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Von "Burschen" und "Philistern"

Sprache im Wandel
Sprachwandel ist ein grundlegendes Merkmal jeder lebendigen Sprache. Er beschreibt die kontinuierliche Veränderung sprachlicher Strukturen und Bedeutungen im Laufe der Zeit. Dabei lassen sich verschiedene Formen unterscheiden:

  • Semantischer Wandel: Wörter verändern ihre Bedeutung.
    Ein Begriff, der früher etwas ganz anderes bezeichnete, bekommt eine neue Bedeutung.
  • Lexikalischer Wandel: Wörter entstehen oder verschwinden.
    Neue Begriffe kommen hinzu, alte geraten außer Gebrauch.
  • Pragmatischer Wandel: Wörter werden anders verwendet.
    Der Kontext oder die Funktion eines Wortes verändert sich.
  • Morphologischer Wandel: Sprachformen verändern sich.
    Alte Formen sterben aus oder werden vereinfacht.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Sprachwissenschaftler Peter von Polenz beschreibt zentrale Faktoren des Sprachwandels: Sprachökonomie (der Wunsch, effizient zu kommunizieren), Innovation (der kreative Umgang mit Sprache), Variation (situationsabhängige Ausdrucksweisen) und soziokulturelle Einflüsse (gesellschaftliche Veränderungen).

Die Rolle der Studierenden
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die sogenannte „Studentensprache“ wissenschaftlich untersucht. Forschende erkannten früh, dass die Sprache der akademischen Jugend erheblich zur Entwicklung des neuhochdeutschen Wortschatzes beiträgt. Neue Wörter und Bedeutungen entstanden häufig in studentischen Kontexten und fanden von dort ihren Weg in die Standardsprache.
In den 1960er Jahren änderte sich jedoch die Perspektive: Jugendsprache wurde nun oft kritisch betrachtet, teilweise sogar als Bedrohung der Standardsprache verstanden. Man warf Jugendlichen vor, Grammatik zu vernachlässigen und Sprache zu verwildern.
Moderne Forschung zeigt jedoch deutlich, dass jugendsprachliche Ausdrücke eine wichtige Quelle für Neuerungen unseres Wortschatzes sind. Viele Begriffe, die ursprünglich nur in bestimmten Gruppen verwendet wurden, gehen später in die Standardsprache ein.

Ein Wörterbuch als Zeitkapsel

Das „Studenten-Lexicon“ von Christian Wilhelm Kindleben aus dem Jahr 1781 wurde allen angehenden Musensöhnen, den jungen Studierenden, gewidmet. Das Buch sollte ihnen helfen, die akademische Sprache zu verstehen, damit sie sich im Studium zurechtfinden. Kindleben sammelte dazu Ausdrücke von Universitäten in ganz Deutschland, beschrieb ihre Bedeutung und warnte zugleich: Lernen ist Pflicht, Feiern (damals noch Jubeln) allein reicht nicht. 

Heute erlaubt uns dieses Lexikon einen faszinierenden Blick auf den Sprachgebrauch der Studierenden vor über 240 Jahren – auf Wörter, die teils verschwunden sind, teils eine ganz neue Bedeutung angenommen haben, und auf die lebendige Kultur der damaligen akademischen Welt.

Wenn vertraute Wörter fremd werden
Abfahren bedeutete damals nicht, mit dem Zug loszufahren oder begeistert zu sein, sondern schlicht: sterben. Wer Schiss hatte, hatte keine Angst, sondern steckte in Schulden. Und geil hatte nichts mit seiner heutigen Bedeutung zu tun, sondern meinte dringend oder sehnsuchtsvoll.
Andere Wörter wirken vertraut, haben sich aber deutlich gewandelt:

  • flott bedeutete damals „gut“ oder „herrlich“ und nicht wie heute schnell oder zügig.
  • schmachten hingegen hat seine Bedeutung kaum verändert: sich nach jemandem sehnen.
  • einen Schuss haben bezeichnete schon damals jemanden, der nicht ganz bei Verstand ist. 

Doch es gibt auch irritierende Bedeutungsunterschiede:

  • blamieren hieß nicht, jemanden bloßzustellen, sondern jemanden zu beschimpfen.
  • aufrücken bedeutete nicht näher zusammenrücken, sondern jemandem etwas vorwerfen.
  • klotzen hatte nichts mit Anstrengung zu tun, sondern bedeutete bezahlen.
  • unvernünftig bedeutete damals nicht irrational oder unklug, sondern außerordentlich.

Und manche Bedeutungen wirken aus heutiger Sicht besonders fremd:

  • Mensch konnte eine Prostituierte bezeichnen.
  • Mist stand nicht für Unsinn, sondern für Verlegenheit. 

Diese Beispiele zeigen: Bedeutungen sind nicht festgeschrieben. Sie verändern sich – manchmal schleichend, manchmal radikal.

Wörter kommen und gehen
Neben Bedeutungsverschiebungen zeigt das historische Wörterbuch auch eine zweite Seite des Sprachwandels: Wörter verschwinden ganz.
Begriffe wie absegeln (sich davonmachen), anraxen (etwas mit Mühe herbeischaffen) oder anschnarchen (jemanden anschnauzen) sind heute kaum noch verständlich. Auch Ausdrücke wie Bärenhäuter für einen faulen Menschen oder Augendiener für einen heuchlerischen Schmeichler sind aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden.
Andere wirken zwar noch verständlich, sind aber nicht mehr gebräuchlich:

  • bärbeißig für unfreundlich
  • baumstark als Steigerung von „stark“
  • weidlich im Sinne von „sehr“ oder „wacker“ 

Und wieder andere geben Einblick in die studentische Lebenswelt:

  • Philister war kein antikes Volk, sondern einfach jeder, der kein Student war.
  • muckern bedeutete fleißig studieren.
  • ein Renommist hingegen war genau das Gegenteil: ein Student, der lieber trank, stritt und prahlte, als Vorlesungen zu besuchen.

Und heute?

Sprachwandel ist kein fernes, theoretisches Phänomen. Er passiert genau hier und jetzt – in Vorlesungen, in Chats, in Memes, in Gesprächen.

Vielleicht benutzt du selbst Wörter, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Vielleicht verwendest du Begriffe anders als ältere Generationen. Und vielleicht wirst du irgendwann feststellen, dass das, was heute selbstverständlich klingt, morgen schon veraltet wirkt.

Sprache ist immer in Bewegung und wird von ihren Sprecherinnen und Sprechern ständig neu geformt.

Quellen:

  • Kindleben, Christian Wilhelm: Studenten-Lexicon / von Christian Wilhelm Kindleben. – Halle : J.C. Hendel, 1781. – 264 S. UB-Signatur: AT 89 / 172
  • Schmirber, Gisela (Hrsg.) : Sprache im Gespräch : zu Normen, Gebrauch und Wandel der deutschen Sprache / Gisela Schmirber (Hrsg.). – München : Hanns-Seidel-Stiftung, 1997. – 232 S. – ISBN 388795128X. UB-Signatur: 38 A 181
  • Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart / Peter von Polenz. – Band 1. – Berlin ; New York : de Gruyter, 1991. - 380 S. – ISBN 3110124580. UB-Signatur: 32 A 3449-1
  • Hartmann, Stefan: Deutsche Sprachgeschichte : Grundzüge und Methoden / Stefan Hartmann. – Tübingen : A. Francke Verlag, 2018. - 1 Online-Ressource. – 376 S. – ISBN 9783838548234. Link zur Online-Ressouce: elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838548234.