Zeitgeschichte

'Raue' Nachkriegsdemokratien: Gewalt im politischen Alltag (1945-1960)

Gefördert von der Gerda-Henkel-Stiftung (2025-2028).

In den vergangenen Jahren beschäftigten sich Historiker:innen vermehrt mit dem facettenreichen Charakter europäischer Nachkriegsdemokratien (u.a. Conway 2020; Corduwener 2023). Beinahe einmütig betonten sie den „eingehegten“, „kontrollierten“ Charakter der ersten zwei Dekaden nach 1945 und erklärten diese fast zu einer Art golden age demokratischer Stabilität. Das Projekt geht davon aus, dass die Nachkriegsdemokratien in diesem Zeitraum nicht nur „kontrollierte“, sondern zugleich „raue“ Demokratien (vgl. zum Begriff auch Nolte 2024) waren, in denen physische Gewalt ein fortbestehender Bestandteil des demokratischen Konfliktaustrags blieb. Das Projekt wird von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert und ist in ihrem historisch ausgerichteten Teilbereich „Demokratie als Utopie, Erfahrung und Bedrohung“ angesiedelt. Federführend sind Petra Terhoeven (DHI Rom), Robert Kramm (Universität Tübingen) und Sonja Levsen (Universität Tübingen).

Um den Charakter der Nachkriegsdemokratien sowie das Spektrum der Beziehungen zwischen Demokratie und Gewalt in dieser Phase präziser zu verstehen, fokussieren drei Teilstudien die postfaschistischen Nachkriegsdemokratien Westdeutschland und Österreich (Studie 1), Japan (Studie 2) und Italien (Studie 3). 
Trotz ihrer ‚kontrollierten‘ Regierungsformen war deren politischer Alltag – so die Grundhypothese – von einer vergleichsweise hohen Präsenz physischer Gewalt und einer harten Konfliktkultur geprägt, in der die Grenzen des demokratisch Legitimen oft weit gezogen wurden. Diese Annahme steht im Kontrast zu bisherigen historiografischen Analysen, in denen die verschiedenen Formen von Gewalt im Zeitraum von 1945 bis 1960 entweder vernachlässigt oder aber nicht systematisch auf ihre Folgen für die betroffenen Demokratien bezogen worden sind. Transnationale oder vergleichende Perspektiven fehlen fast ganz. 
Die Teilstudien fragen erstens danach, in welchen Kontexten und Konstellationen sowie unterhalb welcher Schwellen Beobachter:innen und Akteur:innen den Gewalteinsatz als legitim, ‚normal‘ oder unproblematisch für den demokratischen Konfliktaustrag bewerteten. Umgekehrt wird untersucht, unter welchen Bedingungen Gewalt als undemokratisch oder als Gefahr für die Demokratie markiert wurde und welche Konsequenzen daraus folgten. Alle Teilstudien beleuchten zweitens die Rolle verschiedener Vergangenheiten – insbesondere des Faschismus, des Imperialismus, der Zwischenkriegszeit und des jeweiligen Kriegsendes – als Erfahrungshorizonte und Projektionsflächen für die Beurteilung und Deutung von Gewalt. Weiterführend fragen alle Studien nach Kontinuitäten von Antikommunismus, Rassismus und/oder Antisemitismus, die jeweils unterschiedliche Relevanz für das Gewaltgeschehen in den Untersuchungsländern hatten. Nicht zuletzt verbinden die Studien ihre Analyse mit geschlechtergeschichtlichen Perspektiven und fragen insbesondere nach der Rolle von Männlichkeitskonzeptionen für die Akzeptanz oder Legitimierung von Gewalthandeln in Demokratien nach 1945. Dabei nehmen die Projekte ausdrücklich auch staatliche Gewalt in den Blick.
Im Zuge des Projekts ist die Erstellung von zwei Dissertationen und mehreren Aufsätzen vorgesehen.


Teilprojekte

BRD/Österreich

Gewalt und ihre Grenzen in der ‚rauen‘ Demokratie: Westdeutschland und Österreich in der Dekade nach Kriegsende (1945/49 – 1956/59) - Amrei Kienle

Die Formierungsdekaden der Bundesrepublik Deutschland und der Zweiten Republik Österreich werden meist als eine lineare Erfolgsgeschichte der Stabilisierung und als Geschichte der „kontrollierten“ oder „selbstdisziplinierten“ Demokratien erzählt (vgl. zu den Begriffen Oliver Rathkolb und Jan-Werner Müller). Diese Perspektivierungen implizieren, dass die politische Partizipation vor allem staatlich verwaltet wurde und sich die Bürger:innen zugunsten von Sicherheit und Stabilität weitgehend aus demokratischen Aushandlungsprozessen zurückzogen.

