Institut für Soziologie

RESEARCH IN BRIEF

Aktuell - 04/2021

Threat and Diversity

Unser Forschungsprojekt ‚Bedrohung und Diversität im urbanen Kontext. Ethnisch heterogene und ungleiche Stadtteile im Globalen Süden‘ ist Teil des von der DFG geförderten Sonderforschungsbereiches 923 Bedrohte Ordnungen an der Universität Tübingen. Die Leitung des Projekts unterliegt Boris Nieswand und die beiden Mitarbeiter Damian Martinez und Manuel Dieterich untersuchen jeweils ethnografisch in Santiago de Chile und Johannesburg, wie sich alltägliche Bedrohungskommunikation auf das Verhältnis der BewohnerInnen in ethnisch und sozial heterogenen Nachbarschaften auswirken. Die Fallauswahl der Nachbarschaften in den beiden Städten erfolgte aufgrund der Heuristik der urbanen Diversitätskonfigurationen, die in der vorigen Phase des Projekts in Frankfurt a.M. und Murcia (Spanien) entwickelt wurde. In den Städten wird jeweils eine Konfiguration von zwei angrenzenden Nachbarschaften untersucht, wobei sich die beiden Gebiete hinsichtlich der Dimensionen 1.) Stadtteilmorphologie, 2.) ethnische Komposition und 3.) soziale Ungleichheit unterscheiden. Im Fall von Santiago de Chile handelt es sich um die Konfiguration der Nachbarschaften Lo Hermida und Peñalolén Alto, in Johannesburg um Soul City und Mindalore. Lo Hermida ist aus Landbesetzungen entstanden und eine informelle Siedlung, genauso wie Soul City. Peñalolén Alto und Mindalore sind hingegen Nachbarschaften der Mittelklasse, die auch teilweise in gated communities leben. Die Leitfragen, welche wir mit unseren Ethnografien beantworten möchten, drehen sich um den Zusammenhang von lokaler Diversitätskonfiguration (Wahrnehmung und Ausagieren der Differenzen), Bedrohungskommunikationen (was als (lokales) Problem adressiert wird) und Prozessen des re-ordering (Reaktionen auf die thematisierten Bedrohungen). Durch unseren transnationalen Projektaufbau und die sich daraus ergebenden Vergleichsmöglichkeiten zielen wir darauf ab, tiefergehende Einsichten hinsichtlich folgender Fragen zu erhalten:  
1.) Welche Rolle spielen Unterschiede in der lokalen Diversitätskonfiguration der Stadtteile? So ist etwa in Santiago de Chile die Differenzkategorie Klasse aufgrund historischer Entwicklungen (Pinochet-Diktatur und ‚Wiege‘ des Neoliberalismus) zentral im Gegensatz zu ‚race‘ als Leitdifferenz in Johannesburg mit historischen Wurzeln im Apartheid-Regime. Allerdings sind diese Kategorisierungen nicht automatisch die situationsrelevanten, weshalb wir versuchen, für unterschiedliche Bedrohungen die jeweils damit einhergehenden kategorialen Grenzziehungsprozesse herauszuarbeiten. Daraus ergibt sich die zweite Frage:
2.) Inwiefern sind Unterschiede zwischen Bedrohungstopoi relevant für das re-ordering? Je nachdem, ob sich die Bedrohungskommunikation beispielsweise auf die Verschiebung von Dominanzverhältnissen zwischen Etablierten und Zugezogenen in der Nachbarschaft bezieht, auf die Bedrohung für Leib, Leben und Besitz durch Kriminalität oder Naturkatastrophen oder auf die unzureichende Bereitstellung von Infrastruktur wie Straßen, (Ab-)Wasser, Elektrizität, etc. durch den Staat, finden sich sehr unterschiedliche Antwort-Reaktionen darauf. Im Zusammenspiel unterschiedlicher Bedrohungsdiagnosen und Antwortreaktionen aktualisieren sich jeweils andere Differenzkategorien. Die unterschiedlichen Bedrohungen führen deshalb zu situativen Verschiebungen der lokalen Diversitätskonfiguration. Daran schließt die dritte Frage an:
3.) Wie wirken sich unterschiedliche Verhältnisse von staatlicher Durchdringung bzw. Informalisierung oder Privatisierung von Ordnungsfunktionen auf das re-ordering aus? So finden sich in den Nachbarschaften etwa einerseits Versuche der Selbsthilfe in Form von Nachbarschaftswachen gegen Kriminalität, Suppenküchen gegen Hunger und Armut oder Nachbarschaftskomitees zur Diskussion und Entscheidungsfindung. Andererseits gibt es ebenso Versuche der Skandalisierung der staatlichen Vernachlässigung in Form von Protesten, Petitionen oder der Formierung von Interessensgruppen wie Parteien.

