Universitätsbibliothek

Geschichte berührt - Max Fleischmann und die Lieferung von 1948

Der Staats- und Völkerrechtler Max Fleischmann (1872-1943)

Auf der Suche nach geraubten Büchern beschäftigt man sich unweigerlich mit dem Schicksal eines Menschen. Für uns alle ein berührendes Thema.
In den Hallischen Nachrichten vom 4.10.1932 wird Prof. Dr. Max Fleischmann in einem Beitrag zu seinem 60. Geburtstag am 5.10.1932 hochgelobt. Fleischmann sei einer, der „meinte, daß man schreiben müsse, wie man redet, und reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist“. An anderer Stelle wird an die „lautlose Stille bei seinen Vorträgen“ erinnert oder an Fleischmanns Forderung nach dem Bau eines Studentenheims, an seine Werbung für Stipendien und die Kritik, es gäbe „auffallend wenige Frauen“ unter den Studierenden. Bei Kollegen und Studierenden war Fleischmann äußerst beliebt.
Max Fleischmann entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Breslau und konvertierte um die Jahrhundertwende zum evangelisch-christlichen Glauben. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Breslau promovierte er 1896 an seiner Heimatuniversität und habilitierte sich 1902 in Halle (Saale) mit der Schrift Der Weg der Gesetzgebung in Preußen. 1901 heiratete er in Berlin die Witwe Josefine Möller, geb. Guglielmini. 

Karriere und Einschnitte in Max Fleischmanns Leben

  • 1905-1910: Amtsrichter in Halle (Saale)
  • 1911: Professor an der Albertus-Universität Königsberg
  • 1921: Professor für Staats-, Kolonial- und Völkerrecht an der Universität Halle (Saale), mehrfach Dekan der Juristischen Fakultät
  • 1925/26: Rektor der Universität Halle (Saale)
  • 1927: Fleischmann gründet das Institut für Zeitungswesen
  • 1930: Vertreter des Deutschen Reichs bei der Haager Konferenz zur Kodifikation des Völkerrechts
  • 1935: Max Fleischmann wird aufgrund seiner jüdischen Herkunft zwangsweise in den Ruhestand versetzt
  • 1936: Entzug der Lehrerlaubnis
  • 1941: Umzug nach Berlin

Angesichts der drohenden Verhaftung durch die Gestapo nimmt sich Max Fleischmann das Leben. Er stirbt am 14.01.1943 an den Folgen einer Schlafmittelvergiftung im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Max Fleischmanns Grab befindet sich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf in Brandenburg. Josefine Fleischmann lebte spätestens 1946 wieder in Halle und starb dort unter „ärmlichen Umständen“ am 18.08.1949. Ihre letzte Ruhestätte fand sie neben ihrem Mann.

An dieser Stelle möchten wir nicht nur an die Menschen erinnern, die Opfer des Nazi-Regimes wurden, sondern auch an deren Nachkommen, die von der Geschichte bis heute betroffen sind.

Von Max Fleischmanns fünf Geschwistern überlebte nur sein Bruder George, der mit seiner Familie in die USA fliehen konnte. Nachdem sein Bruder Richard bereits im Ersten Weltkrieg gefallen war, wurden seine drei Schwestern Rosa, Flora und Elise mit ihren Familien in Konzentrationslagern ermordet.

Im Fall Fleischmann geht die Erinnerung nach Kanada an Jim Steinhart, den Großneffen von Max Fleischmann. Er hatte 2025 mit seiner Frau Tübingen besucht. (Hans-Joachim Lang in: Schwäbisches Tagblatt vom 26.09.2025).

Fleischmanns Privatbibliothek – der Kauf aus dem Jahr 1943
Im März 1943 verkaufte Josefine Fleischmann über 1.500 Bände aus dem Besitz ihres Mannes, die bei der Berliner Speditionsfirma Knauer eingelagert waren, an die Universität Tübingen. Durch diesen Kauf gelangten Bücher in die Universitätsbibliothek und in die damaligen juristischen Bibliotheken.
1954 gab die Universitätsbibliothek 121 Bücher über die Israelitische Kultusvereinigung in Stuttgart an Fleischmanns Bruder George zurück, welche sie als Dubletten vom Juristischen Seminar erhalten hatte.
Die vermutlich zur Fleischmann-Bibliothek gehörenden Bände des Juristischen Seminars haben einen entsprechenden Vermerk im Bibliothekskatalog.
Die Verkaufsumstände der Fleischmann-Bücher aus dem Jahr 1943 sind weiterhin Teil des wissenschaftlichen Diskurses.

Die Lieferung von 1948

Am 8. Juli 1948 schickte der Inhaber der „Buchhandlung J. Eckard Mueller“ aus Halle (Saale) eine Karte an die Universitätsbibliothek Tübingen.

Hartwig Struck bot der UB „2 kleinere Sendungen“ zum Kauf an: ca. 200 Titel Zeitungswissenschaft und ca. 240 Titel Universitätsgeschichte.
Die Sendungen hätte der Buchhändler, der sein Geschäft parallel als Antiquariat führte, „zum Verkauf erhalten“. Beide Sendungen stammten aus dem „Besitz des ehem. Hallischen Univ.-Rektors Dr. Fleischmann“.

Die UB Tübingen kaufte einen Teil der universitätsgeschichtlichen Bücher an. Die festgestellten Dubletten aus dieser Sendung übernahm die WLB Stuttgart und die UB Münster. Der Verbleib der angebotenen 200 Titel Zeitungswissenschaft ist unbekannt.

