Universitätsbibliothek

NS-Raubgut sichtbar gemacht

Grundlagen der Provenienzforschung

Die NS-Raubgutforschung beschäftigt sich mit der Identifizierung von Kulturgut, das im Zuge der nationalsozialistischen Herrschaft unrechtmäßig erworben wurde, sowie dem Finden einer „gerechten und fairen Lösung“. Als Grundlage dient die Erklärung zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes insbesondere aus jüdischem Besitz (1999), die wiederum den Grundsätzen der Washingtoner Konferenz von 1998 folgt. Im Vorwort der Handreichung zur Umsetzung der Erklärung (Neufassung 2025) heißt es:
Öffentlich getragene Kulturgut bewahrende Einrichtungen sind angehalten, ihre Bestände und Sammlungen proaktiv und systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (NS-Raubgut) zu untersuchen sowie identifizierte Kulturgüter an die Opfer des NS-Kulturgutraubs oder ihre Rechtsnachfolgerinnen und Rechtsnachfolger zurückzugeben beziehungsweise andere gerechte und faire Lösungen mit ihnen zu suchen.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste ist die zentrale Anlaufstelle in Deutschland, wenn es um Fragen zu unrechtmäßig entzogenem Kulturgut geht und gibt den Leitfaden Provenienzforschung für die Praxis heraus.
Außerdem unterhält das Zentrum die Lost Art-Datenbank, die Such- und Fundmeldungen von NS-Raubgut oder Verdachtsfällen verzeichnet.

Herkunft und Wege von NS-Raubgut
Die drei üblichen Erwerbungsarten von Bibliotheken sind Kauf, Tausch und Geschenk: Kauf bei Buchhandlungen, Antiquariaten oder Privatpersonen, Dublettentausch zwischen Bibliotheken sowie Schenkungen von Privatpersonen oder öffentlichen Einrichtungen. Über alle Erwerbungsarten kann Raubgut in die Bibliothek gelangen. Dies betrifft auch Bestände, die vielleicht weit nach Kriegsende erworben wurden und vor Kriegsende erschienen sind!
Eine besondere Rolle spielte die 1926 eingerichtete Reichstauschstelle, die 1933 unter die Kontrolle der Nationalsozialisten fiel und verwaltungsmäßig dem Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek Berlin unterstellt war. 
Die Aufgabe der Reichstauschstelle bestand darin, Kriegsverluste in deutschen Bibliotheken zu ersetzen. Dies geschah ab 1933 durch ein organisiertes Netzwerk, das sich der beschlagnahmten Literatur von „Reichsfeinden und jüdischen Verfolgten“ bediente und diese an Bibliotheken im Reich verteilte.

Am Ende des Krieges beschäftigte die Reichsbehörde „Reichstauschstelle und Beschaffungsamt der Deutschen Bibliotheken“ über 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In ganz Deutschland und darüber hinaus legte sie im Rahmen des Wiederaufbauprogramms etwa 40 Depots an, in denen bis 1945 ca. 1.000.000 Bände eingelagert wurden. (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin).

Zum unrechtmäßigen Erwerb gehören auch sogenannte Notverkäufe verfolgungsbedingter NS-Opfer, die unter dem Druck der Verfolgung ihr Hab und Gut verkauften. Ob es sich bei verdächtigen Fundstücken im Bestand tatsächlich um Raubgut handelt, erfordert eine zeitintensive Einzelfallprüfung. Zu den wichtigsten Rechercheinstrumenten gehören die Zugangsverzeichnisse der Bibliothek, die Aufschluss über Lieferanten geben, sowie archivalische Unterlagen, welche diese Vorgänge dokumentieren.

Bücher mit Provenienzvermerk sind manchmal der einzige noch identifizierbare Besitz einer bestimmten Person. Einst gedacht als Eigentumsvermerk oder als Widmung, führen uns diese Einträge heute im besten Fall auf die Spur zu ihren ehemaligen Besitzerinnen und Besitzern.

