Institute of Sociology

Research in brief

DFG-Projekt: „Making up people“ in der Weltgesellschaft: Analysen zur Institutionalisierung globaler Personenkategorien
Projektteam: Prof. Dr. Marion Müller und Dr. Hannah Bennani
Wiss. MitarbeiterInnen: Annelen Fritz MA, Leandro Raszkewicz MA
Stud. Hilfskräfte: Sophia Falter, Mona Haddada
Projektlaufzeit: 1.05.2020-30.04.2023


Ausgangspunkt des gerade erst angelaufenen Projekts ist die Beobachtung, dass das „Personal“ der Weltgesellschaft als immer „diverser“ beschrieben wird. Aus einer wissenssoziologischen Perspektive fragen wir danach, wie globale Personenkategorien – etwa „Frauen“, „Menschen mit Behinderungen“ oder „indigene Völker“ - im Kontext der internationalen Politik hergestellt und institutionalisiert werden, aber auch wie und warum das bei manchen Kategorien nicht klappt oder sie vergessen werden. Dabei verstehen wir solche kulturellen Differenzierungen von Menschen mit globaler Reichweite nicht als „natürliche“ Unterscheidungen der Sozialwelt, sondern als höchst voraussetzungsvolle und daher eher unwahrscheinliche soziale Prozesse, in deren Verlauf kategoriale Ähnlichkeiten jeweils über die Grenzen von (ersten, zweiten, dritten) Welten, Regionen, Staaten und Kulturen hinweg festgestellt und als relevant eingestuft werden müssen. Wir gehen davon aus, dass globale Personenkategorien zentrale Strukturelemente der Weltgesellschaft sind und als Globalisierungsmechanismen fungieren: Indem Menschen sich selbst und andere weltweit als Angehörige derselben Kategorien beschreiben, entsteht ein globaler Beobachtungsraum, innerhalb dessen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Personen weltweit festgestellt werden können. Trotz aller anderen Unterteilungen wird die Welt durch diese geteilten Zugehörigkeiten als gemeinsame Sozialwelt wahrnehmbar. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir, wie genau und unter welchen Bedingungen es gelingt (bzw. misslingt), Personenkategorien als legitime politische und rechtliche Unterscheidungen zu etablieren. Wie verfestigen sie sich (oder eben nicht), und mit Hilfe welcher Mechanismen wird ihre Reichweite erfolgreich globalisiert? Wer sind die an diesen Prozessen beteiligten relevanten AkteurInnen? Und was sind die Bedingungen für eine erfolgreiche Institutionalisierung und Globalisierung von Personenkategorien?
Dazu nehmen wir sieben Fallbeispiele in den Blick, deren jeweiligen Institutionalisierungs- und Globalisierungsgeschichten rekonstruiert und verglichen werden: „sex/gender“, „race“, „refugees/migrants“, „people with disabilities“, „indigenous people(s)“, „poor people“ und „LGBTI people“. Die Analysen basieren erstens auf ausgewählten Textdokumenten nationaler und internationaler Organisationen, zweitens auf Leitfaden-gestützten Interviews mit ExpertInnen und ZeitzeugInnen und – da wir eine besondere Relevanz unmittelbarer Interaktionen für die Durchsetzung kategorialer Differenzierungen vermuten – drittens auf ethnografischen Untersuchungen in UN-Gremien und sozialen Bewegungen.
Das Projekt ist in mehrfacher Hinsicht innovativ und leistet einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Forschungskontexten: So wird die Forschung zu „Humandifferenzierungen“ (Hirschauer) erstmals um eine globale Perspektive und die Weltgesellschaftsforschung um eine kategoriale Sichtweise erweitert. Außerdem werden globale Prozesse der Kategorienbildung erstmalig aus einer interaktionstheoretischen Perspektive untersucht.