Institut für Soziologie

RESEARCH IN BRIEF

Aktuell - 05/2022

Steffen Hillmert, Viktoria Bauer, Sarah Engelhardt, Lisa Köstlmeier und Viktoria Werner:

Zur Legitimität gruppenspezifischer Förderung beim Hochschulzugang – Ergebnisse einer experimentellen Vignettenstudie

Der Aufsatz ist im Rahmen eines vor kurzem abgeschlossenen empirischen Lehrforschungsprojekts an unserem Institut entstanden, das sich mit Fragen von Bildung und Gerechtigkeit beschäftigt hat. Im vorliegenden Surveyexperiment sollten die Befragten über mögliche Verfahrensanpassungen beim Studienzugang entscheiden, etwa ob Studienbewerber*innen beispielsweise aufgrund ihres Migrationshintergrunds, ihrer sozialen Herkunft oder Anstrengung jeweils einen Bonus oder Malus auf die Zulassungsnote angerechnet bekommen sollen. Die Ergebnisse zeigen, dass klassische Dimensionen sozialer Bildungsungleichheit tendenziell in Richtung einer Kompensation berücksichtigt werden. Damit gibt es Hinweise auf eine gewisse Legitimität von Maßnahmen im Sinne positiver Diskriminierung beim Hochschulzugang.

Hillmert, Steffen, Bauer, Viktoria, Engelhardt, Sarah, Köstlmeier, Lisa & Werner, Viktoria (2022): Zur Legitimität gruppenspezifischer Förderung beim Hochschulzugang – Ergebnisse einer experimentellen Vignettenstudie. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 48 (1): 107-135.

Volltext unter:

www.doi.org/10.2478/sjs-2022-0006

 

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03/2022

Kopecny, Silvia & Hillmert, Steffen (2021): Place of study, field of study and labour-market region: What matters for wage differences among higher-education graduates?. Journal for Labour Market Research (2021) 55:19.


In dieser Studie haben wir uns mit den Arbeitsmarkterträgen von HochschulabsolvenInnen beschäftigt. Dabei standen die Struktur und das Ausmaß von Lohnunterschieden zwischen AbsolventInnen unterschiedlicher Hochschulen in Deutschland im Fokus. Im vorliegenden Artikel fragen wir, wie groß diese Unterschiede sind und in welchem Verhältnis sie zum Studienfach und zu regionalen Arbeitsmärkten stehen. Auf Basis einer Kohorte des Absolventenpanels des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zeigen die Ergebnisse von kreuzklassifizierten random effects Modellen ein erhebliches Maß an Lohnvariation in Abhängigkeit der Alma Mater. Allerdings lässt sich diese Variation vollständig durch strukturelle Merkmale erklären: Selektionseffekten von individuellen Merkmalen (z.B. der vorausgegangenen Schulleistung) kommt dabei nur geringe Relevanz zu, während regionale Arbeitsmärkte durchaus von Bedeutung sind. Insbesondere aber stehen die Lohnunterschiede mit Studienfächern in Verbindung.

Den Volltext finden Sie hier / Find the full article here

DOI: 10.1186/s12651-021-00301-4

02/2022

Goldacker Kristina, Wilhelm Janna, Wirag Susanne, Dahl Pia, Riotte Tanja & Prof. Schober Pia: „Geteilte Elternzeit, glücklichere Elternpaare? Elternzeit und Beziehungszufriedenheit in Deutschland“ (erschienen im Januar 2022 in Journal of European Social Policy)


Im Rahmen des Lehrforschungsprojekts im Masterstudium haben wir zusammen mit Prof. Pia Schober untersucht, wie sich Veränderungen in der Elterngeldpolitik sowie die Inanspruchnahme von Elternzeit auf die Beziehungszufriedenheit heterosexueller Paare auswirken. Der Fokus lag dabei auf Deutschland als Land mit einer Geschichte familialistischer Politik und langer Elternzeit, das vor Kurzem einen bedeutenden Politikwechsel vollzogen hat. Die daraus entstandene Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur bisherigen Forschung, indem sie die Auswirkungen der Dauer der Elternzeit von Müttern und Vätern auf die Beziehungszufriedenheit beider Partner untersucht und dabei zwischen der Dauer der alleinigen, der gemeinsamen und der gesamten Elternzeit unterscheiden. Auf Basis von Daten des deutschen Beziehungs- und Familienpanels (pairfam) wurden zwei verschiedene methodische Ansätze verfolgt. Zuerst wurden Fixed-Effects-Regressionsmodelle (n = 1046 Paare) gerechnet, um die Auswirkungen der Elternzeitdauer auf die Beziehungszufriedenheit von Müttern und Vätern in den ersten Lebensjahren des Kindes zu untersuchen. Dann wurden anhand exogener Variationen infolge der Elterngeldreform 2007 – die die bezahlte Elternzeit für Mütter verkürzte und Anreize für die Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter schuf – Difference-in-Differences-Analysen (n = 1403 Paare) durchgeführt, um die Auswirkungen der Reform auf die Beziehungszufriedenheit von Eltern mit dreijährigen Kindern zu untersuchen. Die Fixed-Effects-Modelle zeigen eine durchgängig negative Auswirkung der Elternzeitdauer der Mutter, insbesondere der allein genommenen Elternzeit, auf die Beziehungszufriedenheit sowohl der Mütter als auch der Väter. Es wurden keine signifikanten Auswirkungen der Dauer der väterlichen Elternzeit festgestellt. Der Difference-in-Differences-Ansatz ergab einen positiven Reformeffekt auf die Beziehungszufriedenheit der Mütter. Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Verkürzung der mütterlichen Elternzeit im Rahmen der Reform einen größeren Einfluss auf die Beziehungsqualität von Paaren hatte als die relativ kurze Elternzeit, die die meisten Väter seit der Einführung des individuellen Elternzeitanspruchs nehmen.

Babst Axel, Gehrig Franziska, Prof. Dr. Groß Martin, Hofmann Elias, Dr. Lang Volker & Schuler Gabriel: Weitere Befunde aus dem BMAS-FIS-Projekt „Corona-Krise und berufliche Anerkennung“

 

Seit Pandemiebeginn ist die öffentliche Akzeptanz der staatlich geregelten Infektionsschutzmaßnahmen, die teilweise tief in den Alltag und das soziale Leben eingreifen, wichtige Basis zum Gelingen der Pandemiebekämpfung. Mit dem Ziel, eine hohe Anzahl an Infektionen und daraus resultierende schwere oder gar tödliche Krankheitsverläufe und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, wurden erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der individuellen Freiheiten umgesetzt.

Vor dem Hintergrund der Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante hat die Diskussion um politische Interventionen zur Vermeidung von Kontakten und Erhöhung der Impfbereitschaft ein weiteres Mal an Brisanz gewonnen. Insofern ist es gerade jetzt von besonderem Interesse, Möglichkeiten und Wege zu identifizieren, die für die Akzeptanz der Maßnahmen sorgen. Im Rahmen des BMAS-FIS-geförderten Projekts „Corona-Krise und berufliche Anerkennung“ war dies eine der zentralen Fragestellungen: Erhöht berufliche Anerkennung die Akzeptanz von politisch beschlossenen Infektionsschutzmaßnahmen?

Zwar sind unsere Daten mittlerweile fast ein Jahr alt, doch zur Untersuchung einer gerade aktuellen, praktisch relevanten Fragestellung sehr geeignet: Inwiefern trägt soziale Anerkennung dazu bei, dass politisch beschlossene Infektionsschutzmaßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert und unterstützt werden? Antworten hierzu finden sich im aktuellen, fünften Teil des Ergebnisberichts unseres Projekts.

