Dimensionen und Ebenen, Axiome und Optionen, methodische Orientierungen*
Wie erwähnt, stand die TZI nach Ruth C. Cohn mit an der Wiege der Kommunikativen Theologie. Von hierher sind auch die wissenschaftstheoretischen wie die wissenschaftspraktischen Elemente unseres theologischen Arbeitens inspiriert, in Auseinandersetzung damit wurden und werden sie entwickelt.
Wer schon einmal etwas von TZI gehört hat, kennt in der Regel „das Dreieck im Kreis“ als charakteristisches Koordinatensystem: Die TZI verbindet ICH, WIR, ES und den GLOBE. Zweidimensional wird dieses Gefüge als gleichseitiges Dreieck gezeichnet, dessen Eckpunkte der Umkreis schneidet. Ruth Cohn sah in ihrem einschlägigen Traum allerdings nicht ein Dreieck in einem Kreis, sondern eine Pyramide in einer Kugel. Die Dreidimensionalität weist auf komplexere Beziehungen hin: Ich, Wir, Es und Globe existieren immer schon im Verbund, und sie sind in sich selbst ein Verbund von Beziehungen (um dies zu veranschaulichen, zeichnen wir das Dreieck auch so, dass an jedem der drei Ecken nochmals ein Dreieck gebildet wird).
Hier zeigt sich erneut, dass Kommunikative Theologie nicht die Anwendung oder Weiterentwicklung des klassischen Kommunikationsdreiecks Sender-Botschaft-Empfänger darstellt. Dieses Schema wird ja in den Sprachwissenschaften sowie in der Analytischen Philosophie seit langem differenziert. Demzufolge ist die Botschaft nicht mehr eine „objektive“ (also gegenüberstehende) Aussage, die wie ein Paket vom Sender zum Empfänger transportiert wird. Selbst in eine „reine Sachaussage“ fließt die Subjektivität des „Senders“ mit ein. Und dass der Empfänger als Subjekt die Bedeutung der Botschaft bestimmt, wurde schon in der mittelalterlichen Philosophie so ausgedrückt: „Alles, was rezipiert wird, wird nach dem Maß des Empfängers rezipiert.“ Neben der Sachebene verbindet Sender und Empfänger auch (oft – als Ressource oder als Störung – wirkmächtiger) die Beziehungsebene.
Für die Kommunikative Theologie ist dies eine Selbstverständlichkeit, vermutlich gerade deshalb, weil sie sich nicht aus einer Kommunikationstheorie entwickelt hat. Sie fügt dem Dreieck (als Pyramide) den Kreis (als Kugel) hinzu, um die Bedeutung des Globe, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die uns umgibt und bestimmt, eigens zu betonen. Auch im Blick auf die Arbeit in der TZI formulierte Ruth C. Cohn: „Wer den Globe nicht achtet, den frisst er.“
Woher kommen nun aber Pyramide und Kugel? Was bedeutete der Traum?
Ruth C. Cohn hat ihren Weg einmal überschrieben mit „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“. Vor den Nazis nach den USA geflüchtet wollte Cohn dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert. Wie können Menschen miteinander agieren und kommunizieren, um eine erneute Shoa zu vermeiden? Was macht eine Gruppe arbeitsfähig? Antwort: Das Achten auf die Balance zwischen dem ICH, dem/der Einzelnen mit seiner/ihrer Lebensgeschichte und aktuellen Verfassung, dem WIR der Gruppe und dem Projekt (ES). Für Ruth C. Cohn war dies eine Verbindung von Psychoanalyse (Ich), Gruppendynamik (Wir) und Sacharbeit (Es) im Bewusstsein des Globe.
Dieses Konzept, die im Hintergrund stehenden Axiome humanistischer Psychologie sowie die Regeln im Miteinander des Prozesses standen Pate an der Wiege der Kommunikativen Theologie. Inzwischen hat der Forschungskreis Kommunikative Theologie in seiner „Selbstvergewisserung unserer Kultur des Theologietreibens“ die Koordinaten dieses theologischen (Miteinander-)Arbeitens beschrieben.
Unterschieden werden Dimensionen und Ebenen, Optionen sowie Methoden und Arbeitsweisen (hier als „methodische Orientierungen“ zusammengefasst).
