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01.09.2026
Forschung verändert Leben
Wenn Erkenntnisse die Universität verlassen, können sie Arbeit und Leben vieler Menschen verbessern.
Könner auf jedem Niveau
Die Lehrerin Annika Messerschmidt hat mit Bildungsforschern Unterrichtseinheiten entwickelt. Seither läuft einiges anders an der Wilhelm-Hauff-Realschule in Pfullingen.
Morgen habe ich wieder meine Achtklässler in Deutsch. Sie lernen zurzeit das Argumentieren: Wie begründe ich eine Behauptung? Mit welchen Beweisen kann ich die Begründung stützen? Folgende Frage müssen die Jugendlichen diskutieren: „Sollte jede Klasse einmal ins Ausland gefahren sein?“
Viele schreiben wild von tollen Erlebnissen, bevor sie überhaupt ein Argument und eine Begründung genannt haben: zum Beispiel, dass Auslandserfahrung bei künftigen Reisen hilft. Ich möchte meinen Unterricht so gestalten, dass sich unterschiedlich starke Schülerinnen und Schüler gleichermaßen gefordert fühlen. Wir sagen dazu in der Fachsprache „adaptives Lernen“. Das wollte ich schon immer, kannte aber die Methoden und Hilfsmittel nicht. Durch ein Projekt mit der Universität Tübingen habe ich sie erlernt. Mein Unterricht hat sich seither völlig verändert.
Ich starte den Tag mit einem Quiz – so kann ich das Leistungsniveau der Einzelnen einschätzen. Ist eine Metapher ein sprachliches Bild oder ein unvollständiger Satz? Die Schülerinnen und Schüler kreuzen auf ihrem Tablet Antworten an und bekommen die Lösung angezeigt. Vorne am Whiteboard – also einer digitalen Tafel – sehen sie die Namen der drei Jugendlichen mit den meisten richtigen Antworten. Das spornt sie an. Die Kinder sind ganz verrückt nach diesem Spiel!
Dann beginnt der Unterricht. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler schon sehr selbständig arbeiten kann, schreibt er oder sie die Argumentation am Tablet und bekommt sofort ein Feedback von einer KI: Die KI markiert Textstellen und macht Vorschläge für noch bessere Formulierungen. Der Lerneffekt ist durch dieses sogenannte formative Feedback viel größer, als wenn Tage vergehen, bis die Klasse einen Test schreibt und dann wieder Tage später erst Noten bekommt. Besonders selbständige Jugendliche haben sich eine „Könnerkarte“ erworben: Sie dürfen das Klassenzimmer verlassen und allein an Lerninseln im Schulgebäude arbeiten.
Ich kann mich am runden Tisch vorne im Klassenzimmer gezielt denjenigen widmen, die mehr Unterstützung benötigen. Am Ende der Stunde versammeln sich alle wieder und wir fassen zusammen, was wir gelernt haben.
Meine Teilnahme an dem Projekt mit der Uni Tübingen ging drei Jahre, von 2022 bis 2025. In Workshops und Barcamps fand ein intensiver Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis statt. Die daraus entstandenen Unterrichtseinheiten wurden anschließend in den beteiligten Klassen umgesetzt und wissenschaftlich begleitet. Durch den Vergleich mit anderen Lerngruppen konnten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Elemente adaptiven Unterrichts besonders lernförderlich wirken.
Ich wende das Ergebnis nun an und gebe als Fachberaterin auch Fortbildungen für andere Lehrerinnen und Lehrer, sowohl an meiner Schule als auch im ganzen Regierungsbezirk.
Das Projekt DiA:Net erforscht, wie in Klassen mit Schülerinnen und Schülern ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlicher Leistungsniveaus möglichst große Lernfortschritte erzielt werden können. Die Methoden sind dann im Netz verfügbar. Lehrkräfte lernen auf die Bedürfnisse einzelner Schüler einzugehen und haben dafür digitale Hilfsmittel wie Tablets und KI-Assistenten zur Verfügung.
