(1) Schemen des Selbst. Eine Komplementärgeschichte an der Schwelle zur Frühen Neuzeit
Angestoßen durch Reformansätze im Rahmen der Devotio moderna oder der nacheckhartischen Mystik, bilden sich im Spätmittelalter Möglichkeiten eines Selbstverhältnisses heraus, das zwar keine ständische oder geschlechtliche Fixierung kennt, aber fest im christlichen Zusammenhang gedacht wird. Ausgehend von einer eher negativen Anthropologie werden dabei Freiräume moralischer Eigenverantwortlichkeit eröffnet, die mit Blick auf ein innerweltliches Selbst durchaus Ansätze zur Positivierung in sich tragen. Die am historischen Ort durchaus als Aufgabe, nicht nur als Verheißung gesehenen Freiheitsgrade entwickeln sich im Anschluß an ein weites Verständnis der Christusnachfolge (imitatio Christi), das nach dem geforderten 'Abschied vom Ich' durchaus Schemen eines Selbst ansichtig werden läßt, die nicht auf eine modern zu begreifende moralische Subjektivität hinauslaufen, sondern im Sinne einer Komplementärgeschichte (und eben keiner Vorgeschichte) von einem heute kaum mehr denkbaren Selbstverständnis zeugen.
Assoziierung: SFB 1391 ‘Andere Ästhetik’
(2) Co-Prints: Offizinen als heuristischer Ansatzpunkt der Kontextmodellierung. Beiträge zur Literaturgeschichte im Zeichen von Konfessionalisierung und Konversionalisierung (1555–1618)
Offizinen spielen als zentrale Institutionen des noch jungen Buchdrucks eine wichtige Rolle bei der Produktion von Literatur. Im Rahmen eines in der Reihe "Frühe Neuzeit" (Verlag de Gruyter) erscheinenden Bands, der auf eine Tagung zurückgeht, die im März 2023 am "Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)" der Universität Bielefeld zurückgeht, wird erprobt, inwiefern die einen Druck im Rahmen einer Offizin ‚umgebenden‘ Drucke (‚Co-Prints‘) als Heuristik bei der Kontextmodellierung genutzt werden können. Lassen sich die in einer Offizin gedruckten Bücher als interpretationsfähige Einheit (‚Programm‘) betrachten oder sprechen pragmatische Gründe mitunter gegen eine konsistente Programmatik? Inwiefern ist die Tatsache, daß ein Druck aus einer bestimmten Offizin stammt, auch rezeptionsästhetisch wirksam? Welche Bedeutung kommt weiteren Zeugnissen wie etwa Verlegerprospekten und den in ihnen enthaltenen Kategorien zu? Lassen sich Bearbeitungstendenzen einzelner Werke durch das ‚Programm‘ der jeweiligen Offizin historisch adäquat erklären?
Die Fallstudien konzentrieren sich auf die Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden 1555 und dem Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs 1618, um auf einer mittleren Ebene Fragen nach dem spezifisch religiösen Wissen der Literatur im Zeichen von Konfessionalisierung und Konversionalisierung zu beantworten. Sie verbinden einen medien- mit einem ideen- und praxisgeschichtlichen Zugriff und konzentrieren sich auf konkrete regionale Zusammenhänge. Ein Anliegen des Bands ist es, buch- und literaturwissenschaftliche Forschungen zusammenzuführen.
Vorbestellung beim Verlag de Gruyter. Link: Zum Buch