenden immer wieder ein, sodass ein lebhafter Austausch über die europäische Perspektive entstand.
Für den Besuch besonders prägend war die Campusatmosphäre: Das Universitätsgelände zeigte sich als lebendiger Ort vielfältiger Begegnungen, vom gemeinsamen Sport bis zu zahlreichen Infoständen, an denen aktuelle Studienprojekte vorgestellt wurden. In ihrer Freizeit nutzten die Studierenden die Gelegenheit, den Campus zu erkunden und durch die zahlreichen kleinen Läden entlang der Franklin Street zu schlendern. Große Begeisterung lösten vor allem die zahlreichen Sportveranstaltungen der North Carolina Tar Heels aus. Ob beim Baseball, Lacrosse oder Tennis, die Spiele entwickelten sich schnell zu echten Erlebnissen. Den sportlichen Höhepunkt bildete ohne Zweifel das mit Spannung erwartete Basketballduell zwischen den Tar Heels der UNC und den Cardinals aus Louisville. Im Dean E. Smith Center, dem imposanten Basketballpalast mit rund 20.000 in den hellblauen Farben der UNC gekleideten Zuschauern, herrschte von Beginn an eine mitreißende Atmosphäre. Gerade diese Erfahrung machte eindrucksvoll deutlich, welchen Stellenwert der Universitätssport in den USA besitzt.
Eindrucksvolle Einblicke in die amerikanische Gerichtspraxis bot der Besuch von zwei Verhandlungen des North Carolina Court of Appeals. Verhandelt wurden je ein zivil- und ein strafrechtlicher Fall, die den Studierenden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Verfahrensweise und Argumentationsstil unmittelbar vor Augen führten. In einem vorherigen gemeinsamen Mittagessen mit den drei Richtern konnten die Studierenden in ungezwungener Atmosphäre nicht nur Fragen zum Richteramt stellen, sondern auch persönliche Eindrücke vom Alltag in der amerikanischen Justiz gewinnen.
Ein weiterer spannender Moment des Aufenthalts war der Vortrag von William J. Burns, der die Studierenden mitten in die Herausforderungen und Dynamiken internationaler Politik und Diplomatie führte. Mit seiner langjährigen Erfahrung als Diplomat und als Direktor der Central Intelligence Agency verband er fundiertes Fachwissen mit praxisnahen Beispielen. Abgerundet wurde der Vortrag durch eine Fragerunde, bei der die Studierenden die Chance hatten, ihre Neugier zu stillen und Antworten aus erster Hand zu erlangen.
Im Rahmen der viertägigen Exkursion nach Washington D.C. erlebten wir bei einem Besuch des Supreme Courts den absoluten Höhepunkt des Programms. Ausgerechnet an diesem Tag verkündeten die Richter des obersten US-Gerichts, das die weitreichend verhängten Zölle der Trump‘schen Regierung nicht mit der Verfassung vereinbar sind. Eine historische Entscheidung, die die Studierenden nicht etwa über einen Fernseher oder wie der Rest der Welt über die Medien erfuhren, sondern hautnah im Gerichtssaal miterlebten. Die Spannung im Saal war förmlich greifbar, als Chief Justice John Roberts das weltweit erwartete Urteil verlass. Dieses einmalige Erlebnis konnte anschließend noch durch einen exklusiven Austausch mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern von Justice Neil Gorsuch vertieft werden, die den Studierenden erläuterten, wie die Arbeit hinter den Kulissen der höchsten US-Instanz organisiert ist.
Am Abend bot eine nächtliche Sightseeingtour die Möglichkeit, die US-Hauptstadt in einem anderen Licht zu erleben: Vom erleuchteten Lincoln Memorial bis zum Martin Luther King Jr. Memorial entstanden beeindruckende Momente und Fotomotive. In den verbleibenden Tagen in der US-Hauptstadt konnten die Studierenden nach Belieben Museen besuchen, Führungen im United States Capitol mitmachen oder einfach durch das historische Georgetown mit seinen farbenfrohen Reihenhäusern und kopfsteingepflasterten Straßen schlendern.
Nach zwei ereignisreichen Wochen traten die Studierenden mit zahlreichen wertvollen Erfahrungen und der Gewissheit, dass diese Tage einzigartig waren, die Heimreise nach Tübingen an. Unser Dank gilt allen Professoren und Studierenden der UNC School of Law sowie der Koordinatorin Rebecca Barraclough Howell, die uns mit großer Gastfreundschaft empfangen und unseren Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben.
Text: Ryan Buba-Goth und Lukas Katzenstein