Alte Geschichte

Religiöser Konflikt und Mobilität

Byzanz und der weitere Mittelmeerraum, 700-900

 

Emmy Noether-Forschergruppe (2021-6)

870. Konstantinopel. Über zweihundert Bischöfe, größtenteils aus Kleinasien und dem Balkan, versammeln sich in der Kirche von Hagia Sophia zu einem Konzil. Die päpstlichen Legaten sitzen neben den kaiserlichen Beamten. Das Frankenreich hat auch seine Gesandten. Und selbst die Orientchristen der unter abbasidischer Herrschaft liegenden chalzedonischen Patriarchaten von Jerusalem, Antiochia und Alexandria haben Ihre Vertreter auf Ehrenplätzen. Ihre geistlichen Aufgaben vermischen sich mit der Besprechung eines Gefangenenaustausches im Auftrag eines Emirs. Ähnlich muss es den griechisch-sizilianischen Bischöfen gehen, die mittlerweile Untertanen eines islamischen Emirats sind. Die neu bekehrten Bulgaren erhalten ebenso Sitze. Neben den dringenden kirchenpolitischen Angelegenheiten strebte das Konzil danach, den größten theologischen Streit der byzantinischen Geschichte endgültig zu lösen, den um die Bilderverehrung, und die scheinbare Wiederbelebung dualistischer Häresien. Während des Konzils hält sich der konstantinopolitanische Mönch Peter an der armenischen Grenze zum Kalifat in einem von der religiös-politischen Sekte der Paulikianer kontrollierten Gebiet auf, um Informationen über ihren angeblichen Manichäismus in Vorbereitung auf einen militärischen Angriff zu beschaffen. In den zeitgenössischen Quellen als „Radhaniten“ bekannte jüdische Kaufleute betreten inzwischen die Fondachi der byzantinischen Hauptstadt, aus der sie vermutlich am Ende des Konzils durch eine reichsweite Zwangstaufe der Juden vertrieben werden.

Wie soll man diese Verflechtung verstehen?

Die Forschungsgruppe soll zum ersten Mal ausführlich die Wege untersuchen, auf welchen religiöser Konflikt am Ende der christlichen Antike mit der Bewegung von Menschen und Ideen im weiteren Mittelmeerraum, einschließlich des Nahen Ostens und Osteuropas, verbunden war. Religiöser Konflikt wird hier als durchdringendes und diverses Phänomen auf unterschiedlichen und miteinander verflochtenen Ebenen aufgefasst, die vom Zentrum der Untersuchung, dem "orthodoxen" Christentum unter dem Patriarchat von Konstantinopel, ausgehen: inter- und intrakonfessioneller Streit mit den anderen Patriarchaten, insbesondere Rom und den "Melkiten"; Mission; interreligiöser Kampf zwischen Christentum, Judentum und Islam. Religiöser Konflikt setzte im 8. und 9. Jahrhundert in der Regel eine Reihe von "Mobilitätsereignissen" in Gang oder beschleunigte diese: politische und kirchliche Gesandtschaften innerhalb und außerhalb des „orthodoxen“ Christentums; Produktion, Kopie, Übersetzung und Verbreitung von Texten; freiwillige oder erzwungene Migration von Einzelnen und Gruppen; Intensivierung der Missionstätigkeit und der Ausgrenzung von Heterodoxen und Juden; interne christliche Reflexion und Austausch mit dem Kalifat. All diese "Mobilitätsereignisse" sollten überraschend positive kulturgeschichtlichen Folgen von globaler Bedeutung nach sich ziehen und insbesondere zur Kohäsion mediterraner Gesellschaften am Ende der Antike beitragen.

Konkret soll die Forschungsgruppe neben einer übergreifenden Synthese (Gruppenleiter) eine Habilitations- und zwei Promotionsarbeiten zu einigen weniger erforschten Aspekten der Zusammenhänge zwischen religiösem Konflikt und Mobilität im angegebenen Zeitraum (etwa zur Entstehung der melkitischen Kanonessammlung) sowie die erste kritische Edition und Übersetzung der Akten des letzten umstrittenen „ökumenischen“ Konzils des antiken Christentums (879-880) produzieren. Die Synthese wird u. a. die Ergebnisse der anderen Teiluntersuchungen miteinander verflechten und eine neue Kulturgeschichte des kritischen Übergangs zwischen Antike und Mittelalter im Mittelmeerraum hervorbringen, mit Byzanz im Mittelpunkt. Kulturelle und kirchengeschichtliche Phänomene wie der Bilderstreit, der "frühe byzantinische Humanismus" und das sog. "Photianische Schisma" werden nun nicht mehr als Beginn neuer mittelalterlicher Verhältnisse, sondern als positiver Abschluss breiterer spätantiker religiöser Konflikte betrachtet. Aus dieser Perspektive wird schließlich auch die Dienlichkeit der historiographischen Gliederung zwischen Antike und Mittelalter und des Begriffes "Dunkle Jahrhunderte" auf neuer Basis hinterfragt.

 

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