01/2022

Ludovica Gambaro, Anthony Buttaro Jr., Heather Joshi, Mary Clare Lennon: Beeinflusst die Wohnmobilität die Entwicklung der fünfjährigen Kinder? Eine vergleichende Studie von Kindern, die in US-amerikanischen und britischen Städten geboren wurden

Wohnmobilität ist eine häufige Erfahrung bei sehr kleinen Kindern, wird jedoch als eine Quelle der Störung für die Entwicklung eines Kindes angesehen. Mobilität kann ihre eigenen direkten Konsequenzen haben oder die Fähigkeiten und Schwachstellen von Familien widerspiegeln. In dieser gemeinsam mit Kollegen des UCL Social Research Institute (UK) und des CUNY Graduate Center (USA) durchgeführten Studie untersuchten wir den Zusammenhang zwischen Wohnortwechsel und verbalen und verhaltensbezogenen Bewertungen von Kindern im Alter von 5 Jahren. Im Gegensatz zu früheren Studien verglichen wir zwei Länder, basierend auf der Studie Fragile Families and Child Wellbeing in den USA (N=bis zu 1.820) und einer städtischen Teilstichprobe der britischen Millenniums-Kohortenstudie (N=bis zu 7.967). Da sich Familien, die umziehen, wahrscheinlich unterscheiden von denjenigen, die nicht umziehen, haben wir inverse Wahrscheinlichkeitsgewichtung angewendet, um beobachtbare Auswahlverzerrungen im Zusammenhang mit der Wohnmobilität zu minimieren und weiter auf eine Vielzahl von Familienmerkmalen und Veränderungen zu achten, die häufig mit Umzügen einhergehen, zum Beispiel Trennung der Eltern oder Arbeitsplatzverlust. Ein besonderes Merkmal dieser Studie ist die Kategorisierung von Umzügen auf der Grundlage der Art der Nachbarschaft, aus der und in die Familien ziehen, indem Längsschnittdaten auf individueller Ebene mit Messungen der sozioökonomischen Zusammensetzung der Nachbarschaft verknüpft werden. Die Ergebnisse zeigen, dass Wohnumzüge für Kinder nicht zwangsläufig schädlich sind. In beiden Ländern resultieren die schlechteren Ergebnisse einiger Umzüge nicht aus Umzügen an sich, sondern aus dem Kontext, in dem sie stattfinden.

12/2021

Das Kommunikationsverhalten von Paaren und die geschlechtsspezifische Aufteilung der Familienarbeit im Übergang zur Elternschaft

von Silke Büchau, Pia S. Schober und Dominik Becker, Universität Tübingen & Bundesinstitut für Berufsbildung

Die Mehrheit der Paare beabsichtigt, die Arbeitsteilung nach der Geburt ihres ersten Kindes beizubehalten (Institut für Demoskopie Allensbach, 2019; Müller, Neumann, & Wrohlich, 2013). In der Praxis verstärkt der Übergang zur Elternschaft jedoch häufig geschlechtsspezifische Ungleichheiten (Kühhirt, 2012), die in den Jahren nach der Geburt eines Kindes tendenziell fortbestehen (Grunow et al., 2012; Kühhirt, 2012). Die vorliegende Studie untersucht das konzeptionelle Argument, dass eine konstruktive und explizite Paarkommunikation geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei der Aufteilung der Familienarbeit verringern kann. Anhand von 314 Ersteltern aus dem deutschen Familienpanel (pairfam) untersuchen wir mit Hilfe von Wachstumskurvenmodellen, ob die Merkmale der Partner vor Geburt des ersten Kindes die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung zum Zeitpunkt der Geburt und in den Folgejahren erklären. Nach Kontrolle von Geschlechtereinstellungen und ökonomischen Ressourcen der Partner ist die Häufigkeit der positiven Kommunikation des Mannes mit einer stärkeren Beteiligung des Vaters an der Hausarbeit und der Kinderbetreuung verbunden. Allerdings dämpft weder das positive Kommunikationsverhalten der Männer noch das der Frauen die Verschiebung hin zu einer traditionelleren Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung in den ersten Jahren nach der Geburt des Kindes. Die Häufigkeit der negativen Kommunikation beider Partner korreliert nicht mit der Aufteilung der Familienarbeit.

11/2021

Berührt sein von Léo Coutellec, Sebastian J. Moser und Hartmut Rosa
Ethik, Epistemologie und Politik der Affekte in Krisenzeiten

Müssen wir das Wasser erst am Halse spüren, bevor die ökologische Krise uns zum Handeln motiviert? Oder wäre es auch möglich, dass wir uns, ohne selbst hungrig zu sein, aktiv und gemeinschaftlich gegen eine stetige Zunahme der sozialen Ungleichheiten stellen? Ist es möglich von Krisen so berührt, so affiziert zu werden, dass wir uns für und mit anderen engagieren, jenseits von Slogans oder der öffentlichen Proklamation von Werten, sondern mit Leib und Seele? Dieses Dossier will einen Beitrag zur Konstruktion eines ethischen, epistemologischen und politischen Horizonts der Affekte in Krisenzeiten leisten. Wie können die Werte, die für uns verteidigungswürdig sind, mit unserem Körper beziehungsweise all unseren Sinnen in Resonanz treten und so Handeln induzieren? Wie können Werte auch in den Institutionen zum Ausdruck kommen, deren Logik unser tägliches Handeln bestimmt und die gleichzeitig für diese Werte unempfindlich oder "stumm" sind? Mit anderen Worten: Wie können Affekte zur Entstehung eines sozialen und politischen Bandes beitragen?

10/2021

Netzwerke, Straßen und sozialräumlich Unterschiede:
Vergleich der sozialen Beziehungen in Städten rund um das Mittelmeer (Dr. Claire Bullen)

