Neu erschienen: Streiten – aber richtig! – Zum Umgang mit Kontroversen in Schule und Unterricht
Kontroversen gehören zur pluralistischen Gesellschaft: Sie zeigen, dass eine lebendige Auseinandersetzung stattfindet und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden können. Ein wichtiger Ort, an dem kontroverse Themen zur Sprache kommen, ist die Schule. Der Umgang mit kontroversen Fragen wird dadurch zur Aufgabe und Herausforderung für Lehrkräfte und für die Lehramtsausbildung.
Der Band Streiten – aber richtig! ist hervorgegangen aus einem Fachgespräch, das die Special Interest Group (SIG) Kritisches Denken und darüber hinaus – Normative Fragen in der Lehrerbildung der Tübingen School of Education zusammen mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg zum Thema „Herausforderung Kontroversität in Schule und Hochschule“ 2024 durchgeführt hat. Hier haben Vertreter*innen aus Schulen und Hochschulen über Kontroversität aus verschiedenen Perspektiven diskutiert.
Kontroversität ist in der Schule in der Gegenwart ein schwieriges Thema, weil Streiten selbst ambivalent ist. Einerseits gehören Konflikte und Kontroversen zu einer demokratischen Gesellschaft, auf der anderen Seite können sie Grenzen überschreiten, verletzend sein, und Regeln und Grundrechte außer Acht lassen. Trotzdem muss gerade in Schulen (und Hochschulen) richtiges Streiten geübt werden, also sollen Kontroversen nicht unterdrückt, sondern in produktive Bahnen gelenkt werden. Das fällt angesichts der aktuellen Debatten in unseren Gesellschaften Lehrkräften teilweise sehr schwer. Hier ein Zitat aus einem Bericht eines Gesamtschullehrers aus Dortmund:
„Mir ist wichtig, dass die Leute außerhalb des Kosmos Schule begreifen: Das hat sich so normalisiert – Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, die Akzeptanz von Gewalt. Alles fühlt sich pulverfassiger an als vor ein paar Jahren. Unsere Lehrerausbildung ist in keinster Weise darauf ausgerichtet! Das Entschärfen ideologischer Konflikte – so etwas lernen wir nicht im Referendariat.“
(In: ZEIT Nr. 07/2026: „Es gibt Tage, da höre ich mehrmals pro Stunde das N-Wort“, von Amrei Koen, Johannes Laubmeier, Vanessa Vu)
Was gehört nun zum richtigen Streiten – als Voraussetzung zum „Entschärfen von Konflikten“? Neben grundlegenden Punkten – etwa, alle Beteiligten respektvoll zu behandeln und sie als mündige Subjekte ernst zu nehmen – wird in dem Band besonderen Wert darauf gelegt, dass Auseinandersetzungen rational und diskursiv nachvollziehbar geführt werden sollen.
Dazu gehört, deutlich zu machen, dass es in Kontroversen nicht nur um den Austausch von Meinungen geht. Für Lernende sollte erkennbar werden, dass es Aussagen über Fakten gibt, die nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung nicht beliebig in Frage gestellt werden können, und dass es ebenso moralische Aussagen gibt, deren Geltung überzeugend und nachvollziehbar begründet und gerechtfertigt werden kann.
Damit sollen Emotionen, subjektive Gefühle und Intuitionen keineswegs entwertet oder als irrelevant für moralische Themen abgetan werden. Diskussionen im Unterricht können und sollten jedoch vorrangig so gestaltet sein, dass Fragestellungen und Konflikte gemeinsam mit den Lernenden rational und von allen am Diskurs Beteiligtennachvollziehbar erschlossen werden. Auf dieser Basis wird eine fundierte faktische und/oder ethische Auseinandersetzung über Gründe und mögliche Gegenargumente möglich, die sich auch von ideologischen Überzeugungsversuchen deutlich abgrenzt. Damit können den Lernenden normative Bezugspunkte zur Orientierung aufgezeigt werden.
Die Beiträge des Sammelbandes zeigen exemplarisch, welche didaktischen und ethischen Perspektiven in verschiedenen Kontexten in der Theorie und für die Praxis diskutiert werden. Oft wird auf den Beutelsbacher Konsens von 1977 verwiesen, der mit seinen drei Prinzipien zur politischen Bildung wesentlichen Einfluss auf dem Umgang mit Kontroversität in der Schule hatte und immer noch hat. Sowohl die einzelnen normativen Aussagen als auch der Fokus auf die politische Bildung werden in verschiedenen Beiträgen des Bandes aufgegriffen und auch kritisch diskutiert.
Verfasst von: Uta Müller, Simon Meisch