Orient- und Islamwissenschaft

FINT Coin of the Month

At the beginning of each month, a selected piece from the Tübingen university collection of Islamic coins is shown here and explained in its historical context.

MdM August 2020

 

In normaleren Zeiten würde sich jetzt, am Ende des ḥaǧǧ (Haddsch) – also der großen Mekka-Wallfahrt, welche jeder Muslim und jede Muslima nach Möglichkeit wenigstens einmal im Leben unternommen haben sollte –, weit über eine Million Pilgerinnen und Pilger wieder auf den Rückweg in ihre zahlreichen Heimatländer machen. Dieses Jahr hingegen ist das pandemiebedingt anders: Zwar wurde der (für die Legitimation des saudischen Königshauses nicht unwichtige) ḥaǧǧ nicht komplett abgesagt, doch gelten zum einen strenge Abstands- und Hygiene-Regeln (z. B. dürfen für die rituelle Steinigung des Teufels in Minā nur sterilisierte Kiesel verwendet werden) und ist die Teilnahme zum anderen nur 1000 Gläubigen gestattet, die entweder als Saudis oder Ausländer in Saudi-Arabien leben. Einreisen ins Land, zum Beispiel aus Syrien oder Ägypten, sind somit (erstmals in der Geschichte des Königreiches) nicht erlaubt, was insbesondere vor genau 700 Jahren bedeutet hätte, dass den Mekkanern so einiges entgangen wäre. Damals, anno 719 H. (1319/1320) war der ḥaǧǧ im (außer Ägypten und Syrien auch den Hedschas umfassenden) Mamlūken-Reich bereits sehr aufwendig vorbereitet worden: Zunächst hatten die diversen Provinzstatthalter ein Geschenk nach dem anderen geschickt, darunter Pferde mit goldbeschlagenen Sätteln und goldenem Zaumzeug. Aus Gold war auch ein Teil des Kochgeschirrs, das man einpackte, zusammen mit 3000 Hühnern und 100 Gänsen. Hinzu kamen 180 Kamelladungen mit Granatäpfeln und Mandeln sowie 500 Ladungen mit weiteren Früchten und vor allem Süßigkeiten, welche zunächst aus Damaskus nach Kairo gebracht wurden und dazu bestimmt waren, sie untern den Mekkanern und Mekka-Pilgern zu verteilen. Viele der Kamele trugen große Pflanzkübel, in denen von Ägyptens Gärtnern vorbereitete Kräuter wuchsen, die so auf der Reise bewässert und bei Bedarf frisch geerntet werden konnten.

Die besondere Ausstattung der ägyptischen ḥaǧǧ-Karawane hing damit zusammen, dass in diesem Jahr der Mamlūken-Sultan, an-Nāṣir Muḥammad, höchstselbst unter den Pilgern war – und nicht nur er: Mit ihm kamen nach Mekka etwa 50 Emire, seine höchsten Würdenträger sowie der ayyūbidische Fürst Abū l-Fidāʾ von Ḥamāh (welcher ein Vasall des Mamlūken-Sultans war, s. MdM Sept. 2019). Die persönliche Anwesenheit der Herrscher ist durchaus etwas Besonderes, denn die meisten muslimischen Machthaber absolvierten selbst nie den ḥaǧǧ. So war der letzte Kalif, welcher die beiden heiligsten Stätten des Islams besucht hatte, Hārūn ar-Rašīd gewesen, am Ende des 8. und zu Beginn des 9. Jahrhunderts! Weder von seinen Nachfolgern in Bagdad noch von den Kalifen aus der Dynastie der Fāṭimiden hatte seitdem auch nur einer je die Wallfahrt unternommen, was so auch für fast alle anderen großen Monarchen der islamischen Geschichte gilt (s. dazu H. Möhring „Mekkawallfahrten orientalischer und afrikanischer Herrscher im Mittelalter“ in: Oriens, Bd. 34). Abgesehen davon, dass die lange Reise natürlich nie ganz ungefährlich war (Stichwort: Räuber), liegt die Ursache dafür offenbar in dem grundsätzlichen Risiko, welches eine längere Abwesenheit des Herrschers in den meisten Fällen für dessen Throninhaberschaft bedeutet hätte: Viele Tagesreisen vom eigenen, (halbwegs) sicheren Machtzentrum entfernt war zu befürchten, dass daheim ein anderer die Macht an sich reißt, eine Rebellion ausbricht oder die Gelegenheit für einen Angriff von außen genutzt wird. Es waren deshalb oft die Frauen, Schwestern und Mütter der Herrscher, welche (an deren Stelle) denkwürdige Mekka-Wallfahrten unternahmen. Eine der pompösesten aller Zeiten war jene der Prinzessin Ǧamīla, der Schwester des Ḥamdāniden-Emirs Abū Taġlib von Mosul, im Jahre 977 (366 H.). Weil alle 400 Kamelsänften in ihrer Karawane in gleicher Art satinbezogen waren, wusste man nicht, in welcher die Ḥamdānidin reiste. Abgesehen von Leckereien hatte sie als Geschenke unter anderem 50.000 feine Gewänder dabei. In Mekka anstehende Hochzeiten unter ʿAliden wurden kurzerhand von ihr finanziert, 500 Sklaven von ihr freigekauft. Insgesamt gab sie auf dieser berühmt gewordenen Pilgerfahrt nicht weniger als 150.000 Dinare aus, von denen sie schon bei Ankunft in Mekka 10.000 im Volk verstreuen ließ.

Übertroffen wurde Ǧamīla später wohl nur von Mansa Mūsā, dem König von Mali, welcher den ḥaǧǧ via Kairo 1324–1325 vollzog – begleitet von angeblich 60.000 Menschen, darunter 12.000 Sklaven, sowie 80 mit je 300 Pfund Gold beladenen Kamelen. Sultan der Mamlūken in Ägypten war damals an-Nāṣir Muḥammad. Letzterer und der gelehrte Ayyūbide Abū l-Fidāʾ stechen in Sachen ḥaǧǧ noch dadurch hervor, dass es jeder von ihnen sogar dreimal (!) nach Mekka schaffte (an-Nāṣir: 1313, 1320 und 1332), was als Zeichen politischer Stabilität gesehen werden kann. An-Nāṣir regierte bis zu seinem Tod 1341 (mit zwei Unterbrechungen) rund 50 Jahre lang, wohingegen sich jener Baḥrī-Mamlūken-Sultan, unter welchem die Münze des Monats geprägt wurde, 1346–1347 kaum 15 Monate auf dem Thron hielt – sein Name: Ḥāǧǧī oder, wie auf Dirhams aus Ḥamāh zu lesen (s. SNAT-Bd. IVc, S. 42 f., Nr. 467–569), Amīr-Ḥāǧǧ. Auf dem 4,94 g schweren Goldstück ist er als Münzherr auf dem Rev. genannt, mit der Titulatur as-sulṭān al-malik al-Muẓaffar / Saif (darüber ein Zierknoten) ad-Dunyā wa-’d-Dīn; sein sich auf die Wallfahrt beziehender Eigenname (حاجي) beschließt die dritte Zeile. Direkt darunter ist der Prägemonat (s. MdM Juni 2020) al-Muḥarram zu lesen, dem die Präposition vorausgeht, während sich im unteren Teil des Feldes die Jahresangabe 748 (H. = 1347) findet, dazu ein weiterer Zierknoten über dem Wort sana. Ganz oben steht die Münzstättenangabe [ḍuriba bi-Dima]šq, „geschlagen zu Damaskus“.

In jenem Muḥarram veranstaltete al-Muẓaffar Ḥāǧǧī mit seinen vertrautesten Emiren ein großes Polo-Turnier und anschließend ein Bankett. Der Pilgermonat (Ḏū ’l-Ḥiǧǧa) war da erst seit Stunden vorbei und als in Ägypten das nächste Mal der Aufruf zum ḥaǧǧ erklang, war Ḥāǧǧī schon nicht mehr unter den Lebenden (und sein kleiner Bruder Ḥasan Sultan). Entsprechend selten ist so ein Dinar wie unsere Münze des Monats, welche die Tübinger Sammlung wie so viele Glanzstücke dem Mäzenatentum von Dr. Claus Pelling verdankt. In P. Balogs The Coinage of the Mamluk Sultans of Egypt and Syria (New York 1964) sind lediglich Dinare aus dem Jahr 747 H. erfasst, sowohl aus Damaskus als auch aus Kairo. Die ägyptischen Stücke zeigen dabei ein äußerst dürftiges, kunstloses Schriftbild (s. SNAT, Bd. III, S. 54 f., Nr. 702); der Text ist aber fast derselbe: Auf dem Av. steht immer das Koran-Zitat (Sure 3, Vers 126) wa-mā ’n-naṣr illā min ʿindi ’llāh, d. h. „der Sieg kommt von Gott allein“, gefolgt von der šahāda und dem traditionellen Vers 33 aus Sure 9 (bis kullihī).

In Damaskus regierte zum Prägezeitpunkt als Ḥāǧǧīs Statthalter (nāʾib) der Emir Saif ad-Dīn Yel-Buġa (oder Yol-Buġa) al-Yaḥyāwī. Dieser war der (für seine Schönheit bekannte) Favorit Sultan an-Nāṣir Muḥammads gewesen und einer jener Emire, deren Anwesen später dem Bau der Sultan-Ḥasan-Madrasa weichen mussten (s. MdM Apr. 2020). Die Ermordung von Ḥāǧǧīs Vorgänger (1346) hatte er mehr als begrüßt, war er doch selbst in Rebellion gegen diesen gewesen. Als die Nachricht vom Herrscherwechsel in Damaskus eintraf, leistete Yel-Buġa Ḥāǧǧī freudig den Treueeid und ließ umgehend neue Münzen mit dessen Namen prägen, Dinare und Dirhams, die er dem Sultan zusammen mit Glückwünschen nach Kairo schickte. Es dauerte allerdings nicht lange, bis auch (der erst 15jährige) Ḥāǧǧī – dessen Interesse in erster Linie dem Brieftaubensport galt – mit den führenden Emiren in Konflikt geriet. Er drohte ihnen und nahm Absetzungen vor und im August 1347 H. verlor auch Yel-Buġa sein Leben, woraufhin der Kopf des Emirs von Qaqūn nach Kairo übersandt wurde. Schließlich brach erneut eine offene Revolte der Emire aus, an deren Ende Ḥāǧǧī selbst hingerichtet wurde.

Bleibt noch die Frage, warum der sportliche Taubenliebhaber, von dessen kurzem Sultanat die Münze des Monats zeugt, eigentlich den Namen Ḥāǧǧī trug. Wie auf dem Dinar in der vierten Rev.-Zeile zu lesen, war er ein Sohn des Sultans al-malik an-Nāṣir. Als solcher hatte er 1332 (732 H.) just zu der Zeit das Licht der Welt erblickt, als seine Eltern und die anderen Pilger (ḥāǧǧ) gerade auf dem Weg von ihrer großen Mekka-Wallfahrt zurück nach Kairo waren.

SH

MdM July 2020

 

Wie schon im Juli 2019 konnte für einen sommerlichen – und dieses Mal besonders umfangreichen – MdM-Gastbeitrag Dr. Lutz Ilisch gewonnen werden. Der Kustos emeritus wird diesen Monat 70 Jahre alt, wozu ihm die Abteilung für Orient- und Islamwissenschaft herzlich gratuliert! Eine Festschrift ist in Vorbereitung.

 

Die Münze des Monats Juli 2020 (5,86 g; ⌀ 26,5 mm) berührt schlaglichthaft das nicht nur aktuell spannungsbeladene türkisch-griechische Verhältnis und zeigt, wie zeitweilig entspannt türkische Herrschaft in der dritten Generation mit griechischer Kultur umgehen konnte. Zwei Sprachen, Griechisch und Arabisch, bestimmen die Aufschriften dieser Kupfermünzprägung des turkmenischen Fürstentums der Dānišmandiden (von pers. dānišmand „Lehrer“, offenbar nach einer Hoffunktion des Dynastiegründers) am Oberlauf des Euphrats, deren größeres Herrschaftsgebiet in Zentralanatolien um Sivas und Kayseri lag. Diese Herrschaft gehörte bald nach 1100 zu den ersten, welche die byzantinischen Kupfermünzen durch eigene Prägungen ersetzten und dabei durchaus Eigenständigkeit zeigten. Aus byzantinischer Sicht waren sie lehnsabhängig und die Fürsten gingen auch immer wieder Verträge mit dem Kaiser ein und schlossen Bündnisse mit muslimischen wie griechischen, armenischen und fränkischen Nachbarn, während die noch nomadischen Turkmenen, die diesen Fürsten folgten, oftmals eigene Ziele mit Gewalt verfolgten. Bis unmittelbar nach 1150, also noch nach der den zweiten Kreuzzug auslösenden Eroberung Edessas (heute Urfa), war der Kaiser in der Lage, effizient in das politische und militärische Geschehen in Kilikien und am oberen Euphrat einzugreifen.

Die auf das Kupfer beschränkte Münzprägung diente der Besteuerung der städtischen und bäuerlichen Bevölkerung, und weniger der neu eingewanderten nomadischen. Die Kupfermünzen wurden wahrscheinlich nicht kontinuierlich ausgegeben, sondern mit mehrjährigen Unterbrechungen bei Herrschaftswechseln. Die einzige Kupfermünzemission des Dynastiegründers Gümüš-Tegin Ġāzī in Zentralanatolien folgten noch vollständig byzantinischen Vorstellungen mit einer Christusbüste und der griechischen Benennung des Fürsten. Sein Sohn Muḥammad wich davon ab, indem er nach islamischem Vorbild Münzen ausschließlich mit Schrift (griechisch) ohne Bilder, aber auch ohne religiöse Texte, dafür mit dem gewaltigen Titel eines Großemirs von ganz Rūm und Anatolien neben dem Namen Machamatis prägen ließ. Hieran änderte sich nach der 1142 erfolgten Gründung der dānišmandidischen Seitenlinie von Malatya unter dem nur zehn Jahre regierenden ʿAin ad-Daula Ismāʿīl nichts, auch wenn dieser sich mit dem großväterlichen Titel megas ameras (Großemir) begnügte. Ismāʿīls 1152 zur Herrschaft gekommener Sohn, um dessen seltene zweisprachig gegengestempelte Münze es im Folgenden gehen soll, trug den für Türken ungewöhnlichen arabischen Namen Ḏū l-Qarnain, „der Zweigehörnte“. Jedermann wusste, dass dieser Name auf Alexander den Großen zu beziehen war, welcher nicht nur eine Beziehung zum Griechentum hatte, sondern im 12. Jh. auch mit persischen Neufassungen des Alexanderromans im Bewusstsein der internationalen Adelsgesellschaft des Ostens gehalten wurde. Die mit den Dānišmandiden rivalisierenden Rūm-Selǧuqen wählten zur Namenspatenschaft hingegen nur selten griechische Bezüge, sondern bevorzugten stattdessen die Helden des persischen Šāhnāma-Epos.

Zwei Neuerungen bringt nun der Münztyp Ḏū l-Qarnains: Zum einen wird die Bildlosigkeit unter Ḏū l-Qarnain wieder aufgegeben zugunsten eines spitzbärtigen, antikisierenden Kopfbildes, das keine Bezüge zu byzantinischen Münzen zeigt. Auf der Münze des Monats ist das Gesicht des Bartträgers durch eine Gegenstempelung unkenntlich geworden, um die es gleich noch gehen soll. Zum anderen trägt die Münze nun Inschriften in zwei Sprachen: Griechisch und Arabisch, den beiden Weltsprachen der Staatsverwaltung, die im Umlaufgebiet der Münzen, wo zu dieser Zeit eher Aramäisch, Armenisch und Türkisch gesprochen wurde, selbst kaum beheimatet waren.  Der Name des Prägeherrn findet sich in einer arabischen Version mit dem Vatersnamen und der einleitenden Bezeichnung al-Wāṯiq („der Vertrauende“) im Mittelfeld auf der einen Seite, die griechische Version als Umschrift auf der anderen, wobei der eigentliche Name nicht mit „Alexander“ übersetzt, sondern als Doulcharnai in griechischer Schrift transskribiert wurde. Man könnte versucht sein, das Wort al-Wāthiq auf das muslimische Bekenntnis des Fürsten zu beziehen. Aber schon in der ersten umfassenden Übersicht über die Münzen der Dānišmandiden hat Paul Casanova zutreffend darauf hingewiesen, dass dies aus der Einleitungsformel der byzantinischen Bleisiegel „Kyrie boetai“ übernommen worden ist. Auch die griechische Umschrift um das arabische Feld weist keinen Islambezug auf, sondern eine willkommene administrative Ergänzung, eine Datierung. Diese folgt nicht der Hiǧra-Datierung, sondern benennt ein 2. Jahr des im Mittelalter verbreiteten, auf Münzen aber so gut wie nie vorkommenden fünfzehnjährigen Indiktionszyklus. Nach griechischer Rechnung in Konstantinopel wäre das einzige 2. Indiktionsjahr in der Regierungszeit Ḏū l-Qarnains (1152–1161 A.D./547–556 H.) das Jahr vom 1. Sept. 1158 bis Ende Aug. 1159, wofür sich Estelle Whelan in einer Übersicht von 1980 entschieden hatte. Eindeutig ist, dass die nachfolgende Neuemission mit rein arabischen Aufschriften und dafür wiederum einer Bildentlehnung von byzantinischen Goldmünzen nach H.-Jahren erfolgte (558 H. = 1162/63).