 

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03/2021

Projekt „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen. Ethnografische Analysen von Elternwerdung, Trennung und Auszug des Kindes.“, M. Döbler, J. Gerstewitz, M. Müller & N. Zillien. Universität Gießen & Universität Tübingen

 

Das Projekt „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen. Ethnografische Analysen von Elternwerdung, Trennung und Auszug des Kindes.“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und in Kooperation mit Nicole Zillien und Julia Gerstewitz von der Universität Gießen von Marion Müller und Marie-Kristin Döbler durchgeführt. Während sich die erste Förderperiode auf den Übergang in die Elternschaft konzentrierte, wenden wir uns nun der Auflösung der Familie im Fall von Trennung oder Scheidung und dem Auszug der Kinder („Empty Nest“) zu. Diese drei Übergangsphasen und Veränderungen verstehen wir als liminale Phasen. Diese werden durch den Verlust von Eigenschaften des bisherigen ‚Zustands‘, das Fehlen zukünftiger/neuer Eigenschaften oder auch die Ungewissheit, welche Eigenschaften dies überhaupt sein werden, gekennzeichnet. Damit folgen wir Prämissen und Erkenntnissen der anthropologischen Initiations- und Ritualtheorie sowie der soziologischen Lebenslaufforschung, die diesen familienbiographischen Transformationen eine besondere Notwendigkeit zur Veränderung zuschreiben. Wir gehen ferner davon aus, dass liminale Phasen als Kristallisationspunkt für (Neu-)Aushandlungen der Beteiligten und als Vergrößerungsglas für Forscher fungieren. Wir vermuten folglich, dass die Fokussierung dieser Phasen Licht auf die Fragen wirft, warum Geschlechterdifferenzen sich hartnäckig als dominantes Ordnungsprinzip des Familienlebens erweisen und wie dadurch unterschiedliche Zuschreibungen und Praktiken weiblicher und männlicher Elternschaft gerechtfertigt und legitimiert, motiviert und begründet werden.

 

Bisher überwiegend makrosoziologisch orientierter Lebenslaufforschung ergänzend, nehmen wir entsprechende Prozesse auf der Mikroebene in den Blick. Wir untersuchen, wie die familiären Übergangsereignisse und ihre Folgen im Alltag von konkreten Individuen in physischer Ko-Präsenz erlebt, inszeniert und möglicherweise (neu) verhandelt, aber auch wie sie in vermittelter Kommunikation über Internet oder Massenmedien diskutiert werden. Dazu führen wir (Online-)Ethnographien durch und analysieren hermeneutisch eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien: Beobachtungen von Geburtsvorbereitungskursen und Familiengerichtsverfahren, narrative Interviews mit Eltern, die sich getrennt haben oder deren Kinder von zu Hause ausgezogen sind, sowie Internetforen und Ratgeber, die sich mit Schwangerschaft, Geburt, Trennung/Scheidung und dem Übergang in das sogenannte Empty Nest beschäftigen. Unser Ziel ist es, über das Material hinweg Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren, vor allem aber die verschiedenen Lebenslaufübergänge vergleichend zu betrachten. Ein besonderes Interesse richtet sich dabei auf die geschlechterdifferenzierten Zuschreibungen und Praktiken in Bezug auf:

(1) Aufteilung von Betreuung und Erwerbstätigkeit,

(2) Eltern-Kind-Beziehung und Wohlbefinden des Kindes,

(3) Legitimationsmuster der elterlichen Geschlechtsunterschiede und

(4) den Körper.