Die vier Dimensionen entsprechen dem Schema Ich-Wir-Es-Globe und meinen: die persönliche Lebens- und Glaubenserfahrung; die Gemeinschaftserfahrung / Kirchlichkeit; die biblischen Zeugnisse in lebendiger Vermittlung (Tradition als Überlieferungsprozess); der gesellschaftliche Kontext / die Welterfahrung. (Um dem Missverständnis vorzubeugen, in der Kommunikativen Theologie ginge es um die heile Welt (spätestens am Ende des Prozesses) gelingender Kommunikation, haben wir in die veröffentlichten Formulierung der Dimensionen jeweils auch das Fragmentarische, Gebrochene, Gefährdete, bleibend Fremde usw. hineingeschrieben.)
Auch ein am Schreibtisch Forschender und seine Forschungsergebnisse per Vor-Lesung vermittelnder Theologe kann die vier Dimensionen berücksichtigen; er wird es überwiegend auf der Basis literarischer Zeugnisse tun. Kommunikative Theologinnen und Theologen unterscheiden demgegenüber drei Ebenen ihres Theologietreibens, für die es in der TZI keine Entsprechung gibt: die unmittelbare Beteiligungsebene, die Erfahrungs- und Deutungsebene und die Ebene der wissenschaftlich-theologischen Reflexion. Dahinter steht die Überzeugung, dass theologische Theologie als Re-flexion, als Nach-denken nur bei ihrer „Sache“ sein kann, wenn sie am Prozess des Glaubens und Zweifelns beteiligt wird, wenn ihre Subjekte sich betreffen und involvieren lassen. Wer zu glauben sucht, treibt schon Theologie, wir können sie „Theologie 1. Grades“ nennen. Ohne sie gibt es keine „Theologie 2. Grades“, also wissenschaftlich arbeitende, akademisch organisierte Theologie. Zwischen dieser dritten und der ersten Ebene der unmittelbaren Beteiligung stellt die zweite die Verbindung her: jedes Ereignis jedes Widerfahrnis wird ja in einer Deutung aufgrund der bisherigen Lebens- und Glaubenserfahrung erfahren. In diesem Sinn gibt es keine ungedeuteten (sogenannte nackte) Erfahrungen. Erfahrungen/Deutungen kommunizierend, an ihnen Anteil nehmend und sie austauschend bringen Theologinnen und Theologen ihr Reflexionspotential ein. In einer Arbeitsgruppe Kommunikativer Theologie sind alle Experten – je auf ihre Weise. Zu ihnen gehören auch die, auf wissenschaftlichem Gebiet kompetent und erfahren sind (das meint ja Experte sein). Als teilnehmende Leiterinnen und Leiter sind Theologinnen und Theologen in besonderer Weise (aber immer mit Beteiligung der Teilnehmenden in der Planungsgruppe) für die Balance der vier Dimensionen und nochmals besonders für die Beachtung der Dimension der orientierenden/normierenden Überlieferung verantwortlich. Das erinnernde und informierende Einbringen dieser Dimension beachtet selbst die Balance, das heißt: es geschieht nicht autoritär, sondern kommunikativ (was ja ein klares Bezeugen nicht ausschließt). Die Selbstmitteilung Gottes in Schöpfung und Geschichte, insbesondere in der Menschwerdung dessen, den wir den Sohn Gottes nennen, ist die Voraussetzung jeder theologischen Theologie im Christentum; ohne sie kann es keine Kommunikative Theologie geben. Ich und Wir sowie die lebendige Überlieferung angesichts der Weltlage je dafür zu öffnen, dass (in der Mitte des Dreiecks/der Pyramide) ansichtig und erfahrbar wird „Im Ursprung ist Beziehung“, das ist Aufgabe der (Kommunikativen) Theologie.
Ruth C. Cohn’s TZI ist bestimmt von drei Axiomen, die wir in der Kommunikativen Theologie theologisch verortet haben. Das bedeutet keine „feindliche Übernahme“, sondern ist dadurch ermöglicht, dass die TZI-Axiome von einem humanistischen Hintergrund bestimmt sind und wohl auch mit den jüdischen Wurzeln Ruth C. Cohns verbunden sind. Sie lauten: – Der Mensch ist gleichermaßen autonom und interdependent. – Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. – Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen, Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.
Christlicher Glaube – an den Gott, der uns in Beziehung frei sein lässt – an den Schöpfer und Erhalter alles Lebendigen – an den erlösenden, befreienden, die Fülle des Lebens vorbereitenden universalen Heilswillen Gottes, dieser Glaube findet die genannten Axiome in seinem Gottes-, Menschen-, Gesellschafts- und Weltbild begründet.