Malatya war erst kurz vor ca. 1140 den noch wenig begüterten Rūm-Selǧuqen abgejagt worden, welche erst später zur Großmacht an der byzantinischen Grenze aufsteigen sollten. Unter dem Rūm-Selǧuqen Masʿūd wurde die Stadt aber keineswegs aufgegeben, sondern von Ḏū l-Qarnain eingefordert, was im Jahr 1154 zu einer Belagerung führte, die mit der Anerkennung rūmselǧuqischer Lehnshoheit durch Ḏū l-Qarnain endete. Das bedeutete aber nicht, dass dies auch die byzantinische Abhängigkeit beendet hätte. Masʿūd blieb offenbar zeitlebens unter dem Rang des Kaisers, was erst sein Sohn Qilič-Arslan änderte und u. a. mit der Ausgabe von Edelmetallmünzen zum Ausdruck brachte. Da die Rūm-Selǧuqen nie Münzen mit griechischen Aufschriften produziert zu haben scheinen, ist die Frage der Datierung der zweisprachigen Münzausgabe Ḏū l-Qarnains vor oder nach der bestätigten innerislamischen Abhängigkeit von Interesse. Nun hatte Paul Casanova 1896 die 2. Indiktion nach Tabellenvergleich mit 1154 datiert, ohne dass sich Whelan mit dieser fünf Jahre früheren Datierung auseinandergesetzt hätte. Aber auch ein Blick in Grotefends Tabellen mittelalterlicher Datierungen bestätigt das Jahr 1154, sodass die Spanne des 2. Indiktionsjahres von der Mitte des islamischen Jahres 548 bis Mitte 549 H. reichte. Damit kommen wir zu einer etwaigen Zeitgleichheit zu einer Kupfermünzausgabe des benachbarten Artuqiden-Fürstentums von Mardin mit ebenfalls antiker Bildgestaltung (Kopf des Seleukiden Antiochos VII.) am Regierungsende des 548 H. verstorbenen Fürsten Temür-Taš, die genauso wie die Münze des Monats mit dem Namen des Nachfolgers gegengestempelt wurde (Spengler/Sayles Typ 26). Auch die Fürsten von Ḥiṣn-Kayfā haben ein einziges Mal – das ebenfalls in die Zeit um 550 H. zu datieren wäre – die umlaufenden Kupfermünzen mit thronendem Christus mit einem Gegenstempel versehen, welcher zwei verschlungene Basilisken zeigt.

Ein Gegenstempel, genauer: ein zweiseitig eingeschlagenes Gegenstempelpaar, ist nun eine weitere Besonderheit der Münze des Monats, da die große Mehrzahl solcher Prägungen keine Gegenstempel zeigt und bislang nicht mehr als drei Exemplare mit dem Gegenstempelpaar bekannt geworden sind. Eine Stempelseite zeigt den Namen Muḥammad auf Arabisch im Kreis, die andere das griechische Äquivalent [M]AXAM[A]T in drei Zeilen im Kreis. Dies kann sich nur auf Muḥammad b. Ḏū l-Qarnain beziehen, welcher sich 556 H. in Kämpfen mit seinen Brüdern als Nachfolger positionierte. Whelan hatte angenommen, dass es zu dieser Zeit nur noch arabische Aufschriften auf den Münzen der Dānišmandiden beider Linien gab, was sich nunmehr als falsch herausstellt. Zugleich sind zweiseitige Gegenstempel eine technische Herausforderung und auch nur eine überaus selten angewandte Form der Gegenstempelung, die auf islamischen Münzen erstmals auf Kupfer des Großselǧuqen Malik-Šāh (480er Jahre H.) in der Tübinger Sammlung nachzuweisen ist und späterhin gelegentlich auf aserbaidschanischem Kupfer des Ilḫans Ölǧäitü vorkommt. Das technische Problem ist eigentlich nur mit Hilfe einer typisch byzantinischen Einrichtung, nämlich des Bulloterions, eines zangenartigen Prägegeräts zur Beisiegelherstellung, zu lösen. Seine Anwendung in Malatya im Grenzbereich der byzantinischen und islamischen Kulturen weist auf die Herkunft, auch wenn der ältere und bislang noch unpublizierte großselǧuqische Nachweis vermutlich aus Iṣfahān oder Umgebung kommt, was aber mit dem Aufenthalt von Malik-Šāhs Hofstaat in Aleppo zusammenhängen mag, wo Bulloterien sicher gebräuchlich waren.

Es bleibt noch der reizvollen Frage nachzugehen, wie sich unser Münztyp ohne und mit Gegenstempel hinsichtlich Erkenntnisgewinn und -verlust durch die numismatische Literatur der letzten 150 Jahre verfolgen lässt. Eine erste von einer Münze ausgehende historische Übersicht lieferte der Hamburger Konsul in Konstantinopel A. D. Mordtmann in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft von 1876. 1879 ließen die beiden Numismatiker des Berliner Münzkabinetts Alfred v. Sallet und Adolf Erman eine Zusammenstellung der verschiedenen griechischen Münztypen der Dānišmandiden folgen, die aber nur Prägungen der Hauptlinie in Kayseri und Sivas enthielt. Im selben Jahr konnte Stanley Lane Poole ein erstes Exemplar des hier thematisierten Typs aus einer britischen Privatsammlung vorstellen, allerdings ohne vollständige Lesung der Aufschriften. 1887 publizierte der Byzantinist Gustave Schlumberger weitere Exemplare in der Revue Numismatique mit vollständiger Lesung und Deutung, was nochmals 1894–96 von P. Casanova in den größeren Zusammenhang einer Übersicht aller Münzen der beiden Dānišmandiden-Linien gestellt wurde. Dies war nun die Zeit, in der auch im Osmanischen Reich insbesondere von der hochgebildeten Wesirsfamilie des Hamdi Bey Edhem das Osmanische Museum in Konstantinopel eingerichtet und die islamische Numismatik auf internationalem Niveau gepflegt wurde. Der spätere Bürgermeister von Konstantinopel Halil Edhem ging 1331 H./1913 in seinem Katalog der arabischen Bleisiegel des Osmanischen Museums auf eine interessante Beobachtung Schlumbergers und Casanovas ein, die nicht nur die Münzen Ḏū l-Qarnains veröffentlicht, sondern dazu noch ein Bleisiegel mit der Büste des hl. Basilios und einem arabischen Namen, den sie wohlbegründet Ḏū l-Qarnain lasen und daher auch diesem Dānišmandiden zugeschrieben hatten. Von diesem Bleisiegel konnte Halil Edhem zwei weitere Exemplare vorweisen, welche die Namenslesung leider nicht bestätigten. Haben wir für ein erstes halbes Jahrhundert einen kontinuierlichen Aufstieg und Verbesserung der Übersicht festzustellen, so sollte sich dies in dem Jahrhundert, das auf den türkisch-griechischen Krieg (1919–23) folgte, umkehren. Der kunstbeflissene Istanbuler Theatermann Behzad Butak führte in seinem Typenkatalog turkmenischer Bildmünzen für Münzsammler von 1947 den Münztyp Ḏū l-Qarnains mit Spitzbart unter genauer Wiedergabe der griechischen Umschriften auf, spricht ihn aber als undatiert an, wodurch deutlich wird, dass er die Inschrift nicht verstanden hatte. Auch der 1970 vom gelehrten Ehepaar Artuk veröffentlichte Ausstellungskatalog der islamischen Münzen des Arkeoloji Müze in Istanbul folgt hierin Butak und verwechselt zusätzlich die Zuordnungen der griechischen Aufschriften zu Vorder- und Rückseiten. Auf amerikanischer Seite brachte die Arbeit von Whelan 1980 zwar erhebliche Forstschritte hinsichtlich der Ikonographie der Dānišmandiden-Münzen, doch stellt ihre falsche Datierung des Indiktionsdatums einen Rückschritt dar. Hinzu kommt, dass sie eigentlich als Entdeckerin des Muḥammad-Gegenstempels gelten könnte, da sie auf ein solches Stück in der Sammlung der American Numismatic Society hinweist, ohne es abzubilden oder die griechisch-arabische Zweiseitigkeit des Gegenstempels und der sich hieraus ergebenden Chronologiefolgen zu erkennen. In diesem Sinne war auch die Erstpublikation des hier vorgestellten Stücks 2003 im Bülten der Türkischen Numismatischen Gesellschaft durch die bewährten türkischen Numismatiker Hüsnü Öztürk und Halûk Perk ein Fehlschlag: Unter der Angabe, an einem Gesamtwerk zur Numismatik der Dānišmandiden zu arbeiten, konnten sie Aufnahmen der (eigentlich für eine eigene Publikation vorbehaltenen) Tübinger Münze machen, doch erschien dann ein Aufsatz von 29 Zeilen, in dem nicht nur die griechischen Aufschriften und die Datierung weitgehend ignoriert wurden, sondern (wie zuvor von Whelan) auch die griechische Gegenstempelseite nicht angesprochen wurde. Einen Lichtblick stellen dagegen die Forschungen des aus Tadschikistan stammenden Byzantinisten R. Shukurov dar, welcher die Bildinhalte der dānišmandidischen Münzen in einem geistesgeschichtlichen Kontext neu interpretiert hat und dabei die Schwierigkeit der hybriden Selbstverortung turkmenischer Herrscher im Anatolien des 12. Jh. deutlich machte.

 

weiterführende Literatur:

⦁ Behzad Butak: XI. XII. ve XIII. yüzyillarda resimli Türk Paraları, Istanbul 1947.

⦁ Paul Casanova: Numismatique des Danichmendites, Extrait de la Revue Numismatique 1894, 1895 et 1896, Paris 1896.

⦁ Halil Edhem: Qurshûn muhur qatâloghu, Konstantinopel 1321, speziell S. 49.

⦁ Hüsnü Öztürk/Halûk Perk: „Danişmendliler'den Zülkarneyn'e ait bir sikke ve üzerinde ilk kez görülen bir damga“ in: Türk Nümismatik Derneği Bülten, Nr. 39/40, Istanbul 2003, S. 38–39.

⦁ Rustam Shukurov: „Christian Elements in the Identity of the Anatolian Turkmens (12th-13th centuries)“ in: Cristianità d’Occidente e Cristianiotà d’Oriente (Secoli VI-XI), Settimane di Studio della Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medievo LI, Spoleto 2004, S. 707–764.

⦁ Estelle J. Whelan: „A Contribution to Dânishendid History: The Figured Copper Coins“ in: American Numismatic Society Museum Notes, Nr. 25 (1980), S. 133–166.

MdM June 2020

 

Während mit dem Juni der 6. Monat beginnt, ist nach dem islamischen Mondkalender aktuell bereits der 10. im Gange – sein Name: Šawwāl. Zwar gehört er nicht zu den vier „heiligen Monaten“ (in denen kriegerische Handlungen verboten sind), doch kann er – auf den Ramaḍān folgend – gleich zu Beginn mit dem zweithöchsten islamischen Fest punkten, dem des Fastenbrechens (ʿĪd al-Fiṭr). Auch wenn besonders fromme Muslime im Šawwāl sogar noch ein paar Tage der Enthaltsamkeit anhängen, wird das Ende des Pflichtfastens von der Mehrheit mit großer Freude und Erleichterung begrüßt. Entsprechend haben persische und arabische Dichter das Neulicht, dessen bezeugte Sichtung ja für den Monatswechsel entscheidend ist, kreativ besungen, etwa unter dem Gesichtspunkt, dass es – obwohl „dünn und bleich wie ein Asket“ – die Freude des Weintrinkers zurückbringt (vgl. Annemarie Schimmel, Stern und Blume, Wiesbaden 1984, S. 79): In der noch ganz schmalen Mondsichel erkannte man gar den „Schlüssel zur Weinstube“, die im Šawwāl endlich wieder öffnen durfte.

Natürlich wurde das Fastenbrechen auch an mittelalterlichen Fürstenhöfen aufwendig gefeiert, wobei Panegyriker speziell zu diesem Anlass Kassiden verfassten, beispielsweise im Dienste der Ġaznaviden-Dynastie. Diese herrschte über ein Reich, das auf seinem Machthöhepunkt in den 1030er Jahren den Großteil des islamischen Ostens sowie erst neu eroberte Teile Nordindiens umfasste und dessen namensgebende Hauptstadt Ġazna (im heutigen Afghanistan) sich rasch zu einem Zentrum der Kunst und Kultur entwickelte. Zu den zahlreichen Dichtern, die hier Mäzene suchten und fanden, gehörte auch Farruḫī aus Sīstān. Das von ihm hinterlassene Werk besteht aus rund 9000 Versen, von denen so mancher meisterhafte Hintersinnigkeiten enthält, verblümte Kritik und indirekte Warnungen. So etwa Farruḫīs Kasside zum ʿĪd al-Fiṭr des Jahres 421 H. (1030), in welcher der Monat Ramaḍān einleitend als alter Mann personifiziert wird, als Gast, den man zwar ehrt, aber nicht zuletzt dafür schätzt, dass er von selbst merkt, wann er lang genug geblieben und es zur allgemeinen Erleichterung an der Zeit ist, wieder abzureisen.

Sehr schätzenswert an islamischen Münzen ist ja bekanntlich, dass auf Ihnen in aller Regel eine Jahresangabe steht. Manchmal geht die Genauigkeit sogar noch weiter, indem die Inschriften zudem einen Monat nennen, entweder als Teil der üblichen Prägeort-Datum-Formel oder auch separat (im Münzfeld). Als erstes lässt sich die Angabe eines Prägemonats wohl auf Münzen des Fāṭimiden al-Manṣūr beobachten, genauer gesagt macht hier (soweit bekannt) ein Dinar des Jahres 336 H. aus al-Mahdīya (Tunesien) den Anfang, welcher im Šawwāl (Apr. 948) geschlagen wurde. Auch auf al-Manṣūrs sizilianischen Viertel-Dinaren finden sich wenig später Monatsnamen; auf ägyptischen Prägungen begegnen sie unter dem Kalifen al-Muʿizz und unter aẓ-Ẓāhir erneut auf Münzen aus Palermo. Beispiele für weitere Herrscherhäuser, von denen es einzelne Münztypen mit Monatsangaben gibt, wären die Rūm-Selǧuqen und die ägyptischen Mamlūken, die Šaddādiden und Ġūriden, die Miḥrabāniden und Mongolen. Die Dynastie, welche einem zu diesem Phänomen aber vielleicht als erstes einfällt und unter welcher auch unsere Münze des Monats entstand, sind die Ġaznaviden. Bei ihnen ist es das Jahr 420 H. (1029), in dem auf Dinaren und Dirhams aus Ġazna, Herāt und Balḫ der Monat hinzugefügt wird, und zwar ab Ḏu l-Qaʿda, dem Monat, welcher auf den Šawwāl folgt (und in Indien „der Leere“ heißt, weil er keine allgemein gültigen Feiertage enthält). Die Reihe setzt sich 421 H. wenigstens bis in den 7. Monat lückenlos fort und auch sonst lässt sich konstatieren, dass jeder der zwölf Monate numismatisch belegt ist, was die Frage verneint, ob womöglich nur ganz bestimmte Monate eine Rolle spielten (d. h. beispielsweise anlässlich eines Monats geprägt wurde). Bestand also einfach ein Bedürfnis nach einer feineren Datierung, einer genaueren Nachvollziehbarkeit der Prägeverantwortung und besseren Abrechenbarkeit seitens der Münzstätte (hinsichtlich der Metalleinlieferungen)? Fortlaufende Reihen, wie sie sich ebenso im Falle der fāṭimidischen Dinare und Tifliser Dirhams des Großḫāns Möngke ergeben, vermitteln jedenfalls den Eindruck monatlicher Emissionen. Jedoch sind dies immer nur relativ kurze Phasen; die Monatsangabe wurde nie dauerhaft eingeführt oder in sämtlichen Münzstätten.

Auch unter den Ġaznaviden blieb es bei vereinzelten Jahren, in denen (nach Bedarf oder Belieben) Münzen mit Monatsnamen – oder speziellen Monatsepitheta – geprägt wurden, und zwar noch bis in die Regierungszeiten Farruḫzāds und Ibrāhīms (2. Hälfte 11. Jh.). Welchem Herrscher die FINT-Münze des Monats zuzuordnen ist, steht auf der Rückseite des 3,73 g schweren Silberstücks nach li-llāh fatḥ li-llāh / Muḥammad rasūl Allāh: Während die beiden Ehrennamen Šihāb ad-Daula / wa-Quṭb al-Milla – d. h. „Flamme der Herrschaft und Pol der Glaubensgemeinschaft“ – hier noch in normalem Kūfī geschrieben sind, wurde für den folgenden Namen Maudūd eine Kursive gewählt, wie sich insbesondere am dāl erkennen lässt. Dieses Spiel mit verschiedenen Schriftarten ist für ġaznavidische Münzen nicht untypisch und schon der erste Einsatz eines kursiven Duktus auf Münzen (der Banīǧūriden) hatte der Hervorhebung eines bestimmten Herrschernamens gedient. Die Rev.-Umschrift zitiert aus Sure 30, Vers 4–5; halbwegs lesbar davon ist al-muʾminūn. Von der Inschrift, die das Av.-Feld mit dem ersten Teil der šahāda und der Nennung des Kalifen al-Qāʾim bi-Amr Allāh (unterste Zl.) umläuft, ist gerade genug zu erkennen, um das Prägejahr 433 H. zu rekonstruieren; Prägeort ist Ġazna. Rechts und links im Av.-Feld finden sich als Münzzeichen die Buchstaben س und ع, direkt über ilāh das Wörtchen ʿadl („Gerechtigkeit“) und, ganz oben, der Monatsname Šawwāl. So wie im Jahre 2020 deckte sich damals, anno 1042, der Großteil dieses Monats mit unserem Juni.