Zahllose Alltagsgegenstände, bei denen es sich wissentlich oder unwissentlich um Raubgut handelt, befinden sich noch heute auf Flohmarkttischen oder Auktionsplattformen und bleiben vermutlich für immer unerkannt.

Auch wenn manche Bücher materiell nur von geringem Wert sind, besitzen sie für die Nachkommen einen hohen ideellen Wert.

Suchaktion an der UB Tübingen
Der Tübinger Journalist und Kulturwissenschaftler Hon. Prof. Dr. Hans-Joachim Lang legte die Ergebnisse seiner Recherchen zu NS-Raubgut an der Universität Tübingen in einem Zeitungsbericht vom 16.10.1999 offen. Dadurch angestoßen begann an der Universitätsbibliothek Tübingen eine mehrjährige Untersuchung der Bestände nach NS-Raubgut, bei der ca. 84.000 Zugänge in den Zugangsverzeichnissen der Jahre 1933-1945 nach verdächtigen Lieferanten überprüft wurden.

Bei den Recherchen von Hans-Joachim Lang ging es 1999 vordergründig um den Verbleib der Privatbibliothek des angesehenen Stuttgarter HNO-Arztes Cäsar Hirsch, die 1933 von der Gestapo beschlagnahmt und 1938 in die UB Tübingen gebracht wurde.

Aus der Privatbibliothek des Juristen Max Fleischmann aus Halle (Saale) gab es sowohl im Jahr 1943 als auch 1948 Lieferungen nach Tübingen. Über den Verkauf durch die Witwe Fleischmanns nach dessen Suizid 1943 wurde und wird in der Literatur diskutiert. Das zweite Angebot aus der Bibliothek von Fleischmann kam im Jahr 1948 von einem Hallenser Antiquariat. Diese Bücher befinden sich heute noch im Bestand der UB Tübingen.

Die Schwierigkeit bei der Suche nach Raubgut-Beständen besteht in der UB zunächst darin, dass die Bestände systematisch, also nach Fachgruppen im Bestand verstreut, und nicht chronologisch nach Eingangsdatum aufgestellt sind. Die eigentliche Recherche beginnt somit in den jährlichen Zugangsverzeichnissen, in denen Buchtitel und Lieferant registriert sind. Zu den verdächtigen Lieferanten gehören beispielsweise die Reichstauschstelle Berlin, die Preußische Staatsbibliothek, die Gestapo Stuttgart, die NSDAP-Kreisleitung, Wehrmachtsdienststellen sowie auch der Hinweis „alter Bestand“.
Da in den Zugangsverzeichnissen lediglich Titel und keine Magazinsignaturen stehen, müssen diese erst im Katalog ermittelt werden. Danach wird jedes Buch aus dem Magazin bestellt und auf Provenienzmerkmale geprüft. Dies können Namenseinträge, Widmungen, Stempel oder Exlibris sein. Ohne Eigentumsvermerk ist es nahezu unmöglich festzustellen, wem das Buch einmal gehört hat. 

Fundstücke
Nachdem in den Jahren 2000/2001 punktuell nach NS-Raubgut gesucht worden war, begann im Jahr 2005 eine systematische Suche in den Zugangsverzeichnissen der Jahre 1933-1945. Wichtige Hinweise zu Raub- und Plünderungsaktionen lieferten die Erwerbungsakten der UB, die im Universitätsarchiv aufbewahrt werden.
Die Untersuchungen konnten Ende 2007 abgeschlossen werden. Die folgenden Ergebnisse basieren auf den Veröffentlichungen des damals zuständigen Oberbibliotheksrats Peter-Michael Berger:

  • enteignete Bücher aus Privatbesitz (ca. 1250 Bände)
  • polizeilich beschlagnahmte Bücher verfolgter Körperschaften (120 Bände)
  • unter Zwang veräußerte Bücher der Verfolgungsopfer (110 Bände)
  • von Wehrmachtsangehörigen als Besatzern geraubte Bücher (30 Bände)
  • Bücher aus Bibliotheken in annektiertem Gebiet (26 Bände)
  • Beschlagnahmte Bücher der Zeugen Jehovas und der Baha’i-Gemeinde bleiben mit deren Einverständnis in der UB Tübingen (55 Bände)
  • 1959: Rückgabe von ca. 100 Büchern an die württembergische Freimaurerloge
  • 2000: Rückgabe von 24 Büchern an die kommunale Bücherei Ravenna, die dort angeblich vor den Flammen gerettet wurden.

