In dem von Suhrkamp neu aufgelegten „Verlag der Weltreligionen“ ist u. a. eine kommentierte Neuübersetzungen des japanischen Quellenwerks Kojiki durch den Referenten vorgesehen. Das Werk wird hier (im Kreise des AJR) als bekannt vorausgesetzt, es stellt sich jedoch die Frage, warum heute überhaupt eine neue Kojiki-Übersetzung vonnöten sein soll, existiert doch bereits eine Reihe von Übersetzungen, wie die erst aus dem Jahre 1976 stammende, deutsche Übersetzung durch Kinoshita Iwao, weit früher bereits durch B. H. Chamberlain, K. Florenz (Teilübersetzung), oder in neuerer Zeit durch Donald Philippi. Diese vier wichtigsten Übersetzungen zeigen bei genauerer Betrachtung jedoch erhebliche Schwachpunkte, die hier nicht weiter ausgeführt werden können. Die eine, gültige Übersetzung existiert nicht. Es erscheint somit als sinnvolles Unterfangen, das Werk einer neuen Übersetzung zu unterziehen. Hier stellt sich die Frage, welche Textausgabe(n) zugrunde gelegt werden soll(ten), bzw. dürfen. Die heute gängigen basieren mehr oder weniger auf der von Motoori Norinaga im Kojikiden besorgten Ausgabe. Norinaga hat bekanntlich den ersten umfassenden, kommentierten, mit Lesungen versehenen Text des Kojiki erstellt, seine philologische Leistung ist bis heute unumstritten. Doch beginnen mit dem Kojikiden (KD) auch die eigentlichen, textkritischen Probleme für das heutige Kojiki-Verständnis, da Norinaga diesen Text nicht zuletzt auch mit einer ideologischen Intention (re-)konstruiert hat: als Ausweis des ältesten authentischen japanischsprachigen Dokuments überhaupt. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Rekonstruktion des von Hieda no Are dem Oho no Yasumaro diktierten Narrativs, das für Norinaga den „Geist“ des japanischen Altertums beinhaltet, dies ein Kernpunkt des nativistischen Denkens der kokugaku.
Es ist m. E. inzwischen nicht mehr möglich, das Kojiki, wie es die bisherige Forschung axiomatisch getan hat, allein als ein Dokument des Altertums zu sehen. Vielmehr sollte die historische Rezeption des Werkes, insbesondere seit den Arbeiten Motoori Norinagas, in die Analyse gleichberechtigt Eingang finden. Es besteht Grund zu der Annahme, das Kojiki auch als einen Text der Moderne zu sehen, der erst durch den kokugaku-Nativismus seine spätere Funktion und Bedeutung erlangte. Im Zentrum steht dabei die Frage, WAS das Kojiki eigentlich ausmacht: der chinesisch verfasste Text oder das von Motoori et al. (re-)konstruierte mündliche Narrativ. Diese Fragen müssen neu an die Quelle gestellt werden, ihre Beantwortung wird grundlegend für eine kommentierte Neuübersetzung sein.