02/2021

Babst Axel, Gehrig Franziska, Prof. Dr. Groß Martin, Hofmann Elias, Dr. Lang Volker & Schuler Gabriel: Forschungsprojekt - Wandel beruflicher Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie

 

Welche Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus sind notwendig und welche davon werden von der Bevölkerung akzeptiert? Vor dieser Frage stehen unsere Gesellschaft und die Politik insbesondere in den Wintermonaten der Corona-Pandemie. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Projekt „Berufliche Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie“ verfolgt zwei Zielsetzungen, um sich der zweiten dieser beiden grundsätzlichen Fragen anzunähern. Erstens wird untersucht, wie die Anerkennung der eigenen beruflichen Tätigkeit in verschiedenen Berufsgruppen – speziell in den sogenannten „systemrelevanten Berufen“ – wahrgenommen wird und ob sich die empfundene Anerkennung während der Pandemie verändert hat. Zweitens untersucht das Projekt, wie gesellschaftlich akzeptiert oder aber belastend die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wahrgenommen werden und wie diese Wahrnehmungen mit der Aberkennung der beruflichen Tätigkeit im Zusammenhang stehen. Sorgen Defizite in der wahrgenommenen Anerkennung für eine verringerte Zustimmung zu geltenden Corona-Maßnahmen? Zur Erörterung dieser Fragen werden zwei quantitative Online-Befragungen durchgeführt. Die Stichprobe besteht dabei aus mindestens 3.000 Befragten. Dabei handelt es sich um Erwerbstätige und auch Nicht-Erwerbstätige, die seit Beginn der Krise im Februar 2020 ihre Arbeit verloren haben. Neben der wahrgenommenen beruflichen Anerkennung und der Compliance zu Infektionsschutzmaßnahmen werden Informationen zur sozioökonomischen Stellung, Persönlichkeitsmerkmalen und politischen Einstellungen der Befragten erfasst.

 

Interessenten sind eingeladen der Webseite des Projekts einen Besuch abzustatten.

01/2021

Moser Sebastian J. & Schlechtriemen Tobias (2020): Sozialfiguren der Corona Pandemie. Ein Aufschlag, in: KWI-Blog, 16.11.2020, DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20201116-0900

 

Die Corona-Pandemie und die mit ihr einhergehenden Maßnahmen haben weltweit den Alltag der Menschen grundlegend verändert. Noch ist nicht absehbar, wie lange dies so bleiben wird, wir befinden uns in einer unsicheren Zwischenzeit. In solchen Zeiten betreten Sozialfiguren die gesellschaftliche Bühne. Sie verkörpern in figurativer Form, welche gesellschaftlichen Erfahrungs- und Problemlagen den alltäglichen Umgang mit der Pandemie prägen und ermöglichen uns als Gesellschaft eine Verständigung darüber.

Patient 0, Hamsterkäufer, Virologen, Landesväter oder Maskenverweigerer – dies sind die Figuren, die auf dem Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen zur Darstellung kommen. An ihnen interessiert das Gesellschaftliche, das sich in den Geschichten dieser menschlichen Figuren verdichtet. Kulturwissenschaftler verschiedener disziplinärer Herkunft eröffnen mit ihren sozialfigurativen Skizzen auch hinsichtlich der Schreibstile und Beschreibungsformen einen Experimentierraum.

 

Den Volltext finden Sie hier.