Als der Dirham geprägt wurde, war der Ġaznavide Maudūd erst seit etwa einem Jahr an der Macht. Den Thron hielt zuvor noch sein Onkel Muḥammad besetzt, als Marionette jener Rebellen, die Maudūds Vater Masʿūd 1040 gestürzt und wenig später getötet hatten. Muḥammad war bis dahin ein Gefangener seines Bruders Masʿūd gewesen, was daran lag, dass man ihn 1030 (421 H.) schon einmal für wenige Monate inthronisiert hatte, in direkter Nachfolge des berühmten Maḥmūd von Ġazna. Dabei war damals für die meisten klar gewesen, dass sich Masʿūd (als Maḥmūds ursprünglicher Kronprinz, fähiger Heerführer und Statthalter wichtiger Provinzen) viel mehr zur Herrschaft eignete als der primär an kulturellen Vergnügungen, Luxus und Genuss interessierte Muḥammad. Als letzterer in Ġazna den Thron bestieg, operierte Masʿūd mit seinen Truppen zunächst auch noch im fernen Westiran, zog dann aber bis nach Herāt, wobei deutlich wurde, dass er sich seinem jüngeren Bruder nicht unterzuordnen gedachte (zumal seinen Anspruch inzwischen auch der Kalif stützte). Während sich die Lage dementsprechend zuspitzte, ging der Fastenmonat ins Land und es war das folgende ʿĪd al-Fiṭr, zu dem Farruḫī besagte Kasside an Muḥammad richtete. Das doppeldeutige Gedicht steckt voller Anspielungen auf Muḥammads drohende Verdrängung durch Masʿūd (s. Julie Scott Meisami, „Ghaznavid Panegyrics: Some Political Implications“ in: IRAN, Bd. XXVIII, S. 37 f.) und tatsächlich dauerte es nach dem Fest wohl nur noch Stunden, bis die führenden Persönlichkeiten des Hofes und der Armee Muḥammad unter Arrest stellten und seinen Bruder als Herrscher anerkannten, wie sie diesem in einem Brief vom 3. Šawwāl mitteilten. Auch Masʿūd hatte da das Ramaḍān-Ende 421 H. in Herāt mit Pomp begangen. Nachdem er, wie es heißt, schon seit fünf oder sechs Monaten kein Trinkgelage mehr veranstaltet hatte, floss der Wein damals in Strömen und 422 H. war er es, an den Farruḫī seine ʿĪd-al-Fiṭr-Kasside adressierte. Muḥammad soll bei seiner Absetzung in Trübsal verfallen sein und erst nach einigen Tagen wieder seufzend zum Weinbecher gegriffen haben. Seine 2. Herrschaft im Anschluss an Masʿūds Ermordung endete 1041 genau wie sein Leben in einer Schlacht gegen Maudūd; sie hatte wieder nur einige Monate gedauert – in einer Zeit, in der es sozusagen auch schon „Münzen des Monats“ gab.

SH

MdM May 2020

 

Normally, the beginning of May is the lively time when the FINT hosts the annual Tübingen meeting of the Oriental Numismatic Society (ONS), but this year (many) things are different – regrettably, our international conference had to be cancelled. One of the scholars who would have participated is associate professor for archaeology in one of the countries worst affected by the current coronavirus pandemic: Alberto Canto García from the Autonomous University of Madrid (Departamento de Prehistoria y Arqueología). A well-known expert for the coinage of the Iberian Peninsula under Islamic rule, he has chosen a remarkable type from al-Andalus in order to present another MdM guest contribution.


Coin production in the Umayyad Caliphate of Córdoba seems to be governed by a careful administrative control that is reflected in the epigraphic distribution of the coins’ design. Within the classic distribution of the obverse, containing a religious legend, and the reverse, containing the name and titles of the caliph, in one of them (which may vary according to the caliphs) always appears another personal name that, for more than a century, had been linked to the master of the mint, the ṣāḥib al-sikka.

F. Codera (1878) published a first list of these names in which he proposed possible assignments to characters cited in Arabic sources; more than half a century later, G. C. Miles returned to the subject and identified some characters (Miles 1950, pp. 55–86). Around 1980, a source of enormous interest for the reign of ʿAbd al-Raḥmān III, the first caliph of Córdoba (r. 912–961), was published: the 5th volume of the chronicle al-Muqtabis composed by the historian Ibn Ḥayyān (d. 1076). Although it does not cover the caliph’s entire reign, one of the paragraphs provides a list, more or less complete, with the names of the aṣḥāb al-sikka during his reign, sorted by chronological order. It was the first time their data could be contrasted with that of coins (Canto 1987).

The result was threefold. Firstly, the sequence contained in the Muqtabis perfectly matched the sequence of names and dates on the known coins. Therefore, it has to be concluded that the source information is first hand and absolutely reliable. Secondly, a large part of the names did not match at all with what had been proposed by Codera or Miles, another example of the complexity of the monetary administration of the caliphate – more complex than we thought. Thirdly, there is a name on the coins of the years 334–335 H. / 945–946 that does not appear on Ibn Ḥayyān’s list: هشام Hishām.

With that we arrive at this month’s coin, a 335/946 dirham from al-Andalus mint, of remarkable size (⌀ 2.8 cm) and heavy weight (4.02 g), issued just one year before the mint moved from the capital city of Córdoba (= al-Andalus) to the new palace city of Madīnat al-Zahrāʾ, the official residence of the caliph ʿAbd al-Raḥmān III (see MdM Jan. 2019).

The series of coins with the name Hishām was reviewed many years ago (Canto 1986), when their stylistic, formal and metrological aspects were structured: both dinars and dirhams were issued. As has been said, a person called Hishām is not included in Ibn Ḥayyān’s aṣḥāb al-sikka account. Two series of dirhams were coined: one of greater size (large planchets) and weight and the other of smaller weight and size.

Although it has been proposed that this series is “normal” (Frochoso 1996) and that it falls between the two sequences of coins whose names we know (334/944, signed by Muḥammad, and 335/945, by ʿAbd Allāh), the formal data prevents us from accepting it. My proposal is that these coins are parallel to normal issues, and were issued due to some exceptional reason that justifies their variations in weight and modulus and their different epigraphic distribution. If we look at the information of the hoards, the one of Haza del Carmen, the largest hoard containing Spanish Umayyad caliphal silver coins ever studied, contained 58 dirhams minted in 334/945, 42 of which with the name Muḥammad and 16 with the name Hishām (5 of large module and 11 small), that is 27% of the total. From the year 335/946 it contained 50 coins: 30 with ʿAbd Allāh and 10 with Hishām (all of large module), that is 20% of the total (Canto 2006).

All coins issued by ʿAbd al-Raḥmān III, dinars as well as dirhams, always show the ṣaḥib al-sikka name on the obverse and under the central legend (except for one or two very rare cases), but in the case of Hishām the name appears on the reverse of the dirham (on gold coins, it appears in its usual place: the obverse). The fact that the name Hishām is given on the same side as the name and titles of the caliph (al-imām / al-Nāṣir li-Dīn / Allāh ʿAbd al-Raḥmān / amīr al-muʾminīn, cf. MdM Jan. 2019) is completely novel. Therefore, these coins differ in their metrological aspects, organization and distribution of legends, size ... – all of which leads us to consider them as the first ceremonial coins issued in al-Andalus.

There are only two events that we can link, with a certain logic, as the raison d'être of these coinages: One would be the transfer of the court to Madīnat al-Zahrāʾ, something that was done in stages and does not seem to be definitive until 336/947, when the mint finally goes to al-Zahrāʾ; the second would be the Byzantine embassy of the years 334–336/945–947. In my opinion, and despite doubts about the exact date of this embassy, it seems clear that in 335/946 there were Byzantine representatives in Córdoba (Signes 2004). Could these coinages have been intended to commemorate this event? It seems the most plausible explanation at the moment. Still, the enigmatic Hishām remains to be identified ...

 

⦁  CANTO GARCÍA, Alberto: “An extraordinary issue of Abd al-Rahman III” in: Proceedings of the 10th International Congress of Numismatics, London 1986, pp. 401–407.

⦁  ———  “Los Ashab al-Sikka de 'Abd al-Rahman III, según ibn Hayyân y el testimonio de las Monedas” in: Cuadernos de Prehistoria y Arqueología, vol. 13–14, 1987, pp. 271–276.

⦁  ———  Hallazgo de monedas califales de Haza del Carmen (Córdoba), Córdoba 2006. 

⦁  CODERA Y ZAIDÍN, Francisco: Títulos honoríficos y nombres propios en las monedas arábigo-españolas, Revista Universidad de Madrid, vol. VI, No. 4, 1878, pp. 373–390.

⦁  FROCHOSO SÁNCHEZ, Rafael: Las monedas califales. De ceca Al-Andalus y Madinat al-Zahra 316-403H, 928-1013 JC, Córdoba 1996.     

⦁  IBN ḤAYYĀN, Abū Marwān Ḥayyān ibn Khalaf al-Qurṭubī: Al-Muqtabis fī taʾrīkh rijāl al-Andalus, ed. Pedro Chalmeta / Federico Corriente / Mahmud Sobh, Madrid 1979;  tr. María Jesús Viguera / Federico Corriente: Crónica del Califa ʿAbddarraaḥmān III An-Nāṣir entre los años 912 y 942, Zaragoza.

⦁  MILES, George C.: The Coinage of the Umayyads of Spain, part one, New York, New York 1950.

⦁  SIGNES CODOÑER, Juan: “Bizancio y al-Ándalus en los siglos IX y X” in: Bizancio y la Península Ibérica. De la Antiüedad Tardía a la Edad Moderna, ed. Inmaculada Pérez Martín / Pedro Bádenas de la Peña, Madrid 2004, pp. 117–245.

MdM April 2020

 

Nach Berichten von schlimmen Infektionskrankheiten, die sich rasch und unaufhaltsam über mehrere Länder ausbreiteten, muss man auch in mittelalterlichen Chroniken der islamischen Welt nicht lange suchen, wobei überhaupt nur die wirklich großen Seuchen eine Erwähnung wert waren. In der Regel erfährt man zumindest, wann eine Epidemie wo grassierte und wie viele Tausend Menschen ihr (an diesem oder jenem Ort) zum Opfer fielen. Was oft unklar bleibt, ist die Art der Massenerkrankung, da meist einfach der allgemeine arabische Begriff wabāʾ verwendet wird, welcher sich am besten mit „Seuche“ übersetzen lässt und z. B. Typhus ebenso wie die Influenza oder Cholera meinen kann. Zu differenzieren pflegte man, wenn es sich um die Pocken (ǧudarī) handelte oder aber um die Pest (ṭāʿūn).

Die erste belegbare Pest-Epidemie ist die sog. Justinianische Pest im spätantiken Mittelmeerraum und weiteren Regionen Europas und Vorderasiens. Diese hatte zwar unter dem oströmischen Kaiser Justinian zu wüten begonnen, trat aber auch lange nach dessen Tod (565) noch in etlichen Wellen auf – bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts. So ist schon die früheste Geschichte des Kalifenreiches auch eine Geschichte großer Seuchen-Ausbrüche, vor denen sich die Umayyaden vorzugsweise in ihre Wüstenschlösser zurückzogen. Tatsächlich fiel das Ende jener Pestwellen-Zeit mit der gewaltsamen Ablösung der Umayyaden durch die ʿAbbāsiden (s. MdM Jan. 2019) zusammen, was die Sieger selbstverständlich in ihre Propaganda aufnahmen. Ein Vertreter der neuen Dynastie erklärte den Damaszenern in einer Rede, welch göttliche Gnade es doch sei, dass die Pest mit der Machtübernahme der ʿAbbāsiden aufgehört habe, worauf ein schlagfertiger Zuhörer erwiderte, dass Gott eben zu gnädig sei, um die Menschen mit zwei solchen Plagen wie der Pest und den ʿAbbāsiden gleichzeitig zu geißeln.

Die größte ṭāʿūn-Pandemie – der sog. „Schwarze Tod“, dem unsere Münze des Monats selbst „begegnet“ sein dürfte – brach bekanntlich im 14. Jh. aus. Zuerst trat die verheerende Seuche irgendwo in (Ost-)Zentralasien auf, von wo aus sie bald den Weg westwärts an die Wolga fand, in das Mongolen-Reich der Goldenen Horde. Dessen Herrscher Ǧānī-Beg belagerte damals, 1346, gerade die Stadt Kaffa, bei der es sich um die Hauptkolonie der Seerepublik Genua auf der Krim handelte. Im Laufe dieser Belagerung soll der Mongole Pest-Leichen über die Stadtmauer katapultiert haben; einnehmen konnte er Kaffa aber auch bei diesem Versuch nicht – dafür verbreitete sich die Seuche nun über das genuesische Handelsnetz im gesamten Mittelmeerraum. 1347 erreichte sie nicht nur Byzanz und Sizilien, sondern auch Ägypten, wo die Baḥrī-Mamlūken-Dynastie der Qalāʾuniden regierte. Als qipčaqische Militärsklaven selbst aus dem Machtbereich der Goldene Horde stammend, unterhielten die Baḥrī-Mamlūken dorthin freundschaftliche Beziehungen und importierten aus den Steppen östlich des Schwarzen Meeres in aller erster Linie und großem Umfang frischen Nachschub an türkischen Sklaven. Diesen intensiven Handel (als dessen Zentrum Kaffa galt) dominierten mit ihren Flotten und Niederlassungen Venedig und Genua und so war es wahrscheinlich ein italienisches Sklavenschiff, zu dem in einer ägyptischen Quelle exemplarisch die folgende Beobachtung überliefert ist: Von insgesamt 332 Mann an Bord waren bei Ankunft in Alexandria noch ca. 45 am Leben und selbst diese verstarben noch im Hafen – an der Pest. Ob mit Schiffen wie diesem eher infizierte Ratten einreisten oder Flöhe, die vielleicht auch in den ebenfalls gehandelten Pelzen saßen – fest steht, dass bis 1349 selbst Oberägypten betroffen war und die Epidemie von Alexandria aus zudem via Gaza nach Palästina und Syrien vordrang, das ebenfalls zum Mamlūken-Reich gehörte.

Damaskus erreichte der „Schwarze Tod“ 1348 und von dort und aus genau diesem Jahr stammt die Münze des Monats, ein 2,79 g schwerer fals. Die Münzstättenangabe (ḍarb Dimašq) findet sich auf dem Avers unten in Zeile drei, während die beiden anderen (durch Linien getrennten) Zeilen die Herrschernennung enthalten: al-malik an-Nāṣir Ḥasan (mittlere Zl.) / ibn Muḥammad (obere Zl). Anders als sein Vater Muḥammad b. Qalāʾun war Sultan Ḥasan ein eher schwacher Herrscher, eine zwischenzeitlich ab- und dann wieder eingesetzte Marionette in den Händen mächtiger Emire, was aber auch daran lag, dass er den Mamlūken-Thron als Minderjähriger bestieg – nur wenige Monate bevor die große Pest auch Kairo heimsuchte. Immerhin überlebte Ḥasan die Seuche, zu deren Höhepunkt im Herbst/Winter 1348 er aus der ägyptischen Hauptstadt in die einige Kilometer nördlich davon gelegene Palastanalage Siryāqūs gewichen war. In Damaskus starben damals täglich 1000–2000 Menschen. Schon im Juli hatte der Gouverneur der Stadt die Abschaffung der Gebühren für Leichenbahren, -waschungen und -transporte angeordnet, weil die Kosten für ein normales Begräbnis kaum noch zu bezahlen waren. Die Toten wurden teils auf Kamelen zu ihren Gräbern geschafft; viele kamen erst mit großer Verspätung unter die Erde oder überhaupt nicht. Die Begräbniszeremonien gerieten zur Massenabfertigung, wobei im Oktober selbst die Umayyaden-Moschee nicht mehr genügend Platz für alle Leichen bot. Um bei Gott eine Erlösung von der Plage zu erwirken (als deren Ursache ja eine Verderbung der Luft angesehen wurde), hatte man schon im Sommer spezielle Koransuren und Bittgebete erklingen lassen und insbesondere die ḥadīṯ-Sammlung Ṣaḥīḥ al-Buḫārī rezitiert. Nachdem man im Juli drei Tage lang streng gefastet hatte, fand sogar eine bislang ungekannte Massen-Bittprozession statt, zu der die gesamte Bevölkerung aufgerufen war. Alle flehten gemeinsam um Erlösung, legten Gelübde ab und lobpreisten Gott; Muslime, Christen und Juden trugen ihre jeweilige heilige Schrift voran. Selbst hohe Würdenträger zogen barfuß von der Umayyaden- zur al-Qadam-Moschee, wie uns der berühmte Reisende Ibn Baṭṭūṭa als Augenzeuge berichtet.

Ibn Baṭṭūṭa registrierte auch, wie in Damaskus die Preise explodierten, v. a. wegen der gestiegenen Arbeitskosten. In Kairo verlor der Dinar gegenüber dem Dirham deutlich an Wert, vielleicht weil notgedrungen mehr Gold in Umlauf kam. Der Wert von Kupferkleingeld wie der Münze des Monats war ohnehin nur staatlich dekretiert. Nach dem Prägeort ist darauf am Ende der dritten Av.-Zeile noch das Wort sanata, „im Jahre“, zu lesen. Auf dem Revers ist nicht etwa ein Corona-Virus abgebildet, im Zentrum des Kranzes steht (als Fortsetzung der Av.-Inschrift) die Jahreszahl tisʿ wa-arbaʿīn = [7]49 H. = 1348/49.

1351 wurde an-Nāṣir Ḥasan unter Hausarrest gestellt, 1355 auf den Thron zurückgeholt. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet von diesem Sultan und aus dieser Krisenzeit eines der großartigsten Bauwerke der islamischen Kultur stammt: der monumentale Sultan-Ḥasan-Madrasa-Moschee-Komplex (Video) nahe der Kairoer Zitadelle. Die Errichtung – an der Architekten und Handwerker aus Syrien, dem Irak und Iran beteiligt waren – dauerte von 1356/57 bis 1363. Doch wie konnte Ḥasan (welcher bereits 1361 ermordet wurde) dieses ehrgeizige Großprojekt finanzieren? Immerhin kostete der Bau täglich 20.000 Dirham, zumindest während der ersten drei Jahre, in denen ohne Unterbrechung daran gearbeitet wurde. Angeblich half ein großer Schatzfund, der auf der Baustelle gemacht wurde. Genauer gesagt, soll es sich um yūsufī-Gold gehandelt haben, womit wohl Dinare des Almohaden Abū Yaʿqūb Yūsuf I. (reg. 1163–84) gemeint sind, die wegen ihres hohen Feingehaltes weit verbreitet waren und tatsächlich in ägyptischen Schatzfunden vorkommen. Zu bedenken ist auch, dass auf dem Baugrund zuvor die Palastanlagen zweier Emire standen, welche Ḥasan abreißen ließ. Die Haupterklärung für die Baufinanzierung ist wohl aber eine andere: Abgesehen davon, dass Epidemien (wenngleich Kriege eine noch größere Rolle spielten) zu den schlussfolgerbaren Gründen gehören, aus denen besonders viele Menschen von ihnen verborgene Münzen nie mehr bargen, forderte der „Schwarze Tod“ so viele Opfer, dass deren Besitz oft mangels Erben an den Staat überging.