Aus den Erkenntnissen der Arbeit mit Lehrkräften verfeinert das Forschungsteam um Professor Andreas Lachner (Institut für Erziehungswissenschaften) und Professor Thorsten Bohl von der TüSE (Tübinger School of Education) die Methoden und Hilfsmittel für künftige Lehrergenerationen.
Neue Hoffnung
Jochen Fischers Immunsystem ist sein größter Verbündeter gegen den Krebs. Eine neue Therapiemethode könnte den Durchbruch bringen.
Vor fünf Jahren hat mein Arzt einen Tumor in meinem Darm entdeckt. Ich hatte seither acht Operationen, 37 Chemotherapien und 25 Strahlentherapien. Ich habe alles gemacht, was es an Therapien gibt – mit den entsprechenden Nebenwirkungen: Hautausschläge, Eiterpusteln, Entzündungen, Übelkeit, Haarausfall.
Der Krebs kam immer wieder zurück, hat auch in die Leber und ins Zwerchfell gestreut. Aber er wurde gebremst. Ich habe dadurch Zeit gewonnen und über meinen Arzt in Schwäbisch Gmünd von der Möglichkeit einer neuartigen Therapie am Universitätsklinikum in Tübingen erfahren. Prof. Salih und sein Team testen dort derzeit in einer klinischen Studie einen neuen Wirkstoff. Ich habe sofort für die Teilnahme eingewilligt – das ist meine letzte Hoffnung.
Per Infusion bekomme ich künstlich hergestellte Antikörper, genauer gesagt: bispezifische Antikörper. Das sind Proteine mit zwei Armen. Der eine greift sich eine Krebszelle, der andere eine T-Zelle, also ein weißes Blutkörperchen meines Immunsystems, und führt beide zusammen. Die T-Zelle wird dadurch aktiviert und vernichtet die Krebszelle – und zwar nur die: Gesundes Gewebe greift die T-Zelle nicht an. Ich habe deshalb kaum Nebenwirkungen: Ein wenig Schüttelfrost und etwas Fieber wie bei einer Grippe an dem Tag, an dem ich in Tübingen meine Infusion bekomme. Ich fahre ein Mal pro Woche hin.
Seit Beginn der Therapie ist mein CEA-Wert von 28 auf 9 gesunken. Der CEA-Wert ist ein sogenannter Tumormarker. 5 ist normal, also gesund. Wenn der Wert auf 5 sinkt, würde hoffentlich auch auf dem Bild der Computertomografie nichts mehr zu sehen sein. Ich weiß noch nicht, ob ich das schaffe.
Ich habe bei Bosch gearbeitet und bin jetzt im Ruhestand. Ich habe alles geregelt, mein Testament gemacht. Meine zwei Töchter sind aus dem Haus. Aber wenn ich noch ein wenig mehr Zeit bekäme, mit Lebensqualität, wäre das wirklich sehr schön. Zehn Jahre vielleicht – dann bin ich 75. Länger habe ich sowieso nicht vor zu leben.
Der Wirkstoff, den Jochen Fischer bekommt, ist ein sogenannter bispezifischer Antikörper, der an einem Antigen der Tumorzelle sowie an einer T-Zelle seines Immunsystems andockt und so beide verbindet. Das Tumorantigen ist auf Prostata-, Darm-, Leber- und Bauchspeicheldrüsentumor-Zellen vorhanden – deshalb können die bispezifischen Antikörper bei allen vier Krebsarten eingesetzt werden. Der bispezifische Antikörper wurde durch die beiden Professoren Gundram Jung und Helmut Salih am Universitätsklinikum und dem DFKZ (Deutsches Krebsforschungszentrum) in Tübingen entwickelt. Derzeit wird der Wirkstoff in einer klinischen Studie an drei Dutzend Patienten erprobt. Sollte die Therapie anschlagen, wäre das ein wichtiger Durchbruch in der Krebstherapie. Dann könnten Jung und Salih diesen und weitere Wirkstoffe gleich durch ihr Start-up TWYCE weiterentwickeln. Sie haben die Firma 2023 gemeinsam mit dem Pharmazeuten Dr. Martin Pflügler gegründet. Die Universität Tübingen hat diesen Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft durch einen „Innovation Grant“ unterstützt.