Dieses Teilprojekt stellt das dominierende Narrativ der eingehegten Stabilität infrage, da eskalative Ereignisse wie beispielsweise die gewaltsamen Unruhen im Zusammenhang mit der Währungsreform in Stuttgart (1948), die transnationale ‚Anti-Harlan-Bewegung‘ (1951– 1954), der ‚Essener Blutsonntag‘ (1952) oder der Münchner ‚Ladenschlusskrieg‘ (1953/54) auf eine konfliktive Facette der Nachkriegsdekaden verweisen.

Die Analyse wird sich auf politische Gewalt in zwei spezifischen Kontexten konzentrieren, die gleichsam zwei zentrale Arenen öffentlicher demokratischer Aushandlungsprozesse darstellen: die Bundes-/Nationalrats und Landtagswahlkämpfe sowie ausgewählte Protestereignisse in der verlängerten Nachkriegsdekade. Der Untersuchungszeitraum von nahezu 15 Jahren markiert in beiden Ländern eine Phase massiver struktureller, institutioneller und gesellschaftlicher Veränderungen. Dazu zählen die Etablierung neuer Verfassungsordnungen, die Durchführung der ersten demokratischen Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Rückzug der Besatzungsmächte und schließlich die Gründung souveräner, von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannten Ländern. Diese tiefgreifenden Umbrüche bildeten nicht nur den Rahmen, sondern auch den Nährboden für sich demokratisierende Gesellschaften, in der die Grenzen des legitimen Konfliktaustrags ständig neu verhandelt werden mussten.

Die Betrachtung dieser Prozesse vor dem Hintergrund der Gewaltfrage ermöglicht es, die tatsächliche ‚Rauheit‘ der jungen Demokratien detaillierter zu erfassen und die Spannung zwischen dem normativen Ideal des Gewaltverzichts und der gelebten Praxis zu analysieren. Im Kontext der beiden Fokuspunkte wird im Laufe des Arbeitsprozesses eine Auswahl an Ereignissen getroffen und auf exemplarische Einzelfälle und deren zentrale Akteursgruppen fokussiert. Die transnationale Perspektive bietet die Möglichkeit, nationale Spezifika zu erarbeiten und danach zu fragen, welche Rolle erstens die verschiedenen nationalen Vergangenheiten bei der Beurteilung und Deutung von politischer Gewalt spielten. Zweitens sollen im Hinblick auf die unterschiedlichen Gewaltkonstellationen Kontinuitätslinien von antisemitisch, rassistisch und antikommunistisch motivierter Gewalt untersucht werden. Ein dritter Untersuchungsschwerpunkt liegt zudem auf den zeitgenössischen Männlichkeitskonzeptionen, um herauszuarbeiten, welche Rolle sie für die Akzeptanz von Gewalthandlungen spielten und inwiefern in den jeweiligen Debatten geschlechtsspezifische Normen verhandelt wurden. 

Amrei Kienle

Japan

Politische Gewalt und Gewaltabkehr in Japans Nachkriegsdemokratie (1945–1960) - Daniel Wollnik

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr Japan unter alliierter Besatzung tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungen. Demilitarisierung, Demokratisierung und die Verabschiedung der sogenannten „Friedensverfassung“ von 1947 bildeten die Grundlagen der politischen Nachkriegsordnung und prägten das Selbstbild des Staates als friedliche Demokratie, in der die gewaltsame Vergangenheit als überwunden erschien und der wirtschaftliche Aufschwung in den Vordergrund trat. Diese Vorstellung spiegelte sich auch in der historischen Forschung wider, in der die Auseinandersetzung mit politischer Gewalt und gewaltsamen Konflikten in der japanischen Nachkriegszeit lange Zeit hinter Fortschrittsnarrativen von Demokratisierung und wirtschaftlichem Wiederaufbau zurücktrat. Erst in jüngerer Zeit wurde das dadurch verfestigte Bild einer weitgehend harmonischen und gewaltarmen Nachkriegsgesellschaft kritisch hinterfragt und auf die Fortdauer gewaltsamer Konfliktaustragung auch nach 1945 hingewiesen, wenngleich politische Gewalt zunehmend öffentlich skandalisiert wurde und an Legitimität verlor (Siniawer 2008).
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen untersucht das Projekt, welche Rolle Gewalt in den politischen Auseinandersetzungen der frühen Nachkriegsdemokratie Japans zwischen 1945 und 1960 spielte und welche Faktoren zu ihrer schrittweisen Delegitimierung beitrugen. Im Zentrum steht dabei das Konzept der „Gewaltabkehr“ (Schaarschmidt/Süß/Weiß 2018), das die Abnahme von Gewalt nicht als abruptes Phänomen versteht, sondern als Ergebnis eines längerfristigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Analysiert wird insbesondere, wie sich in Japan nach den Gewalterfahrungen durch Krieg, innenpolitische Repression und Terror neue Normen gewaltfreier politischer Konfliktaustragung herausbildeten und durchsetzten und wie staatliche Institutionen, politische Parteien, Medien und juristische Diskurse zur Regulierung und Delegitimierung politischer Gewalt beitrugen. Zugleich fragt das Projekt danach, von wem und in welchen Kontexten Gewalt weiterhin als legitimes oder notwendiges Mittel politischer Praxis verstanden wurde.
Methodisch verbindet die Studie politik- und kulturhistorische Perspektiven. Analysiert werden Gesetzestexte und Rechtskommentare, Parlamentsdebatten und Regierungsdokumente ebenso wie Zeitungen, Zeitschriften und Materialien politischer Organisationen. Auf dieser Grundlage soll rekonstruiert werden, mit welchen rechtlichen, politischen und diskursiven Mitteln politische Gewalt begrenzt wurde und welche Deutungsmuster ihre punktuelle Legitimation weiterhin ermöglichten. Ein besonderer Fokus liegt zudem auf der Geschlechterdimension politischer Gewalt. Untersucht wird dabei, inwiefern politische Gewalt als männlich codierte Praxis verstanden wurde und wie Medien und politische Diskurse zu ihrer Vergeschlechtlichung beitrugen. Zugleich fragt das Projekt, welche Rolle Frauen als Akteurinnen politischer Gewalt spielten und wie ihre Beteiligung in Öffentlichkeit und Politik wahrgenommen und interpretiert wurde.

