Die Formierungsdekaden der Bundesrepublik Deutschland und der Zweiten Republik Österreich werden meist als eine lineare Erfolgsgeschichte der Stabilisierung und als Geschichte der „kontrollierten“ oder „selbstdisziplinierten“ Demokratien erzählt (vgl. zu den Begriffen Oliver Rathkolb und Jan-Werner Müller). Diese Perspektivierungen implizieren, dass die politische Partizipation vor allem staatlich verwaltet wurde und sich die Bürger:innen zugunsten von Sicherheit und Stabilität weitgehend aus demokratischen Aushandlungsprozessen zurückzogen.
Dieses Teilprojekt stellt das dominierende Narrativ der eingehegten Stabilität infrage, da eskalative Ereignisse wie beispielsweise die gewaltsamen Unruhen im Zusammenhang mit der Währungsreform in Stuttgart (1948), die transnationale ‚Anti-Harlan-Bewegung‘ (1951– 1954), der ‚Essener Blutsonntag‘ (1952) oder der Münchner ‚Ladenschlusskrieg‘ (1953/54) auf eine konfliktive Facette der Nachkriegsdekaden verweisen.
Die Analyse wird sich auf politische Gewalt in zwei spezifischen Kontexten konzentrieren, die gleichsam zwei zentrale Arenen öffentlicher demokratischer Aushandlungsprozesse darstellen: die Bundes-/Nationalrats und Landtagswahlkämpfe sowie ausgewählte Protestereignisse in der verlängerten Nachkriegsdekade. Der Untersuchungszeitraum von nahezu 15 Jahren markiert in beiden Ländern eine Phase massiver struktureller, institutioneller und gesellschaftlicher Veränderungen. Dazu zählen die Etablierung neuer Verfassungsordnungen, die Durchführung der ersten demokratischen Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Rückzug der Besatzungsmächte und schließlich die Gründung souveräner, von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannten Ländern. Diese tiefgreifenden Umbrüche bildeten nicht nur den Rahmen, sondern auch den Nährboden für sich demokratisierende Gesellschaften, in der die Grenzen des legitimen Konfliktaustrags ständig neu verhandelt werden mussten.
Die Betrachtung dieser Prozesse vor dem Hintergrund der Gewaltfrage ermöglicht es, die tatsächliche ‚Rauheit‘ der jungen Demokratien detaillierter zu erfassen und die Spannung zwischen dem normativen Ideal des Gewaltverzichts und der gelebten Praxis zu analysieren. Im Kontext der beiden Fokuspunkte wird im Laufe des Arbeitsprozesses eine Auswahl an Ereignissen getroffen und auf exemplarische Einzelfälle und deren zentrale Akteursgruppen fokussiert. Die transnationale Perspektive bietet die Möglichkeit, nationale Spezifika zu erarbeiten und danach zu fragen, welche Rolle erstens die verschiedenen nationalen Vergangenheiten bei der Beurteilung und Deutung von politischer Gewalt spielten. Zweitens sollen im Hinblick auf die unterschiedlichen Gewaltkonstellationen Kontinuitätslinien von antisemitisch, rassistisch und antikommunistisch motivierter Gewalt untersucht werden. Ein dritter Untersuchungsschwerpunkt liegt zudem auf den zeitgenössischen Männlichkeitskonzeptionen, um herauszuarbeiten, welche Rolle sie für die Akzeptanz von Gewalthandlungen spielten und inwiefern in den jeweiligen Debatten geschlechtsspezifische Normen verhandelt wurden.
Amrei Kienle