Unsere Demokratie zukunftsfest machen
Die Universität als lokaler Pro-Demokratie-Akteur
Juni 2026, eine historische Hitzewelle, ganz Deutschland versucht der Hitze zu entkommen. Ganz Deutschland? Nein, eine kleine Gruppe motivierter Demokrat*innen steht auf dem Bahnhofsvorplatz in Tübingen und trotzt dem Wetter. Ihr Ziel: Menschen in den lokalen politischen Diskurs zu holen, die sonst überhört werden. Und die Menschen kamen. So oder ähnlich könnte die Geschichte der jüngsten Aktion des Forums „Demokratie Zukunftsfest“ beginnen.
Vier Wochen, vom 8. Juni bis zum 3. Juli 2026, stand auf dem Tübinger Europaplatz die Installation „Politik auf 13 Quadratmetern". Mehrere Tische und Stühle, Obst, Kekse, Wasser und die Kunstinstallation „Democracy Machine“ luden die Menschen ein, vier offene Fragen zu beantworten: „Was brauchst Du? Was macht Dir Sorgen? Was würde deinen Alltag erleichtern? Was wolltest Du schon immer mal gefragt werden?“ Jede*r konnte sich eine Fragekarte wählen und antworten. Hunderte Menschen gingen ins Gespräch mit den Veranstaltenden, 574 handgeschriebene Karten mit Antworten, Ideen, Kritik und Lob entstanden.
Um Menschen anzusprechen, die sich bei Bürgersprechstunden, Fragestunden und anderen Formaten nicht beteiligten, hatten die Initiator*innen (darunter das Ethikzentrum in Person von Marcel Vondermaßen) Erkenntnisse aus der Partizipationsforschung angewendet:
Orte wie das Rathaus oder die Universität aufzusuchen, stellt für viele Menschen bereits eine Hürde dar. Daher fand die Aktion auf dem Bahnhofsvorplatz statt, einem demographisch durchmischten Durchgangsort.
Vom politischen Diskurs isolierte Menschen sind oft gehemmt sich spontan zu äußern. Daher erstreckte sich die Aktion über vier Wochen. Immer wieder beteiligten sich so Menschen, die äußerten, die Aktion vorher schon einige Tage beobachtet zu haben.
Zugang zu marginalisierten Gruppen wird durch Vertrauenspersonen erleichtert. Daher wurde die Aktion von verschiedensten Gruppen und Organisationen (z.B. Omas gegen Rechts, Bündnis für Familie, Bürgerprojekt Zukunft Tübingen), der Integrata-Stiftung, aber auch von Sozialarbeiter*innen der Stadt getragen.
Symbole von Parteien oder Vereinen schrecken ab. Daher verzichteten die Teilnehmenden darauf ihre eigene Organisation zu bewerben. Im Zentrum standen die Bewohner*innen Tübingens, deren Sorgen und Bedürfnisse.
Den Teilnehmenden sollte sofort ein kleiner Nutzen entstehen: Ein Moment im Schatten sitzen können, eine Banane nach einem Arbeitstag, ein Keks für die Kinder, damit die Eltern ihre Meinung äußern konnten. Mehr als einmal führte dies Menschen zur Aktion, die sonst vorbeigeeilt wären.
Es braucht ein klares Erwartungsmanagement, das vermittelt, was mit der Partizipation erreicht werden kann. Daher hatte sich das Forum bereits im Vorfeld verständigt, die Ergebnisse in verschiedenen Formen weiterzuverarbeiten: als Ausstellung im Rathaus, als Liste von Empfehlungen, zu denen sich die Stadtverwaltung äußern würde und, online aufbereitet und für alle zugänglich, als Diskussionsforum. Die Ausstellung fand bereits zeitnah zur Aktion von Mitte August bis 11.09. im Foyer des Tübinger Rathauses statt. Anfang Oktober wurde die Auswertung der Karten fertiggestellt und wird nun im November in die Gremien der Stadtverwaltung eingespeist.
Was bewegt die Bewohner*innen?
Eine Aktion wie „Politik auf 13qm“ ist nicht repräsentativ, die Erhebung ist selbstselektiert, und Ort, Zeit und Wetter haben messbare Spuren hinterlassen. Sie ist jedoch ein Blick in die Alltagssorgen der Menschen in Tübingen. Was die Karten zeigen:
Die Grundstimmung ist positiv. Oft wurden Anliegen mit Lob gemischt.
Menschen äußern sich sachlich. Nur 4% der Beiträge erhalten abwertende Aussagen.
Während die Themen sehr heterogen waren, stachen vier Themen heraus: ÖPNV (112 Beiträge), Hitze/Klima/Stadtgrün (111), Zusammenhalt & Polarisierung (107) und Soziales & Armut (96).
Viele Menschen nennen selbst konkrete Wünsche oder Ideen. Das ermöglichte es 67 Sofortmaßnahmen zu identifizieren, von fehlenden Mülldeckeln in einem Stadtteil, über das Bedürfnis nach mehr Wasserspendern, bis hin zum Wunsch nach mehr Bürgerbefragungen bei Bauprojekten. Diese werden ab November in die Stadtverwaltung eingespeist und auf einer eigenen Homepage zur Diskussion gestellt.
Eine Aktion wie „Politik auf 13qm“ rettet nicht die Demokratie. Aber die Beteiligung und die Rückmeldung der Teilnehmenden wie der Aktiven zeigt, dass solche Aktionen ein Puzzleteil darstellen können, um den Dialog über die Zukunft der eigenen Stadt breiter zu gestalten als bisher. Ob das Format ein Erfolg sein wird, ist indes noch unklar. Dies hängt nun davon ab wie die Erkenntnisse aus der Aktion von der Stadtverwaltung aufgegriffen werden.
„Politik auf 13qm“ ist aber jetzt schon ein gelungenes Beispiel, wie Erkenntnisse aus der Partizipationsforschung in Aktionen fließen können und wie die Universität und das Ethikzentrum als gesellschaftliche Größen in Tübingen auftreten können und sollten.
Verfasst von: Marcel Vondermaßen