Der gesamte Schriftwechsel zwischen der Buchhandlung Mueller und der Universitätsbibliothek ist in Akte UAT 167/167 des Universitätsarchivs enthalten und auf DigiTü zugänglich.

Glücklicherweise blieb in der Akte die Titelliste aus dem Angebot von 1948 und eine Dublettenliste erhalten. 
Denn: Der Eintrag im Zuwachsverzeichnis besteht entgegen der sonstigen Arbeitsweise nur aus einem pauschalen Eintrag mit der Beschreibung „Sammlung v. Schriften: Universitätsgeschichte“, Lieferant J. Eckard Müller Halle/S. und der Mengenangabe von 110 Bänden. 
Alle Bände haben dieselbe Inventarnummer: 1948 K 3254 (K=Kauf). Ohne 
die Titelliste wäre eine Suche nach den Bänden nicht möglich gewesen.

Gefunden!

Nach Ermittlung und Dokumentation der Signaturen anhand der Titelliste haben wir bis dato 101 Bände mit 108 Titeln im UB-Bestand identifiziert.

Die Sammlung enthält hauptsächlich Statuten und Satzungen von Universitäten sowie Bücher zur Universitäts- und Studentengeschichte.

Nach Sichtung der Bücher kann man sagen, dass Fleischmann viele seiner Bücher antiquarisch erworben hat – möglicherweise auch bei der Buchhandlung Mueller. Mehrere seiner Bücher haben fremde Besitzervermerke und Randnotizen. Vielleicht hat er dorthin auch selbst eigene Bücher verkauft.

In zwei Büchern haben wir Max Fleischmanns Namen in einer Widmung entdeckt. Sie stammen von August Seraphim und Hugo Reinhold.

Einige Bücher enthalten Anweisungen, wohl an den Buchbinder. In dynamischer Schrift ist kurz und knapp Umschlag oder Aufschneiden vermerkt.

In das Buch „Abschiedswort in Sachen Privatdocenten“ aus dem Jahr 1860 hat Max Fleischmann mit Bleistift einen Hinweis geschrieben:

Ungeklärt?

Wer aber war die Person, die Max Fleischmanns Bücher der Buchhandlung zum Verkauf anbot? Handelt es sich dabei um NS-Raubgut? Hat Max Fleischmann zu Lebzeiten oder Josefine Fleischmann nach 1945 die Bücher ohne Not an jemanden verkauft? Oder wurden sie unter Druck zurückgelassen, untergestellt oder waren sie bereits mehrfach weiterverkauft worden? 

Die Spurensuche beginnt bei Buchhandlung Mueller, über die man in den Hallischen Nachrichten im April 1935 liest, dass sie „sich im Laufe der Zeit zum größten Antiquariat Mitteldeutschlands entwickelt hat (Lagerbestände ca. 150.000 Bände).“

Im Jahr 1946 annonciert die Buchhandlung vermehrt Kaufgesuche:

Das Geschäft dürfte im mitteldeutschen Raum und besonders in Halle eine wichtige Anlaufstelle für die Abgabe „erworbener“ Bücher gewesen sein. Eine Recherche nach Geschäftsunterlagen in der Mitgliedsakte des Börsenvereins zu Hartwig Struck verlief leider negativ.

Unwahrscheinlich erscheint, dass das Ehepaar Fleischmann die Bücher in ihren beengten Wohnverhältnissen in Berlin aufbewahrt hat oder dass sich Reste des im Krieg zerstörten Gebäudes der Berliner Speditionsfirma erhalten haben. 

Demzufolge wäre nicht davon auszugehen, dass die Witwe Fleischmann die Bücher wieder mit nach Halle zurückgenommen hat, was zusammen mit dem Standort der Buchhandlung in Halle Anlass zu der Vermutung gibt, dass die Bücher die Stadt nie verlassen haben. Da die Titel des Konvoluts aus den Jahren 1718-1939 stammen, müssen sie sich bis zumindest 1939 im Besitz von Max Fleischmann befunden haben. 

Während die aktuelle Quellenlage keine sichere Einschätzung ermöglicht, eröffnet jedoch genanntes Angebot auf der Karte vom 8.7.1948 zu den „200 Titel Zeitungswissenschaft“ einen Verdacht: das von Max Fleischmann in Halle gegründete Institut für Zeitungswesen wurde nach Neugründungsversuchen in der Nachkriegszeit 1948 aufgelöst. Der Gedanke liegt daher nahe, dass möglicherweise im Zusammenhang mit den Aufräumarbeiten im Institut Max Fleischmanns Bücher zur Buchhandlung Mueller gelangten. 

Diese Überlegung kann zum aktuellen Zeitpunkt nur eine nicht belegbare Vermutung bleiben, welche neben anderen Hypothesen steht. Ebenso wie bei dem Erwerb von 1943 ist jedoch davon auszugehen, dass selbst bei Ausräumung des Verdachts auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug die Bücher nicht nach Tübingen gelangt wären, wenn es Max Fleischmann nicht unmöglich gemacht worden wäre, über ihren Verbleib selbst zu entscheiden.

Die UB Tübingen wird die Herkunft der Bücher entsprechend im Katalog vermerken.

Über das Leben von Max Fleischmann gibt es einen Kurzfilm der Uni Halle.

 

Literatur und Quellen zur Ausstellung