Religionspädagogik

Ausgabe 2021, Nr. 3

Hannah Arendt - Ihr Denken, unsere Gegenwart

 Wie kaum eine andere Denkerin des 20. Jahrhunderts regt Hannah Arendt zum Nach-Denken, zur kritischen Reflexion und Selbst-Reflexion an. Damit steht sie programmatisch für das Anliegen der »Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext«: Auch diese Zeitschrift will zum Nach-Denken anregen: über die Bedeutung der jüdischen Geistesgeschichte für unsere Zeit; über die religiöse und politische Dimension des christlich-jüdischen Dialogs; über die Notwendigkeit, neuen Formen totalitären und unmenschlichen Denkens entgegenzutreten.

Mit der Aufnahme der politischen Philosophin in die Reihe der Persönlichkeiten, die in der ZfBeg
bereits eingehend beleuchtet wurden (Elie Wiesel, Martin Buber, Emmanuel Lévinas) ist nochmals eine besondere Qualität erreicht: Hannah Arendt verbindet auf einzigartige Weise philosophisches und soziologisches Nachdenken, anthropologische Grundsatzreflexion und konkrete Gesellschaftskritik, Denken im Schatten der Schoah und Ausloten der Möglichkeit wahrer Humanität.

2021, Nr. 1-2

Im Jahr 2021 leben seit 1700 Jahren nachweislich Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Ein Dekret Kaiser Konstantins vom 11. Dezember 321 gilt als ältester Beleg jüdischen Lebens nördlich der Alpen und ist Zeugnis der mehr als 1700 Jahre alten jüdischen Geschichte in Europa und Deutschland. Das Dekret regelte, dass Juden städtische Ämter in der Kurie, der Stadtverwaltung Kölns übernehmen durften. Eine frühmittelalterliche Handschrift dieses Dokumentsi st heute im Vatikan archiviert. Das Dekret und weitere 57 Objekte werden in Wort und Bild auf der Homepage des Shared History Projects vorgestellt. Sie sind eingebunden in eine umfassende Chronologie jüdischen Lebens im deutschsprachigen Raum

. Initiiert wurde die Webseite und die virtuelle Ausstellung vom Leo Baeck Institute (New York/Berlin).  sharedhistoryproject.org

Bundesweit werden zu diesem Festjahr rund tausend Veranstaltungen ausgerichtet. Dazu gehören Konzerte und Musik, Ausstellungen, zahlreiche digitale Projekte wie Podcasts und Video-Projekte sowie Theaterstücke und vieles mehr. Informationen zu den verschiedenen Veranstaltungen finden Sie auf der Webseite zum Festjahr:  2021jlid.de.


So sollen möglichst viele Menschen erreicht werden, um ihnen einen Einblick in die deutschjüdische Geschichte und vor allem auch in den Alltag jüdischer Menschen in Deutschland zu geben. Ziel des Festjahres ist, viele Facetten gegenwärtigen jüdischen Lebens und Glaubens sicht und erlebbar zu machen, indem Begegnungsräume eröffnet und Gespräche initiiert werden – und somit ein Zeichen der Gemeinschaft und Verbundenheit gegen den wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland zu setzen. Auch wir möchten mit der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung
im Kontext einen Beitrag zu diesem besonderen Festjahr leisten und widmen sie dem Thema »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

Ausgabe 2020

In der aktuellen Ausgabe - Emmanuel Levinas. Ein epochaler Impulsgeber für Theologie, Philosophie und Kulturwissenschaften - werden die Leser:innen mit hineingenommen, dass ethisch-philosophische Denken und Leben des bedeutenden jüdischen Philosophen des 20. Jhd. Emmanuel Levinas fragmentarisch auf der Spur zu folgen. Die Beziehung zum fundamental "Anderen" zu erproben, die das eigene Sein stört, aber als sinnstiftend (kohärent) in der Sorge für ihn/sie erfahrbar wird und damit konstitutiv befreit sein muss von jeglichen Machtansprüchen bzw. niemals intensional gedacht werden kann. Diese Begegnung mit dem "Antlitz", lässt den "Anderen" als immer unverfügbares, immer unendliches in seiner Würde, ja immer absolut un(be)-"greifbares" nur kairologisch erscheinen. Diese Andersheit bleibt hinter dem Bild, das der/ die Beobachter:in macht, unsichtbar. All jene Dynamiken drängen das eigene Sein zum ethischen Handeln und zur ganzheitlichen Übernahme von Verantwortung. Das bleibende Lebensprojekt Levinas, die Phänomenologie als pathway in die jüdische Ethik zu verstehen, erhebt Universalitätsansprüche, die auch heute für eine gelebte Menschlichkeit im Humanismus des anderen Menschen ermutigen.

Die vorliegende Ausgabe widmet sich einem ganz und gar nicht einfachen Thema, nämlich der neuerlichen Bearbeitung des epoche-machenden philosophischen Ansatzes von Emmanuel Levinas. In seinem Gesamtwerk wird das Gegenteil von ›einfachen Antworten‹ erkennbar, weil es um das höchste Gut geht, das es im Schatten der Schoah zu verteidigen gilt: die menschliche Würde, die sich im Antlitz des anderen Menschen auf geheimnisvolle Weise zeigt.