12/2020

Johannes Giesecke, Martin Groß & Stefan Stuth (2020): Berufliche Schließung und Lohnungleichheit: Wie berufliche Schließungseffekte zwischen Arbeitnehmergruppen variieren. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72, 157 - 195 (2020). DOI: 10.1007/s11577-020-00677-0

 

Berufliche Schließung etabliert, verändert und verstärkt institutionelle Barrieren, die den Zugang zu Berufen regeln. Damit beeinflusst berufliche Schließung auch den Prozess der Lohndeterminierung im Arbeitsmarkt, wie jüngere Studien auch für Deutschland mehrfach nachgewiesen haben. Allerdings geht diese Forschung in der Regel von der Annahme aus, dass berufliche Schließung alle Inhaber eines Berufs in der gleichen Weise bevor- oder benachteiligt. Im Gegensatz dazu zeigt dieser Aufsatz, dass sich berufliche Schließung für verschiedene Arbeitnehmergruppen in unterschiedlicher Weise auswirkt. Mit den Daten der Verdienststrukturerhebung 2006 unterscheiden wir neun Arbeitnehmerprofile (drei Bildungsgruppen in drei unterschiedlichen Karrierestufen), für die wir jeweils mittels eines zweistufigen Multilevelregressionsmodells den Effekt von fünf Schließungsmechanismen (Credentialismus, Standardisierung, Lizensierung, Repräsentation durch Berufsverbände und Repräsentation durch Berufsgewerkschaften) auf die mittleren Löhne in den Berufen untersuchen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Effekte beruflicher Schließung in der Tat zwischen Arbeitnehmergruppen unterscheiden. Wir können zeigen, dass sich Schließungseffekte zwischen Karrierestufen unterscheiden. Beispielsweise zahlt sich die Repräsentation durch Berufsverbände besonders für Arbeitnehmer in späteren Karrierestufen aus. Die Quellen der beruflichen Schließung sind zwischen Berufen ungleich verteilt und bevorteilen Arbeitnehmer mit tertiären Bildungsabschlüssen stärker als Arbeitnehmer mit beruflichen Bildungsabschlüssen. Credentialismus verhilft vor allem den Arbeitnehmern mit tertiären Abschlüssen zu Einkommensvorteilen. Allerdings weisen unsere Analysen auch auf komplexe Interaktionen zwischen Credentialismus und Standardisierung hin, die weitere Untersuchungen erfordern, welche das Zusammenspiel von individuellen Arbeitnehmercharakteristiken und den unterschiedlichen Quellen beruflicher Schließung offen legen.

 

Den Volltext finden Sie hier.

11/2020

Weber, Hannes, Schwenzer, Marc & Hillmert, Steffen (2020): Homophily in the formation and development of learning networks among university students. Network Science, 2020.

DOI: 10.1017/nws.2020.10

Die persönlichen Lernnetzwerke von Studierenden können eine wertvolle Ressource für den Erfolg an der Hochschule darstellen. Sie bieten eine Möglichkeit der akademischen und persönlichen Unterstützung und stellen auch Informationsquellen etwa bezüglich Prüfungen oder Hausaufgaben dar. Während Freundschaftsnetzwerke zwischen Studenten bereits recht ausgiebig untersucht worden sind, ist über die Entstehung und Entwicklung von Lernbeziehungen viel weniger bekannt. Wir untersuchen die Determinanten von persönlichen Lernnetzwerken mithilfe einer eigenen Panelstudie von Studierenden im ersten und zweiten Studienjahr. Alle Studierenden in der Studie waren im gleichen Studiengang eingeschrieben und gaben auf Basis einer Liste der Mitstudierenden Auskunft über Bekanntschaften und Lernpartnerschaften. In der Analyse sozialer Netzwerke ist es traditionell eine wichtige Frage, ob die Tendenz, Beziehungen gerade mit Personen mit ähnlichen Merkmalen aufzunehmen, eher auf Präferenzen („gewählte Homophilie“) oder eher auf selektive Gelegenheiten („induzierte Homophilie“) zurückzuführen ist. Theoretisch erwarten wir zunächst eine latente Präferenz auch für homophile Lernpartnerschaften in Bezug auf Attribute wie Geschlecht, akademische Leistung und soziale Herkunft. Empirisch schätzen wir dann seit kurzem verfügbare zeitbezogene Exponential Random Graph Modelle (TERGM), um die bereits vorhandene Netzwerkstruktur zu kontrollieren und Änderungen der Lernbeziehungen zwischen den Studierenden zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere bei männlichen Studierenden gleichgeschlechtliche Beziehungen heterogenen Beziehungen vorgezogen werden, während die Chancen für die Bildung von Beziehungen zwischen Studierenden mit unterschiedlichen akademischen Fähigkeiten eher gering sind. Soziale Herkunft erweist sich als ein wesentlicher Faktor im Querschnitt, scheint jedoch für die Ausbildung neuer (starker) Beziehungen im Verlauf des Studiums weniger wichtig zu sein.

