Uni-Tübingen

Sind im Garten! - Nature Writing II


„Wir haben nichts als unsere Sinne, um der Welt zu begegnen. Und es gilt sie zu schärfen, um diese Erfahrung bewusst zu erleben, also genau hinzusehen, hinzuschmecken, hinzufühlen – und hinzuhören.“

Judith Schalansky

In diesem Seminar haben wir uns erneut schreibend und lesend mit der sogenannten Natur die uns umgibt auseinander gesetzt. Wir übten uns im Nature Writing. Wir lasen kanonische Texte und versuchten unsere Wahrnehmungen mit poetischer Kreativität festzuhalten. Seminar begleitend wurde eine Veranstaltungsreihe im Hölderlinturm initiert. 

Bereichert wurde das Seminar durch einen Gastvortrag von Prof. Christoph Randler.

Dies war ein gemeinsames Projekt mit dem Hölderlinturm. Gefördert aus Landesmitteln durch die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg (Deutsches Literaturarchiv Marbach).


Zu Gast im Hölderlinturm

Mit Anja Utler startete unsere Lyrikreihe zum Nature Writing. Die Lesungen wurden gemeinsam mit dem Hölderlinturm und der Universität Tübingen veranstaltet. Nature Writing ist als Genre vor allem im angloamerikanischen Raum äußerst populär. In diesem Genre geht es um literarische Beschreibungen von Umwelten, Landschaften und Naturerscheinungen aus einer eigenen, persönlichen Perspektive. In der Reihe stellen sich deutschsprachige Vertreter*innen des Genres vor und nehmen u.a. auch Bezug auf Hölderlin.

Anja Utler – „kommen sehen – Lobgesang“

Anja Utlers Gedichte versuchen, eine Sprache für unaussprechliche Erfahrungen zu finden. Schon früh setzte sie sich so mit Naturerfahrung im Angesicht der ökologischen Katastrophe auseinander, etwa in ihrem 2004 erschienenen Gedichtband „münden – entzüngeln“. In ihren Gedichten möchte sie die Distanz zwischen Mensch und Umwelt aufheben. In „kommen sehen – Lobgesang“, ein hymnischer Monolog, der in einer dystopischen Zukunftswelt nach der Klimakatastrophe angesiedelt ist, macht sie diese Erfahrung konkret. Im Hölderlinturm führt sie die performative Fassung von „kommen sehen – Lobgesang“ auf. Nach der Performance gibt es die Möglichkeit, mit ihr ins Gespräch zu kommen.
Anja Utlers Lyrik ist geschrieben, um gehört zu werden: Ihre Gedichtbände sind nicht nur als Druckfassung, sondern teilweise auch als von ihr selbst eingesprochene Hörfassung erhältlich. Auch als Sprechwissenschaftlerin interessiert sie besonders der Klang von Gedichten. Sie ist mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet worden, darunter zuletzt dem Ernst-Jandl-Preis (2023) und dem Peter-Huchel-Preis (2024).

Christian Lehnert – Opus 8

 Wie bei Hölderlin ragt in Christian Lehnerts Texten die Theologie in die Poesie hinein, und die Poesie in die Theologie. In seinem Schreiben trifft Naturbeobachtung auf Kontemplation. Er ist ein moderner Mystiker. Neben seinen acht Gedichtbänden, Übersetzungen und theologischen Essays umfasst sein Werk auch Libretti für das Musiktheater.

“Im Vertrauen auf die weltstiftende Kraft der Sprache erreicht seine Lyrik eine für die gegenwärtige Dichtung herausragende Einfachheit, Prägnanz und musikalische Schönheit. Mit großer sprachlicher Feinheit, Formenreichtum und genauester, allen Sinnen geöffneter Beobachtung, richtet Lehnert seine Aufmerksamkeit auf die Natur in der Fülle ihrer Erscheinungen wie auf menschliche und spirituelle Grunderfahrungen, die in der Spur einer modernen Mystik göttliches Angesprochensein als Widerspiel von Schweigen, Leere und Nichts artikulieren.” – Aus der Begründung der Jury des Friedrich-Hölderlin-Preis. Christian Lehnert, 1969 in Dresden geboren, ist Dichter, Essayist und Theologe. Seine Bücher erscheinen im Suhrkamp-Verlag, zuletzt Windzüge (2024), Das Haus und das Lamm (2023).
 

Claudia Gabler - Aufblühen in Vasen

Claudia Gabler  wird unter anderem aus Ihrem jüngsten Band Aufblühen in Vasen von 2021 lesen. Sie beschäftig sich darin mit Naturerfahrungen im Zeitalter der ökologischen Krise. Man flüchtet vor sich selbst in die Natur, und merkt doch, wie menschengemacht sie eigentlich ist. Beim Versuch, sich die Natur anzueignen, zu „stylen“, wie sie sagt, hat der Mensch sie erst recht verloren. Wie kann man da wieder heimisch werden? In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur bekannte Claudia Gabler: „Ich als Autorin, als Lyrikerin, kann mir derzeit nicht vorstellen, zu schreiben, ohne politisch zu sein […]“ Doch finden sich in ihren streng formal komponierten Texten freilich keine politischen Gewissheiten. Die Sprache ist konkret wie sie nur sein kann, und assoziativ zugleich. Wortklang und Sprachrhythmen öffnen eigene Zwischentöne in der komplizierten Beziehung zwischen „Ich“ und „Natur“. Diese Poesie ist gescheit und hellwach. Sie folgt einer ästhetischen Selbstbeschränkung und bildhaften Bescheidenheit, die sie ganz groß werden lässt: Da wird viel mehr eingelöst als versprochen. – Aus der Begründung der Jury des Kurt-Siegel Lyrikpreis.