SH

MdM March 2020

 

The following guest contribution comes from Alexander Akopyan, a numismatist specialized in the history of the Caucasus region, whose constant output of papers (including articles regarding Ṣafavid Iran) is quite remarkable. After having successfully defended his PhD thesis (about “Coins and Hoards of the Khanates of Ganja, Shushi, Yerevan, and Nakhichevan”) at the Kazan Federal University in 2019, he has become a member of the Department of Oriental Written Sources at the Institute of Oriental Studies of the Russian Academy of Sciences in Moscow.

 

One of the oldest dates for New Year in agricultural societies is associated with the awakening of the nature’s forces in early spring. Going back to the Achaemenid era, the peoples of the Iranian world celebrate it on the day of the vernal equinox, 2020: March 20. It is called Nowruz, which means ‘new day’. A very typical Nowruz custom is the haft-sīn – an arrangement of seven symbolic items beginning with the letter s (in Persian): wheat (sabze), sweet pudding (samanū), Persian olive (senjed), vinegar (serke), apple (sīb), garlic (sīr) and sumac spice (sumāq). Quite often, coins (sekke) were also added to the Nowruz table, and it has been since ancient times that coins do not only play an economic role in human life, but also fulfill other cultural functions, one of which is apotropaic. Until recently, or perhaps even still today, people have carried e. g. an old coin “for good luck” or specially bought two-dollar bills to “attract wealth” in their wallets. Coins charged with such non-economic meanings are used significantly longer than typical, and when they are hoarded, it critically biases the age structure of the hoard. Oriental hoards are no exception, and the separation of “non-economic coins” in them can be very important to a hoard’s correct interpretation. In this respect, it is interesting to look at one very famous and widespread mediaeval Persian coin type, which played a special role among various Shiite groups and was used from the sixteenth to twentieth century due to people’s piety for it.

The history connected to this month’s coin goes back to the time after the proclamation of Twelver Shiite Islam as the state religion in Persia under Ismāʿīl Ṣafavī (r. 1501–1524) – a move reflected in Ṣafavid coinage: From this time onward, the characteristic feature of the obverse became the mandatory adding of the phrase ʿAlī walī Allāh (“ʿAlī is the friend of God”), devoted to the fourth caliph ʿAlī ibn Abī Ṭālib (r. 656–661), at the end of the shahāda, the Islamic creed of faith lā ilāha illā llāh Muḥammad rasūl Allāh (“There is no god but God, and Muḥammad is the messenger of God”). During the reign of Shah ʿAbbās the Great (1587–1629), which was marked by significant changes in monetary policy and coinage, some coin types began to show only the phrase ʿAlī walī Allāh within the central field, the rest of the shahāda was moved to the circular marginal inscription. This change was anchored on the silver 100-dinar coins – known in Persia as muḥammadī or maḥmūdī – minted in the 17th–18th centuries mainly in Ḥuwayza (Ḥoveyzeh). The city of Ḥuwayza was the capital of Khuzistān (or ʿArabistān), then a semi-autonomous vassal kingdom (wilāyat) bordering the Ottoman Empire and the Persian Gulf, and ruled by the local extreme Shiite Mushaʿshaʿ dynasty.

The FINT coin of this month is such a muḥammadī 2-shāhī-coin, weighting 3.79 g. On its obverse the Shiite shahāda was placed, with ʿAlī walī Allāh in the central circle. After lā ilāha illā llāh Muḥammad rasūl Allāh in the marginal legend the names of two Imams are legible: Muḥammad and Jaʿfar (al-Bāqir and al-Sādiq). The script of all legends is upright naskhī. On the reverse the mintname is given: żarb-i Ḥuwayza (“struck in Ḥuwayza”), written in three parts from bottom to top and starting with żar (at 4 o'clock) outside the central cartouche, while the rest appears within. The date is not given or not preserved, but around the centre the Persian inscription [ʿAbbās] banda-yi shāh-i vilāyat (“ʿAbbās is the servant of the king of holiness”, i.e. of ʿAlī ibn Abī Ṭālib) is at least partly visible. From the outer marginal legend only the name ʿAbbās can be read, and so this coin doesn’t clearly indicate whether it was ʿAbbās I or ʿAbbās II (r. 1642–1666) under whom it was struck – further research is needed.

Written sources indicate high confidence in the Khuzistān muḥammadīs. Thus Engelbert Kaempfer (1651–1716), a German naturalist, physician, and writer known for his journey to Russia, Persia, South-East and East Asia, reports that when Shah Sulaymān I (r. 1666–1694) checked his treasury, only Khuzistān muḥammadīs were found to be of good quality, while the rest of the coins were rejected. Indeed, numismatic data indicates the geographically wide-spread use of muḥammadīs from Transcaucasia to India as well as the circulation of their earliest issues until the middle of the 19th century, and even perhaps their coinage outside of Khuzistān. On the other hand, the poor quality of other Persian coins of the 17th century does not find any confirmation, whereas a good number of precisely the Khuzistān muḥammadīs are known for poor quality and light weight, which forced the search for an explanation of their popularity in non-economic reasons.

The confessional situation in Persia was complex, and orthodox Twelver Shiism was not the only form of Shiite Islam common in Persia. At the end of the 19th century the number of ghulāt Shiites – “radical” sects like the Ahl-i Ḥaqq, Mushaʿshaʿ and others, who deified ʿAlī and believed in his subsequent incarnations etc. – was estimated at no less than two-fifths of the Persian population (even taken into account taqiyya, the practice of permitted concealment of sectarians’ true religion). Groups of ghulāt mostly inhabited the western regions of Persia along the border with the Ottoman Empire (where they had come from), from Mākū to the Persian Gulf. The famous Russian orientalist V. A. Gordlevsky (1876–1956) recorded at the beginning of the 20th century among the Ahl-i Ḥaqq of the north-western Iranian city of Mākū the legend about the journey of “Shah Mehmed” (as they called one of the incarnations of ʿAlī, i.e. the deity in their belief, who lived in the 17th century) to Ḥuwayza, where “coins in his name were minted: the word Havize was struck on the one side, and the Muslim creed on the other” (Gordlevsky, “Kara-koyunlu” in: Izvestiya Obščestva Obsledovaniya i Izučeniya Azerbaydžana, no. 4, Baku, 1927, p. 14). This legend is a key to the understanding why Khuzistān muḥammadīs with the central legend ʿAlī walī Allāh were so popular in the Persianate world during the 17th to 19th centuries and why they were regularly added to hoards (sometimes their proportion is 1%, but they are almost always contained, even if they are separated from the other coins by a gap of several decades). Another mention of muḥammadīs in a sectarian environment is fixed in the Kitāb Burhān al-Ḥaqq, compiled in 1962: For the initiation ceremony “there should be a muḥammadī coin on which to cut the nutmeg, but if one cannot be found, then any coin will do. The pīr should look after this coin before the ceremony so that it is ready”.

Apparently, the transposition of emphasis in the shahāda to ʿAlī, which was fixed among ghulāt-inhabited Khuzistān, later fell under a double interpretation in Persia. First, among the ghulāt themselves, the text of the Khuzistān coins was interpreted as the coinage of a deity, “Shah Mehmed”, which apparently became the reason for their being named muḥammadīs (or maḥmūdīs). Secondly, the Persian authorities created a legend about the exceptional quality of these coins, which should be interpreted as an attempt to rationally explain their special popularity with the population for several centuries. Thus, a combination of numismatic and narrative data shows that Khuzistān muḥammadīs were used as a kind of baraka, as a special coin that “blessed” savings, which makes us take a somewhat different look at the process of saving in the medieval Persian society.

 

MdM February 2020

 

Am 3. Februar des Jahres 1094 fiel die situationsgemäße Entscheidung, dem Text auf den Bagdader Münzen (sikka) einen neuen Herrschernamen hinzuzufügen, was dem betroffenen Namensträger (welcher schon seit ein paar Wochen in der Stadt weilte) Anlass zu großer Freude geben musste (war damit doch ein wichtiger Etappensieg im Machtkampf mit familieninternen Rivalen errungen). Nur wenige Stunden später wurde den ersten klar, dass außerdem ganz unerwartet noch der Name eines anderen Herrschers auf den Münzen geändert werden musste, woraufhin in der Tigris-Metropole bald öffentliche Trauerfeierlichkeiten abgehalten wurden. Nach islamischer Zeitrechnung schrieb man da seit kurzem das Jahr 487, das Prägejahr unserer Münze des Monats.

Bagdader Dinare der Jahre 485 und 486 weisen eine entscheidende Besonderheit gegenüber fast allen Münzen auf, die sonst während der Zeit der Großselǧuqen in Bagdad geprägt wurden: Auf ihnen ist nur der (seit langem weitgehend entmachtete) ʿAbbāsiden-Kalif mit seinem designierten Thronfolger genannt – und kein Selǧuqe! Das hatte es schon einmal im Jahre 455 (1063) nach dem Ableben des ersten Selǧuqensultans Toġrı̊l-Beg gegeben und auch 485 (1092) war es der Tod des Sultans (Malik-Šāh), welcher es den (hierdurch geretteten, weil von Malik-Šāh zuletzt massiv bedrohten) Kalifen al-Muqtadī bi-Amr Allāh wagen ließ, die Selǧuqenherrschaft nicht länger auf den Münzen sowie in der Freitagspredigt anzuzeigen. Der seit 1075 regierende ʿAbbāside nutzte also jene schwere Krise des Sultanats, welche die umgehend ausbrechenden Nachfolgekämpfe innerhalb der Selǧuqendynastie bedeuteten, für einen weiteren Schritt aus, (wenigstens in Bagdad) wieder mehr Autonomie zu gewinnen und die drückende „Schutzherrschaft“ der Selǧuqen über das Kalifat irgendwann ganz abzuschütteln. Zu den Erfolgen, welche die ʿAbbāsiden auf diesem Weg bereits verbuchen konnten, gehörte die Rückgewinnung der Zuständigkeit für die Bagdader Münze im Jahre 1069/70.

Anno 486 H. (1093) kamen u. a. zwei wichtige Personen nach Bagdad. Der erste war ein Mekka-Pilger und Prediger aus Marv namens Ardašīr al-ʿAbbādī, welcher als großer Gelehrter Anerkennung fand und Massen von Zuhörern anzog. Zu den Dingen, die er öffentlich kritisierte, zählte der (erst im Vorjahr –offenbar erfolglos – untersagte) Verkauf von Dinar-Fragmenten gegen ganze Dinare, weil zwischen den Bruchstücken und den vollständigen Münzen ein Wertunterschied gemacht wurde, man von beiden folglich nicht gleiche Goldmengen austauschte und sich daraus ein im Islam verbotener, da ungerechtfertigter Gewinn ergibt (arab. Fachterminus: ribā). Interessanterweise war es genau diese Kritik, derentwegen al-ʿAbbādī (von Kalif oder Sultan?) ein Auftrittsverbot erhielt und der Stadt verwiesen wurde. Der zweite Mann, der neu nach Bagdad kam, hieß Berkyaruq und war der älteste Sohn des unlängst verstorbenen Malik-Šāh. Nachdem al-Muqtadī bereits die Anfragen zweier anderer rivalisierender Selǧuqen-Sultane auf Anerkennung in der Bagdader Freitagspredigt (ḫuṭba) abgelehnt hatte, suchte nun auch Berkyaruq diese offizielle Bestätigung seiner Herrschaft durch den Kalifen. Da der junge Sultan mit seinen Truppen persönlich zugegen war und man sich auch auf eine Geldzahlung in Zusammenhang mit dem obligatorischen Treueeid (baiʿa) geeinigt hatte, blieb dem ʿAbbāsiden wohl kaum eine andere Wahl, als dem Ersuchen dieses Mal stattzugeben. Er beauftragte jedenfalls seinen Kanzleischreiber mit dem Aufsetzen einer Ernennungsurkunde (ʿahd) und ließ Berkyaruq von seinem Wesir Ehrengewänder überbringen. Als dem Kalifen al-Muqtadī dann die fertige Ernennungsurkunde vorgelegt wurde und er sie geprüft hatte, setzte er seine Unterschrift darauf und anscheinend erklang noch am selben Freitag, dem 3. Februar 1094, erstmals Berkyaruqs Name in der Bagdader ḫuṭba.

Im Anschluss an die Urkundenunterzeichnung nahm al-Muqtadī eine Mahlzeit ein und wusch sich die Hände. Plötzlich fragte er seine Haushälterin: „Wer sind diese Personen, die ohne Erlaubnis vor Uns getreten sind?“ Die Haushälterin schaute sich um, doch war niemand zu sehen. Als der Kalif daraufhin zu Boden sank, konnte sie nur noch seinen Tod feststellen und informierte umgehend den Wesir. Im Folgenden begann man damit, al-Muqtadīs Sohn und designiertem Thronerben Abū ’l-ʿAbbās Aḥmad die Treue zu schwören – sein Thronname lautete al-Mustaẓhir bi-’llāh. Auch Berkyaruq wurde die baiʿa für den neuen (und ebenfalls noch jungen) Kalifen abgenommen, als man ihn über al-Muqtadīs Tod benachrichtigte. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst am 7. Februar – seit dem Tod des ʿAbbāsiden waren da schon drei Tage vergangen –, und auch die Prägung neuer Münzen konnte nicht mehr ewig warten. Für Dinare mit Berkyaruqs und al-Muqtadīs Namen hatte es natürlich keine Zeit gegeben, sodass auf den ersten Prägungen aus Bagdad mit dem Namen des gerade noch so vom alten Kalifen bestätigten Selǧuqensultans auch gleich der neue Kalif erscheint. Um genau solch einen „Debü-Dinar“ handelt es sich bei der Münze des Monats; das Prägejahr 487 und der Prägeort Madīnat as-Salām, „Stadt des Heils“, also Bagdad, sind in der inneren Umschrift auf der Vorderseite angegeben (äußere Umschrift: Koran, 30:4–5). Der Name al-Mustaẓhir bi-’llāh findet sich in der vorletzten Zeile des Avers-Feldes, der Kalifentitel „Befehlshaber der Gläubigen“ in der untersten und der Imam-Titel ganz oben.

Für die (486 H., wie gesagt, noch ausgesetzte) Sultansnennung muss man sich der Rückseite des 4,19 g schweren Goldstücks zuwenden. Unter li-’llāh / Muḥammad rasūl Allāh / ṣallā ’llāh ʿalaihi  (vgl. MdM Mai 2019) ist hier Muʿizz ad-Daula / al-Qāhira / Berkyāruq zu lesen; der Selǧuqe erscheint also (nur) mit seinem türkischen Eigennamen sowie dem ihm vom Kalifen verliehenen Ehrennamen „der die bezwingende Regierung [der ʿAbbāsidenkalifen] Stärkende“. Ausgerechnet der Sultanstitel und Berkyaruqs höchstrangiger Ehrenname Rukn ad-Dīn („Stützpfeiler der Religion“) sind hingegen auf Bagdader Münzen nie aufgeführt – während sie auf Dinaren aller anderen Münzstätten stehen. Hierin zeigt sich deutlich, dass die Münze, wie gesagt, unter ʿabbāsidischer Kontrolle stand und die Kalifen bemüht waren, die Macht ihrer selǧuqischen „Schutzherren“ nicht noch unnötig zu betonen. Die Kontrolle über die Bagdader Münze nutzten die Kalifen zudem, um (wieder selbstbestimmt) ihre Thronfolger festzulegen. So ließ al-Muqtadī seinen Sohn, den späteren al-Mustaẓhir, bereits kurz nach dessen Geburt in die sikka aufnehmen (471 H.) und al-Mustaẓhir selbst nannte seinen Sohn ab 488 H. auf den Dinaren; die Münze des Monats gehört also zu den wenigen Prägungen dieses (bis 512 H. = 1118 amtierenden) Kalifen, auf denen noch kein Kronprinz erscheint (sonst: vertikal rechts und links im Rev.-Feld), weil dessen Proklamation 487 H. noch nicht erfolgt war.

Noch 487 H. (1094) verlor Sultan Berkyaruq in Nordwest-Iran eine Schlacht gegen seinen Onkel Tutuš, woraufhin dieser (wie Münzen belegen) in Bagdad anerkannt wurde – jedoch nur für kurze Zeit. Obwohl die Dinge zwischenzeitlich äußerst schlecht für Berkyaruq standen – auf Niederlage und Flucht folgten Gefangenschaft und schwere Krankheit –, wandelte sich die Lage innerhalb weniger Monate wieder zu seinen Gunsten, sodass er sich zunächst von allen Rivalen um das Sultanat befreit sah und ab 488 H. auch erneut Anerkennung in Bagdad genoss, wenngleich die ʿAbbāsiden weiterhin nur darauf warteten, selǧuqische Thronstreitigkeiten zu ihrem Vorteil zu nutzen. Man darf im Übrigen durchaus fragen, ob es Zufall war, dass der nach Unabhängigkeit strebenden al-Muqtadī just in dem Moment verstarb, als seine Unterschrift auf der Ernennungsurkunde für Berkyaruq gerade getrocknet war. Hatte der junge Sultan etwas mit dem merkwürdigen Todesfall zu tun? Al-Muqtadī selbst steht seinerseits ja im Verdacht, hinter dem Tod Sultan Malik-Šāhs zu stecken. Jedenfalls war auf al-Muqtadīs Beerdigung und Trauerfeier in jenem Februar 1094 alles zugegen, was Rang und Namen hatte – der einzige, der sich nicht blicken ließ, war (obwohl noch immer in Bagdad) Sultan Berkyaruq…

SH

MdM January 2020

 

Auch wenn damit noch kein neues Jahrzehnt angebrochen ist, haben vor wenigen Tagen die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts begonnen. Ob sie so „golden“ werden wie die des letzten? Oder besser gefragt: Ob sie später einmal als ähnlich golden angesehen werden wie Teile der 1920er? Zumindest im Deutschen Reich wurden die Schatten jener Zeit ja auch nur zwischen 1924 und 1929 überstrahlt, wobei 1924 das Jahr war, in dem als sog. Goldkernwährung die Reichsmark eingeführt wurde. Auch andere Staaten kehrten um 1925 mehr oder weniger zum Goldstandard zurück, welcher bei Beginn des Ersten Weltkriegs ausgesetzt worden war. Im Rahmen der neuen Reichsmark wurden nun aber nicht etwa wieder goldene Kurantmünzen geprägt. Dafür ließ man laut Münzgesetz von 1924 ganz ausdrücklich die alten, 1871 eingeführten Goldmünzen des Kaiserreichs wieder als gesetzliches Zahlungsmittel zu. Die restlichen 5-, 10- und 20-„Goldmark“-Stücke ließen sich dadurch jedoch nicht wieder in Zirkulation bringen (und so staatlich einziehen) – sie blieben im Volk thesauriert, seit die Reichsbank 1914 den zuvor garantierten Umtausch von Papiergeld und Scheidemünzen gegen Gold eingestellt hatte.