Ab September 2021 beginne ich in Marseille, Frankreich, die erste Phase einer vergleichenden Studie über den städtischen Wandel im Mittelmeerraum. Dabei werde ich ethnografische Forschung (einschließlich teilnehmender Beobachtung und lebensgeschichtlicher Interviews, unterstützt durch Fragebögen, Archivrecherche und Fotografie) entlang einer zwei Kilometer langen "Straße" durchführen, die sich vom Hafen von Marseille in Richtung relativ prestigeträchtiger Wohnviertel erstreckt und an einem stigmatisierten Stadtviertel hinter dem Hauptbahnhof von Marseille vorbeiführt.
    Seit Mitte der 1990er Jahre wurde ein Ende dieser Straße, das dem Hafen von Marseille am nächsten liegt, in ein zentrales Geschäftsviertel (Central Business District, CBD) umgewandelt, das unter dem Namen „Euroméditerranée“ Stadtumbau bekannt ist. Das Stadtbild ist geprägt von modernen Büros, internationalen Hotelketten, großen Kultureinrichtungen und bewachten (und geschlossenen) Wohnblocks. Am anderen Ende der Straße wurden ehemalige heruntergekommene Häuser, die für die Bourgeoisie von Marseille im 19. Jahrhundert gebaut worden waren, durch die Kommunalpolitik und die Investitionen der wachsenden "kreativen Klasse" von Marseille nach und nach "gentrifiziert". Der mittlere Teil der Straße wird allgemein als segregiert und verarmt beschrieben; in diesem Teil der Straße konkurriert das maghrebinische Arabisch mit dem Französischen auf den Bürgersteigen.
    Ziel dieser Untersuchung ist es, die sich wandelnde Zusammensetzung, Struktur und Relationalität sozialer Netzwerke von Stadtbewohnern entlang dieser kontrastreichen Straße in Marseille zu erforschen, um besser zu verstehen, wie sozialräumliche Unterschiede in ungleichen Machtverhältnissen erzeugt, dargestellt und erlebt werden.
    Die "Straße" hat in der Stadtforschung eine lange Geschichte. Straßen dienen oft als Schauplätze für mikrosoziologische Analysen städtischer Sozialitäten, von Zivilität und Solidarität bis hin zu Angst und Gewalt (Anderson 1999; Roulleau-Berger 2004, Whyte 1943), oder als Fenster zu "städtischen Kulturen" (Geschke 2009; Hohm 1997). Da Straßen naturgemäß verschiedene soziale Räume und Maßstäbe miteinander verbinden und überschneiden (Roncayolo 1996), sind sie ein hervorragender Ausgangspunkt, um die Komplexität des städtischen Lebens auf eine Art und Weise zu analysieren, die es vermeidet, sich auf offizielle Formen der Aufteilung der Stadt zu verlassen (Verwaltungsgrenzen, Wohnungsbesitz, Volkszählungsdaten und sozioökonomische Profile), und die eine größere Sensibilität für lokale Orte und Bedeutungsbildungsprozesse ermöglicht (vgl. Fournier und Mazzela 2004; Miller 2005; Hall 2015).
    Entlang dieses Weges werde ich verschiedene soziale Netzwerke mithilfe von semistrukturierten Interviews, lebensgeschichtlichen Interviews und teilnehmender Beobachtung untersuchen. Ich stütze mich dabei auf den von der Manchester School of Social Anthropology entwickelten Ansatz der sozialen Netzwerke (Evens und Handelman 2006). Dies ermöglicht es mir, Verbindungen herauszuarbeiten, die Menschen miteinander verknüpfen, die nicht durch Konzepte wie Nachbarschaft, Verwandtschaft, Klasse oder ethnische Zugehörigkeit miteinander verbunden sind, während ich gleichzeitig verschiedene und sich verändernde Status und Formen der Einbindung von Individuen in lokale, nationale und transnationale soziale Felder (Freundschaftsbande, Vereinigungen usw.) untersuche (Nieswand 2012).
    Die Herausforderung der städtischen Ethnografie besteht immer darin, von Interaktionen auf der Mikroebene zu Prozessen und Strukturen auf der Makroebene überzugehen. In diesem Projekt wird der Begriff "Mittelmeer" als analytisches Prisma verwendet, das es mir ermöglicht, den Austausch auf Straßenebene in denselben Rahmen zu stellen wie stadtweite, nationale, transnationale und globale politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Machtbeziehungen.
    Im alltäglichen Sprachgebrauch kann das Wort Mittelmeer einfach als Bezeichnung für die geografische Lage eines Ortes in Bezug auf die Wasserfläche zwischen Europa, Afrika und Asien verstanden werden. Der Begriff ruft jedoch auch viele soziale oder kulturelle Bedeutungen und Werte hervor, sowohl positive - zum Beispiel, wenn er für eine Form von grenzüberschreitender Offenheit und Formen des Kosmopolitismus steht - als auch negative, wenn er zum Beispiel für "zu viel Einwanderung" und/oder Chaos, Degradierung und "Andersartigkeit" verwendet wird (elhariry und Talbayev 2018). Das vorherrschende Verständnis davon, was und wo das Mittelmeer ist und welche Werte mit mediterranen Menschen und Orten assoziiert werden, wurde historisch durch die europäische Kolonialisierung und die anhaltenden ungleichen Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd geprägt. Neuere kritische Überlegungen untersuchen das Mittelmeer jedoch als Idee und Ort, von dem aus man sich dezentrieren und "Alternativen" zu eurozentrischen und rassistischen Erzählungen über die Region anbieten kann (Bermant 2017; Giaccaria und Minca 2011; Proglio 2018).      
In Marseille werden mit der Straße, die ich untersuchen werde, sowohl negative als auch positive Vorstellungen vom Mittelmeer verbunden. Bei der Durchführung dieser Untersuchung werde ich besonders darauf achten, wie die Bedeutung und der Wert des Mediterranen in den untersuchten sozialen Netzwerken in den Vordergrund treten und wieder verschwinden. Meine These ist dass die Zweideutigkeit des Begriffs, seine historisch-kontingenten sozialen Geografien und seine zeitgenössische Relevanz das Nachdenken über die Machtdynamiken, die die städtischen Beziehungen in Marseille prägen, sehr produktiv machen können.
In einer zweiten Phase dieses Projekts, die für 2023-26 geplant ist, soll eine ähnliche Studie in einer Stadt am südlichen Mittelmeer im Maghreb durchgeführt werden. Der Zweck, eine "nördliche" und eine "südliche" "Mittelmeerstadt" in denselben Rahmen zu bringen, besteht darin, binäre Auffassungen von Afrika/Europa, Süden/Norden, (post)kolonisiert/kolonisiert, barbarisch/zivilisiert usw. in Frage zu stellen und einen innovativen vergleichenden und relationalen methodischen Rahmen zu entwickeln, der zur Theorie des sozialen Wandels in Städten rund um das Mittelmeer und anderswo auf der Welt beitragen kann.

 

09/2021

Forschungsprojekt: Wandel beruflicher Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie

von: Axel Babst und Dr. Volker Lang

 

Mit dem Schlagwort „Systemrelevanz“ wurden während der Corona-Pandemie Berufsgruppen einerseits von staatlicher Seite kategorisiert - und davon ausgehend Ausnahmegenehmigung und Restriktionen erteilt - und andererseits gesellschaftliche Debatten zur Bedeutsamkeit dieser Berufe angestoßen. Knapp anderthalb Jahre nach Einführung der ersten Infektionsschutzmaßnahmen gegen eine Ausbreitung des COVID 19-Virus in Deutschland stellt sich nun die Frage, inwiefern die Unterscheidung anhand des Kriteriums „Systemrelevanz“ die Wahrnehmung und Einstellungen von verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich beeinflusst.
Unser vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördertes Forschungsprojekt „Berufliche Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie“ liefert hierzu erste Erkenntnisse hinsichtlich der wahrgenommenen Belastung, beruflichen Anerkennung sowie Einhaltung von und Zustimmung zu Infektionsschutzmaßnahmen für die deutsche Erwerbsbevölkerung. So zeigen die Daten von zwei im Februar und März 2021 durchgeführten Online-Befragungen, dass das Kriterium der Systemrelevanz tatsächlich maßgeblich dazu beiträgt, inwiefern sich verschiedene Berufsgruppen derzeit anerkannt fühlen oder nicht und ob sie während der Pandemie eine Verbesserung oder eine Verschlechterung ihrer beruflichen Anerkennung wahrgenommen haben. Besonders sticht dabei die Gruppe der sogenannten „Basisarbeiter*innen“ hervor – Beschäftigte in Tätigkeiten, die einerseits als systemrelevant klassifiziert werden und andererseits kein oder nur ein sehr geringes Qualifikationsniveau erfordern. Erwerbstätige in Basisarbeit berichten ein höheres Maß an Belastung, gleichzeitig aber auch eine Verbesserung ihrer beruflichen Anerkennung. Allerdings geht diese verbessert wahrgenommene Anerkennung nicht mit der Wahrnehmung einer entsprechenden Berücksichtigung bei politischen Unterstützungsmaßnahmen für einzelne Berufsgruppen im Zuge der Corona-Pandemie einher.
Wie sich berufliche Anerkennung auf die Compliance zu Infektionsschutzmaßnahmen auswirkt sowie detaillierte Ausführungen zu den weiteren zentralen Ergebnissen sind im Ergebnisteil der Webseite des Projekts zu finden – viel Spaß bei der Lektüre: https://uni-tuebingen.de/de/197507

