In diesem Beitrag wurde das japanologisches Forschungsvorhaben „Sacred Narrative – die politische Dimension der japanischen Mythologie“ (TP1) der interdisziplinären Tübinger DFG-Forschungsgruppe „De/Sakralisierung von Texten“ (FOR2828) vorgestellt.
Die Forschungsgruppe geht von der Prämisse aus, dass in Gesellschaften Texte zirkulieren, die mit kulturellen und religiösen Praktiken verbunden sind, durch die ihre Besonderheit und ihre Geltungsansprüche hervor- und zum Ausdruck gebracht werden. Die Prozesse, bei denen Texten durch eben diese Praktiken Bedeutung und Autorität zugeschrieben wird, werden von der Forschungsgruppe als „Sakralisierung“ bezeichnet. Es soll insgesamt untersucht werden, durch welche Lese- und Gebrauchspraktiken, bzw. spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen solche Texte sakralisiert bzw. auch desakralisiert werden können. Das Projekt ist organisatorisch an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen angesiedelt; die Sprecherin des Projektes ist Prof. Dr. Birgit Weyel. Außer in der Japanologie und der Theologie sind zusätzliche Teilprojekt am Englischen Seminar, Juristischen Seminar, Zentrum für Islamische Theologie, Institut für Politikwissenschaft, Philologischen Seminar, sowie am Heidelberg Center for American Studies angesiedelt. Eine detaillierte Beschreibung der Teilprojekte kann der Projektwebsite entnommen werden.
Das japanologische Teilprojekt (TP1) versteht als sein übergeordnetes Forschungsziel in diesem Kontext, die wechselseitigen historischen Prozesse von Sakralisierung bzw. Desakralisierung der japanischen Quellenwerke Kojiki (712) und Nihonshoki (720) einer historisch-kritischen, auch vergleichenden Analyse mit einem Schwerpunkt auf Neuzeit, Moderne und Gegenwart Japans zu unterziehen. Diese generelle Fragestellung wird anhand dreier exemplarischer Fokusbereiche in Einzeluntersuchungen bearbeitet:
Fokusbereich 1 analysiert die kritische Neuinterpretation der Quellen bereits durch die Kokugaku der Edo-Zeit (1603–1868). Hier befasst sich Louise Neubronner mit den intellektuellen Debatten um die Sakralität der KiKi-Mythologie bei Motoori Norinaga und seinen Zeitgenossen.
Fokusbereich 2 untersucht die Sakralisierung und Ideologisierung der Mythen im Kontext der modernen Nationalstaatsbildung (Meiji- bis frühe Shōwa-Zeit, 1868–1945). Klaus Antoni untersucht hier die politische Mythologie der Reichsgründung am Fallbeispiel der Sakralisierung des Jinmu-tennō.
Fokusbereich 3 widmet sich den Prozessen der Entpolitisierung, Desakralisierung und Resakralisierung der Mythologie seit 1945. Julia Dolkovski analysiert in diesem Kontext den Funktionswandel der KiKi-Mythen in japanischen Populärmedien, unter anderem durch die Betrachtung verschiedener Verwendungs- und Adaptionsstrategien unter dem Blickwinkel der Intertextualiät.