Institut für Soziologie

Forschung in Kürze

Das Projekt „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen. Ethnografische Analysen von Elternwerdung, Trennung und Auszug des Kindes.“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und in Kooperation mit Nicole Zillien und Julia Gerstewitz von der Universität Gießen von Marion Müller und Marie-Kristin Döbler durchgeführt. Während sich die erste Förderperiode auf den Übergang in die Elternschaft konzentrierte, wenden wir uns nun der Auflösung der Familie im Fall von Trennung oder Scheidung und dem Auszug der Kinder („Empty Nest“) zu. Diese drei Übergangsphasen und Veränderungen verstehen wir als liminale Phasen. Diese werden durch den Verlust von Eigenschaften des bisherigen ‚Zustands‘, das Fehlen zukünftiger/neuer Eigenschaften oder auch die Ungewissheit, welche Eigenschaften dies überhaupt sein werden, gekennzeichnet. Damit folgen wir Prämissen und Erkenntnissen der anthropologischen Initiations- und Ritualtheorie sowie der soziologischen Lebenslaufforschung, die diesen familienbiographischen Transformationen eine besondere Notwendigkeit zur Veränderung zuschreiben. Wir gehen ferner davon aus, dass liminale Phasen als Kristallisationspunkt für (Neu-)Aushandlungen der Beteiligten und als Vergrößerungsglas für Forscher fungieren. Wir vermuten folglich, dass die Fokussierung dieser Phasen Licht auf die Fragen wirft, warum Geschlechterdifferenzen sich hartnäckig als dominantes Ordnungsprinzip des Familienlebens erweisen und wie dadurch unterschiedliche Zuschreibungen und Praktiken weiblicher und männlicher Elternschaft gerechtfertigt und legitimiert, motiviert und begründet werden.
Bisher überwiegend makrosoziologisch orientierter Lebenslaufforschung ergänzend, nehmen wir entsprechende Prozesse auf der Mikroebene in den Blick. Wir untersuchen, wie die familiären Übergangsereignisse und ihre Folgen im Alltag von konkreten Individuen in physischer Ko-Präsenz erlebt, inszeniert und möglicherweise (neu) verhandelt, aber auch wie sie in vermittelter Kommunikation über Internet oder Massenmedien diskutiert werden. Dazu führen wir (Online-)Ethnographien durch und analysieren hermeneutisch eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien: Beobachtungen von Geburtsvorbereitungskursen und Familiengerichtsverfahren, narrative Interviews mit Eltern, die sich getrennt haben oder deren Kinder von zu Hause ausgezogen sind, sowie Internetforen und Ratgeber, die sich mit Schwangerschaft, Geburt, Trennung/Scheidung und dem Übergang in das sogenannte Empty Nest beschäftigen. Unser Ziel ist es, über das Material hinweg Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren, vor allem aber die verschiedenen Lebenslaufübergänge vergleichend zu betrachten. Ein besonderes Interesse richtet sich dabei auf die geschlechterdifferenzierten Zuschreibungen und Praktiken in Bezug auf: (1) Aufteilung von Betreuung und Erwerbstätigkeit, (2) Eltern-Kind-Beziehung und Wohlbefinden des Kindes, (3) Legitimationsmuster der elterlichen Geschlechtsunterschiede und (4) den Körper.