Philologisches Seminar

Simon Grund

Assistenz

 

Kontakt

Wilhelmstraße 36 (Erdgeschoss, Zi. 21)
72074 Tübingen
Deutschland
Telefon: +49 7071 / 29-72350
E-Mail: simon.grundspam prevention@uni-tuebingen.de

Sprechzeiten

Während des Semesters: Donnerstag, 13–14 uhr

Während der vorlesungsfreien Zeit: nach Vereinbarung

 

Curriculum Vitae

1991

Geboren in Sindelfingen

2017/18
Erstes Staatsexamen an der Eberhard Karls Universität Tübingen

in den Fächern Lateinische Philologie und Philosophie/Ethik

2018–2020
Stipendiat des Promotionsverbundes 'Theorie der Balance - Formen und Figuren des Gleichgewichts in Medien- Kunst- und Literaturwissenschaft'

2020–2021
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Graduiertenkolleg 1808: 'Ambiguität - Produktion und Rezeption'

Assoz. Mitglied seit 2018

Seit Okt. 2021
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philologischen Seminar

Assistentur des Lehrstuhls für Lateinische Philologie II (Prof. Robert Kirstein)

02/2022–05/2022

Forschungsaufenthalt an der New York University (NYU) gefördert durch den DAAD

Forschung

Forschungsinteressen

Ovid

Exildichtung

Ambiguität

Theorien der Balance in Literatur und Kunst

Narratologie und Semiotik

Aktuelle Projekte

Grund, S., Kirstein, R., Wagner, J. (eds.): Ambiguity and Narratology. Interdisciplinary and Diachronic Perspectives. In preparation for Narratologia. Contributions to Narrative Theory, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2023)

Grund, S., Pulina, D. (eds.): Ovids Spiel mit dem Kalender. Die Fasti zwischen poetischer Originalität und kritischer Geschichtsdeutung. In preparation for Philologus Supplemente, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2023)

'Multiple Addressing in Public Discourse' - Hybrid-Tagung gemeinsam mit Asya Achimova, Selina Bernarding, Maren Ebert-Rohleder, Joel Klenk, Dominik Wabersich

Latin Text Collection-Project ('LTC-project') zusammen mit Robert Kirstein und dem Department of Classics Durham

Promotionsprojekt

'Ambiguität und Balance in Ovids 'Tristien'

Das Projekt setzt sich mit der Frage auseinander, welche Rolle Ambiguität in der Exilliteratur Ovids spielt. Dabei soll gezeigt werden, dass eine strategische Verunklarung der Umstände und Erlebnisse im Exil ein poetisches Mittel ist, das eine verlorene Balance des Dichters auf der Ebene des textlichen Diskurses realisiert. Ausgangspunkt der Arbeit sind zwei Beobachtungen zu Ovids Exilliteratur, die bislang zwar getrennt voneinander beschrieben, bislang aber noch nicht dezidiert miteinander in Verbindung gebracht worden sind.

(1) In seinen Tristien, einer ersten Sammlung elegischer Exilgedichte, die gemeinhin den Beginn dieser Gattung in der abendländischen Literaturgeschichte markieren, schildert der römische Dichter Ovid die Erfahrungen seiner Verbannung (8 n. Chr.), seine Reise nach und seine Erlebnisse in seinem zugewiesenen Exilort Tomis an der Küste des Schwarzen Meeres. Dabei schildert er eine Welt, in der nicht nur Jahreszeiten und Klima, sondern auch seine körperliche und seelische Verfassung aus dem Gleichgewicht geraten. Mit metaphorischen und poetologischen Bildern des Gleichgewichts (z.B. Ikarus als Reflexionsfigur) stellt der Dichter seinen Sturz als radikalen Verlust des Gleichgewichtes dar, in dem Leben und Dichtung in eine Krise gestürzt sind, die einer Neuorientierung und eines neuen stabilen Standes bedürfen. Diese Thematik ist von der bisherigen Forschung zwar beschrieben, dabei aber lange Zeit als einseitige Selbst-herabsetzung des Dichters nach der Verbannung empfunden worden.