07/2021

‘Legitimate yet Unwanted? Tracing the Localised Pathways of Incorporation of EU Mi-grants in Two German Cities’
Forscherin: Dr. Polina Manolova


Jüngere akademische Debatten sind zum Konsens gekommen, dass „Freizügigkeit“ in der EU zur Herausbildung eines neuartigen Migrationssystems geführt hat, in dem vorübergehende und zirkuläre grenzüberschreitende Mobilitäten Vorrang vor Integration und langfristiger Niederlassung haben. Politische und mediale Diskurse haben die Ankunft von bulgarischen und rumänischen (EU2) Migrant*innen in Westeuropa und insbesondere in Deutschland als „Sozialhilfetourismus“ und „Armutsmigration“ dargestellt und dabei die Belastungen hervorgehoben, die die Ansprüche von Migrant*innen auf sozioökonomische Eingliederung für nationale soziale Sicherungssysteme sowie lokale Infrastrukturen und Ressourcen verursachen können. Dieser politische Widerstand gegen das Freizügigkeitsprinzip hat mehrere regulatorische Neuerungen zur Beschränkung des Zugangs zu Sozialhilfe und Aufenthaltstiteln herbeigeführt, wodurch einer beträchtlichen Anzahl von EU2-Bürger*innen die Mobilität, Freizügigkeit und das Recht auf Niederlassung aberkannt werden.   Obwohl öffentliche Berichte über die prekäre sozioökonomische Lage osteuropäischer Migrant*innen in westlichen Staaten zunehmen, sind Analysen zu kontextuellen Faktoren der strukturellen Eingliederung von Migrant*innen unzureichend und sind meist in „klassischen“ Integrationsparadigmen und politikwissenschaftlichen Ansätzen angesiedelt. Eingehende empirische Studien zu Lebenssituationen und grenzübergreifenden Praktiken der Eingliederung von EU-Migrant*innen liegen bisher nicht vor. Dieses Projekt soll diese Lücke schließen, indem es die urbanen Eingliederungspfade bulgarischer Migrant*innen in zwei nahe gelegenen, aber unterschiedlich großen deutschen Städten untersucht, Frankfurt am Main und Lollar. Ziel ist es, aus einer emischen Perspektive nachzuzeichnen, wie sich formell vorgesehene Integrationsmodi und Erfahrungen der Eingliederung in den drei miteinander verknüpften Bereichen Beschäftigung, Sozialwesen und öffentliche Verwaltung zueinander verhalten. Um die formellen und eher verdeckten Mechanismen aufzuzeigen, durch die mobile EU-Bürger*innen zu „Migranten“ mit eingeschränkten Rechten gemacht werden, entwickelt das Projekt eine innovative theoretische Perspektive aus zwei Hauptrichtungen. Erstens baut es auf „klassische“ Forschung zur strukturellen Eingliederung auf und verbindet sie mit jüngeren Konzepten der kritischen Grenzregime- und „citizenship“-Forschung, um die Rekonfiguration von „migration governance“ auf nationaler und lokaler Ebene zu konzeptualisieren und analytisch zu entschlüsseln. Zweitens werden Einblicke der Integrations- und Transnationalismusforschung kombiniert, um Eingliederung als dynamischen und räumlich differenzierten Prozess greifbar zu machen. Der methodische Rahmen des Städtevergleichs ermöglicht dabei die Analyse von „Lokalität“ als untergeordnete Stufe in einem vielschichtigen „migration governance“-System und als Kontext, in dem Migrant*innen auf (trans-)lokale Netzwerke und Unterstützungsinfrastrukturen zugreifen. Ferner bietet der Vergleich von Städten mit sehr unterschiedlicher globaler Bedeutung und Machtposition Einblicke darin, wie die relationale Produktion von Lokalität die Möglichkeiten und Hindernisse, innerhalb derer Migrant*innen ihre Eingliederung verhandeln, unterschiedlich beeinflusst.  
Dieses Projekt wird derzeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Moduls "Eigene Stelle" begutachtet. Ergebnisse aus vorläufigen und früheren analogen Forschungen können in den JEMS und Movements gefunden werden.

06/2021

Bennani, H., Müller, M. „Who are we and how many?“ – Zur statistischen Konstruktion globaler Personenkategorien. Köln Z Soziol (2021). https://doi.org/10.1007/s11577-021-00747-x

Ausgehend von der Annahme, dass Personenkategorien in internationalen Statistiken nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch (mit-)erzeugt, reproduziert und objektiviert werden, fragt der Beitrag danach, wie genau Zahlen über personale Differenzierungen mit einem globalen Geltungsanspruch zustande kommen. Datengrundlage sind Dokumente aus internationalen Organisationen zu den entsprechenden politischen Entscheidungen sowie technische Anweisungen und Methodenhandbücher mit Erhebungsempfehlungen. Mithilfe einer wissenssoziologisch inspirierten Detailanalyse werden die üblicherweise nicht mehr sichtbaren Schritte der Quantifizierung anhand ausgewählter Beispiele (u. a. „Alter“, „Geschlecht“, „Ethnizität“, „Behinderung“) rekonstruiert: angefangen bei der begrifflichen Standardisierung personaler Merkmale, über ihre Operationalisierung und Festlegung von Indikatoren bis hin zur Aggregation der Einzelfälle zu Zahlen auf Weltebene. Dabei werden sowohl die Spannungen sichtbar, die zwischen der möglichst differenzierten Erfassung verschiedener Personen und der enormen Komplexitätsreduktion von Zahlen bestehen, als auch die Herausforderungen der Etablierung eines globalen Äquivalenzraumes. Der Beitrag verbindet damit vor allem Fragen der Kategorisierungs- und Quantifizierungsforschung und liefert innovative Einsichten darüber, wie genau kategoriale Differenzierungen zwischen Menschen in Zahlen transformiert und mit Objektivität versehen werden.

link.springer.com/article/10.1007/s11577-021-00747-x

04/2021

Forschungsprojekt "Bedrohung und Diversität im urbanen Kontext. Ethnisch heterogene und ungleiche Stadtteile im Globalen Süden", Dieterich, M. & Martinez, D.

