Am Anfang einer jeden Beschäftigung mit Mythen steht die Frage nach dem Sinn und der Notwendigkeit ihrer Interpretation. Der niederländische Forscher Jan deVries stellte dazu fest, „dass das Bedürfnis, für die Mythen eine Erklärung zu finden, erst aufkam, als der Glaube an die Götter erschüttert war“. Aus dieser distanzierten Betrachtung erwüchsen Theorien über den Ursprung und Sinn des Mythos’, die unter der oft phantastisch anmutenden Oberfläche des mythischen Geschehens vermutet würden: „Denn das war jetzt klar geworden: der Mythos erzählte zwar eine unglaubwürdige Geschichte, aber er meinte etwas anderes damit. So begann das Rätselraten“. Aus dieser Grunderkenntnis ergeben sich die stark divergierenden Ansätze bei der theoretischen Betrachtung des Problems „Mythos“, und es trifft die Bemerkung E. Cassirers nach wie vor zu, wonach „die Theorie des Mythos noch in hohem Maße umstritten ist. Jede Schule gibt eine andere Antwort und manche dieser Antworten stehen in offenkundigem Widerspruch zueinander“. Da der Mythos die geistige Kultur einer Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit spiegelt und begründet, enthält er auch alle Aspekte dieser Kultur. C. I. Gulian sieht im Mythos die „komplexeste Form der primitiven Kultur“, und schon K. O. Müller hat im Jahre 1825 festgestellt, „dass eine Gesamtheit von Wissen und Denken in der Mythologie enthalten ist“.
Auch bei der Betrachtung der japanischen Mythologie sollte dieser multimethodische Ansatz Beachtung finden. In den von Hofbeamten des 8. Jahrhunderts edierten Werken wie Kojiki und Nihonshoki liegen mythologische Komplexe vor, die ihren Sinn aus der Intention der Zusammenstellung erfahren. Deren einzelne mythische „Bausteine” jedoch, d.h. die Motive, Narrative, bzw. Mythologeme der in den Kompilationen fortlaufenden Handlungen bedürfen einer jeweils eigenständigen Untersuchung. Die moderne Mythenforschung ist deshalb auch von der ganzheitlichen Betrachtung der japanischen Mythologie weitgehend abgekommen. Und es zeigt sich, dass die japanischen Mythen, bzw. Mythologeme, eingebunden sind in die weltweite Verbreitung mythologischer Stoffe. Sie sind Teil der Welt und nicht isoliert, wie insbesondere die traditionelle Forschung immer wieder behauptet. Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss, dass auch die Analyse der japanischen Mythologie einen wichtigen Beitrag ebenso zur allgemeinen Mythos-Theorie leisten kann, da diese nicht mehr allein auf die klassischen, i. S. v. europäischen, mythologischen Stoffe zurückgeführt werden kann.
Das Referat widmete sich dem Prozess der vergleichenden Mythenforschung, der in diesem Kontext eine besondere Bedeutung zukommt.