Tobias Lebens

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Deutsches Seminar
Wilhelmstr. 50
D-72074 Tübingen
Raum 250
E-Mail: tobias.lebens@uni-tuebingen.de
Sprechstunde: aktuell nur digital nach vorheriger Absprache per Mail

Mitglied im Conneticut-Baden-Württemberg Human Rights Research Consortium 

Junior Fellow am Center for Interdisciplinary and Intercultural Studies (CIIS) der Universität Tübingen im Rahmen des Programms "Belonging - the meaning of a fundamental structure of the human being in the 21st century" (Okt. 2020 - Juni 2021)

 

Seminar im Sommersemester 2021:
PSII: Zeugen in der Literatur des 20. Jahrhunderts
 

Promotionsthema:
'Forensis', Evidenz und Zeugenschaft in der deutschsprachigen Postjugoslawienkriegsliteratur (AT)

Abstract:
Das Dissertationsprojekt widmet sich ausgewählten deutschsprachigen, literarischen Texten zu den Kriegen, die in den 1990er Jahren im Zuge des Zerfalls von Jugoslawien im heutigen Bosnien & Herzegowina, Kroatien, Serbien und im Kosovo geführt wurden. Die Texte wenden sich den Kriegen aus einer jeweils individuell zu fassenden, aber strukturell geteilten Position der Nachträglichkeit zu, sei es als Reisen an Orte, an denen der Krieg stattgefunden hat, als Suche nach Vermissten oder als Erinnerung an Kriegsereignisse, die als Kind erlebt wurden. Die hier ausgewählten Texte, die sich alle jener Literatur zuordnen lassen, für die die 'Postjugoslawienkriegsliteratur' vorgeschlagen wurde, nehmen den Krieg als ein Ereignis wahr, das verstellende, schwer zu lesende Spuren hinterlassen hat und stellen diese Schwierigkeit – mit unabweisbar in die betroffenen Landschaften, Städte und Körper eingetragenen Spuren konfrontiert zu sein, ohne zu wissen, wie und mit welcher Konsequenz diese zu lesen sind – ins Zentrum ihrer Verhandlungen und Verfahren.

Diese Problematik muss dabei, ob von den literarischen Texten explizit reflektiert oder nicht, als Resultat einer für den Jugoslawienkrieg kennzeichnenden Kriegsführung und Gewaltausübung gesehen werden, die ein doppeltes Ziel hatte: Die Gewalt gegen die Körper, Wohnungen und geteilte Räume wurde begleitet von systeamtischen Versuchen, die Spuren dieser Gewalt unlesbar zu machen. Den enormen Aufwand, den kriegsführende Parteien heute auf dieses Unlesbar machen verwenden, macht die Arbeit des aktivistischen Architekt_innenkollektivs  Forensic Architecture[1] um Eyal Weizman deutlich. Ihre Arbeit richtet sich nicht nur gegen "violence against people but also violence against evidence."[2] 

Die ausgewählten Texte setzen sich alle kritisch mit Diskursen um Evidenz und Strategien ihrer Produktion auseinander. Die Arbeit möchte einerseits die in ihnen geführten Verhandlungen von Evidenz nachzeichnen und in ein Verhältnis zu weitgehend synchron stattfindenden Debatten zur Evidenz von Spuren des Krieges setzen, wie sie beispielsweise um das Stichwort 'Zeugenschaft' oder mit Verweis auf einen kolportierten 'forensic turn' geführt wurden und werden. Andererseits und vor allem möchte sie ein von den Texten selbst vollzogenes Verfahren mit Evidenz analysieren, sei es ein textuelles 'Vor Augen Stellen', das die rhetorische Figur der 'evidentia' aufruft, gerade indem sie eine Wahrnehmungssituation präfiguriert, die sich im konkreten Lesen nur schwer, vielleicht unmöglich in Augenscheinlichkeit auflösen lässt, oder durch ein Spiel mit formalisierten Verfahrenshaftigkeiten zur Produktion von Wissen und Evidenz in anderen Disziplinen, u.a. Strafprozess, Interview, Tagung oder Suchdienstfragebogen.  

Aus allen Texten spricht außerdem ein teilweise sehr anspruchsvolles Verhältnis der Zeugenschaft und der Involviertheit in das Kriegsgeschehen. Ihrer Signatur sind komplexe Geschichten der Flucht und des Verlustes der Herkunft eingeschrieben. Andere Texte entstehen zwar aus einer größeren Distanz, verhandeln aber dennoch  ein denkwürdiges Verhältnis der Involviertheit in das Kriegsgeschehen. Die Arbeit untersucht, wie die ausgewählten Texte die Spannung einer durch diese Involviertheit bedingten, unabweislichen Konfrontation mit der Evidenz verschlossener Spuren und Folgen des Krieges sowohl explizit verhandeln als auch in literarischen Verfahren sichtbar machen und zu denken geben.

 

[1] https//:www.forensic-architecure.org

[2] Eyal Weizman: Forensic Architecture. Violence at the Threshold of Detectability. Princetown: 2017, S. 64