Unser Forschungsprojekt ‚Bedrohung und Diversität im urbanen Kontext. Ethnisch heterogene und ungleiche Stadtteile im Globalen Süden‘ ist Teil des von der DFG geförderten Sonderforschungsbereiches 923 Bedrohte Ordnungen an der Universität Tübingen. Die Leitung des Projekts unterliegt Boris Nieswand und die beiden Mitarbeiter Damian Martinez und Manuel Dieterich untersuchen jeweils ethnografisch in Santiago de Chile und Johannesburg, wie sich alltägliche Bedrohungskommunikation auf das Verhältnis der BewohnerInnen in ethnisch und sozial heterogenen Nachbarschaften auswirken. Die Fallauswahl der Nachbarschaften in den beiden Städten erfolgte aufgrund der Heuristik der urbanen Diversitätskonfigurationen, die in der vorigen Phase des Projekts in Frankfurt a.M. und Murcia (Spanien) entwickelt wurde. In den Städten wird jeweils eine Konfiguration von zwei angrenzenden Nachbarschaften untersucht, wobei sich die beiden Gebiete hinsichtlich der Dimensionen 1.) Stadtteilmorphologie, 2.) ethnische Komposition und 3.) soziale Ungleichheit unterscheiden. Im Fall von Santiago de Chile handelt es sich um die Konfiguration der Nachbarschaften Lo Hermida und Peñalolén Alto, in Johannesburg um Soul City und Mindalore. Lo Hermida ist aus Landbesetzungen entstanden und eine informelle Siedlung, genauso wie Soul City. Peñalolén Alto und Mindalore sind hingegen Nachbarschaften der Mittelklasse, die auch teilweise in gated communities leben. Die Leitfragen, welche wir mit unseren Ethnografien beantworten möchten, drehen sich um den Zusammenhang von lokaler Diversitätskonfiguration (Wahrnehmung und Ausagieren der Differenzen), Bedrohungskommunikationen (was als (lokales) Problem adressiert wird) und Prozessen des re-ordering (Reaktionen auf die thematisierten Bedrohungen). Durch unseren transnationalen Projektaufbau und die sich daraus ergebenden Vergleichsmöglichkeiten zielen wir darauf ab, tiefergehende Einsichten hinsichtlich folgender Fragen zu erhalten:  
1.) Welche Rolle spielen Unterschiede in der lokalen Diversitätskonfiguration der Stadtteile? So ist etwa in Santiago de Chile die Differenzkategorie Klasse aufgrund historischer Entwicklungen (Pinochet-Diktatur und ‚Wiege‘ des Neoliberalismus) zentral im Gegensatz zu ‚race‘ als Leitdifferenz in Johannesburg mit historischen Wurzeln im Apartheid-Regime. Allerdings sind diese Kategorisierungen nicht automatisch die situationsrelevanten, weshalb wir versuchen, für unterschiedliche Bedrohungen die jeweils damit einhergehenden kategorialen Grenzziehungsprozesse herauszuarbeiten. Daraus ergibt sich die zweite Frage:
2.) Inwiefern sind Unterschiede zwischen Bedrohungstopoi relevant für das re-ordering? Je nachdem, ob sich die Bedrohungskommunikation beispielsweise auf die Verschiebung von Dominanzverhältnissen zwischen Etablierten und Zugezogenen in der Nachbarschaft bezieht, auf die Bedrohung für Leib, Leben und Besitz durch Kriminalität oder Naturkatastrophen oder auf die unzureichende Bereitstellung von Infrastruktur wie Straßen, (Ab-)Wasser, Elektrizität, etc. durch den Staat, finden sich sehr unterschiedliche Antwort-Reaktionen darauf. Im Zusammenspiel unterschiedlicher Bedrohungsdiagnosen und Antwortreaktionen aktualisieren sich jeweils andere Differenzkategorien. Die unterschiedlichen Bedrohungen führen deshalb zu situativen Verschiebungen der lokalen Diversitätskonfiguration. Daran schließt die dritte Frage an:
3.) Wie wirken sich unterschiedliche Verhältnisse von staatlicher Durchdringung bzw. Informalisierung oder Privatisierung von Ordnungsfunktionen auf das re-ordering aus? So finden sich in den Nachbarschaften etwa einerseits Versuche der Selbsthilfe in Form von Nachbarschaftswachen gegen Kriminalität, Suppenküchen gegen Hunger und Armut oder Nachbarschaftskomitees zur Diskussion und Entscheidungsfindung. Andererseits gibt es ebenso Versuche der Skandalisierung der staatlichen Vernachlässigung in Form von Protesten, Petitionen oder der Formierung von Interessensgruppen wie Parteien.

03/2021

Projekt „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen. Ethnografische Analysen von Elternwerdung, Trennung und Auszug des Kindes.“, M. Döbler, J. Gerstewitz, M. Müller & N. Zillien. Universität Gießen & Universität Tübingen

 

Das Projekt „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen. Ethnografische Analysen von Elternwerdung, Trennung und Auszug des Kindes.“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und in Kooperation mit Nicole Zillien und Julia Gerstewitz von der Universität Gießen von Marion Müller und Marie-Kristin Döbler durchgeführt. Während sich die erste Förderperiode auf den Übergang in die Elternschaft konzentrierte, wenden wir uns nun der Auflösung der Familie im Fall von Trennung oder Scheidung und dem Auszug der Kinder („Empty Nest“) zu. Diese drei Übergangsphasen und Veränderungen verstehen wir als liminale Phasen. Diese werden durch den Verlust von Eigenschaften des bisherigen ‚Zustands‘, das Fehlen zukünftiger/neuer Eigenschaften oder auch die Ungewissheit, welche Eigenschaften dies überhaupt sein werden, gekennzeichnet. Damit folgen wir Prämissen und Erkenntnissen der anthropologischen Initiations- und Ritualtheorie sowie der soziologischen Lebenslaufforschung, die diesen familienbiographischen Transformationen eine besondere Notwendigkeit zur Veränderung zuschreiben. Wir gehen ferner davon aus, dass liminale Phasen als Kristallisationspunkt für (Neu-)Aushandlungen der Beteiligten und als Vergrößerungsglas für Forscher fungieren. Wir vermuten folglich, dass die Fokussierung dieser Phasen Licht auf die Fragen wirft, warum Geschlechterdifferenzen sich hartnäckig als dominantes Ordnungsprinzip des Familienlebens erweisen und wie dadurch unterschiedliche Zuschreibungen und Praktiken weiblicher und männlicher Elternschaft gerechtfertigt und legitimiert, motiviert und begründet werden.

 

Bisher überwiegend makrosoziologisch orientierter Lebenslaufforschung ergänzend, nehmen wir entsprechende Prozesse auf der Mikroebene in den Blick. Wir untersuchen, wie die familiären Übergangsereignisse und ihre Folgen im Alltag von konkreten Individuen in physischer Ko-Präsenz erlebt, inszeniert und möglicherweise (neu) verhandelt, aber auch wie sie in vermittelter Kommunikation über Internet oder Massenmedien diskutiert werden. Dazu führen wir (Online-)Ethnographien durch und analysieren hermeneutisch eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien: Beobachtungen von Geburtsvorbereitungskursen und Familiengerichtsverfahren, narrative Interviews mit Eltern, die sich getrennt haben oder deren Kinder von zu Hause ausgezogen sind, sowie Internetforen und Ratgeber, die sich mit Schwangerschaft, Geburt, Trennung/Scheidung und dem Übergang in das sogenannte Empty Nest beschäftigen. Unser Ziel ist es, über das Material hinweg Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren, vor allem aber die verschiedenen Lebenslaufübergänge vergleichend zu betrachten. Ein besonderes Interesse richtet sich dabei auf die geschlechterdifferenzierten Zuschreibungen und Praktiken in Bezug auf:

(1) Aufteilung von Betreuung und Erwerbstätigkeit,

(2) Eltern-Kind-Beziehung und Wohlbefinden des Kindes,

(3) Legitimationsmuster der elterlichen Geschlechtsunterschiede und

(4) den Körper.

