International Center for Ethics in the Sciences and Humanities (IZEW)

Sustainability Lecture und Nachhaltigkeitspreise: Wege zu lokalen und planetaren Lösungen

Prof. Dr. Samuel Wagner, Prorektor für Nachhaltige Entwicklung, eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort, in dem er die aktuelle Bedeutung des Themas für die Universität Tübingen und entsprechende Aktivitäten erläuterte. Die Veranstaltung selbst verband die Auszeichnung exzellenter studentischer Arbeiten mit einem wissenschaftlichen Impuls zur drängenden Frage, wie Menschen und Natur im Anthropozän zukunftsfähig zusammenleben können.

Ausgezeichnet wurden Abschlussarbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich auf innovative und reflektierte Weise mit ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten Nachhaltiger Entwicklung befassen. Die Preisträger*innen stellten ihre Arbeiten in Kurzbeiträgen vor.

Im Bereich der Bachelorarbeiten wurde Clara Winter aus der Biologie geehrt. In ihrer Arbeit untersuchte sie unterschiedliche Formen des Mähens im ökologischen Luzerne- und Kleegrasanbau auf den Bruterfolg der Feldlerche. Ihre Ergebnisse zeigen, dass vor allem ein längerer Abstand zwischen erster und zweiter Mahd Brutverluste deutlich verringern kann. Ebenfalls ausgezeichnet wurde Elias Grenz, der in seiner Bachelorarbeit aus Philosophie und Allgemeiner Rhetorik der Frage nachging, ob nachhaltige Verkehrspolitik nicht nur klimaschonend, sondern auch sozial gerecht gestaltet werden kann. Am Beispiel der Stadt Leipzig zeigte er, dass die Förderung von Fuß- und Radverkehr ein wirksames Mittel zur Verbesserung von Teilhabe sein kann, soziale Gerechtigkeit jedoch stärker politisch berücksichtigt werden muss. Die dritte ausgezeichnete Bachelorarbeit stammt von Elizaveta Shcherbinina aus der Biologie. Sie untersuchte in einem Gewächshaus- und Laborversuch die Wechselwirkungen zwischen Mikroplastik und Cadmium im Boden und konnte zeigen, dass Mikroplastik die Aufnahme von Cadmium durch Pflanzen erhöht. Die Ergebnisse verweisen auf potenzielle Risiken für Ernährungssicherheit und menschliche Gesundheit und unterstreichen den Bedarf an weiterer interdisziplinärer Forschung.

Auch im Bereich der Masterarbeiten wurden drei Preise vergeben. Paul Götzl aus der Chemie untersuchte in seiner Arbeit, wie ein spezielles stickstoffhaltiges Molekül mit anderen Stoffen reagiert und wie gut es Kohlendioxid (CO₂) bereits unter milden Bedingungen bindet. Die Ergebnisse liefern einen Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger chemischer Prozesse und werden nun im Rahmen seiner Promotion weiterverfolgt. Julia Güntherodt aus der Humangeografie und den Global Studies analysierte die sozioökonomischen Ursachen des illegalen Goldabbaus in den Kakaoregionen Ghanas und untersuchte das präventive Potenzial gemeindebasierter Agroforstwirtschaft. Ihre Arbeit zeigt, dass dieser Ansatz aktuell nur begrenzt umsetzbar ist, jedoch insbesondere als Bildungsinstrument ein wichtiges präventives Potenzial besitzt. Nicolai Dambacher widmete sich in seiner Masterarbeit im Fach Geographie der Bedeutung von Kirchenräumen in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Auf theoretischer Grundlage des Neopragmatismus entwickelte er Konzepte für eine multifunktionale Nutzung von Kirchenräumen, die diese nachhaltig in gesellschaftliche Wandlungsprozesse einbinden können.

Mit dem Nachhaltigkeitspreis für eine Dissertation wurde Dr. Rebecca Mast aus den Geowissenschaften ausgezeichnet. In ihrer Arbeit untersuchte sie die Vereinbarkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien mit dem Schutz der Biodiversität in Afrika. Auf Basis der von ihr entwickelten Renewable Power Plant Database Africa konnte sie zeigen, dass der steigende Strombedarf ohne zusätzlichen Ausbau großer Wasserkraftwerke gedeckt werden kann, wenn bestehende Anlagen optimiert und mit Solar- und Windenergie kombiniert werden. Die Arbeit verdeutlicht, dass afrikanische Länder eine Vorreiterrolle für eine sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Energiewende einnehmen können und dafür keine neuen Staudammbauten benötigen.

Nach der Preisverleihung hielt Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und der Universität Leipzig die Sustainability Lecture unter dem Titel „Natur und Menschen im Anthropozän – Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung“. In ihrem Vortrag zeigte sie, dass trotz wachsenden Wohlstands und sinkender Armut der Zustand der Erde zunehmend kritisch ist. Der steigende Verbrauch von Energie, Nahrungsmitteln und Textilien belastet Klima, Ökosysteme und Biodiversität in erheblichem Maße.

Das Anthropozän beschreibt dabei ein Zeitalter, in dem menschliche Aktivitäten die natürlichen Prozesse der Erde entscheidend prägen. Besonders deutlich wird dies beim Verlust der biologischen Vielfalt. Indikatoren wie der Living Planet Index oder der Rote-Liste-Index zeigen einen dramatischen Rückgang von Arten und Lebensräumen. Auch in Deutschland befinden sich viele Ökosysteme in einem schlechten Zustand, was sich unter anderem im großflächigen Waldsterben der vergangenen Jahre zeigt.

Böhning-Gaese machte deutlich, dass Biodiversität weit mehr ist als ein sektorales Naturschutzthema. Sie ist Grundlage stabiler Ökosysteme, beeinflusst die Kontrolle von Krankheiten und trägt wesentlich zum menschlichen Wohlbefinden bei. Gleichzeitig verläuft ihr Verlust oft schleichend und bleibt deshalb gesellschaftlich unterschätzt.

Zum Abschluss richtete sie einen produktiven, motivierenden Blick nach vorn. Unter dem Leitmotiv „Von planetaren Grenzen zu planetaren Lösungen“ plädierte sie für einen systemischen, evidenzbasierten und inklusiven Transformationsprozess. Der Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume spielen dabei eine Schlüsselrolle, da sie sowohl zur Erhaltung der Biodiversität als auch zum Klimaschutz beitragen. Die Sustainability Lecture machte deutlich, dass die Zukunft nicht festgelegt ist, sondern aktiv gestaltet werden kann, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent in politisches und gesellschaftliches Handeln übersetzt werden.

Verfasst von: Lydia Solomon, Luzia Sievi & Thomas Potthast

Auch für das Jahr 2026 können Studierende bzw. Absolvent*innen, die ihre Abschlussarbeit im Bereich Nachhaltiger Entwicklung schreiben (oder geschrieben haben), Bewerbungen für den Nachhaltigkeitspreis für Abschlussarbeiten bis zum 15.09.2026 einreichen. Die Universität Tübingen schreibt den Preis seit 2011 jährlich aus.