Das neue Jahr bietet natürlich auch Gelegenheit, noch viel weiter zurückzublicken und zu fragen, wie golden eigentlich in numismatischer Hinsicht die islamische Welt vor genau 1000 Jahren war. Nach islamischer Zeitrechnung stand anno 1020 auf neuen Münzen das Prägejahr 410. In Gold wurde damals unter verschiedenen Dynastien an einer überschaubaren Anzahl von Orten geprägt: Weit im Osten, auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan, war es der Ġaznavide Maḥmūd, welcher sowohl in seiner Hauptstadt Ġazna als auch in Herāt Dinare schlagen ließ, deren Material allerdings zunehmend in Richtung Blassgold tendierte. Guthaltige Goldmünzen desselben Herrschers wurden in Nīšāpūr geprägt, von wo aus sie auch überregional in Umlauf kamen (s. zum nīšāpūrī-Dinar MdM Nov. 2018). Im westlichen Iran und Irak wurden unter den ġaznavidisch bedrängten Būyiden-Königen Maǧd ad-Daula und Sulṭān ad-Daula (s. MdM Okt. 2018) ebenfalls Dinare geprägt, doch sind uns solche Münzen nur in geringem Umfang aus vereinzelten Jahren bekannt (was auch für die Münzprägung der Dynastie im 5. Jh. H. allgemein gelten kann). So ließe sich speziell für 410 H. lediglich eine būyidische Goldprägung vermuten, wobei im Machtbereich Maǧd ad-Daulas vor allem dessen Residenz Rayy infrage käme (belegtes Jahr: 403 H.) und in jenem Sulṭān ad-Daulas vielleicht Sūq al-Ahwāz (in Ḫūzistān, belegtes Jahr: 402 H.) sowie Bagdad (belegtes Jahr: 409 H., Inschrift: ibrīz = „Feingold“). Möglicherweise ließ auch schon Maǧd ad-Daulas Vasall in Iṣfahān, der Kakūyide ʿAlāʾ ad-Daula, 410 H. eigene Dinare prägen (belegt: al-Karaǧ, 412 H.). Gesichert ist dies immerhin für jenen Dynasten, welcher für Sulṭān ad-Daula derweil im Oman regierte: den Mukramiden Ḥasan (Münzstätte Ṣuḥār). Ansonsten wurden auf der Arabischen Halbinsel zu dieser Zeit noch Goldmünzen des Ziyādiden al-Muẓaffar im jemenitischen Zabīd geschlagen (belegt: 408 H.), während es auf der Iberischen Halbinsel, also ganz im Westen, die Ḥammūdiden (von Ceuta und Málaga) waren, welche von der untergehenden Umayyaden-Dynastie in Córdoba nicht nur das Kalifat übernommen hatten, sondern auch eine eigene Dinar-Prägung.

Während das Kalifat des (zunächst 408–412 H. herrschenden) Ḥammūdiden al-Maʾmūn auf al-Andalus beschränkt blieb, erkannten die meisten Dynastien des Ostens, darunter Ġaznaviden und Būyiden, den Bagdader ʿAbbāsiden-Kalifen al-Qādir an, nach dem sogar eine Dinar-Sorte benannt war. Der wohl berühmteste Herrscher jener Zeit war jedoch der seit 996 amtierende fāṭimidische Imam-Kalif al-Ḥākim. Er ist es, welcher in der Reihe muslimischer Machthaber, die vor 1000 Jahren in ihrem Namen Goldmünzen prägen ließen, natürlich noch fehlt und von dem unsere Münze des Monats – selbstverständlich ein Dinar – stammt. Das 4,31 g schwere Stück wurde 410 H. in Ägyptens alter Kapitale al-Fusṭāṭ (südlich der fāṭimidischen Palaststadt al-Qāhira = Kairo) geschlagen, wie die Münzstättenbezeichnung Miṣr verrät. Prägeort und -jahr finden sich in der Umschrift auf der Rückseite, welche ebenso wie jene auf der Vorderseite durch zwei Ringe mit relativ breitem, freiem Zwischenraum vom Feld abgegrenzt ist. Die übliche Formel weist ein paar diakritische Punkte auf: über dem in ḍuriba, dem in hāḏā und dem n in sana. Die Avers-Inschriften sind vollständig religiöser Natur: Umgeben vom Koranvers 9:33 steht im Feld das islamische Glaubensbekenntnis mit dem wichtigen Zusatz ʿAlī walī Allāh, d. h. „ʿAlī ist der Freund Gottes“ (letzte Zeile). Hierin kommt die schiitische Gesinnung der Fāṭimiden zum Ausdruck, welche ja mit den sunnitischen ʿAbbāsiden konkurrierten und für sich beanspruchten, vom vierten Kalifen ʿAlī b. Abī Tālib und seiner Frau, der Propheten-Tochter Fāṭima, abzustammen. An diesem Anspruch sowie dem, ein Nachkomme der Fāṭimiden zu sein, hält bis heute der IV. Aga Khan als Oberhaupt der Nizāriten fest.

Al-Ḥākim, unter dessen Herrschaft die Blütezeit des fāṭimidischen Imperiums andauerte, mag exzentrisch gewesen sein und sich zeitweise als frommer Volkserzieher verstiegen haben, doch war er sicherlich nicht der verrückte Tyrann, als der er in einem Teil der Überlieferungen dargestellt wird. Zu seinen besonders rätselhaften Maßnahmen gehört ein Traditionsbruch, welcher im Revers-Feld der Münze des Monats dokumentiert ist. Dieses enthält wieder einen markanten Mittelpunkt und vier Zeilen, in deren erster sich der Münzherr als „Gottes Knecht und Freund“ (ʿabd Allāh wa-walīhi) vorstellt. In der zweiten stehen sein Titel al-imām und der vollständige Thronname al-Ḥākim bi-Amr Allāh – „der auf Gottes Geheiß Herrschende“ –, woraufhin in der dritten Zeile zunächst noch der Kalifen-Titel „Befehlshaber der Gläubigen“ folgt. Anschließend lesen wir den Namen ʿAbd ar-Raḥīm, welcher nicht al-Ḥākim gehört (der Kalif hieß al-Manṣūr). Wer hier aus welchem Grund stattdessen aufgeführt ist, geht aus der vierten Zeile hervor, in der sich abschließend der Titel walī ʿahd al-muslimīn findet. Genannt ist also, wie auf allen fāṭimidischen Dinaren seit 404 H. (1013), der damals öffentlich und per Dekret designierte Thronfolger „der Muslime“, dessen Proklamation auch von allen Kanzeln des Reiches verlesen worden war. Al-Ḥākim hatte ʿAbd ar-Raḥīm unter anderem einen eigenen Palastbezirk zugewiesen und ihm bereits einige repräsentative Herrscheraufgaben überlassen, doch handeltet es sich bei dem erwählten Thronfolger – und das ist die erste Merkwürdigkeit – mitnichten um al-Ḥākims Sohn. Letzterer, Prinz ʿAlī, wurde vielmehr von der Nachfolge ausgeschlossen, die eigentlich fest als Vater-Sohn-Abfolge etabliert war.

Immerhin war ʿAbd ar-Raḥīm ein entfernter Verwandter, genauer gesagt ein Urenkel des ersten Fāṭimiden-Kalifen al-Mahdī und somit wohl al-Ḥākims Großonkel 3. Grades. Die zweite Merkwürdigkeit hinsichtlich der Thronfolgeregelung bestand darin, dass es gleichzeitig offenbar noch einen anderen, zweiten Thronfolger mit dem abweichenden Titel walī ʿahd al-muʾminīn gab, was in den Quellen nicht erklärt wird. Heinz Halm (Die Kalifen von Kairo, S. 280) vermutet, dass so eine Art Trennung zwischen dem (quasi gesamtmuslimischen) Kalifat als „weltlicher“ Herrschaft auf der einen und dem Imamat der – sich als muʾminūn, d. h. als „Gläubige“, bezeichnenden – Ismāʿīliten auf der anderen Seite intendiert war. Dass wir lediglich mutmaßen können, wohin diese höchst ungewöhnliche Regelung praktisch führen sollte, liegt auch darin, dass nach al-Ḥākims mysteriösem Verschwinden im Februar 1021 nichts davon realisiert wurde: Als neuer Imam-Kalif bestieg al-Ḥākims junger Sohn ʿAlī den Thron. Der walī ʿahd al-muʾminīn, welcher gleichfalls ein Urenkel al-Mahdīs war und al-ʿAbbās hieß, fand sich dagegen zunächst im Kerker wieder, bevor er nur wenige Jahre später verstarb, und auch der walī ʿahd al-muslimīn wurde aus Damaskus, wo er Statthalter war, in Ketten nach Kairo verbracht, um alsbald mit einem Messer im Bauch den Tod zu finden.

Dass ʿAbd ar-Raḥīm – anders als Prinz al-ʿAbbās – von al-Ḥākim sogar ins Münzprotokoll aufgenommen worden war, hatte am Ende also nichts genützt, rechtfertigt es bei der Beschreibung des Dinar-Typs jedoch, den Thronfolger als weitere genannte Person zu erfassen. Es darf daher etwas verwundern, dass im SNAT-Band Egypt, wo die Münze des Monats auf S. 34 f. als Nr. 348 nebst mehreren anderen Exemplaren aus der Zeit nach 404 H. publiziert ist, die dazugehörige Zwischenüberschrift (auf S. 32) nur die Angabe des Kalifen enthält, obgleich aufgeführte Thronfolger sonst auch immer (als „heir“) Berücksichtigung finden (s. etwa S. 28).

Zwar wurden unter den Fāṭimiden auch Dirhams geprägt, doch waren es die Feingold-Dinare dieser Dynastie, denen vor 1000 Jahren – auch außerhalb des Fāṭimidenreiches – größte Bedeutung zukam und welche im Osten als maġribinische Dinare bekannt waren. Nāṣir-i Ḫusrau, ein Reisender des 11. Jahrhunderts, rühmt die Herrschaft der Kairoer Kalifen nicht nur als wahrhaft glanzvolle Epoche, sondern konnte seinen Kameltreiber im irakischen Basra auch ohne Probleme mit maġribinischen Dinaren bezahlen. Als Herrscher des Nillandes hatten die Fāṭimiden Zugang zu den Goldvorkommen Westafrikas und Nubiens (Mine im Wādī al-ʿAllāqī); 2015 fanden Taucher über 2600 fāṭimidische Goldmünzen im Hafen von Caesarea (Israel), darunter auch Dinare wie die Münze des Monats aus dem Jahre 1020.

SH

MdM December 2019

 

Diese Woche ist schon Nikolaustag und so kurz vor Jahresende soll noch einmal Platz für einen weiteren MdM-Gastbeitrag sein. Verantwortlich für die weihnachtlich erhellenden Ausführungen zu einem Stück seiner Wahl ist dieses Mal Priv.-Doz. Dr. Nikolaus Schindel vom Institut für Kulturgeschichte der Antike (der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) in Wien. Dass zu seinen Forschungsschwerpunkten unter anderem die sasanidische Numismatik gehört (Projekt: Sylloge Nummorum Sasanidarum) trifft sich mit dem Umstand, dass die FINT-Sammlung auch nicht wenige Münzen aus dem vorislamischen, antiken Orient umfasst.

 

Wie bereits im Dezember 2018 wird hier eine Münze mit christlichem Bezug vorgestellt, mag der Bezug diesmal auch eher indirekter Natur sein. Abgebildet ist nämlich eine 4,08 g schwere Silberdrachme des sasanidischen Großkönigs Khusro II., der zweimal regierte, nämlich zunächst einmal kurz nach einem Putsch gegen seinen Vater Ohrmazd IV. (reg. 578–590) im Jahre 590. Er wurde jedoch durch den aufständischen General Wahram Cobin vom Thron verjagt, der als Wahram VI. 590/591 herrschte, bis er seinerseits von Khusro mit byzantinischer Hilfe besiegt wurde. Dessen zweite Regierung währte dann von 591 bis 628; auch Khusro II. wurde durch die Rebellion eines Sohnes, nämlich des Shiroe (unter dem Thronnamen Kawad II., reg. 628) um Herrschaft und Leben gebracht.

Die Münze des Monats zeigt auf der Vorderseite das Bildnis des Khusro II. nach rechts mit einer Krone, die die Mauerzinnen als Symbol des obersten zoroastrischen Gottes Ahura Mazda mit den Flügeln des Siegesgottes Verethragna verbindet. Die Rückseite zeigt einen Feueraltar mit zwei frontal stehenden Figuren, die beide eine stilisierte Form von Khusros königlicher Krone tragen und ihn somit beide meinen. Der doppelte bzw. dreifache Bildrand sowie die Astralsymbole (Stern und Mondsichel) sind Charakteristika der spätsasanidischen Silberprägung, die noch auf die umayyadischen und ʿabbāsidischen Dirhams Einfluss ausüben sollten. Auf 3 Uhr stehen die beiden Pehlevi-Buchstaben M und Y, die die Region Meshan (in Pehlevi: myš`n) meinen, welche im heutigen Südirak liegt (Gouvernement Maisān). Auf 9 Uhr ist das Regierungsjahr Khusros II. angegeben, in dem diese Drachme geprägt wurde, nämlich ch`lwysty, „24“. Die Zählung begann mit seiner ursprünglichen, ersten Thronbesteigung im Sommer 590 (wohl nach dem persischen Neujahr, 27.6.590). Konkret entspricht das angegebene Regierungsjahr somit der zweiten Hälfte des christlichen Jahres 613 und den ersten sechs bis sieben Monaten des Folgejahres, da persisches und christliches Neujahr nicht übereinstimmen.

Was hat nun eine sasanidische Münze, die 613/614 im südlichen Zweistromland geschlagen wurde, mit dem christlichen Weihnachtsfest zu tun? Als Einzelstück nichts; aber das historische Umfeld dieser Prägung weist eine interessante Verbindung zur Weihnachtsgeschichte und ihrem geographischen Zentrum Betlehem auf. Wie oben erwähnt, war byzantinische Hilfe entscheidend dafür, dass Khusro II. im Jahre 591 seinen Konkurrenten Wahram VI. – nebenbei den ersten Großkönig der sasanidischen Geschichte, der nicht dieser Dynastie entstammte – besiegen konnte. Sein Wohltäter in Ostrom war Kaiser Mauricius Tiberius (reg. 582–602), der seinerseits einer Militärrevolte zum Opfer fiel, die einen Soldaten namens Phokas (reg. 602–610) auf den Thron brachte. Der Sasanidenkönig erklärte dem Usurpator daraufhin den Krieg und gab vor, die Ansprüche des Theodosius zu vertreten, des ältesten Sohnes und Thronfolgers des toten Mauricius, der zu ihm geflohen sei (was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine sasanidische Propagandalüge war). Im Jahr 608 brach dann in Byzanz auch noch ein Bürgerkrieg aus, den 610 der Sohn des Exarchen von Africa, Heraclius (reg. 610–641), für sich entscheiden konnte; auch er trat als Rächer des Mauricius auf. Doch auch die Ermordung des Phokas konnte Khusro II. nicht von seinem Krieg gegen Byzanz abbringen, den seine Feldherren anfangs mit großen Erfolgen durchfochten. Aufgrund der schlechten Quellenlage sind wir über den Verlauf dieses letzten und schwersten Konflikts zwischen Ostrom und Sasanidenreich nur unzureichend informiert. Es scheint aber, dass Heraclius im Jahre 613 eine wichtige Schlacht nahe Antiochia am Orontes (heute Antakya) gegen die Sasaniden verlor, die die byzantinische Machtposition im gesamten Nahen Osten zusammenbrechen ließ. Eine sasanidische Armee unter dem Feldherrn Farrukhan (meist unter seinem Titel Shahr-Baraz, „Eber des Reiches“, bekannt) marschierte in Syrien ein und nahm 613 Damaskus, 614 dann Jerusalem ein. Obwohl sich die Stadt den Persern zunächst kampflos ergeben hatte, kam es im Spätfrühling 614 zu einem Aufstand der christlichen Bevölkerung gegen die sasanidischen Besatzer, der zur Belagerung und Eroberung der heiligen Stadt führte. Wie nicht nur byzantinische Autoren, sondern inzwischen auch archäologische Funde belegen, wurden anlässlich der Erstürmung Jerusalems offenbar erhebliche Teile der christlichen Bevölkerung massakriert. Ähnlich Unerquickliches – wenn auch unter anderen Vorzeichen, was die Identität der Opfer betrifft – sollte sich im Jahre 1099 abspielen, als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen. Und genau wie damals streiften auch 614 sasanidische Heeresabteilungen durch das Heilige Land und verursachten weitere Verwüstungen, wobei sie laut den schriftlichen Quellen gezielt christliche Kultstätten zerstörten.

Eine Ausnahme stellte dabei allein Betlehem dar, der Schauplatz der Weihnachtsgeschichte: Denn nach einer Überlieferung verschonten die Perser, die sonst die Kirchen im Heiligen Land verwüsteten, die Geburtskirche in Bethlehem, weil auf einem Mosaik über dem Eingang zur Kirche die „Drei Weisen aus dem Morgenland“ (Mt 2, 1–12) in persischer Tracht dargestellt gewesen sein sollen.J. R. Russell, EIr-Artikel „CHRISTIANITY i. In Pre-Islamic Persia: Literary Sources“ Tatsächlich ist diese Darstellungskonvention für Männer, die ja laut dem Evangelium aus dem (damals parthischen) Osten kamen, durchaus üblich (s. Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna!). Das Matthäus-Evangelium spricht dezidiert von Magoi, womit zoroastrische Priester, aber auch allgemeiner Astrologen und „Magier“ im heutigen Wortsinn gemeint sein können. Die sasanidischen Soldaten hätten somit mit ihrer Bildauslegung gar nicht Unrecht gehabt. Die FINT-Münze des Monats datiert also in das Jahr, in dem dieses kleine Wunder in Betlehem geschah, und stammt dazu aus einer Region im heutigen Südirak, welche man mit dem antiken babylonischen Chaldäa gleichsetzen kann und die in der klassischen Antike für ihre Astrologen bekannt war.