Den Volltext finden Sie hier.

09/2020

Waiting: Taking Care of the present

No. 9 of the Revue française d’éthique appliquée, edited by Sebastian J. Moser and Daniel Dreuil

Our present is characterized by acceleration and the compulsion to act immediately. Against these imperatives, this edition of the Revue française d’éthique appliquée invites us to think about waiting, hesitation and pausing as an ethical resource. Waiting, a temporal experience of everyday life, is sometimes characterized by hope and even the expected happiness of the expected event. At the same time, however, there is also uncertainty and anxiety. These two dimensions of heteronomy range from discomfort to extreme fear. People who are waiting for a doctor's diagnosis after an examination, residents of care houses or asylum seekers who are waiting for their status to be legalized are just a few examples of the state of uncertainty that waiting puts us in. Waiting is a moral experience: it braces our practical relationship with the world by hindering our ability to make autonomous decisions. As a result, the question arises of how we can take care of waiting.

Available here in French

*** französische Version ***

En attente: Prendre soin du présent

No. 9 de la Revue française d’éthique appliquée, coordonné par Sebastian J. Moser et Daniel Dreuil 

Face à l’impératif de la vitesse et de l’action immédiate de notre époque, ce numéro propose de réfléchir sur l’attente comme ressource éthique. L’attente, expérience temporelle de la vie quotidienne, se teinte parfois d’espérance et même du bonheur anticipé de l’événement attendu mais peut être chargée d’incertitude et d’appréhension. Ces deux dimensions d’hétéronomie vont de l’inconfort jusqu’à l’extrême angoisse, celle des personnes engagées dans un parcours d’examens en vue d’un diagnostic, celle des demandeurs d'asile dans l'attente d'un refuge, etc. L’attente est bien une expérience morale: elle met entre parenthèses notre rapport pratique au monde en entravant l’activité libre. Dès lors, comment prendre soin de l’attente?

Disponible ici en française

*** deutsche Version ***

Wartend: Achtsam gegenüber der Gegenwart

Nr. 9 der Revue française d’éthique appliquée, herausgegeben von Sebastian J. Moser und Daniel Dreuil

Unsere Gegenwart ist geprägt von Beschleunigung und dem Zwang zu sofortigem, unverzüglichem Handeln. Gegenüber diesen Imperativen lädt die Ausgabe der Revue française d’éthique appliquée dazu ein, über das Warten, das Zögern und Innehalten als eine ethische Ressource nachzudenken. Das Warten, eine zeitliche Erfahrung des Alltags, ist manchmal von Hoffnung und sogar vom erwarteten Glück des erwarteten Ereignisses geprägt. Gleichzeitig aber haftet ihm auch Unsicherheit und Besorgnis an. Diese beiden Dimensionen der Heteronomie reichen von Unbehagen bis zu extremer Angst. Menschen, die nach einer Untersuchung auf die Diagnose des Arztes warten, Bewohner von Alten- oder Pflegeeinrichtungen oder Asylbewerber, die auf eine Legalisierung ihres Status warten, sind nur einige Beispiele für den Schwebezustand, in den das Warten uns versetzt. Warten ist eine moralische Erfahrung: Es setzt unsere praktische Beziehung zur Welt in Klammern, indem es unsere Fähigkeit zu autonomem Entscheiden behindert. Infolgedessen stellt sich die Frage, wie wir uns um das Warten kümmern können.

