Wie lässt sich etwas so schwer Fassbares wie Zeit im Bild sichtbar machen? Das Projekt FORMEN DER ZEIT untersucht, wie Zeit im 9. und 10. Jahrhundert auf der Fläche geordnet, modelliert und anschaulich gemacht wurde. Im Zentrum stehen Diagramme: vormoderne „Zeitmatrizen“, die keine Abfolgen historischer Ereignisse darstellen, sondern Zeit als eigene Größe erfassen. Sie finden sich in Handschriften, in denen kosmologisches und musikalisches Wissen eng miteinander verknüpft ist. Das Projekt fragt daher, wo die Verbindung kosmologischer und musikalischer Modelle im Quadrivium besonders produktiv zur Ausbildung neuer Darstellungsverfahren beigetragen hat — Verfahren, die unsere Notations- und Visualisierungssysteme bis heute prägen.
Methodisch geht FORMEN DER ZEIT zugleich der Frage nach, welchen Beitrag digitale Verfahren zur Erforschung vormoderner Vorstellungen von Temporalität leisten können. Das Projekt erschließt mittelalterliche Diagramme des Quadriviums mit digitalen Methoden neu. In Kooperation mit Zoltán Bereczki (University of Debrecen) werden historische Zeitstrukturen durch parametrische Modellierung systematisch rekonstruiert und in dynamische digitale Modelle überführt. Dadurch werden die prozessualen und prozeduralen Dimensionen der Diagramme sichtbar, nachvollziehbar und experimentell erfahrbar.
Auf diese Weise verbindet FORMEN DER ZEIT mediävistische Grundlagenforschung mit innovativen digitalen Visualisierungs- und Analysetools. Das Projekt schärft den Blick dafür, wie heutige Systeme der Notation und Darstellung zeitlicher Abläufe mit vormodernen Wissenskulturen verbunden sind — und wie sich eine visuelle Metaphysik der Zeit im Mittelalter beschreiben lässt.
Das Projekt wird gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Eliteprogramms für Postdocs (https://www.bwstiftung.de/de/programme/eliteprogramm-fuer-postdocs). Die Laufzeit beträgt drei Jahre (Januar 2026 bis Dezember 2028).