Auch hier gingen wir in der Kommunikativen Theologie bedeutende Schritte weiter und formulierten im Forschungskreis über die drei Axiome hinaus vier Optionen, nämlich – für die Gelassenheit angesichts aller Machbarkeitsphantasien – für die Armen – für das „Dableiben“, auch wenn nichts mehr geht – für die Kontemplation und das Mystisch-Mystagogische. Es ist unschwer zu erkennen, dass hinter diesen Optionen eine Theologie der Gnade und des Kreuzes stehen: Gnade heißt u.a., dass das Wichtigste für unser Leben, nämlich dass es einen unendlichen Wert hat, geschenkt wird und nicht von unserer Leistung abhängt; daraus ergibt sich eine „gelassene Leidenschaft“ (eine Formulierung des Theologen Norbert Greinacher). Kreuz heißt, dass Gott sich selbst zum Opfer gemacht hat/hat machen lassen, damit wir einander nicht mehr kreuzigen, zum Sündenbock machen, zu Opfern machen; daraus erwächst u.a. die vor allem von der Befreiungstheologie aufgestellte „vorrangige Option für die Armen“. In der Nachfolge des Gekreuzigten, der Opfer und Täter versöhnen will und dabei das Scheitern kennengelernt hat, wagen wir die Option des „Dableibens, auch wenn nichts mehr geht“. Die vierte Option verortet die Arbeit der Kommunikativen Theologie in einem ganzheitlichen Prozess des Menschwerdens, für den die Meditation (contemplatio) von Erfahrungen und das Hineinführen (Mystagogie) in Erfahrungen des Lebens-Glaubens vorrangig sind.
Das insgesamt über das Konzept der Kommunikativen Theologie Gesagte kann in einigen Regeln unserer Arbeit wieder entdeckt werden. Sie knüpfen z.T. an Regeln der TZI an: So nehmen wir das Störungspostulat (Störungen und emotionales Involviertseins nehmen sich den Vorrang vor der „Sache“) als theologische Herausforderung und Unterbrechung auf. Das Chairpersonprinzip (Jeder/Jede ist sein/ihr eigener Leiter, d.h. entscheidet in den Beziehungen autonom, wann und wie er/sie sich einbringt) verbinden wir mit dem Respekt vor und der Bildung der theologischen Urteilsfähigkeit. Von der partizipativen Leitung war schon die Rede; unsere einschlägigen Erfahrungen haben wir in mehreren Publikationen in den Raum des Groß-Wir Kirche eingebracht. Zwei weitere Regeln unserer Arbeitsweise können als exemplarisch für theologisches Arbeiten angesehen werden, als selbstverständlich, wenn auch manches mal vergessen, als selbstkritische Erinnerung: In unseren Arbeitsprozessen legen wir großen Wert darauf, aus den Anliegen (d.h. aus dem, was jetzt in der Gruppe anliegt) das angemessene Thema (nicht zu verwechseln mit dem Es-Projekt) herauszufinden. Diese Themenzentrierung verstehen wir in der Kommunikativen Theologie auch als theologische Sprachschulung, dh. zu lernen, angesichts von Ich, Wir, Es und Globe „zur Sache zu kommen“. Die letzte noch zu erwähnende Regel wehrt den Eindruck ab, als könne auf diese Weise eine „Sache“ erschöpfend behandelt und jede Kommunikation in Harmonie hinein aufgelöst werden: Offenheit und Unabgeschlossenheit sind vom Selbstverständnis der Theologie her konstitutiv für den Prozess, trifft doch die Selbstmitteilung Gottes auf endliche Menschen, die in ihrer Geschichte unterwegs sind.
Von dieser „Selbstvergewisserung der Kultur unseres Theologietreibens“ her wird nachvollziehbar, weshalb sich Kommunikative Theologie in besonderer Weise für das Projekt der Lebensraum Orientierten Seelsorge interessiert. Auch am Ende dieser Kooperation wird sie noch „offen und unabgeschlossen“ sein, jedoch immens bereichert aus dem Prozess hervorgehen.
* Berd-Jochen Hilberath, Grenzgänge sind Entdeckungsreisen - Lebensraumorientierte Seelsorge und Kommunikative Theologie im Dialog: Projekte und Reflexionen, Grünewald, 2011.