Warum findet sich ein gewachster Totenschädel in einem Altar? Warum schauen Affen und Elefanten von einem Gewölbe herunter? Warum starren uns aus Kirchenwänden die Reste zerschlagener Bilder an? Warum fühlen wir uns in einem Raum geborgen, in einem anderen fast erschlagen? Warum empfinden wir das sehr unterschiedlich? Kurz: Wer hat wann für wen wie gebaut? Und auf welche Weise haben Christinnen und Christen in diesen gebauten Räumen gelebt? Schließlich: Wie gehen wir mit diesen ererbten Räumen um, wenn wir selbst uns versammeln, um Gott nahe zu sein und miteinander unser Leben zu teilen?
Vor Ort einen Kirchenraum zu erschließen – die Architekturstile, ihre Statik und ihre Technik, die Bildwerke, ihre Motive und ihren Zusammenhang, die Bedeutung für Liturgie und Leben – darum ging es auf einer Exkursion des Hauptseminars Kirchengeschichte/Liturgiewissenschaft. Ziel waren verschiedenen Kirchen von der Gotik über den Barock bis ins 20. Jahrhundert, auf der schwäbischen Alb, im Donautal und in Ulm, angesteuert vom gastfreundlichen Bildungshaus der Vinzentinerinnen in Untermarchtal. Vom Mittelalter bis in die Moderne lasen Studierende die Lebensspuren von Kirchengebäuden, diskutierten den vielfach mühsamen Kontext ihrer Entstehung und den oft umkämpften Wandel ihres Gebrauchs, die feierlichen Liturgien und den profanen Alltag, der in ihnen und um sie herum stattfand, und die Herausforderung solche Räume heute zu nutzen.
Wir lernten und lernen diese Räume auf dreifache Weise zu verstehen: als materielle Architektur (1st space), als Ausdruck eines theologischen Programms (2nd space) und als spannungsreichen Handlungsort, in dem Menschen begehen, was den Sinn ihres Daseins ausmacht (3rd space).