In französischer Sprache hier verfügbar

08/2020

Ausgangspunkt des gerade erst angelaufenen Projekts ist die Beobachtung, dass das „Personal“ der Weltgesellschaft als immer „diverser“ beschrieben wird. Aus einer wissenssoziologischen Perspektive fragen wir danach, wie globale Personenkategorien – etwa „Frauen“, „Menschen mit Behinderungen“ oder „indigene Völker“ - im Kontext der internationalen Politik hergestellt und institutionalisiert werden, aber auch wie und warum das bei manchen Kategorien nicht klappt oder sie vergessen werden. Dabei verstehen wir solche kulturellen Differenzierungen von Menschen mit globaler Reichweite nicht als „natürliche“ Unterscheidungen der Sozialwelt, sondern als höchst voraussetzungsvolle und daher eher unwahrscheinliche soziale Prozesse, in deren Verlauf kategoriale Ähnlichkeiten jeweils über die Grenzen von (ersten, zweiten, dritten) Welten, Regionen, Staaten und Kulturen hinweg festgestellt und als relevant eingestuft werden müssen. Wir gehen davon aus, dass globale Personenkategorien zentrale Strukturelemente der Weltgesellschaft sind und als Globalisierungsmechanismen fungieren: Indem Menschen sich selbst und andere weltweit als Angehörige derselben Kategorien beschreiben, entsteht ein globaler Beobachtungsraum, innerhalb dessen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Personen weltweit festgestellt werden können. Trotz aller anderen Unterteilungen wird die Welt durch diese geteilten Zugehörigkeiten als gemeinsame Sozialwelt wahrnehmbar. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir, wie genau und unter welchen Bedingungen es gelingt (bzw. misslingt), Personenkategorien als legitime politische und rechtliche Unterscheidungen zu etablieren. Wie verfestigen sie sich (oder eben nicht), und mit Hilfe welcher Mechanismen wird ihre Reichweite erfolgreich globalisiert? Wer sind die an diesen Prozessen beteiligten relevanten AkteurInnen? Und was sind die Bedingungen für eine erfolgreiche Institutionalisierung und Globalisierung von Personenkategorien?

Dazu nehmen wir sieben Fallbeispiele in den Blick, deren jeweiligen Institutionalisierungs- und Globalisierungsgeschichten rekonstruiert und verglichen werden: „sex/gender“, „race“, „refugees/migrants“, „people with disabilities“, „indigenous people(s)“, „poor people“ und „LGBTI people“. Die Analysen basieren erstens auf ausgewählten Textdokumenten nationaler und internationaler Organisationen, zweitens auf Leitfaden-gestützten Interviews mit ExpertInnen und ZeitzeugInnen und – da wir eine besondere Relevanz unmittelbarer Interaktionen für die Durchsetzung kategorialer Differenzierungen vermuten – drittens auf ethnografischen Untersuchungen in UN-Gremien und sozialen Bewegungen.

Das Projekt ist in mehrfacher Hinsicht innovativ und leistet einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Forschungskontexten: So wird die Forschung zu „Humandifferenzierungen“ (Hirschauer) erstmals um eine globale Perspektive und die Weltgesellschaftsforschung um eine kategoriale Sichtweise erweitert. Außerdem werden globale Prozesse der Kategorienbildung erstmalig aus einer interaktionstheoretischen Perspektive untersucht.

see also

Anthology: “Observing and comparing globally. Sociological world society studies”

Authors: Hannah Bennani (ed.), Martin Bühler (ed.), Sophia Cramer (ed.), Andrea Glauser (ed.)

