Mittlere und Neuere Kirchengeschichte

Aktuelles

Theologie trifft Oper: Eine Lehrveranstaltung der etwas anderen Art

Im Wintersemester 2025/26 beschäftigten sich Studierende der Fakultät unter Leitung von Andreas Holzem und Felix Maier mit der Neuinszenierung der “Gespräche der Karmelitinnen” von Francis Poulenc an der Staatsoper Stuttgart. Francis Poulencs (1899–1963) Oper erzählt die Geschichte der „Märtyrerinnen von Compiègne“, die während der „Grande Terreur“ 1794 auf der Guillotine hingerichtet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre Ordensgelübde zu brechen. Anhand einer breiten Quellenbasis diskutierten die Studierenden fundamentale Fragen zu religiöser Praxis in existentiellen Grenzsituationen und politischen Umbruchsereignissen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Die Revolution in Frankreich - so erarbeiteten es sich die Teilnehmenden - stellt den zentralen Schlüssel zum Verständnis der Christentumsgeschichte der Neuzeit dar. Dabei stand nicht nur die Reflexion der historischen Ereignisse zur Zeit der Erzählung sowie zur Zeit der Uraufführung im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, was aus theologischer Perspektive zu sagen ist, wenn Theater und Religion aufeinandertreffen. 

Die Neuinszenierung der Oper an der Staatsoper Stuttgart unter Regie von Ewelina Marciniak bot die spannende Gelegenheit, die historischen Glaubenserfahrungen der Nonnen von  Compiègne in ihrer zeitgenössischen Interpretation zu betrachten. Die Studierenden beschäftigten sich damit, wie zutiefst religiöse Stoffe in einer Zeit ästhetisiert werden, in der das Christentum schwer vermittelbar geworden scheint. Die Frage war zu besprechen, ob dem zeitgenössischen Musiktheater tatsächlich nur die „Resignation vor dem Totalverlust der Transzendenz“ bzw. die „Kapitulation vor dem Unbegreiflichen“ (FAZ über die Neuinszenierung von „Saint François d’Assise“ 2023) bleibt. Besonders eindrücklich wird den Studierenden - neben der beeindruckenden Kraft der Quellen - die Begegnung mit denjenigen in Erinnerung bleiben, die sich an der Neuinszenierung der Karmelitinnen in Stuttgart dramaturgisch und musikalisch gewagt haben: Die Dramaturgin Carolin Müller-Dohle und der Generalmusikdirektor Cornelius Meister reisten eigens nach Tübingen an, um im Gespräch und am Klavier ihr Verständnis des bedrückenden Stoffes zu präsentieren. Ein gemeinsamer Besuch der Oper in Stuttgart rundete diese Lehrveranstaltung der etwas anderen Art ab.

Stadt - Kirche - Altar: Eine Exkursion zu heiligen Räumen der Region

Warum findet sich ein gewachster Totenschädel in einem Altar? Warum schauen Affen und Elefanten von einem Gewölbe herunter? Warum starren uns aus Kirchenwänden die Reste zerschlagener Bilder an? Warum fühlen wir uns in einem Raum geborgen, in einem anderen fast erschlagen? Warum empfinden wir das sehr unterschiedlich? Kurz: Wer hat wann für wen wie gebaut? Und auf welche Weise haben Christinnen und Christen in diesen gebauten Räumen gelebt? Schließlich: Wie gehen wir mit diesen ererbten Räumen um, wenn wir selbst uns versammeln, um Gott nahe zu sein und miteinander unser Leben zu teilen?

Vor Ort einen Kirchenraum zu erschließen – die Architekturstile, ihre Statik und ihre Technik, die Bildwerke, ihre Motive und ihren Zusammenhang, die Bedeutung für Liturgie und Leben – darum ging es auf einer Exkursion des Hauptseminars Kirchengeschichte/Liturgiewissenschaft. Ziel waren verschiedenen Kirchen von der Gotik über den Barock bis ins 20. Jahrhundert, auf der schwäbischen Alb, im Donautal und in Ulm, angesteuert vom gastfreundlichen Bildungshaus der Vinzentinerinnen in Untermarchtal. Vom Mittelalter bis in die Moderne lasen Studierende die Lebensspuren von Kirchengebäuden, diskutierten den vielfach mühsamen Kontext ihrer Entstehung und den oft umkämpften Wandel ihres Gebrauchs, die feierlichen Liturgien und den profanen Alltag, der in ihnen und um sie herum stattfand, und die Herausforderung solche Räume heute zu nutzen. 