02/2021

Babst Axel, Gehrig Franziska, Prof. Dr. Groß Martin, Hofmann Elias, Dr. Lang Volker & Schuler Gabriel: Forschungsprojekt - Wandel beruflicher Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie

 

Welche Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus sind notwendig und welche davon werden von der Bevölkerung akzeptiert? Vor dieser Frage stehen unsere Gesellschaft und die Politik insbesondere in den Wintermonaten der Corona-Pandemie. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Projekt „Berufliche Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie“ verfolgt zwei Zielsetzungen, um sich der zweiten dieser beiden grundsätzlichen Fragen anzunähern. Erstens wird untersucht, wie die Anerkennung der eigenen beruflichen Tätigkeit in verschiedenen Berufsgruppen – speziell in den sogenannten „systemrelevanten Berufen“ – wahrgenommen wird und ob sich die empfundene Anerkennung während der Pandemie verändert hat. Zweitens untersucht das Projekt, wie gesellschaftlich akzeptiert oder aber belastend die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wahrgenommen werden und wie diese Wahrnehmungen mit der Aberkennung der beruflichen Tätigkeit im Zusammenhang stehen. Sorgen Defizite in der wahrgenommenen Anerkennung für eine verringerte Zustimmung zu geltenden Corona-Maßnahmen? Zur Erörterung dieser Fragen werden zwei quantitative Online-Befragungen durchgeführt. Die Stichprobe besteht dabei aus mindestens 3.000 Befragten. Dabei handelt es sich um Erwerbstätige und auch Nicht-Erwerbstätige, die seit Beginn der Krise im Februar 2020 ihre Arbeit verloren haben. Neben der wahrgenommenen beruflichen Anerkennung und der Compliance zu Infektionsschutzmaßnahmen werden Informationen zur sozioökonomischen Stellung, Persönlichkeitsmerkmalen und politischen Einstellungen der Befragten erfasst.

 

Interessenten sind eingeladen der Webseite des Projekts einen Besuch abzustatten.

01/2021

Moser Sebastian J. & Schlechtriemen Tobias (2020): Sozialfiguren der Corona Pandemie. Ein Aufschlag, in: KWI-Blog, 16.11.2020, DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20201116-0900

 

Die Corona-Pandemie und die mit ihr einhergehenden Maßnahmen haben weltweit den Alltag der Menschen grundlegend verändert. Noch ist nicht absehbar, wie lange dies so bleiben wird, wir befinden uns in einer unsicheren Zwischenzeit. In solchen Zeiten betreten Sozialfiguren die gesellschaftliche Bühne. Sie verkörpern in figurativer Form, welche gesellschaftlichen Erfahrungs- und Problemlagen den alltäglichen Umgang mit der Pandemie prägen und ermöglichen uns als Gesellschaft eine Verständigung darüber.

Patient 0, Hamsterkäufer, Virologen, Landesväter oder Maskenverweigerer – dies sind die Figuren, die auf dem Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen zur Darstellung kommen. An ihnen interessiert das Gesellschaftliche, das sich in den Geschichten dieser menschlichen Figuren verdichtet. Kulturwissenschaftler verschiedener disziplinärer Herkunft eröffnen mit ihren sozialfigurativen Skizzen auch hinsichtlich der Schreibstile und Beschreibungsformen einen Experimentierraum.

 

Den Volltext finden Sie hier.

12/2020

Johannes Giesecke, Martin Groß & Stefan Stuth (2020): Berufliche Schließung und Lohnungleichheit: Wie berufliche Schließungseffekte zwischen Arbeitnehmergruppen variieren. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72, 157 - 195 (2020). DOI: 10.1007/s11577-020-00677-0

 

Berufliche Schließung etabliert, verändert und verstärkt institutionelle Barrieren, die den Zugang zu Berufen regeln. Damit beeinflusst berufliche Schließung auch den Prozess der Lohndeterminierung im Arbeitsmarkt, wie jüngere Studien auch für Deutschland mehrfach nachgewiesen haben. Allerdings geht diese Forschung in der Regel von der Annahme aus, dass berufliche Schließung alle Inhaber eines Berufs in der gleichen Weise bevor- oder benachteiligt. Im Gegensatz dazu zeigt dieser Aufsatz, dass sich berufliche Schließung für verschiedene Arbeitnehmergruppen in unterschiedlicher Weise auswirkt. Mit den Daten der Verdienststrukturerhebung 2006 unterscheiden wir neun Arbeitnehmerprofile (drei Bildungsgruppen in drei unterschiedlichen Karrierestufen), für die wir jeweils mittels eines zweistufigen Multilevelregressionsmodells den Effekt von fünf Schließungsmechanismen (Credentialismus, Standardisierung, Lizensierung, Repräsentation durch Berufsverbände und Repräsentation durch Berufsgewerkschaften) auf die mittleren Löhne in den Berufen untersuchen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Effekte beruflicher Schließung in der Tat zwischen Arbeitnehmergruppen unterscheiden. Wir können zeigen, dass sich Schließungseffekte zwischen Karrierestufen unterscheiden. Beispielsweise zahlt sich die Repräsentation durch Berufsverbände besonders für Arbeitnehmer in späteren Karrierestufen aus. Die Quellen der beruflichen Schließung sind zwischen Berufen ungleich verteilt und bevorteilen Arbeitnehmer mit tertiären Bildungsabschlüssen stärker als Arbeitnehmer mit beruflichen Bildungsabschlüssen. Credentialismus verhilft vor allem den Arbeitnehmern mit tertiären Abschlüssen zu Einkommensvorteilen. Allerdings weisen unsere Analysen auch auf komplexe Interaktionen zwischen Credentialismus und Standardisierung hin, die weitere Untersuchungen erfordern, welche das Zusammenspiel von individuellen Arbeitnehmercharakteristiken und den unterschiedlichen Quellen beruflicher Schließung offen legen.

 

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11/2020

Weber, Hannes, Schwenzer, Marc & Hillmert, Steffen (2020): Homophily in the formation and development of learning networks among university students. Network Science, 2020.

DOI: 10.1017/nws.2020.10

Die persönlichen Lernnetzwerke von Studierenden können eine wertvolle Ressource für den Erfolg an der Hochschule darstellen. Sie bieten eine Möglichkeit der akademischen und persönlichen Unterstützung und stellen auch Informationsquellen etwa bezüglich Prüfungen oder Hausaufgaben dar. Während Freundschaftsnetzwerke zwischen Studenten bereits recht ausgiebig untersucht worden sind, ist über die Entstehung und Entwicklung von Lernbeziehungen viel weniger bekannt. Wir untersuchen die Determinanten von persönlichen Lernnetzwerken mithilfe einer eigenen Panelstudie von Studierenden im ersten und zweiten Studienjahr. Alle Studierenden in der Studie waren im gleichen Studiengang eingeschrieben und gaben auf Basis einer Liste der Mitstudierenden Auskunft über Bekanntschaften und Lernpartnerschaften. In der Analyse sozialer Netzwerke ist es traditionell eine wichtige Frage, ob die Tendenz, Beziehungen gerade mit Personen mit ähnlichen Merkmalen aufzunehmen, eher auf Präferenzen („gewählte Homophilie“) oder eher auf selektive Gelegenheiten („induzierte Homophilie“) zurückzuführen ist. Theoretisch erwarten wir zunächst eine latente Präferenz auch für homophile Lernpartnerschaften in Bezug auf Attribute wie Geschlecht, akademische Leistung und soziale Herkunft. Empirisch schätzen wir dann seit kurzem verfügbare zeitbezogene Exponential Random Graph Modelle (TERGM), um die bereits vorhandene Netzwerkstruktur zu kontrollieren und Änderungen der Lernbeziehungen zwischen den Studierenden zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere bei männlichen Studierenden gleichgeschlechtliche Beziehungen heterogenen Beziehungen vorgezogen werden, während die Chancen für die Bildung von Beziehungen zwischen Studierenden mit unterschiedlichen akademischen Fähigkeiten eher gering sind. Soziale Herkunft erweist sich als ein wesentlicher Faktor im Querschnitt, scheint jedoch für die Ausbildung neuer (starker) Beziehungen im Verlauf des Studiums weniger wichtig zu sein.