Ausgabe 2020

Vernetzte Erinnerung als Begegnungsort der Postmoderne: Der Titel dieser Ausgabe - Erinnerungskultur im Wandel - weist auf diversitätsaffine Vernetzungen hin, die von zwei Agnens maßgeblich mitgestaltet werden. Mitverwoben in kulturelle und gesellschaftliche Transformationaprozesse zeigt sich Erinnerungskultur als ein dynamisches, mehrdimensionales und sich stetig mit den Herausforderungen der neu Re-Kontextualisierung konfrontiertem Phänomen. Dies umfasst auch, dass eine Pluralisierung der Ausgestaltungsmöchglichkeiten von Erinnerungskultur stattfindet, insbesondere kreative Framings aus den digitalen Medien bieten neue und vielversprechende Möglichkeiten, die zu einer "Neuvernetzung" der Erinnerungskultur - und eines jeden Gedächtnisses - beitragen können.

»Die deutsche Erinnerungskultur erlebt gerade einen Umbruch«, schreibt die Kulturwissenschaftlerin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann im Jahr 2020. Neben dem bereits häufig thematisierten Forschungsfeld des Übergangs von der Zeitzeugen-Generation zur Adressaten-Generation zeigt sich Erinnerungskultur als ein mehrdimensionales Phänomen. Bedingt durch kulturelle und gesellschaftliche Transformationsprozesse ist die Erinnerungskultur im stetigen Wandel und muss als dynamisch aufgefasst werden. Dies umfasst auch, dass eine Pluralisierung der Ausgestaltungsmöglichkeiten von Erinnerungskultur stattfindet, insbesondere die digitalen Medien bieten dazu neue und vielversprechende Möglichkeiten. So können neben dem gemeinsamen Erinnern an Gedenktagen, Orten und Anlässen, welche vor allem von Präsenz und persönlicher Begegnung leben, nicht präsenzbasierte und individuelle Formen von Erinnerungskultur gefördert werden. Die Nutzung digitaler Medien soll keine Revision oder Ablösung klassischer Erinnerungsformen bedeuten, stattdessen soll diese an gezielten und sinnvollen Punkten ergänzt und bereichert werden.

Ausgabe 2019

Der Titel dieser Ausgabe – Kultur berührt Religion – eröffnet nicht nur in der Lesart von links nach rechts gelesen, sondern auch von rechts nach links – Religion berührt Kultur – einen Sinnhorizont. Religion und Kultur können einander widerspiegeln, bereichern und auch kritisieren.

Dieses Berührtsein von Kultur, das dem vorliegenden Heft zugrunde liegt, kann in der Mainzer Stephanskirche durch das prächtige Farbspiel der Chagall’schen Kirchenfenster erfahren werden. Das changierende Blau scheint einem Begegnungsraum von Transzendenz und Immanenz zu eröffnen. Nimmt man noch die christlich-jüdische Symbolik dazu und reflektiert die zugrundeliegenden Erzählungen, dann scheint die Berührung von Kunst und Religion nahezu greifbar.

Die Mainzer Fenster sind die einzigen, die Marc Chagall je für eine deutsche Kirche schuf und können somit vielfältige Berührungsdimensionen offenlegen: Kunst und Religion, Christentum und Judentum und besonders als Zeichen der Versöhnung und Mahnung nach der Schoah.

Über die ästhetisch-künstlerische Dimension hinaus finden Begegnungen auch im Medium der Literatur statt. Die Botschaft Elie Wiesels, verschriftlicht in seinen Erinnerungen und Zeugnissen, berührt und prägt nachhaltig. Sie motiviert zur Selbstreflexion der eigenen Historizität, bestätigt die bleibende Dringlichkeit des christlich-jüdischen und interreligiösen Dialogs und eröffnet einen literarisch-narrativen Berührungsraum. Berührung – und Begegnung, die durch die Berührung geschaffen wird – ist ein Movens seiner Botschaft an die Welt.

Auch der Musik ist die Option der religiösen Erbauung inhärent und kann für interreligiösen Austausch fruchtbar gemacht werden. Das Kon- zept des interreligiösen Hörens, auf Basis der Annahme einer Symbiose von Theologie und Klang zu einer speziellen Symphonik, wird in diesem Heft exemplarisch an Mahlers Zweiter Symphonie aufgezeigt. Obgleich Musik und Kunst diesen Berührungsraum öffnen können, sind diese aber auch vor antisemitischen Tendenzen nicht verschont. In diesem Kontext wird Bachs Übernahme von Luthers bewusst antijüdisch verstandenem Solus Christus besprochen.

In der Rubrik Bildung wird neben Elie Wiesels Standardwerk Nacht mit dem Jugendroman Der Mantel (Brigitte Jünger) ein weiterer textimmanenter Zugang offeriert. Dabei fällt vor allem das ganzheitliche Konzept von Zeit auf, in dem die unterschiedlichen Zeitebenen (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft) miteinander verknüpft werden und das einen aktuellen Lebensbezug bietet.

Neben den vertrauten Rubriken gibt diese Ausgabe durch einen Tagungsbericht Einblick in die aktuelle Arbeit der Forschungsstelle Elie Wiesel.

So vielfältig wie die Rezeption von Kunst, Literatur und Musik ist, kann dieses Heft nur als Versuch verstanden werden, diese Fülle anhand exemplarischer Zugänge abzubilden. Wir möchten Sie einladen, mit der christlich-jüdisch-muslimischen Kultur in Berührung zu kommen und sich berühren zu lassen.


Leseproben