(2) Die Exilgedichte sind geprägt von einem hohen Maß an Unbestimmtheit, Vagheit und Ambiguität. Dies zeigt sich in verschiedenen Bereichen: Bis heute sind etwa die Gründe für die Verbannung auf persönlichen Erlass des Augustus unbekannt und ein Rätsel, das die Forschung lange beschäftigt hat. Grund dafür sind nicht nur der Mangel an historischen Quellen (außer Ovid selbst schriebt keiner seiner Zeitgenossen darüber), sondern auch eine Strategie des Textes, der immer wieder um dieselbe informationelle Leerstelle kreist, den Verbannungsgrund metaphorisch umschreibt und ihn dadurch erwähnt und doch nicht erwähnt. Andererseits entstehen die Gedichte in einem politischen Kontext, in dem der öffentliche Diskurs immer mehr beschnitten wird und letztlich auch, wie im Falle Ovids, in direkten Konflikt mit diesem sich neu konsolidierenden Machtsystem von Augustus geraten können. Die Tristien stellen den vordergründigen Versuch dar, sich mit dem Kaiser zu versöhnen, sind jedoch bei genauerem Hinsehen von doppelten Lesarten, kritischen Untertönen und spitzen Pointen durchzogen, die einer hermeneutischen Festlegung in der Interpretation entgegenstehen. Zuletzt ist auch die in den Texten sprechenden Dichterstimme fluide und als Vexierbild aus einander widerstreitenden literarischen ‚Masken‘ (personae) zu betrachten, die sich den Lesenden auf verschiedene Weise annähern und die Grenzen des autobiographischen (oder: autofiktionalen) Sprechens vor dem Hintergrund eines ‚intentionalen Trugschlusses‘ weit ausloten.

Die Arbeit unternimmt den Versuch, diese beiden charakteristischen Merkmale von Ovids Dichtung zu verbinden und die Ambiguität (2) als poetische Strategie zu interpretieren, die das verlorene Gleichgewicht des Dichters im Exil (1) auf der Ebene des Textes realisiert. Indem dem Text wichtige informationelle Fundamente entzogen werden, so der Ansatzpunkt, geraten die Gedichte gewissermaßen selbst ‚aus dem Gleichgewicht‘ und machen den Sturz des Dichters rezeptionsästhetisch erfahrbar.

 

Publikationen

Publikationen

In Vorbereitung:

Grund, S., Kirstein, R., Wagner, J. (eds.): Ambiguity and Narratology. Interdisciplinary and Diachronic Perspectives. In preparation for Narratologia. Contributions to Narrative Theory, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2023)

Grund, S., Pulina, D. (eds.): Ovids Spiel mit dem Kalender. Die Fasti zwischen poetischer Originalität und kritischer Geschichtsdeutung. In preparation for Philologus Supplemente, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2023)

Grund, S., Kirstein, R.: Balance and Poetic Autonomy The Concept of Unreliable Narration Ovid’s Fasti, in: Grund, S., Pulina, D. (eds.): Ovids Spiel mit dem Kalender. Die Fasti zwischen poetischer Originalität und kritischer Geschichtsdeutung. In preparation for Philologus Supplemente, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2023)

Handbuchartikel:

Eventfulness in Classical Greek and Latin Literature, in: Schmid, W., Hühn, P., Pier, J. (eds.): Handbook of Diachronic Narratology, Berlin, Boston: De Gruyter. (est. 2022)                          

Aufsätze:

Gleichgewicht als Ideal – Die Idee der Gütergemeinschaft in Thomas Morus’ Utopia und ihre ethischen und anthropologischen Implikationen, in: Müsel, L., Röck, M. (eds.): (Dis-)Balance: Ökonomisierte Welten, Frankfurt a.M.: Peter Lang (2021).

Der Weg der ‚goldenen Mitte‘ – Aristoteles‘ Lehre der μεστης und ihre Bedeutung für die Daseinsmetapher der Balance, in: Goebel, E., Zumbusch, C. (eds.): Balance. Figuren des Äquilibriums in den Kulturwissenschaften, Berlin, Boston: De Gruyter, S. 35-56 (2020).                           

Ante oculos nostros - Fokalisierung in Ovids Amores I 5 und die Frage der Ambiguität, in: Polleichtner, W. (ed.): Literatur- und Kulturtheorie und altsprachlicher Unterricht, Speyer: Kartoffeldruck Verlag, S. 147-232 (2018).

Varia:

Catull lesen in Zeiten der Pandemie – ein Online-Blog. Von Ambiguität(en) und Gleichgewicht(en) in der römischen Dichtung Catulls (mit Robert Kirstein), in: attempto online (University of Tübingen) 10.11.2021, https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/attempto-online/newsfullview-attempto/article/catull-lesen-in-zeiten-der-pandemie-ein-online-blog/