 

MdM November 2019

 

Die islamische Numismatik an der Universität Tübingen fußt stark auf einem Lehrgebäude, das heute oft als Hävernick/Berghaus-Schule bezeichnet wird und etwa zwischen 1920 und 1970 eine Perspektive entwickelte, welche Münzen im Kontext der Geldgeschichte anspricht und neben ihrer Funktion als Bild- und Textträger ebenso ihren in Fundzusammenhängen dokumentierten Umlauf sowie Textzeugnisse (etwa Urkunden mit Kaufpreisen) in den Mittelpunkt der Forschung rückt. Am 20. November 2019 jährt sich nun zum 100. Mal der Geburtstag von Peter Berghaus (gest. 2012), weshalb im Folgenden an ihn und, mit der FINT-Münze dieses Monats, an eines seiner frühen numismatischen Verdienste erinnert sein soll – die Erhaltung eines damals zweifelsohne für wenig beachtenswert gehaltenen Schatzfundes unscheinbarer osmanischer Silbermünzen aus der ersten Hälfte des 17. Jh.

Der in Hamburg aufgewachsene Peter Berghaus hatte bereits seit frühester Jugendzeit Münzen gesammelt, doch war es eher sein Interesse an alten Drucken, welches ihn als Gymnasiasten auf den Gedanken brachte, sich beruflich dem alten Orient zuzuwenden. Von solchen Träumen bald wieder abrücken ließ ihn dann aber die grundsätzliche Benachteiligung im Vergleich zu den kolonialen Möglichkeiten britischer und französischer Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Als Abiturient stand schließlich sein Berufswunsch fest, die Geschichtswissenschaft mit all den verschiedenen Quellen voranzubringen, welche die Numismatik zu bieten hat. Zunächst behinderte allerdings der Zweite Weltkrieg die weitere Ausbildung und lehrte ihn, wie Tod und Zerstörung in Polen von der heimischen Propaganda als Sieg und Erfolg schöngeredet wurden. Als Berghaus 1942 als Soldat nach Belgrad gelangte, wollte es der Zufall, dass bei einem lokalen Uhrmacher ein Schüsselchen mit kleinen Silbermünzen angeboten wurde, und Berghaus erfuhr, dass diese auf der Zitadelle der Stadt gefunden worden waren, jenem geschichtsträchtigen Ort, den damals jeder gebildete Deutsche unvermeidlich mit dem Sieg des savoyischen Prinzen Eugen (1663–1736) verband. Aber auch unabhängig davon war Berghaus überzeugt, dass jeder Münzfund ein wertvolles historisches Zeugnis darstellen konnte, auch wenn er aus solch unscheinbaren und nur ein Viertel Gramm wiegenden Münzen bestand (bei denen man froh sein kann, wenn immerhin noch ein halbes Münzbild ausgeprägt ist). Nach kurzer Verhandlung mit dem Uhrmacher stand fest, dass die Münzen weder eingeschmolzen noch zu Schmuck verarbeitet werden sollten, sondern im Tausch gegen eine – man kann es sich fast denken – Armbanduhr als Füllung einer Zigarettenschachtel in die Tasche des deutschen Soldaten gingen. Ein genaues Nachzählen ergab immerhin 554 osmanische aqče (akçe) und einen ungarischen Denar, was bei der Verbergung des Schatzes etwa dem Betrag von fünf niederländischen Löwentalern oder drei Dukaten entsprochen haben dürfte, die in den levantinischen Teilen des Osmanischen Reiches in großer Zahl umliefen, in Belgrad aber möglicherweise nicht erreichbar waren. Sicher wird Berghaus zunächst davon ausgegangen sein, diesen Fund selbst einmal zu bearbeiten. Bald dürfte er jedoch festgestellt haben, dass diese Münzen überhaupt keinen Zusammenhang mit Prinz Eugen hatten, sondern in jene teuer erkaufte Friedensperiode zwischen Habsburgern und Osmanen fielen, in der Mitteleuropa durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde. Darüber hinaus dürfte jeder Bearbeitungsversuch mit damaligen Hilfsmitteln für Nichtorientalisten kaum zu leisten gewesen sein.

Zu einem der Typen, wie sie vorübergehend in Berghaus’ Zigarettenschachtel Aufnahme fanden, gehört unsere Münze des Monats. Während solche Stücke von den Türken „Weißling“ (aqče) genannt wurden, benutzten die Griechen und andere Bevölkerungsgruppen des Osmanischen Reichs weiterhin den vortürkischen Namen asper mit der gleichen Bedeutung. Trotz fortgesetzter Abwertungen seit dem 15. Jh. (s. MdM April 2019) blieb dieses Nominal vom 14. bis zum 18. Jh. die Hauptrechnungseinheit der osmanischen Verwaltungen, was erklärt, warum der genannte Fund (fast) ausschließlich aus solch kleinen und leichten Silbermünzen bestand. Das FINT-Exemplar wiegt immerhin 0,3 g und trägt auf der Rückseite die Jahreszahl 1032 H. = 1623 A.D. Es handelt sich hierbei um ein Regierungsanfangsjahr: Den osmanischen Thron hatte damals – infolge der Absetzung (und endgültigen Verwahrung im „Prinzenkäfig“) seines wohl geistig zurückgebliebenen Onkels – der noch junge Murād IV. bestiegen. Sein Titel und Name finden sich (samt Vatersname) auf der Vorderseite der Münze: [sulṭān] / Murād ibn / Aḥmad ḫān. Fortgesetzt wird die Inschrift rückseitig mit einem zur Herrschernennung gehörigen formelhaften Segenswunsch (s. MdM April 2019) und der Angabe des Prägeortes Belġrād (über dem genannten Jahr in Ziffern: ١٠٣٢‎‎). Die Aufschriften sind also sehr funktional und entbehren jedweder religiösen Texte, wie sie auf älteren islamischen Münzen oder zu dieser Zeit auch noch in den islamischen Nachbarstaaten Marokko und Iran sowie im Mogulreich selbstverständlich waren. Wie eine spätere Untersuchung des Schatzfunds von Belgrad zeigte, machten Prägungen Murāds IV. darin gut die Hälfte aus, weshalb anzunehmen ist, dass die Münzen irgendwann zwischen 1623 und Murāds Todesjahr 1640 verborgen wurden. Wegen der oft mangelhaften Ausprägung blieb 1959 jedoch auch mehr als ein Viertel der Münzen unbestimmt, was im Falle einer heutigen Bearbeitung ganz anders aussehen würde, da sich das Wissen über die osmanische aqče-Prägung des 17. Jh. inzwischen vervielfacht hat (vor allem seit in einem Projekt der Österreichischen Akademie der Wissenschaften der große Schatz von Beçin in Westanatolien erforscht wurde).

Der ehemalige Fundbesitzer Berghaus konnte seit 1943 studieren und den Krieg mit einigem Glück überleben. 1949 wurde er promoviert, woraufhin er ab 1950 von einer Museumsanstellung in Münster aus und seinen Neigungen zum frühen Hochmittelalter entsprechend neue Kontakte in Schweden knüpfte, insbesondere am Königlichen Münzkabinett. Für deutsche Münzen des 10. und 11. Jh. war der Ostseeraum und eben speziell Schweden (Insel Gotland!) mit damals schon über 100.000 gefundenen Pfennigen das fundreichste Gebiet überhaupt, sodass man lange Zeit glaubte, die diversen deutschen Pfennigarten seien überhaupt nur zum Zwecke der Ausfuhr und für den Fernhandel geprägt worden. Auch wenn es ausschließlich um Silber ging, war hier also das Eldorado der westdeutschen Mittelalternumismatik, die vom damals nach Leningrad ausgelagerten Berliner Münzkabinett abgeschnitten war. Schnell schloss Berghaus enge Freundschaften und da im wikingerzeitlichen Schweden vor den deutschen Pfennigen im 9. und 10. Jh. islamische Dirhams umgelaufen und bis zur Mitte des 20. Jh. annähernd 70.000 solcher Stücke in Schätzen geborgen worden waren, gab es hier auch ein institutionelles Interesse an Münzen der islamischen Welt. Was lag also näher, als die Weitergabe des kleinen Belgrader Schatzes 1954 als Geschenk an das Königliche Münzkabinett (damals im Historischen Museum) in Stockholm zum Zeichen tief empfundener Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme – sowie in Erfüllung der im Krieg übernommenen Verpflichtung, für die Veröffentlichung des Fundes zu sorgen. Letzteres geschah dann fünf Jahre später durch G. Olof Matsson, und zwar an prominenter Stelle: im Numismatic Chronicle der Royal Numismatic Society, Bd. XIX (1959), S. 165–174. Es war sogar der erste frühneuzeitliche aqče-Fund aus dem Gebiet des Osmanischen Reiches überhaupt, welcher veröffentlicht wurde. Erst eine weitere Generation musste vergehen, bis insbesondere Funde aus Rumänien und Bulgarien publiziert wurden, während sich in Belgrad selbst der Numismatiker Slobodan Srećković seit den 1970er Jahren an die systematische Aufzeichnung von aqče-Funden in Jugoslawien machte, um daraus grundlegende Erkenntnisse für die Chronologie der verschiedenen Typen einer Sultansherrschaft zu ziehen. Hier wiederholte sich in den Kriegen der 90er Jahre übrigens die Notwendigkeit, das mittlerweile wissenschaftlich beachtete und geschätzte Forschungsmaterial zu ertauschen: gegen Säcke voller Weizen.

Lutz Ilisch (zusammen mit SH)

MdM October 2019

 

In China hat die „goldene Woche“ anlässlich des Nationalfeiertags am 1. Oktober begonnen; zelebriert wird die Gründung der Volksrepublik vor genau 70 Jahren und natürlich bietet die traditionelle Militärparade Gelegenheit, sich als selbstbewusste Großmacht zu präsentieren. Hierzulande freut man sich indes über zwei neugeborenen Panda-Babys im Berliner Zoo, auch wenn der seltene Nachwuchs ebenso wenig dem Hauptstadt-Zoo oder Deutschland gehört wie die Elterntiere Meng Meng („Träumchen“) und Jiao Qing („Schätzchen“) – alle vier sind und verbleiben im Besitz der chinesischen Regierung. Diese verleiht die Tiere nämlich nur noch, wofür eine Jahresgebühr von 1 Mio. Euro zu zahlen ist. Hinzu kommt, dass das kostspielige Privileg der Panda-Haltung auch nur wenigen – strategisch ausgewählten – Staaten überhaupt gewährt wird; man spricht von Chinas „Panda-Diplomatie“. Als Präsente für befreundete Machthaber dienten die schwarz-weißen Bären bereits zur Zeit der Tang-Dynastie und auch Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte das Panda-Paar Tjen Tjen und Bao Bao 1979 noch geschenkt bekommen. Inzwischen ist man nicht nur zum Leasing-Modell übergegangen, sondern verknüpft mit der Vergabe der Tiere auch die Erwartung einer zuverlässigen Partnerschaft, z. B. wenn es um Rohstoffe und Technologie geht; konkret lässt sich ein Zusammenhang mit der Höhe des Handelsvolumens zwischen China und dem jeweiligen Panda-Empfänger-Land feststellen. Nach Bao Baos Tod 2012 stand Deutschland unbefriedigenderweise ganz ohne Großen Panda da und es bedurfte im Rahmen langwieriger Verhandlungen u. a. der Einschaltung Angela Merkels (während ihres China-Besuchs im Okt. 2015), ehe die Eltern des aktuellen Nachwuchses 2017 in einer Sondermaschine nach Berlin geflogen wurden.

Eine wahre Großoffensive in Sachen (Geschenk-)Diplomatie, Handelspolitik und Machtdemonstration – zu sehen vor dem Hintergrund von Chinas sog. Tributsystem – war die Reihe gewaltiger Flottenexpeditionen unter dem muslimischen (!) Eunuchen-Admiral Zheng He im Auftrag des Ming-Kaisers Yongle. Nachdem die imperiale „Schatzflotte“ bereits Indien und – auf Reise Nr. 4 (1413–1415) – Hormuz erreicht hatte, liefen einige der imposanten Schiffe im Rahmen der 5. Reise erstmals auch Aden an, die damals rasūlidisch beherrschte, boomende Haupthafenstadt des Jemens. Eine Datierung für dieses Ereignis findet sich nur in der arabischen Historiographie: Es war, wie ein Chronist der Rasūliden-Dynastie vermerkt, Ende 821 H., als Sultan an-Nāṣir Aḥmad (reg. seit 1401) über das Eintreffen von „Dschunken“ (الزنك) mit einem Abgesandten des „Herrn von China“ an Bord informiert wurde und sich daraufhin bereitmachte, die Fremden zu empfangen. Er tat dies Anfang 822 H., also 1419, was bedeutet, dass sich die Begegnung dieses Jahr zum 600. Mal jährte. Im Namen des Ming-Kaisers wurden dem Rasūliden damals allerlei exotische Kostbarkeiten im Wert von 20.000 miṯqāl / lakkā Gold zum Geschenk gemacht, darunter golddurchwirkte Seidengewänder, Porzellan, Moschus sowie Adlerholz (für das man auch heute noch bis zu 250.000 € / kg zahlt).

Wie ein anderer jemenitischer Chronist namens Ibn ad-Daibaʿ (gest. 1537) berichtet, wurde an-Nāṣir aber nicht einfach nur beschenkt. Der Botschafter aus dem Reich der Mitte soll dem Sultan auch – „ohne (vor ihm) den Boden zu küssen!“ – gesagt haben: „Dein Herr, der Herrscher von China, lässt dich grüßen und rät dir, deine Untertanen gerecht zu behandeln!“. An-Nāṣir habe darauf freundlich reagiert und dem Kaiser schriftlich geantwortet: „Der Befehl und das Land sind dein!“ Überbewerten darf man diese bereitwillige Anerkennung von Yongles Weltherrschaftsanspruch sicherlich nicht. Greifbarer ist, dass der Rasūlide im Folgenden von Aden aus seinerseits Botschafter und Präsente nach China schicken ließ, wobei neben Gold, Edelsteinen und Koralle insbesondere lebendige Tiere als Tribut entrichtet wurden: zahme Löwen und Geparde, Wildesel und Oryx, der chinesischen Auflistung zufolge auch weiße Tauben, Strauße, Zebras und – am spektakulärsten – eine Giraffe. (Die erste Giraffe, welche China erreichte, dort für großes Aufsehen sorgte und auch gemalt wurde, war allerdings schon 1414 als Geschenk des Sultans von Bengalen eingetroffen.)

Unsere Münze des Monats ist ein Dirham Sultan an-Nāṣir Aḥmads aus dem Jahre 824 H. = 1421, in welchem Zheng He von Nanjing aus ein 6. Mal in See stach. Wieder lief damals ein Teil der Flotte (nebst anderen Häfen der Arabischen Halbinsel) Aden an – wo die Chinesen 626 H. = 1423 empfangen wurden – und auch im Rahmen der 7. Expedition erhielten die Rasūliden 635 H. = 1432 noch einmal offiziellen Besuch aus dem Reich der Mitte, bevor das Schatzflotten-Programm anschließend endgültig eingestellt wurde. Der chinesisch-jemenitische Austausch von Gesandten und Geschenken – 1423 erhielt der Sultan sogar Moschustiere (wenn auch keine Pandas) – zog sich also über mehrere Jahre hin, wobei 1424 sowohl Yongle verstarb als auch an-Nāṣir, der letzte bedeutende Vertreter seiner Dynastie. Auf dem Dirham – der wie chinesische Münzen mittig ein großes Loch aufweist – beginnt die Herrschernennung im Rev.-Feld mit as-sulṭān / al-mali[k an-N]āṣir / Ṣalāḥ und setzt sich dann über 4 der 6 Randkartuschen im Uhrzeigersinn fort (beginnend in jener zwischen 5 und 7 Uhr): ad-Du[nyā] / wa-d-Dīn / Aḥmad ibn / [Is]māʿīl. Auf den Vatersnamen folgend ist in den beiden letzten Kartuschen neben dem Prägejahr in Ziffern (٨٢۴) die Münzstätte angegeben: ʿAdan (also Aden; Kartusche zw. 1 und 3 Uhr).

Leider findet sich auch auf der Vorderseite des (gelocht noch) 1,68 g schweren Dirhams nicht etwa irgendein China-Bezug. An-Nāṣir nennt keinen Oberherrn. Die rein religiöse Feldinschrift beginnt mit der basmala „Im Namen / Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, auf welche in Zl. 3–4 das Glaubensbekenntnis folgt. Über dem Wort Allāh am Ende von Zl. 4 steht sodann Abā und innerhalb der Sternzacke auf 6 Uhr [Bak]r. Aufgeführt ist hier also der erste Nachfolger des Propheten Muḥammad, woraufhin sich die Reihe der „rechtgeleiteten“ Kalifen – die Zugehörigkeit der Rasūliden zum Sunnitentum anzeigend – in den 6 Zwischenräumen rund um den Stern (beginnen bei 6 Uhr) fortsetzt: ʿUmar / ʿU[ṯmān] / [ʿAlī]; dazu (ab 12 Uhr) die entsprechende Eulogie „Gott / habe Wohlgefallen / an ihnen!“. Alle Inschriften sind kursiv, teils mit ihmāl-Zeichen versehen, jedoch gänzlich unpunktiert.

