Der Begriff ubugami (産神: Geburtsgottheit) dient als Sammelbegriff für eine Reihe inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratener Gottheiten des japanischen Volksglaubens, die anders als die meisten anderen Gottheiten und Buddhas die mit der Geburt assoziierte rituelle Unreinheit überwinden und daher unmittelbar an Geburten teilnehmen und so als Schutzgottheiten für Mutter und Kind wirken konnten.
Dieser Beitrag stellt dar, wie der Begriff ubugami in der japanischen Volkskunde gehandhabt wird, und zeigt anhand der Beispiele der in ganz Japan als Geburtsgottheiten verehrten Besengottheiten einerseits und der Volkserzählungen des ubugami mondō-Komplexes andererseits, auf welchen Wegen sich die Forschung diesem Teil des japanischen Volksglaubens annähern kann.
Die wichtigsten Quellen zu Figuren wie den Besengottheiten, die als im Haushalt ansässige volkstümliche Gottheiten keine festen Kultstätten hatten und deren Verehrung meist außerhalb etablierter religiöser Institutionen stattfand, sind die von der japanischen Volkskunde seit ihrer Begründung als akademische Disziplin Anfang des 20. Jahrhunderts erarbeiteten Materialsammlungen. Hier finden sie sich zum einen im Zusammenhang der Darstellung der Rituale von Schwangerschaft und Geburt und zum anderen in oft in der Art von Stichwortlisten gehaltenen Zusammenstellungen zum Volks- und Aberglauben. Da die Sammlung und Ordnung umfangreichen Materials in der japanischen Volkskunde traditionell stets Vorrang vor der Analyse hat, bleibt es die Aufgabe des Forschers, das umfangreiche Material im Gesamtkontext des japanischen Volksglaubens zu verorten und es zu interpretieren. Die Besengottheiten stellen sich so als beispielhaft für viele der im traditionellen japanischen Haus ansässigen Gottheiten heraus, in denen sich Elemente von Götterglauben, ritueller Handlung und magischem Gegenstand in vielfältiger Weise überlagern.
Hinter dem Begriff ubugami mondō 産神問答, der sich grob mit „Diskussion der Geburtsgottheiten“ übersetzen ließe, verbirgt sich ein Komplex von Volkserzählungen, die in etwa dem entsprechen, was in der westlichen Erzählforschung als „Schicksalserzählungen“ bezeichnet wird. In diesen Erzählungen treten verschiedene ubugami als Schicksalsgottheiten auf, die nicht nur für die Absicherung der Geburt zuständig sind, sondern dem neugeborenen Kind auch sein Schicksal zuteilen. Während die Darstellung der ubugami in den volkskundlichen Datensammlungen meist sehr steril ausfällt, lässt die Art und Weise, wie sie in den Erzählungen präsentiert werden, oft interessante Rückschlüsse darauf zu, welche konkreten Vorstellungen man sich im Volksglauben von ihnen und ihrem Charakter machte.