From the collection World Society Studies

Ob Künstlerinnenrankings, Getreideklassifikationen oder das Erfassen von Zwangsarbeit – Praktiken des globalen Beobachtens und Vergleichens sind aus weltgesellschaftlichen Zusammenhängen kaum noch weg zu denken. Doch wie sind solche Verfahren entstanden? Wie werden Vergleiche kommuniziert und mit welchen Folgen? Die Beiträge des Bandes geben detaillierte Einblicke in das vielfältige Zusammenspiel von Vergleichspraktiken und Weltgesellschaft.

Link zum Sammelband

05/2020

The just gender pay gap in Germany revisited: The male breadwinner model and regional differences in gender-specific role ascriptions
Prof. Dr. Martin Groß

 

Es ist weithin bekannt, und Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, dass Frauen unter gleichen Arbeitsbedingungen durchschnittlich weniger verdienen als Männer. Weniger bekannt ist allerdings, dass dieser „Gender Pay Gap“ (GPG) weithin als gerecht betrachtet wird – auch von Frauen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie in Resarch on Social Stratification and Mobility untersuchen Volker Lang und Martin Groß, wie diese Lücke im „gerechten Einkommen“ zu erklären ist. Sie verwenden dabei eine Vignetten-Studie, die im Rahmen des bevölkerungsrepräsentativen SOEP – Pretestes von 2008 durchgeführt wurde. Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass vor allem das „männliche Ernährermodell“ für diese Gerechtigkeitslücke verantwortlich ist. Unter dieser Annahme ist davon auszugehen, dass insbesondere die Frage, ob Kinder im Haushalt vorhanden sind, einen erheblichen Einfluss auf das „gerechte Gender Pay Gap“ (gGPG) hat. Auf der Basis von 26.650 Gerechtigkeitseinschätzungen, abgegeben von 1066 Personen, können Lang und Groß nachweisen, dass in der Tat das männliche Ernährermodell die treibende Kraft hinter der Gerechtigkeitslücke darstellt. Die Befragten denken durchaus, dass kinderlose Männer und Frauen gleich bezahlt werden sollen – für Männer mit Kindern halten sie aber einen „Einkommensaufschlag“ von ca. 8% für gerecht. Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass das männliche Ernährermodell in den neuen Bundesländern weniger relevant ist als in den alten. Letzteres zeigt sich aber erst unter Verwendung eines neu entwickelten „Craggit“-Models zur Analyse der Daten.

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04/2020

Von Kindern zu Eltern: Die Rolle von privater Nachhilfe für die Leistungssteigerung der Kinder entlang der sozialen Herkunft. Eine südkoreanische Fallanalyse.
Dr. Laia Sanchez Guerrero

Die derzeitige Forschung erkennt die entscheidende Rolle von Eltern in Bezug auf den schulischen Erfolg der Kinder an. Jedoch wurde der Frage, wie eine Leistungsänderung der Kinder sich auf die elterlichen Bildungsstrategien und deren Investitionen in die kindliche Bildung auswirkt, weniger Aufmerksamkeit geschenkt. In einer neu veröffentlichten Studie in Research on Social Stratification and Mobility, untersucht Laia Sánchez Guerrero, ob Veränderungen der schulischen Leistungen einen Wandel in der elterlichen Bereitschaft für private Nachhilfe hervorrufen. Weiter wird untersucht, ob die Bereitschaft für weitere Investitionen bei schulischen Veränderungen entlang der sozialen Herkunft von Eltern unterschiedlich gewichtet wird. Zuletzt wird auch analysiert, inwiefern private Bildungsinvestitionen der Eltern tatsächlich die Bildungsleistungen ihrer Kinder verbessern.