Wie die meisten Prägungen der Rasūliden ist die Zheng-He-zeitliche Münze des Monats aus Silber. In dem chinesischen Reisebericht über A-tan, also Aden, heißt es jedoch, der (übrigens gelb gewandete) Rasūliden-Sultan produziere zum einen Kupfer-Kleingeld namens fu-lu-su – worin unschwer das arabische fulūs zu erkennen ist – und zum anderen Rotgold-Münzen namens fu-lu-li. Letztere sollen ein qián (also etwa so viel wie eine chinesische Käsch-Münze) gewogen und rückseitig Zeichen getragen haben. Fu-lu-li gibt wahrscheinlich das persische fulūri wieder, das auf den Namen einer bekannten europäischen Goldmünze zurückgehen dürfte: Florin. Als Florin und fulūri wurden wiederum auch die venezianischen Dukaten bezeichnet, von denen nun bekannt ist, dass sie Anfang des 15. Jh. auch in Ägypten, Syrien sowie dem Jemen kursierten (und ein Gewicht wie viele Käsch-Münzen besaßen)… Dass Silbergeld in dem chinesischen Bericht gar keine Erwähnung finden, darf verwundern. Dabei hätte dem Besuch aus Fernost sogar ein Dirham-Motiv sehr bekannt vorkommen können, nämlich die zwei im Kreis schwimmenden Fische, wie man sie auf chinesischer Keramik und eben auf Münzen mehrerer Rasūliden findet. Überhaupt zeichnet sich die Münzprägung dieser Dynastie durch reizvolle Tierdarstellungen aus, wobei ein Löwe oft Dirhams aus al-Maḥǧam ziert, ein Vogel für solche aus Zabīd typisch ist und besagte Fische (passend zur Küstenlage) auf Münzen aus Aden erscheinen.

Exotische Tiere waren im Übrigen auch unter den – teils aus Indien oder China stammenden und dann weiterverteilten – Kostbarkeiten, welche die Rasūliden regelmäßig den ägyptischen Mamlūken-Sultanen zum Geschenk machten. So kam nebst Jade und Ming-Porzellan z. B. einmal ein Tiger ins Nilland, ein anderes Mal eine Art „Pferd ohne Genitalien, das durch ein Loch in seinem Bauch urinierte“, und einmal traf aus dem Jemen sogar ein asiatischer Schwarzbär ein. Von einem Panda jedoch kann man in Ägypten (wie im Rest der arabischen Welt) auch heute noch nur träumen. 2018 war die Not im Kairoer Zoo gar so groß, dass man entsprechend angemalte Esel als Zebras präsentierte – und sich international blamierte, als der Schwindel rasch aufflog. Ähnliches wurde wohlgemerkt auch aus chinesischen Zoos bekannt: In Luohe etwa wurde den Besuchern 2013 eine Tibetanische Dogge als afrikanischer Löwe verkauft.

SH

MdM September 2019

 

Es gibt militärische Auseinandersetzungen, die stellen sich (in aller Regel erst) im Rückblick – mit genügend zeitlichem Abstand – als Entscheidungsschlachten von historischer Tragweite heraus. Eine solche Auseinandersetzung mit Bedeutung für die Geschichte des Nahen Ostens ereignete sich am 3. September 1260 und ging für Ägypten – anders als die berühmte Schlacht bei Actium am 2. September 31 v. Chr. – glücklich aus: Die drohende Einverleibung des Nillandes sowie seiner levantinischen Einflussgebiete in ein aggressiv expandierendes Weltreich wurde damals erfolgreich abgewehrt. Gemeint ist das Weltreich der Mongolen, dessen berüchtigter Gründer Dschingis Khan im September 1219 (also vor 800 Jahren) mit seinen Heerscharen in Richtung Westen aufgebrochen war, um das iranisch-zentralasiatische Großreich der muslimischen Ḫvārazmšāhs zu zerschlagen. Nicht nur dieses Ziel wurde – unter Zerstörung blühender Metropolen und verbunden mit Millionen von Todesopfern – schnell erreicht: Während Dschingis Khans Herrschaft und der seiner ersten Nachfolger unterwarfen die Mongolen u. a. auch das Kaukasusgebiet sowie Anatolien, drangen (1241 ein deutsch-polnisches Ritterheer besiegend) bis nach Europa vor, nahmen die „Assassinen“-Zentrale Alamūt ein (1256) und vernichteten sogar das ʿAbbāsiden-Kalifat von Bagdad (1258). Der Eroberer des Iraks war dabei ein Enkel Dschingis Khans namens Hülegü, welcher seinen großen Westfeldzug im Auftrag des Reichsoberhaupts Möngke unternahm. Über Nordmesopotamien erreichte dieser Feldzug 1260 auch Syrien, wo damals diverse Fürstentümer der Ayyūbiden bestanden – unfähig, der aufziehenden Gefahr in einer breiten Koalition entgegenzutreten. In Ägypten waren die Ayyūbiden derweil (um 1250) von ihren türkischen Militärsklaven gestürzt worden – den Mamlūken, bei denen die Herrschaft fortan lag und deren dritter Sultan Qutuz 1259 durch einen Staatsstreich auf den Thron gelangte. Er war es, an den Hülegü alsbald eine Aufforderung zur Unterwerfung übermitteln ließ und der ebendiese Aufforderung mit der Enthauptung ihrer Überbringer unmissverständlich beantwortete.

Unterstützt von seinen christlichen Vasallen (z. B. Antiochia und Kleinarmenien) nahm Hülegü, der Gründer des Ilḫanats, Anfang 1260 zunächst gewaltsam Aleppo ein. Seine Hauptstadt Damaskus schutzlos zurücklassend zog sich der oberste Ayyūbiden-König an-Nāṣir Yūsuf daraufhin unentschlossen nach Südpalästina zurück, während der seit 1244 regierende Ayyūbiden-Fürst von Ḥamāh, al-Manṣūr Muḥammad, ganz bis nach Ägypten floh. Die Ayyūbiden-Herrscher von Ḥimṣ, Bāniyās und Kerak wiederum unterwarfen sich den Mongolen, welche eine Stadt nach der anderen unter ihre Kontrolle brachten, Ḥamāh ebenso wie Damaskus (Karte). Dies dokumentieren auch Münzen. So trugen etwa die Dirhams aus Ḥamāh – das jetzt einem Gouverneur Hülegüs namens Ḫusrau-Šāh unterstellt war – im Frühjahr 1260 (658 H.) nicht länger den Namen an-Nāṣir Yūsufs, sondern stattdessen die Inschrift „der Großḫan Möngke und sein Bruder, der vom Glück begünstigte Eroberer des Weltkreises Hülegü, möge beider Majestät anwachsen!“ (s. SNAT, Bd. IVc, Nr. 148 ff.). Nun war Möngke allerdings schon 1259 in China verstorben. Als die Nachricht hiervon in Aleppo eintraf, war dies wohl der Grund dafür, dass sich Hülegü – um besser auf innermongolische Machtkämpfe reagieren zu können – mit seinem Hauptheer wieder nach Aserbaidschan begab; angeblich spielte auch ein Mangel an Weideland eine Rolle. Jedenfalls ließ er bei seinem Abzug aus Syrien noch mindestens 10 000 Mann (ein tümen) unter dem Oberkommando seines bewährten nestorianischen Generals Kitbuġa zurück, welcher die Eroberungen vollenden sollte.

Nach seinem Einzug in Damaskus hatte Kitbuġa zunächst Baalbek eingenommen und war dann gemeinsam mit seinen Verbündeten (darunter die Georgier) nach Palästina vorgedrungen. Als er nun von Osten her den Jordan überquerte, war Sultan Qutuz mit dem Heer der Mamlūken bereits von Kairo bis auf das Territorium dessen gezogen, was vom Kreuzfahrer-Königreich Jerusalem damals noch übrig war: Er lagerte vor Akko(n), dessen fränkische Herren sich angesichts des Mongolensturms neutral verhielten. Im Folgenden – es war der 25. Ramaḍān/3. September – trafen die beiden etwa gleich starken Armeen der Mamlūken und Mongolen bei der sog. Goliathsquelle, auf Arabisch: ʿAin Ǧālūt (Hebräisch: ʿEn Ḥarod), aufeinander, und zwar so, wie es Qutuz und sein ortskundiger General Baibars wollten: In Unkenntnis der gegnerischen Stärke gerieten Kitbuġa und seine Krieger in einen Hinterhalt – und wurden vernichtend geschlagen, zum ersten Mal überhaupt! Der mongolische Vormarsch war damit gestoppt.

Die inzwischen 12. FINT-Münze des Monats, ein Dirham aus Ḥamāh, ist ein Produkt dieses richtungsweisenden Sieges der Mamlūken bei ʿAin Ǧālūt; sie steht für die politische Neuordnung Syriens durch Qutuz in jenem Herbst 1260. An der Seite des Sultans war nämlich u. a. der Ayyūbide al-Manṣūr Muḥammad mit in die Schlacht gezogen und wurde dafür nun belohnt, indem er Ḥamāh zurückbekam und die wichtige Stadt, ergänzt durch weitere Besitzungen, fortan als Vasall der Mamlūken regieren durfte. Das Gleiche gilt für die Herren von Ḥimṣ und Kerak – von denen ersterer noch in letzter Minute zu Qutuz übergelaufen war –, wohingegen jene Ayyūbiden, die für Kitbuġa gekämpft hatten, zusammen mit diesem hingerichtet wurden. Auch an-Nāṣir Yūsuf verlor damals sein Leben, allerdings auf Befehl Hülegüs in Aserbaidschan, wohin er nach seiner Aufgreifung geschickt worden war. Während in Damaskus wie in Aleppo nun Emir-Gouverneure des Mamlūkensultans eingesetzt wurden, sollte also der Dynastiezweig, dem al-Manṣūr Muḥammad entstammte, als eine von drei syrischen Ayyūbiden-Linien Bestand haben. Begründet worden war die Linie von Ḥamāh einst im Sept./Okt. 1178, als Saladin einen seiner Neffen (Muḥammads Urgroßvater) mit der bis zu ihrer Eroberung 1174 zangidisch beherrschten Stadt belehnt hatte. Das Recht der Namensnennung auf den in Ḥamāh geprägten Edelmetallmünzen blieb jedoch dem jeweiligen Oberhaupt des Ayyūbidenreiches vorbehalten, weshalb vor der mongolischen Besetzung auch nur an-Nāṣir Yūsuf aufgeführt war (s. o.), und nicht auch al-Manṣūr Muḥammad. Dies änderte sich nun im Anschluss an die Schlacht von ʿAin Ǧālūt, wie unsere Münze des Monats offenbart – im Avers-Feld steht: al-Malik al-Manṣūr / Nāṣir ad-Dunyā / wa-d-Dīn Muḥammad; am Rand noch Spuren der šahāda. Mit der Gewährung des sikka-Rechts wurde das Fürstentum von Ḥamāh also aufgewertet, auch wenn es nicht etwa unabhängig wurde, wie die Rückseite des 2,16 g schweren Dirhams dokumentiert. In einem ebenfalls quadratischen Feld ist darauf al-Malik al-Muẓaffar / Saif ad-Dunyā / wa-d-Dīn Qutuz zu lesen. Wer entgegen der Tradition wohlgemerkt nicht genannt wird, ist der Kalif – die ʿAbbāsiden waren in Bagdad ja zwei Jahre zuvor von Hülegü beseitigt worden! Bemerkenswert ist zudem, dass al-Manṣūr Muḥammad bislang eigentlich den Ehrennamen Saif ad-Dunyā wa-d-Dīn („Schwert der Welt und der Religion“) geführt hatte. Da so aber auch Qutuz hieß, musste der Klarheit wegen offenbar eine Anpassung erfolgen und Muḥammad wurde von seinem neuen, mamlūkischen Oberherrn in Nāṣir ad-Dunyā wa-d-Dīn („Helfer der Welt und Religion“) umbenannt.

Die Angabe, dass die Silbermünze noch 658 H. – im Herbst 1260 – zu Ḥamāh geschlagen wurde, ist auf unserem Exemplar (Revers-Ränder) zwar so gut wie nicht mehr erhalten, doch ergibt sich das Prägejahr aus dem Fortgang der Ereignisse. Denn nach nur einem Jahr als Herrscher und keine zwei Monate nach seinem Sieg wurde Qutuz auf dem Rückweg nach Ägypten ermordet, und zwar von Baibars, der sich bei der Postenverteilung in Syrien offenbar übergangen gefühlt hatte und wenig später als vierter Mamlūken-Sultan den Thron bestieg. Al-Malik al-Manṣūr Muḥammad regierte noch bis 1284, seine Nachfolger – darunter der Historio- und Geograph Abū l-Fidāʾ – sogar noch bis ca. 1340. Allerdings wurde den Ayyūbiden von Ḥamāh das sikka-Recht noch unter Baibars wieder entzogen, nachdem dieser auf den Dirhams zunächst Qutuz’ Platz eingenommen hatte (s. SNAT, Bd. IVc, Nr. 157). Für Baibars und seine Nachfolger bedeutete der Sieg bei ʿAin Ǧālūt einen großen Prestigegewinn. Die Mamlūken konnten sich als „Verteidiger des Islams“ legitimieren und ihre junge Herrschaft nicht nur festigen, sondern auch ausdehnen. Zwar versuchten Hülegü und seine Nachfolger noch ein paar Mal, nach Syrien überzugreifen, doch blieben diese Feldzüge ohne dauerhaften Erfolg und der Euphrat die Grenze zwischen dem ilḫanischen und dem mamlūkischen Machtbereich (Karte). Als etwa Aleppo noch Ende 1260 abermals von den Mongolen okkupiert wurde, taten sich al-Manṣūr Muḥammad und der Ayyūbide von Ḥimṣ zusammen und stellten sich den Eindringlingen erfolgreich entgegen – die Entscheidungsschlacht an der Goliathsquelle hatte ja gezeigt, dass die Mongolen doch nicht unbesiegbar und ihre Expansion doch nicht unaufhaltbar war.

SH

MdM August 2019

At the beginning of August, the FINT hosts a visitor who has been using our collection of Islamic coins for his research regularly since the late 1990s: Thomas Alexander Sinclair. Until his retirement in 2017, he was Associate Professor in the Department of Turkish and Middle Eastern Studies of the University of Cyprus. Mainly interested in the Turkish history of Armenia and Anatolia, he has chosen a coin from that very region in order to present and explain it here as our second MdM guest contribution.

 

This month’s coin is a double dirham (weight 1.54 g.) minted in the name of ʿAlāʾ al-Dīn ʿAlī (767–82/1365–80), grandson of Eretna, a Mongol officer who took over the Il-Khanid-administered territories in Asia Minor and Armenia. Eretna (ruled 736–53/1335–52) controlled, among other places, Sivas and Kayseri, Erzincan, Erzurum and Bayburt and territories further south towards the Taurus mountains (map). Eretna was succeeded by his son Muḥammad (756–67/1355–65), who in turn was succeeded by ʿAlāʾ al-Dīn ʿAlī (767–82/1365–80). Meanwhile, however, Erzincan, Erzurum and Bayburt had been seized by a local figure, the Akhī Ayna, c. 749/1348. Ayna was succeeded by Pīr Ḥusayn c. 763/1361. Ultimately the same territories fell into the hands of the better-known Mutahharten in 781/1379.

Our coin, minted at Arzinjān/Erzincan probably at the beginning of ʿAlī’s reign (somewhere in the years 767, 768, 769: see next paragraph), was therefore minted by a local amīr, presumably Pīr Ḥusayn, but in the name of ʿAlāʾ al-Dīn ʿAlī. This should perhaps be taken to mean that Pīr Ḥusayn acknowledged in some sense the overlordship of ʿAlī, but does not indicate any real control over Erzincan or over Pīr Ḥusayn on ʿAlī’s part.

Our coin bears a fake date, 728 – fake because it falls well before ʿAlī’s reign. To judge by the real dates of the coins belonging to the type (called EA1 by Album) of ʿAlī’s coins – dates which are plausible precisely because they do fall within his reign – the coin was minted in 767, 768 or 769, at the beginning of ʿAlī’s reign. The type, however, was not minted at Sivas, which ʿAlī actually controlled, whereas those struck at Sivas fall after the years 767–79. The only exception is a double dirham of the year 768 struck at Sivas: it belongs to a different type, dubbed SA. On the other hand at Erzincan none of the types, chronologically posterior to EA1, which were minted at Sivas, appears at Erzincan, nor is any other type of coin struck there during the remainder of ʿAlī’s reign. The sudden cessation of minting at Erzincan is hard to interpret in the political sphere, but from an economic point of view suggests an inability or an unwillingness to strike coinage, perhaps due to a shortage of silver.

The design of obverse and reverse of type EA1’s coins (I prefer the designation EA) might be called “square and octalobe”. The design does not represent a continuation in any sense of the coins of ʿAlī’s father and immediate predecessor Muḥammad. On the latter’s obverse, taken to be the side where the Islamic profession of faith, the kalima, is inscribed, a circular “signet” is placed in the centre, from which three pointed leaves reach out to the coin’s edge. On the reverse there is no geometrical motif beyond the implied square formed by the ruler’s name, title etc.

In type EA of ʿAlī the basis of the obverse’s design is a square containing the kalima. In lobes attached to each side of the square are inscribed the names of the Rāshidūn, the four ‘rightly-guided’ caliphs who succeeded the prophet Muḥammad. On the reverse is a flower-shaped design, eight semicircles joined so as to form an octalobe. The latter contains the ruler’s title and name (written al-sulṭān al-aʿẓam / ʿAlāʾ al-Dunyā wa-’l-Dīn), and the formulaic prayer. The date is placed in the lowest (“southerly”) lobe.

Possibly the EA type throws back to two types of Abū Saʿīd, the last Il-Khan to rule over a functional and substantially united empire, as opposed to the minor figures who followed him (for a coin of one of these minor figures, see MdM März 2019). Abū Saʿīd’s type F (called the ‘plain-square’ type) was minted over the years 723–28. The defining feature of its obverse is a square containing the kalima; the names of the Rāshidūn are inscribed in lunettes attached to each of the square’s four sides. Such a design may be the basis for the obverse of our coin.  Abū Saʿīd’s type G, the so-called ‘two-octagons’ type, was minted over the years 729–34. In the obverse is an octalobe in which is inscribed the kalima and, in the lobes on the points of the compass, the names of the Rāshidūn. On the reverse is an octalobe shape formed of intersecting arcs; inside this are inscribed the Il-Khan’s title, name etc. From the design of this reverse, perhaps with limited inspiration from the obverse, may be derived the reverse of ʿAlāʾ al-Dīn ʿAlī’s type EA. The “fake” date of 728 on the latter type would then be explained by the attempt to present the coin as an Il-Khanid type; the purpose would be to persuade the trading public that Il-Khanid coins were still in circulation.