Der Spur einzelner Schicksale konnte anhand von Einträgen in den Büchern nachgegangen werden, führten jedoch nicht zu einer Restitution. Sie stammen von einer Lieferung der Reichstauschstelle vom 13.3.1943. 

Auf dem Exlibris steht der Besitzer des Buches mit Namen: David Botshaim, Schüler. Bei Recherchen nach David Botshaim beschrieb ein Kollege treffend, „wie die Suche nach geraubten Büchern plötzlich in eine Suche nach Menschen umschlagen kann.“ Es wurde in veröffentlichten Opferlisten und im Gedenkbuch des Bundesarchivs recherchiert. Wohl finden sich Opfer mit Namen Botshaim aus Berlin, aber keine Person namens David. Weitere Archivrecherchen blieben erfolglos, so dass die Hoffnung besteht, dass David Botshaim die Emigration oder Flucht gelungen sein könnte.

Auf dem Vorsatzblatt gibt es einen ausradierten Schriftzug: „Eigentum Margot von Rathaus“. Im Berliner Gedenkbuch findet sich eine Familie Rathaus, darunter Margot Rathaus, geb. am 23.05.28 in Berlin. Vermutlich bekam Margot das Buch als Zehnjährige geschenkt. Am 24.10.41 wurde Margot Rathaus gemeinsam mit ihren Großeltern von Berlin in das Ghetto nach Lodz transportiert, wo sie „verschollen“ sind. 
Todesrate: 99,6 %.
 

Auf einem eingeklebten Blatt steht „Zur Erinnerung an deine Einsegnung am 21. Juni 1924 von Familie Kahn“. Das Buch enthält eine Sammlung erbaulicher Legenden und wurde einem oder einer jüdischen Jugendlichen zur Feier der Religionsmündigkeit geschenkt. Der Junge oder das Mädchen, dem es gehörte, war zum Zeitpunkt der Feier 12 oder 13 Jahre alt. Es gibt im Buch leider keinerlei Hinweise auf die beschenkte Person und die Suche blieb ergebnislos.

Derzeitiger Stand und Ausblick
Nach den Recherchearbeiten und Restitutionen der 2000er-Jahre wurde in der UB Tübingen das Thema NS-Raubgut im Jahr 2024 neu aufgegriffen.
In einem ersten Schritt soll die Auffindbarkeit von NS-Raubgut im UB-Katalog verbessert werden. Des Weiteren sollen Fundmeldungen in der Lost Art-Datenbank angezeigt werden, so wie bereits mit dem Fragment einer Thora-Rolle geschehen.
Als NS-Raubgut identifizierte und in der Bibliothek verbleibende Bücher sind seit 2010/13 im Katalog10plus-OPAC recherchierbar. Sie sind nur in den Handschriftenlesesaal der Universitätsbibliothek ausleihbar.
Ein potenzielles Projekt ist die Aufarbeitung von Raubgut ohne Provenienzvermerke und antiquarische Erwerbungen sowie Erwerbungen von Privatpersonen aus der früheren Suchaktion. Außerdem wurde als Vorarbeit Ende 2025 intern die Suche nach Raubgut in den Erwerbungen nach 1945 aufgenommen. Analog dazu ließe sich die Suche auf die Tübinger Institutsbibliotheken ausweiten. 
Die Provenienzforschung zu NS-Raubgut in der UB Tübingen kann man als Work in Progress bezeichnen. Eine umfassende Aufarbeitung wird zwar angestrebt, doch kann sie aufgrund des hohen Rechercheaufwands nur schrittweise umgesetzt werden. Eine Fördermöglichkeit beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste soll nach Abschluss der Vorarbeiten geprüft werden.