Die empirische Analyse basiert auf einer Stichprobe des Korean Youth Panel Surveys, welches Daten von Jugendlichen aus Junior High Schools erhoben hatte. Basierend auf einer Fallzahl von 2.209 Beobachtungen, verwendete die Autorin ein dynamisches Probit-Modell mit Zufallseffekten, um in Erfahrung zu bringen, ob Leistungsveränderungen die elterlichen Bildungsentscheidungen beeinflussen und ob diese Entscheidungen die schulischen Leistungen verändern. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Leistungsmuster in der Entscheidungsfindung benachteiligter Eltern mehr Gewicht haben. Wenn benachteiligte Kinder ihre schulischen Leistungen verschlechtern, ist es wahrscheinlich, dass Eltern ihre Investitionen zurückziehen. Im Gegensatz dazu gibt es keinen deutlichen Unterschied in der Investitionsbereitschaft der privilegierten Eltern aufgrund von Leistungsänderungen. Die Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass private Bildungsinvestitionen einen positiven Effekt auf die schulischen Leistungen des Kindes haben und dass sich dieser positive Effekt auch entlang der sozialen Herkunft unterscheidet. Noch konkreter ausgedrückt, es scheint, als wären private Investitionen für privilegierte Schüler und Schülerinnen von größerem Vorteil als für benachteiligte. Dies liegt vielleicht daran, dass sich die Qualität der zu erhaltenden privaten Bildungsinvestitionen entlang der sozialen Herkunft unterscheidet.

03/2020

Qualität frühkindlicher Bildung und Betreuung: Ist sie für die mütterliche Erwerbsbeteiligung von Bedeutung?
Studien zu kindlichem Wohlbefinden weisen darauf hin, dass die Wirkung des Besuchs einer Kindertageseinrichtung für Kinder von der Qualität der Interaktionen und der Lernumwelt in diesen Institutionen abhängt. Konsequenzen der Kinderbetreuungsqualität für die elterliche Erwerbsbeteiligung wurde bisher wenig Aufmerksamheit geschenkt; der Fokus der Forschung lag bisher auf der Verfügbarkeit und den Kosten der Betreuung. In einer vor kurzem in Social Science Research erschienenen Studie untersuchten Pia Schober and Juliane Stahl, ob Mütter ihre Erwerbsbeteiligung und Arbeitsstunden rascher steigern, wenn ihre Kinder Kindertageseinrichtungen von höherer Qualität besuchen. Die Autorinnen der Studie legen nahe, dass bessere Betreuungsqualität, z.B. in Bezug auf den Kind-Betreuer-Schlüssel und häufige Kommunikation, die Vertrauensbildung zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften unterstützt und eine auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Betreuung erleichtert. Dies kann einen rascheren Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt und eine Erhöhung der Arbeitsstunden der Eltern ermöglichen.
Für die empirische Analyse verknüpfen die Forscherinnen das Sozio-Oekonomische Panel (SOEP) mit der neuen K2iD-SOEP-Erweiterungsstudie, die Qualitätsinformationen von Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland enthält. Auf Basis einer Stichprobe von 556 Müttern von 628 Kindern verwendeten die Autorinnen Change-Score-Modelle mit Entropy Balancing und berücksichtigten eine große Zahl beobachtbarer Merkmalen der Familien und Kindertageseinrichtungen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass höhere Betreuungsqualität in Bezug auf den Kind-Betreuer-Schlüssel und teilweise auch entwicklungsfördernde Aktivitäten sowie Angebote für Eltern mit rascheren Steigerungen der Arbeitsstunden der Mütter verbunden waren. Gruppengröße und Materialien schienen keine Rolle zu spielen. Aus Politikperspektive bieten diese Ergebnisse relevante Hinweise, dass Investitionen in Kinderbetreuungsqualität nicht nur dem kindlichen Wohlbefinden dienen, sondern auch den Arbeitsmarktwiedereinstieg von Müttern unterstützen können.