Die klugen Kinder aus Kolumbien
Vor über zwanzig Jahren wurde die Kinder-Uni in Tübingen erfunden und in vielen Ländern kopiert. In Kolumbien hat die Idee zu besonderer Größe gefunden.
Manuel, 10, und ihre Faszination für Schmetterlingsflügel
In der Kinder-Uni haben wir vor Kurzem selbst Samen von Bohnen mikroskopiert und gesehen, wie viele verschiedene Sorten es gibt: kleine und große, in unterschiedlichen Farben. Und dass die Menschen über Jahrtausende Bohnen gezüchtet haben, indem sie die richtigen Samen auswählten. Ich interessiere mich auch für Insekten: Motten, Wespen, rote Schmetterlinge und wie sie sich aus Raupen entwickeln.
Es gibt sogar Schmetterlinge mit durchsichtigen Flügeln! Und wir haben gelernt, wie Bienen Obstbäume bestäuben. Ich gehe nun schon seit drei Jahren regelmäßig zur Kinder-Uni. Aus meiner Klasse bin ich die Einzige. Ich bin ausgewählt worden, weil ich gut bin in der Schule. Die Wissenschaftsmessen organisieren die Großen mit, die schon länger dabei sind. Vielleicht mach ich das auch mal.“
Paulina, 16, und ihr feines Gespür für Stress
Ich gehe schon seit neun Jahren zur Kinder-Uni. Vor Kurzem habe ich mit einer Gruppe von sechs anderen Jugendlichen einen Workshop organisiert. Wir haben uns das Thema „Mentale Gesundheit und Lernstress“ ausgesucht. Man bekommt bei dem Thema schnell was von Therapien erzählt oder dass man gut ein- und ausatmen soll. Wir wollten uns auf Hilfe konzentrieren, die man sich bei Familie und Freunden holen kann. Oder auch bei sich selbst: Indem man sich besser kennenlernt: wie man auf Stress reagiert und wieder Kraft schöpfen kann. Ich mache in sechs Monaten meinen Schulabschluss. Dann will ich studieren. Durch die Kinder-Uni habe ich gelernt, wie Wissenschaftler ticken. Noch mehr als die Natur interessiert mich, wie Menschen teilhaben können an Entscheidungen. Deswegen möchte ich Sozialwissenschaften und Internationale Beziehungen studieren.
Die „Uni de los Ninos”
Die „Kinder-Uni“ wurde 2002 von Schwäbischen Tagblatt-Redakteuren und dem damaligen Mitarbeiter der Hochschulkommunikation Michael Seifert erfunden. Seither erklären Forschende der Universität Tübingen an mehreren Tagen im Jahr Kindern die großen Themen: „Warum schlägt unser Herz?“ oder „Warum fallen die Sterne nicht vom Himmel?“ – und wecken so deren Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen. Mittlerweile gibt es 360 Kinder-Unis in 41 Ländern weltweit. Sie organisieren sich im European´s Children University Network, das Michael Seifert mitgegründet und viele Jahre als Vorstandsvorsitzender geleitet hat. 2005 hat Juan Luis Mejía, damals Rektor der kolumbianischen Universität EAFIT in Medellín, ein Buch über die Kinder-Uni gelesen und war begeistert von der Idee. Er kam zu Besuch nach Tübingen und adaptierte anschließend die Kinder-Uni für seine Heimatstadt Medellín. Die Kinder-Uni EAFIT hat dann das Programm für umliegende Kommunen ausgerollt und ist mittlerweile im ganzen Land tätig, auch in entlegenen Gebieten. Ein ganzes Team entwickelt eigene Formate. So wuchs die Kinder-Uni, je weiter sie sich von ihrem Ursprungsort entfernte.
Außen hart, innen weich
Tilman Wesely und sein Team im Landeskriminalamt Niedersachsen schätzen mithilfe eines Fragebogens das Gefährdungsrisiko von Jugendlichen besser ein.