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09/2020

Waiting: Taking Care of the present

No. 9 of the Revue française d’éthique appliquée, edited by Sebastian J. Moser and Daniel Dreuil

Our present is characterized by acceleration and the compulsion to act immediately. Against these imperatives, this edition of the Revue française d’éthique appliquée invites us to think about waiting, hesitation and pausing as an ethical resource. Waiting, a temporal experience of everyday life, is sometimes characterized by hope and even the expected happiness of the expected event. At the same time, however, there is also uncertainty and anxiety. These two dimensions of heteronomy range from discomfort to extreme fear. People who are waiting for a doctor's diagnosis after an examination, residents of care houses or asylum seekers who are waiting for their status to be legalized are just a few examples of the state of uncertainty that waiting puts us in. Waiting is a moral experience: it braces our practical relationship with the world by hindering our ability to make autonomous decisions. As a result, the question arises of how we can take care of waiting.

Available here in French

*** französische Version ***

En attente: Prendre soin du présent

No. 9 de la Revue française d’éthique appliquée, coordonné par Sebastian J. Moser et Daniel Dreuil 

Face à l’impératif de la vitesse et de l’action immédiate de notre époque, ce numéro propose de réfléchir sur l’attente comme ressource éthique. L’attente, expérience temporelle de la vie quotidienne, se teinte parfois d’espérance et même du bonheur anticipé de l’événement attendu mais peut être chargée d’incertitude et d’appréhension. Ces deux dimensions d’hétéronomie vont de l’inconfort jusqu’à l’extrême angoisse, celle des personnes engagées dans un parcours d’examens en vue d’un diagnostic, celle des demandeurs d'asile dans l'attente d'un refuge, etc. L’attente est bien une expérience morale: elle met entre parenthèses notre rapport pratique au monde en entravant l’activité libre. Dès lors, comment prendre soin de l’attente?

Disponible ici en française

*** deutsche Version ***

Wartend: Achtsam gegenüber der Gegenwart

Nr. 9 der Revue française d’éthique appliquée, herausgegeben von Sebastian J. Moser und Daniel Dreuil

Unsere Gegenwart ist geprägt von Beschleunigung und dem Zwang zu sofortigem, unverzüglichem Handeln. Gegenüber diesen Imperativen lädt die Ausgabe der Revue française d’éthique appliquée dazu ein, über das Warten, das Zögern und Innehalten als eine ethische Ressource nachzudenken. Das Warten, eine zeitliche Erfahrung des Alltags, ist manchmal von Hoffnung und sogar vom erwarteten Glück des erwarteten Ereignisses geprägt. Gleichzeitig aber haftet ihm auch Unsicherheit und Besorgnis an. Diese beiden Dimensionen der Heteronomie reichen von Unbehagen bis zu extremer Angst. Menschen, die nach einer Untersuchung auf die Diagnose des Arztes warten, Bewohner von Alten- oder Pflegeeinrichtungen oder Asylbewerber, die auf eine Legalisierung ihres Status warten, sind nur einige Beispiele für den Schwebezustand, in den das Warten uns versetzt. Warten ist eine moralische Erfahrung: Es setzt unsere praktische Beziehung zur Welt in Klammern, indem es unsere Fähigkeit zu autonomem Entscheiden behindert. Infolgedessen stellt sich die Frage, wie wir uns um das Warten kümmern können.

In französischer Sprache hier verfügbar

08/2020

Ausgangspunkt des gerade erst angelaufenen Projekts ist die Beobachtung, dass das „Personal“ der Weltgesellschaft als immer „diverser“ beschrieben wird. Aus einer wissenssoziologischen Perspektive fragen wir danach, wie globale Personenkategorien – etwa „Frauen“, „Menschen mit Behinderungen“ oder „indigene Völker“ - im Kontext der internationalen Politik hergestellt und institutionalisiert werden, aber auch wie und warum das bei manchen Kategorien nicht klappt oder sie vergessen werden. Dabei verstehen wir solche kulturellen Differenzierungen von Menschen mit globaler Reichweite nicht als „natürliche“ Unterscheidungen der Sozialwelt, sondern als höchst voraussetzungsvolle und daher eher unwahrscheinliche soziale Prozesse, in deren Verlauf kategoriale Ähnlichkeiten jeweils über die Grenzen von (ersten, zweiten, dritten) Welten, Regionen, Staaten und Kulturen hinweg festgestellt und als relevant eingestuft werden müssen. Wir gehen davon aus, dass globale Personenkategorien zentrale Strukturelemente der Weltgesellschaft sind und als Globalisierungsmechanismen fungieren: Indem Menschen sich selbst und andere weltweit als Angehörige derselben Kategorien beschreiben, entsteht ein globaler Beobachtungsraum, innerhalb dessen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Personen weltweit festgestellt werden können. Trotz aller anderen Unterteilungen wird die Welt durch diese geteilten Zugehörigkeiten als gemeinsame Sozialwelt wahrnehmbar. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir, wie genau und unter welchen Bedingungen es gelingt (bzw. misslingt), Personenkategorien als legitime politische und rechtliche Unterscheidungen zu etablieren. Wie verfestigen sie sich (oder eben nicht), und mit Hilfe welcher Mechanismen wird ihre Reichweite erfolgreich globalisiert? Wer sind die an diesen Prozessen beteiligten relevanten AkteurInnen? Und was sind die Bedingungen für eine erfolgreiche Institutionalisierung und Globalisierung von Personenkategorien?

Dazu nehmen wir sieben Fallbeispiele in den Blick, deren jeweiligen Institutionalisierungs- und Globalisierungsgeschichten rekonstruiert und verglichen werden: „sex/gender“, „race“, „refugees/migrants“, „people with disabilities“, „indigenous people(s)“, „poor people“ und „LGBTI people“. Die Analysen basieren erstens auf ausgewählten Textdokumenten nationaler und internationaler Organisationen, zweitens auf Leitfaden-gestützten Interviews mit ExpertInnen und ZeitzeugInnen und – da wir eine besondere Relevanz unmittelbarer Interaktionen für die Durchsetzung kategorialer Differenzierungen vermuten – drittens auf ethnografischen Untersuchungen in UN-Gremien und sozialen Bewegungen.

Das Projekt ist in mehrfacher Hinsicht innovativ und leistet einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Forschungskontexten: So wird die Forschung zu „Humandifferenzierungen“ (Hirschauer) erstmals um eine globale Perspektive und die Weltgesellschaftsforschung um eine kategoriale Sichtweise erweitert. Außerdem werden globale Prozesse der Kategorienbildung erstmalig aus einer interaktionstheoretischen Perspektive untersucht.

see also

Anthology: “Observing and comparing globally. Sociological world society studies”

Authors: Hannah Bennani (ed.), Martin Bühler (ed.), Sophia Cramer (ed.), Andrea Glauser (ed.)