Wir lernten und lernen diese Räume auf dreifache Weise zu verstehen: als materielle Architektur (1st space), als Ausdruck eines theologischen Programms (2nd space) und als spannungsreichen Handlungsort, in dem Menschen begehen, was den Sinn ihres Daseins ausmacht (3rd space).

Die Politisierung der Lust (und Religion): Übung und Autorinnengespräch mit Prof.in Dagmar Herzog (New York)

„Politik und Sexualität sind von jeher eng verknüpft. Debatten über Sexualmoral dienten im Deutschland des 20. Jahrhunderts immer auch der Aushandlung von politischen Prozessen, vor allem der Auseinandersetzung mit Schuld und Erinnerung in der Nachkriegszeit.“ So beschreibt Dagmar Herzog den Ansatz ihres bereits 2005 erschienenen Werkes „Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, das 2021 in einer Neuauflage in deutscher Übersetzung im Psychosozial-Verlag erschien. In ihrer umfassenden Studie arbeitet die US-amerikanische Historikerin nicht nur die Verwobenheit von Politik und Sexualität, sondern auch die Bedeutung von Religiosität und religiösen Gemeinschaften im Geflecht gesellschaftlicher und politischer Debatten über Sexualität heraus. Diskurse um eine „Rechristianisierung“ Deutschlands in den 1950er Jahren ordnet Herzog ebenso analysierend ein, wie sie die sexuelle Liberalisierung rund um das Jahr 1968 kritisch auf ihre historischen Bezüge hinterfragt. Historische Gewissheiten, beispielsweise eines vermeintlich sexualfeindlichen Nationalsozialismus, entlarvt Herzog dabei als Resultat gewisser dominanter deutscher Erinnerungskulturen nach 1949, die auch das Verhältnis von Nationalsozialismus und Katholizismus neu ins Blickfeld historischer Theologie rücken lassen.
In einer kleinen engagierten Gruppen erarbeiteten sich die Studierenden der Übung die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts aus sexualmoralischer und sexualpolitischer Perspektive und gewannen zentrale Einsichten in die Geschichte des Christ:innentums in Deutschland. 

Highlight der Veranstaltung war das persönliche Gespräch mit Prof.in Dagmar Herzog (City University New York, USA). Eingehend konnten die Studierenden die erarbeiteten Inhalte des bahnbrechenden Werkes mit der Autorin selbst besprechen und dabei nicht nur Einblicke in das angloamerikanische Wissenschaftsgeschehen erhalten, sondern der wohl einflussreichsten Historikerin auf dem Gebiet der deutschen Sexualitätsgeschichte ganz persönlich und auf Augenhöhe begegnen.

Exkursion des GK MNKG ins Diözesanarchiv und die Gedenkstätte Joannes Baptista Sproll in Rottenburg

Im Rahmen des Seminars „Typisch schwäbisch – typisch katholisch? Regionalgeschichte als Zugang zur Christ:innentumsgeschichte“ unternahm der Grundkurs Mittlere und Neuere Kirchengeschichte unter Leitung von Katharina Zimmermann im Sommer 2025 zwei Exkursionen nach Rottenburg am Neckar mit dem Ziel, zentrale Institutionen zur kirchlichen Erinnerungskultur und Archivarbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart kennenzulernen. Im Fokus standen das Diözesanarchiv Rottenburg sowie die Gedenkstätte für Bischof Joannes Baptista Sproll. Die Exkursionen dienten dazu, theoretisch im Seminar besprochene Inhalte anhand konkreter historischer Quellen, Archivpraxis und erinnerungskultureller Orte zu vertiefen.

 

Exkursionsbericht

 

 

Jüdisches Budapest - Exkursion des LS MNKG gemeinsam mit dem Institut für osteuropäische Geschichte der Universität Tübingen

Im Januar 2024 veranstaltete der Lehrstuhl MNKG (Katharina Zimmermann) gemeinsam mit dem Institut für osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen (Dr. Alexa von Winning) eine 7-tägige Exkursion in die ungarische Hauptstadt Budapest. Mit der thematischen Schwerpunktsetzung, jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart Ungarns zu erforschen, erlebten die insgesamt 19 Teilnehmenden ein gut gefülltes Programm. Nicht nur der Besuch historischer Erinnerungsorte, sondern auch die Begegnung mit Vertreter:innen des heutigen Judentums standen auf dem Wochenplan. Nähere Informationen im ausführlichen Exkursionsbericht.

Exkursionsbericht