Wenn Jugendliche eine Straftat begehen, ist die Polizei oft die erste Institution, die sich damit befasst. Dabei ist es egal, ob ein Kaugummi gestohlen, jemand überfallen oder geschlagen wurde. Im Jugendstrafverfahren sind wir Polizisten die Ersten, die eine erste Einschätzung über den Delinquenten abgeben: Wird er oder sie das noch mal tun?
Was spricht dafür, was dagegen? Wir müssen je nach Schwere der Tat und Höhe des Rückfallrisikos auch entscheiden, ob wir Fingerabdrücke nehmen oder ein Foto für die Akten machen – oder doch eher davon ausgehen können, dass sich das Problem auswächst. Als Polizisten befassen wir uns berufsbedingt vor allem mit den konkreten Merkmalen der Tat und mit den Faktoren, die das Risiko für eine weitere Straffälligkeit des jungen Menschen erhöhen: Hat die oder der Jugendliche allein gehandelt oder gehört er oder sie zu einer Gruppe, die regelmäßig straffällig wird? Nimmt die Person regelmäßig Drogen? Liegen eigene Gewalterfahrungen in der Familie vor? Die Liste ist lang. Außerdem kennen wir die Jugendlichen besonders gut, die immer wieder bei uns auftauchen. Die anderen bekommen wir ja nicht mehr zu Gesicht.
Letztlich können diese überwiegend negativen Informationen über einen Jugendlichen dazu führen, dass das Risiko eines Rückfalls als zu hoch eingeschätzt wird. Erfahrene Polizistinnen und Polizisten sehen dagegen auch die sogenannten Schutzfaktoren: Besteht eine stabile Beziehung zu einer erwachsenen Person? Geht der Jugendliche regelmäßig zur Schule? Hat er oder sie Perspektiven für die Zukunft? Durch einen standardisierten Fragebogen, den Kriminalpsychologen der Universität Tübingen entwickelt haben, stellen wir sicher, dass bei Risikoabschätzungen nicht nur
Risikofaktoren, sondern auch Schutzfaktoren aufgenommen werden. Der Fragebogen ist für den Einsatz in der Praxis gemacht: Polizistinnen und Polizisten können nach einer Befragung in durchschnittlich nur acht Minuten eine Risikoabschätzung anhand von Risiko- und Schutzfaktoren durchführen. Wir setzen den Fragebogen seit Anfang des Jahres in der polizeilichen Jugendsachbearbeitung in Niedersachsen ein. Wir können so Urteilsverzerrungen reduzieren. Und auch andere Institutionen wie zum Beispiel das Jugendamt können auf unsere Erkenntnisse zurückgreifen und sie weiter nutzen.
Im Jahr 2019 stieß die Universität Tübingen mit einem „Innovation Grant“ die Entwicklung des standardisierten Fragebogens MEIKs (Merkmale zur Einschätzung des individuellen Kriminalitätsrisikos) an. Die Kriminalpsychologin Barbara Bergmann hat ihn seither fortlaufend im Praxiseinsatz getestet und weiterentwickelt. Heute arbeitet sie an der Universität Bonn. In Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden MEIKs teilweise schon in der Ausbildung und im täglichen Einsatz der Polizei verwendet. Mit ihnen soll versucht werden, gegen kognitive Urteilsverzerrungen vorzugehen: Das menschliche Gehirn neigt dazu, Informationslücken nach einfachen Regeln zu füllen. Bei der Einschätzung des Gefährdungspotenzials von jugendlichen Straftätern kann dieser Effekt dazu führen, dass Polizistinnen und Polizisten aus der Straftat eines oder einer Jugendlichen auf ein hohes Gefährdungsrisiko in der Zukunft schließen – und die vielfältigen Faktoren übersehen, die Jugendliche stabilisieren können. Ein Abfragen auch der schützenden Faktoren nach einem festen Ablauf gleicht diese Wahrnehmungsverzerrung wieder aus.