From the collection World Society Studies

Ob Künstlerinnenrankings, Getreideklassifikationen oder das Erfassen von Zwangsarbeit – Praktiken des globalen Beobachtens und Vergleichens sind aus weltgesellschaftlichen Zusammenhängen kaum noch weg zu denken. Doch wie sind solche Verfahren entstanden? Wie werden Vergleiche kommuniziert und mit welchen Folgen? Die Beiträge des Bandes geben detaillierte Einblicke in das vielfältige Zusammenspiel von Vergleichspraktiken und Weltgesellschaft.

Link zum Sammelband

05/2020

The just gender pay gap in Germany revisited: The male breadwinner model and regional differences in gender-specific role ascriptions
Prof. Dr. Martin Groß

 

Es ist weithin bekannt, und Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, dass Frauen unter gleichen Arbeitsbedingungen durchschnittlich weniger verdienen als Männer. Weniger bekannt ist allerdings, dass dieser „Gender Pay Gap“ (GPG) weithin als gerecht betrachtet wird – auch von Frauen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie in Resarch on Social Stratification and Mobility untersuchen Volker Lang und Martin Groß, wie diese Lücke im „gerechten Einkommen“ zu erklären ist. Sie verwenden dabei eine Vignetten-Studie, die im Rahmen des bevölkerungsrepräsentativen SOEP – Pretestes von 2008 durchgeführt wurde. Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass vor allem das „männliche Ernährermodell“ für diese Gerechtigkeitslücke verantwortlich ist. Unter dieser Annahme ist davon auszugehen, dass insbesondere die Frage, ob Kinder im Haushalt vorhanden sind, einen erheblichen Einfluss auf das „gerechte Gender Pay Gap“ (gGPG) hat. Auf der Basis von 26.650 Gerechtigkeitseinschätzungen, abgegeben von 1066 Personen, können Lang und Groß nachweisen, dass in der Tat das männliche Ernährermodell die treibende Kraft hinter der Gerechtigkeitslücke darstellt. Die Befragten denken durchaus, dass kinderlose Männer und Frauen gleich bezahlt werden sollen – für Männer mit Kindern halten sie aber einen „Einkommensaufschlag“ von ca. 8% für gerecht. Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass das männliche Ernährermodell in den neuen Bundesländern weniger relevant ist als in den alten. Letzteres zeigt sich aber erst unter Verwendung eines neu entwickelten „Craggit“-Models zur Analyse der Daten.

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04/2020

Von Kindern zu Eltern: Die Rolle von privater Nachhilfe für die Leistungssteigerung der Kinder entlang der sozialen Herkunft. Eine südkoreanische Fallanalyse.
Dr. Laia Sanchez Guerrero

Die derzeitige Forschung erkennt die entscheidende Rolle von Eltern in Bezug auf den schulischen Erfolg der Kinder an. Jedoch wurde der Frage, wie eine Leistungsänderung der Kinder sich auf die elterlichen Bildungsstrategien und deren Investitionen in die kindliche Bildung auswirkt, weniger Aufmerksamkeit geschenkt. In einer neu veröffentlichten Studie in Research on Social Stratification and Mobility, untersucht Laia Sánchez Guerrero, ob Veränderungen der schulischen Leistungen einen Wandel in der elterlichen Bereitschaft für private Nachhilfe hervorrufen. Weiter wird untersucht, ob die Bereitschaft für weitere Investitionen bei schulischen Veränderungen entlang der sozialen Herkunft von Eltern unterschiedlich gewichtet wird. Zuletzt wird auch analysiert, inwiefern private Bildungsinvestitionen der Eltern tatsächlich die Bildungsleistungen ihrer Kinder verbessern.

Die empirische Analyse basiert auf einer Stichprobe des Korean Youth Panel Surveys, welches Daten von Jugendlichen aus Junior High Schools erhoben hatte. Basierend auf einer Fallzahl von 2.209 Beobachtungen, verwendete die Autorin ein dynamisches Probit-Modell mit Zufallseffekten, um in Erfahrung zu bringen, ob Leistungsveränderungen die elterlichen Bildungsentscheidungen beeinflussen und ob diese Entscheidungen die schulischen Leistungen verändern. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Leistungsmuster in der Entscheidungsfindung benachteiligter Eltern mehr Gewicht haben. Wenn benachteiligte Kinder ihre schulischen Leistungen verschlechtern, ist es wahrscheinlich, dass Eltern ihre Investitionen zurückziehen. Im Gegensatz dazu gibt es keinen deutlichen Unterschied in der Investitionsbereitschaft der privilegierten Eltern aufgrund von Leistungsänderungen. Die Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass private Bildungsinvestitionen einen positiven Effekt auf die schulischen Leistungen des Kindes haben und dass sich dieser positive Effekt auch entlang der sozialen Herkunft unterscheidet. Noch konkreter ausgedrückt, es scheint, als wären private Investitionen für privilegierte Schüler und Schülerinnen von größerem Vorteil als für benachteiligte. Dies liegt vielleicht daran, dass sich die Qualität der zu erhaltenden privaten Bildungsinvestitionen entlang der sozialen Herkunft unterscheidet.

03/2020

Qualität frühkindlicher Bildung und Betreuung: Ist sie für die mütterliche Erwerbsbeteiligung von Bedeutung?
Studien zu kindlichem Wohlbefinden weisen darauf hin, dass die Wirkung des Besuchs einer Kindertageseinrichtung für Kinder von der Qualität der Interaktionen und der Lernumwelt in diesen Institutionen abhängt. Konsequenzen der Kinderbetreuungsqualität für die elterliche Erwerbsbeteiligung wurde bisher wenig Aufmerksamheit geschenkt; der Fokus der Forschung lag bisher auf der Verfügbarkeit und den Kosten der Betreuung. In einer vor kurzem in Social Science Research erschienenen Studie untersuchten Pia Schober and Juliane Stahl, ob Mütter ihre Erwerbsbeteiligung und Arbeitsstunden rascher steigern, wenn ihre Kinder Kindertageseinrichtungen von höherer Qualität besuchen. Die Autorinnen der Studie legen nahe, dass bessere Betreuungsqualität, z.B. in Bezug auf den Kind-Betreuer-Schlüssel und häufige Kommunikation, die Vertrauensbildung zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften unterstützt und eine auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Betreuung erleichtert. Dies kann einen rascheren Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt und eine Erhöhung der Arbeitsstunden der Eltern ermöglichen.
Für die empirische Analyse verknüpfen die Forscherinnen das Sozio-Oekonomische Panel (SOEP) mit der neuen K2iD-SOEP-Erweiterungsstudie, die Qualitätsinformationen von Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland enthält. Auf Basis einer Stichprobe von 556 Müttern von 628 Kindern verwendeten die Autorinnen Change-Score-Modelle mit Entropy Balancing und berücksichtigten eine große Zahl beobachtbarer Merkmalen der Familien und Kindertageseinrichtungen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass höhere Betreuungsqualität in Bezug auf den Kind-Betreuer-Schlüssel und teilweise auch entwicklungsfördernde Aktivitäten sowie Angebote für Eltern mit rascheren Steigerungen der Arbeitsstunden der Mütter verbunden waren. Gruppengröße und Materialien schienen keine Rolle zu spielen. Aus Politikperspektive bieten diese Ergebnisse relevante Hinweise, dass Investitionen in Kinderbetreuungsqualität nicht nur dem kindlichen Wohlbefinden dienen, sondern auch den Arbeitsmarktwiedereinstieg von Müttern unterstützen können.