Daniel Wollnik

Italien

„Die Waffen der Demokratie“. Polizeigewalt und Rechtsstaat im italienischen „Kalten Bürgerkrieg“ (1947–1960) - Christoph Ehlert

Das Teilprojekt untersucht den polizeilichen Schusswaffengebrauch im Kontext sozialer und politischer Konflikte in der frühen italienischen Republik zwischen 1947 und 1960. In diesen Jahren kam es bei Demonstrationen, Streiks und Arbeitskämpfen wiederholt zu tödlichen Polizeieinsätzen gegen Demonstrierende.
Diese Gewalt ereignete sich in einem stark polarisierten politischen Klima, das in der Forschung häufig als italienischer ‚kalter Bürgerkrieg‘ beschrieben wird. Der kommunistische Gegner erschien vielen politischen Akteuren als ‚innerer Feind‘, gegen den der Staat entschlossen vorgehen müsse. Der Einsatz tödlicher Polizeigewalt wurde daher vielfach als notwendige Verteidigung der demokratischen Ordnung legitimiert und war eng mit der Politik des christdemokratischen Innenministers Mario Scelba verbunden, die unter dem Begriff ‚scelbismo‘ bekannt geworden ist.
Während die 1950er Jahre heute häufig als Phase wirtschaftlicher Modernisierung und politischer Stabilisierung erinnert werden, gerät diese Dimension staatlicher Gewalt leicht aus dem Blick. Eine breitere gesellschaftliche Ächtung solcher tödlichen Polizeieinsätze setzte erst im Verlauf der 1960er Jahre ein.
Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt, wie polizeilicher Schusswaffengebrauch politisch legitimiert oder delegitimiert, juristisch bewertet und öffentlich verhandelt wurde. Im Zentrum steht die Frage nach den Grenzen staatlicher Gewalt in einer jungen Demokratie: Wie wurde der Einsatz tödlicher Gewalt gerechtfertigt oder kritisiert? Welche Rolle spielten Medien, parlamentarische Debatten, Gerichtsverfahren und lokale Protestbewegungen? Und unter welchen Bedingungen begann sich die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Gewalt zu verändern?
Ziel des Projekts ist es zu verstehen, welche Rolle staatliche Gewalt für die Funktionsweise und Stabilisierung der italienischen Nachkriegsdemokratie spielte und wie in diesen Auseinandersetzungen die Grenzen legitimer Gewalt in der italienischen Gesellschaft nach 1945 ausgehandelt wurden.

Christoph Ehlert


Team

Christoph Ehlert

Universität Göttingen

Homepage

Prof. Dr. Sonja Levsen

Universität Tübingen

Homepage

Amrei Kienle

Universität Tübingen

Homepage

Prof. Dr. Petra Terhoeven

Universität Göttingen/DHI Rom

Homepage Göttingen 

Homepage DHI Rom 

Dr. Robert Kramm

LMU München/Univeristät Tübingen

Homepage München

Homepage Tübingen

Dr. Daniel Wollnik

Ruhr-Universität Bochum/Universität Tübingen

Homepage Bochum

Homepage Tübingen