Tobias Lebens

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Deutsches Seminar
Wilhelmstr. 50
D-72074 Tübingen
Raum 250
E-Mail: tobias.lebens@uni-tuebingen.de
Sprechstunde: Mo. 15-16.00 Uhr

Mitglied und Co-Sprecher der Nachwuchsgruppe im Conneticut-Baden-Württemberg Human Rights Research Consortium

 

Seminar im Sommersemester 2022:
Autobiographien. Probleme und Verfahren der Selbst-Evidenz
 

Promotionsthema:
Evidenz und forensische Verfahren in der deutschsprachigen Postjugoslawienkriegsliteratur (AT)

Abstract:

Das Projekt verfolgt das Ziel, durch einen ‚verfahrensanalytischen‘ Zugang zu zeigen, inwieweit deutschsprachige literarische Texte einen kritischen Beitrag in der Reflexion und Wahrnehmung des Jugoslawienkrieges leisten. Aus ihnen spricht eine geteilte Perspektive auf diesen Krieg, in der er, so unbestreitbar und unmittelbar zerstörerisch er sich gezeigt hat, erhebliche Herausforderungen an den Versuch ihn zu verstehen gestellt hat.

Die Problematik der umkämpften Wirklichkeit des Krieges lässt sich als Resultat einer den Jugoslawienkrieg kennzeichnenden Kriegsführung und Gewaltausübung spezifizieren. Sie richtete sich bewusst nicht nur gegen menschliche Körper und ihre Möglichkeit zur Artikulation und Erinnerung der Gewalt, sondern auch gegen Dinge und Räume und wurde in vielen Fällen von systematischen Versuchen begleitet, die Spuren dieser Gewalt unkenntlich zu machen. Den enormen Aufwand, den kriegsführende Parteien in Jugoslawien und auch heute operierende, v.a. staatliche Armeen und Agenturen auf dieses Unkenntlichmachen von Spuren verwenden, stellt das aktivistische Architekt:innenkollektiv Forensic Architecture ins Zentrum ihrer Arbeit.

Die Vorstellung von Wirklichkeit des Kollektivs als auch die weiterer forensisch operierender Akteure, die in der Aufarbeitung von Krieg und Genozid immer wichtiger werden, umschreibt Thomas Keenan als paradox: "they know how essential aesthetics is to the investigative [...] labour (and) to ascertain and assert the most simple of facts; but likewise, how important it is to refer to the truth as something much more obvious and given."[1]

Forensiker:innen gehen davon aus, dass gegenwärtige Gewalt und Kriegsführung oft doppelt ausgerichtet ist – "violence against people but also violence against evidence"[2] – und über komplexe analytische Wege und neue oft intermediale Verfahren besser dargestellt, verstanden und kritisiert werden kann. In der Dissertation wird das Verhältnis literarischer Texte im Kontext des Jugoslawienkriegs zu Reflexionen und Verfahrensweisen der Forensik untersucht. Vorbereitend dafür wird zunächst die ästhetische Dimension forensischer Praxis reflektiert, ehe nachgezeichnet und exemplarisch gezeigt wird, welchen Einfluss Forensik auf die künstlerische Auseinandersetzung mit Krieg und systematischer Gewalt genommen hat.

Die Arbeit versucht dann zu zeigen, dass ein solcher Einfluss auch in den literarischen Texten erkennbar ist. Unter dieser bisher kaum umgesetzten Hinsicht auf gegenwärtige Schreibweisen über Krieg werden u.a. Texte von M. N. Abonji, M. Bodrožić, M. Dinić, N. Gstrein, P. Handke, W. Haas, A. Kim, N. Ljubić, R. Prosser, W.G. Sebald, S. Stanišić oder P. Waterhouse analysiert.

Wie die Forensik, besonders in der künstlerisch-aktivistischen Variante von Forensic Architecture, sensibilisieren auch sie für die technischen, medialen und politischen Rahmen und Verfahren, die die Wahrnehmung des Krieges bedingen, und entwickeln auch sie eigene Verfahrensweisen, um sich den Ereignissen anzunähern und sie jenseits eingeübter kollektiver Wahrnehmungs- und Interpretationsrahmen vernehmbar zu machen.

[1] www.ica.art/forensic-aesthetics

[2] E. Weizman: Forensic Architecture. Violence at the Threshold of Detectability. Princetown: 2017, S. 64