Juristische Fakultät

Einblicke in die Exkursion nach Straßburg Herbst 2026

Das Studienprogramm „Recht und Rhetorik“ schlägt die Brücke zwischen beiden Disziplinen. Doch weder der gute Jurist noch die geschulte Rhetorikerin kann sich allein auf die Theorie verlassen. Aus diesem Grund ist auch der Jahrgang 2026/2027 nach Straßburg gefahren, um zwei zentrale Institutionen kennenzulernen, an denen tagtäglich politische und juristische Rhetorik praktiziert wird: den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) und das EU-Parlament.

Am Vormittag stand der EGMR auf dem Programm. Von außen mag das retrofuturistische Gebäude wie das Zeugnis einer etwas in der Zeit stehen gebliebenen Institution wirken. Gerade dieser Bau vermittelt jedoch bis heute, was bei seiner Einweihung 1995 visionär verfolgt wurde: Transparenz und Offenheit. Im Vergleich zu vielen anderen Gerichtsgebäuden der Welt erscheint er damit erstaunlich modern. In diesem Rahmen berichtete Herr Müller-Elschner, Leiter der deutschen Kanzlei (Registry) des Gerichtshofs, über die Funktionsweise, die Herausforderungen und Gefahren, aber auch über die Vorteile eines europäischen Menschenrechtsgerichts. Es war eine rhetorische Meisterleistung: Allein über Fragen der Studierenden strukturierte er die Inhalte. Die Studierenden durften auch einen Blick in den großen Gerichtssaal werfen.

Mit dem Mittagsspaziergang ging es zum Europäischen Parlament, gleich schräg gegenüber. Dort war Plenarwoche, sodass nicht nur zahlreiche Besucher durch das Gebäude liefen, sondern im Plenarsaal auch debattiert wurde.

Prof. Dr. René Repasi, MdEP, empfing die Gruppe zu einem Austausch über die Schnittstelle von Recht, Politik und Rhetorik. Zur Sprache kamen dabei brisante Themen wie das Mercosur-Abkommen, das Projekt einer EU-GmbH, der aktuelle Umgang mit Abgeordneten, die der EU und ihren Grundwerten eher skeptisch gegenüberstehen, sowie die Frage, wie auf europäischer Ebene verhandelt und Kompromisse gefunden werden. Der Begriff des Kompromisses leitete fließend zum nächsten Gespräch mit Herrn Heyer vom Besucherdienst des Parlaments über. Er sprach mit den Studierenden über strukturelle Grundfragen des Parlaments, die Sitzverteilung sowie die Fraktionen und stellte anschließend einige Fragen in den Raum: Wie können das Parlament und seine Abgeordneten mit der zunehmenden Polarisierung in den sozialen Medien umgehen? Wie weit darf bzw. muss das Parlament „in eigener Sache“ für eine freiheitlich-demokratische Werteordnung werben? Und wie lässt sich der Begriff der Demokratie ganz unterschiedlichen Besuchergruppen nahebringen?

Nachdem die Gruppe nun selbst ausgiebig debattiert hatte, verfolgte sie von der Besuchertribüne aus eine laufende Plenardebatte. Dort sprach unter anderem Kaja Kallas, Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, über die Unterstützung der EU für die internationale Gerichtsbarkeit und ihre Reaktion auf die US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof. Gerade in diesen Zeiten war dies ein überaus hörenswerter Beitrag.

Schließlich erkundeten die Studierenden selbstständig das Parlamentarium Simone Veil. Für das leibliche Wohl sorgten die leckeren „Croutwichs“ der Parlamentscafeteria.

Damit endete der Besuch im Parlament, und den Studierenden blieb noch ein wenig Zeit, Straßburg zu erleben, bei einem Bummel durch die Altstadt, in der Kathedrale oder auch bei einem leckeren Flammkuchen. Nach einer reibungslosen Rückfahrt, von den EU-rechtswidrigen Grenzkontrollen abgesehen, erreichte die Gruppe am Abend wieder den Tübinger Omnibusbahnhof, Steig Q.

Wir bedanken uns bei allen Studierenden für ihre aktive Mitwirkung und freuen uns schon auf das nächste Jahr!

Ein besonderer Dank gilt der Juristischen Gesellschaft Tübingen e.V., die durch die Finanzierung der Busfahrt diese Exkursion ermöglicht hat.