Our coin, however, is struck with a “fake countermark”; it must be observed that certain other coins minted in ῾Alī’s name in Sivas are stamped with a genuine countermark (Perk/Öztürk, no. 283, p. 355; nos. 288–89, pp. 357–58; no. 325, p. 382; no. 327, p. 383). On our coin of Erzincan the countermark is part of the die and so is “fake”. Its eye-shape is traced out in dots; within are the letters llāh. The initial alif of the word Allāh is cut in the main text, before the fake countermark. But the fake countermark is placed, as it were, over the position where the same letters would have been if there were no countermark. Such coins are dubbed EA+: the only difference with EA is precisely the fake countermark. The fake countermark appears to complement the deceit purposed by the fake date: it is meant to fool the trader into supposing that Abū Saʿīd’s coins are in circulation to a greater degree than they actually were; the fake countermark then deceives the user into thinking that the purported Abū Saʿīd issues are being validated for current circulation by the ruler of the time.

The explanation for the fake date, imitation design and “fake countermark” seems to be a shortage of silver derived from trade with Europe. In the late 7th/13th century and the first decades of the 8th/14th century the Cilician port of Ayas had sent silver, in the form of coins and ingots, up the road to Sivas and so to Erzincan and Tabriz, in exchange for precious goods of Chinese and Indian origin such as silk and spices. But after the acquisition of Ayas by the Mamlūk sultanate in 1337 that avenue of trade, and source of silver, was closed. Goods continued to travel to Europe via Trebizond, the Black Sea and the Aegean. This pattern of transport continued until the end of the century: at that time silk trading and manufacture started at Bursa, fed by an overland route through Armenia and Asia Minor. Trebizond was deprived of its international trade, and goods were once more brought through Erzincan and Sivas, though Tokat replaced Sivas after Timur’s devastation of the latter city.

 

- Stephen Album, Sylloge of Islamic Coins in the Ashmolean, vol. 9: Iran after the Mongol Invasion, Oxford 2001.

- Halûk Perk/Hüsnü Öztürk, Eretna Kadı Burhanettin ve Erzincan (Mutahharten) Emirliği Sikkeleri / Eretnid Burhanid and Emirate of Arzincan (Mutahharten) Coins, Istanbul 2008.

MdM July 2019

 

Mit der inzwischen zehnten Münze des Monats wird es Zeit für einen ersten Gastbeitrag. Dieser gebührt dem (von 1990 bis 2017) ersten FINT-Kustos Dr. Lutz Ilisch, welcher im Juli seinen Geburtstag feiert und im Folgenden ein Stück seiner Wahl vorstellt.

 

Die Münze dieses Monats ist eine frühmittelalterliche Massenprägung in Kupfer (arab. fals), welche in vielen hundert, wenn nicht sogar in die Tausende gehenden Exemplaren nachweisbar wäre. Dennoch gibt die offenbar als Wüstenspringmaus oder Pferdespringer (Allactaga euphratica?) gedachte Darstellung Rätsel auf, die bis heute keineswegs vollständig gelöst werden konnten, und der kleine Hüpfer verkörpert damit die islamische Numismatik auf geradezu ideale Weise. Der eigentliche Anlass darüber zu schreiben besteht darin, dass dieses merkwürdige Wesen dem Schreiber dieser Zeilen seit nunmehr deutlich über 50 Jahren so oft und in so vielen Exemplaren den Weg kreuzte, dass er schon mehrfach Anlass sah, sich mit ihrer Bestimmung auseinanderzusetzen, darüber zu schreiben, erneut nachzudenken und Verbesserungen zu suchen.

Zunächst einmal stellen sich bei jeder mittelalterlichen Münze die beiden Kernfragen, wo und wann sie entstanden ist, dann folgen die Fragen nach der Münzherrschaft und nach der geldgeschichtlichen Einordnung. Nur die erste dieser Fragen, die nach dem Entstehungsort, kann durch eine einfache Lesung der Aufschriften mit Ḥomṣ (kl. arab. Ḥimṣ), beantwortet werden, alles andere steht zur Diskussion. Vor allen Dingen kommen wir auch bei dem Bild der Wüstenspringmaus, mal nach rechts, mal nach links dargestellt, so wendig diese Tierchen eben sind, mit dem numismatisch-ikonographischen Werkzeugkasten von Religion und Herrschaft schwerlich zurecht.

Das seinen Rücken stark krümmende Tier zeigt lange, angewinkelte Hinterbeine und kurze Vorderbeine, an deren Enden ausgeprägte Krallen sichtbar sind. Der Kopf in geduckter Stellung mit seinen dreieckigen Ohren schaut normalerweise aufwärts. Nur bei zeitgenössischen Imitationen gibt es hier Variationen in Fressstellung. Offenbar war der Pariser Numismatiker und Opernkritiker Henri Lavoix der erste, der 1887 auf der Basis von drei solcher Kupfermünzen eine Bestimmung als gerboise (Wüstenspringmaus) vornahm, während sein Kollege Stanley Lane-Poole vermutlich ohne Kenntnis der Pariser Publikation auf der Basis nur eines Exemplars glaubte, einen Hasen zu sehen. Berlin kannte dann 1898 bereits die Varianten nach rechts und nach links und entschied sich auch für die Springmaus, woran dann seither auch kein Zweifel mehr geäußert wurde.

Infolge der schon bemerkten großen Häufigkeit dieses eigentümlichen Münztyps kann es nicht verwundern, dass seine erste Publikation bereits in die Anfänge der Orientnumismatik fiel, und zwar durch reine Abbildung ohne Beschreibung und ohne ansatzweise Bestimmung erschien eine Abbildung im Tafelwerk der großen venezianischen Antikenmünzsammlung des Honorius Arigoni im Jahr 1743 (Digitalisat, s. Scan 124). Für die nächsten hundert Jahre dürften weitere Exemplare in europäischen Sammlungen ein Schattendasein in Incertenkabinetten geführt haben, denn publiziert wurde nur das, was als bestimmbar erachtet wurde. In Waldemar von Tiesenhausens Übersicht über die kalifische Münzprägung von 1873 finden wir die Springmausmünzen nur beschrieben und eingeordnet als unbekannte umayyadische oder ʿabbāsidische Kupfermünzen, allerdings mit identifizierter Münzstätte Ḥimṣ. In den folgenden großen Materialpräsentationen der nationalen Münzkabinette in London, Paris und Berlin 1887-1898 entschieden sich die Bearbeiter übereinstimmend für eine Zuordnung in die Umayyadenzeit. Das entsprach dem bis heute verbreiteten Glauben, islamische Münzen seien vor allen Dingen bilderfrei und der Kalif ʿAbd al-Malik habe mit seiner Münzreform in den letzten Jahren des 7. Jh. in erster Linie die Bilder beseitigen wollen. Die Einführung rein schriftlicher Münzen wird heute besser verstanden als positiver Ausdruck einer Buchreligion, welcher mit Befürwortung oder Ablehnung von Bildern gar nichts zu tun hat. Für die Numismatiker des 19. Jh. schien aber klar zu sein, dass alle bildtragenden Münzen früh einzuordnen wären. Diese Haltung wurde scheinbar dadurch unterstützt, dass in der Datierung die Münzprägung nicht konsequent in eine chronologische Reihe gesetzt wurde, sondern zunächst einmal die Klassen „datierte Münzen“ und „undatierte Münzen“ gebildet wurden, wobei die undatierten nochmals unterscheidbar wurden in solche, die durch Namensnennungen datiert werden konnten, und den Rest, dem auch dieses Qualifizierungsmerkmal fehlte. Diese letzte, anonyme und undatierte Gruppe fiel dann aus der Betrachtung heraus und die Münzen erhielten ihren festen Endplatz hinter den datierten Stücken. John Walker hatte in seinem 1956 erschienenen Katalog umayyadischer Münzen des British Museum bereits die Abfolge von datiert und undatiert umgedreht, womit er der Erfahrung entsprach, dass die frühumayyadischen Kupfermünzen durchweg undatiert waren, wogegen die nachumayyadischen Prägungen häufiger datiert als undatiert erscheinen. Das blieb aber ein unhistorisches Ordnungssystem, das primär der Verwaltung, aber nicht dem Verständnis von Münzen diente. So etwas gab es auch in der kaiserlich-römischen Numismatik mit der alphabetischen Ordnung der Rückseitenaufschriften durch Henry Cohen seit 1876, welche aber schon im frühen 20. Jh. am British Museum durch eine konsequent angewendete chronologische Anordnung ersetzt worden war. Auch die Arbeiten der Wiener Schule von Pinck bis Göbl hatten den Erfolg der stringent chronologischen Ordnung aller Prägungen gezeigt. In der Münsteraner Schule von Peter Berghaus, zu der sich der Autor zählen darf, wurden diese verschiedenen Ansätze selbstverständlich gelehrt.

Aus der Betrachtung der datierten frühislamischen Kupfermünzen war eindeutig, dass alle Münztypen ihre jeweilige begrenzte Ausgabezeit hatten. Dies musste sich auch auf die undatierten Kupfermünztypen übertragen lassen, und das war der Ausgangspunkt für einen kleinen Versuch, den ich 1980 hinsichtlich der Kupfermünzprägung von Ḥimṣ wagte. Unter den Ḥimṣer Kupfermünzen war mit Ausnahme einer von 116-118 H. andauernden Ausgabe alles undatiert. Wohin also mit dem kleinen Springtier, dem zunächst einmal ein Platz kurz nach der angeblich bildabschaffenden Reform ʿAbd al-Maliks von 77/79 H. sicher zu sein schien? Als wichtigstes Hilfsmittel der chronologischen Ordnung boten sich die gelegentlich vorkommenden Überprägungen an, welche in jedem Fall eine relativ-chronologische Aussage machten, indem der überprägte Münztyp entweder älter oder gleichzeitig, keinesfalls aber jünger als der zur Überprägung verwendete Münztyp sein konnte. Ich hatte miterleben dürfen, wie Simon Bendall in London die byzantinische Kupfermünzprägung Constans II. oder der Palaiologenzeit auf der Basis der Beobachtungen von Überprägungen neu ordnen konnte. Es zeigte sich, dass die Ausgabe 116-118 H. etwa in die Mitte der Ḥimṣer Kupfermünzreihe zu setzen war mit schwereren Stücken zu Beginn und leichteren Stücken nach der trennenden datierten Ausgabe (Münze des Monats: 3,09 g). Die leichteren Stücke, die mir in großer Zahl vorlagen, zeigten sehr häufig Überprägungen, jedoch nie solche auf den Springmaustyp. Auf der anderen Seite kam der Springmaustyp etwas seltener als Überprägung auf ältere Münztypen vor, die ich jedoch nicht genau zuordnen konnte. Daraus ergab sich fast zwangsläufig eine späte Datierung, bei der sich allerdings durch die Macht der Gewohnheit eine Denkblockade über das Ende der Umayyadenzeit hinaus auswirkte. Ich schlug also als absolutchronologischen Ansatz das Jahr 132 H./750 AD vor, in dem die Umayyadenherrschaft in Syrien von den ʿAbbāsiden abgelöst wurde (s. MdM Jan. 2018). Dieser Übergang der Herrscherfamilie wurde vielfach in der Geschichte, vor allem aber in der Kunstgeschichte als Katastrophe für Syrien angesprochen, zumal ein tatsächlich katastrophales Erdbeben im Vorjahr 749 zahlreiche Städte in der Dekapolis im Grenzbereich zwischen Palästina und dem Jordangebiet vollkommen zerstört hatte. Numismatiker erwarteten einen schlagartigen Wandel von der etwas wurstig-behäbig wirkenden Schrift umayyadischer Kupfermünzen in den syrischen Landen, welcher der feineren und kantigeren Ausformung der Kūfī-Schrift des islamischen Ostens Platz gemacht hätte. Mit Hinblick auf die jüngere deutsche Münzgeschichte hätte man eigentlich wissen können, dass es 1945 keinen Typenwechsel beim Kleingeld gab und lediglich das Hakenkreuz unter dem Adler verschwand, wogegen die charakteristische Schrift, Bildaufbau und Prägetechnik noch zwei Jahre unverändert blieben. Dass die dahinter stehende Gesellschaft und Staatsstrukturen sich vor allem im Westen weitaus langsamer veränderten, muss hier nicht kommentiert werden. Heute wissen wir, dass sich im Nahen Osten der „ʿabbāsidische Stil“ erst über die 140er und 150er Jahre hinweg in Ägypten und Syrien durchsetzen konnte, dass es also ähnlich wie im Nachkriegsdeutschland eines Generationswechsels bedurfte, um Veränderungen sichtbar werden zu lassen. Für die absolute Datierung der monetären Springmaus ist also Zeit gewonnen. Schon in den 1980er Jahren konnte ich auf neu auftauchenden Ḥimṣer Überprägungen Untertypen identifizieren, welche mir 1980 noch unbekannt waren, nämlich einen Aleppiner Kupfermünztyp, der 133-135 H. geprägt wurde. Eine solche Überprägung zeigt sich auch deutlich auf der Münze des Monats, und zwar auf der Vorderseite rechts oben sowie auf der Rückseite im unteren Bereich. Die Springmaus hüpfte damit über die Zeitenwende 750 von den Umayyaden zu den ʿAbbāsiden, was dann vollkommen unbemerkt in meinem Fundkatalog der Grabungsmünzen von ar-Ruṣāfa im syrischen Euphratgebiet 1995 veröffentlicht wurde. Weitere Münzen tauchten während der 1990er Jahre im Handel auf oder wurden 2004 von dem jordanischen Numismatiker Nayib Qoussouss veröffentlicht, die dann zeigten, dass es andere und zuvor unbekannte frühʿabbāsidische Münztypen aus Ḥimṣ gab, welche den Anspruch erheben konnten, die frühesten ʿabbāsidischen Münzen aus Ḥimṣ zu sein, da sie den Namen des ʿabbāsidischen Eroberers von Syrien ʿAbdallāh ibn ʿAlī zusammen mit lokalen, nicht identifizierbaren Beamten tragen. Auch diese wurden in ihrer jordanischen Erstpublikation als umayyadisch identifiziert, was ich dann 2016 im Rahmen einer grundsätzlichen Diskussion der numismatischen Trennung von Umayyaden und ʿAbbāsiden erörtern konnte.

Eine Änderung der Ausgabeweise von regionalem Kupfergeld, das mit dem Wechsel von der umayyadischen zur ʿabbāsidischen Herrschaft einhergeht, betrifft das Nebeneinander von offiziellen Kupfermünzen und von nachfolgenden Imitationen, die oft geprägt, noch häufiger aber gegossen wurden. Dies ist ein in der Münzgeschichte wiederkehrendes Moment, welches in der Britannia, Gallia und dem Rheinland im 3. Jh. feststellbar ist, dann im 4. Jh. in Ägypten, im 6. in Palästina, im 7. im ganzen Nahen Osten konstatiert werden kann. Der Spezialist für zeitgenössisches Fälscherwesen im römischen Reich, Markus Peter, hat dieses Phänomen mit dem treffenden Begriff der pandemischen Fälschungen bezeichnet. Die Bedingungen, Rechtsstellung und ökonomische Auswirkungen sind bis heute allerdings kaum verstanden. Unsere Springmaus erlebte infolge dieser Erscheinung eine erstaunliche Ausbreitung, indem die Vorder- und Rückseiten dieses Typs als Nachguss gerne mit Münzen anderer Herkunft von Ägypten bis nach Mosul kombiniert wurden. Nicht anders als bei den geprägten Nachahmungen könnte hier die Herkunft nur über den Fund von Produktionswerkzeug ermittelt werden. Das ist aber bislang nicht zutage getreten, sodass die Herkunft unklar bleibt. Diese Nachahmungen sind aber nicht weniger häufig zu finden als die Vorbilder, sodass die Möglichkeit besteht, die Imitationen als Teil eines Systems zu verstehen, welches von staatlicher Seite toleriert oder lizensiert wurde. Die Regelmäßigkeit, mit der den offiziellen Ausgaben immer kleiner werdende Imitationen folgen, weist ihnen einen Platz im Währungssystem zu, vielleicht als in der Nähe des Kupferwertes gehandeltes Kleingeld nach Ablauf bestimmter Fristen, wie wir das aus der spätmittelalterlichen Mamlūkenzeit in Syrien detailliert kennen.

Was bedeutet nun die Springmaus auf den Münzen? Hierzu ist der Kontext mit den Aufschriften zu betrachten. Sie ist umgeben von einer Umschrift, welche die Herkunft aus Ḥimṣ bezeichnet: „Im Namen Gottes wurde dieser fals in Ḥimṣ geprägt“. Unter den vielen Varianten gibt es einen Stempel, welcher den Namen Hims durch das in den ersten beiden Buchstaben identische Zahlwort ḫamsīn („fünfzig“) ersetzt. Dabei ist nicht ganz auszuschließen, dass dies als Andeutung einer Jahreszahl 150 H. zu verstehen ist. Da aber auch andere Deutungen im Sinne einer Wertfeststellung zu 1/50 Dirham denkbar wären, bleibt dieser Hinweis eines der vielen Rätsel, die sich mit dieser Ausgabe verbinden. Weniger rätselhaft ist die rückseitige Nennung eines Prägeherrn, bi-amr / Marwān ibn / Bašīr („auf Befehl des …“), welche insbesondere bei den vergröbernden Imitationen oft den Vatersnamen zu Bišr werden lässt. Der Personenname wie auch der des Vaters gehören zu den bevorzugten Namen der Umayyadenfamilie und ihres Klientelumfeldes. Hieraus lässt sich aber nicht auf eine umayyadenzeitliche Entstehung schließen, sondern nur auf eine umayyadenzeitliche Geburt, die bei Beamten der frühen ʿAbbāsidenzeit geradezu selbstverständlich ist. In der Tat lässt sich die Person sogar identifizieren mit einem literarisch erwähnten Marwān ibn Bašīr ibn Abī Sāra, der als Klient des Umayyadenkalifen al-Walīd II. (125-126 H.) in die Geschichte eingegangen ist. Um das Feld zieht sich eine religiöse Umschrift, die an mehreren Stellen des Koran zu finden ist, und welche die besondere religiöse Bedeutung des Propheten Muḥammad erklärt. Dieser Text gehört zu den bevorzugten Münzaufschriften der ʿabbāsidischen Revolution und der ʿAbbāsidenzeit, weil er die ʿabbāsidische Herrschaftsbegründung durch die Zugehörigkeit zur Prophetenfamilie unterstützt. Der Text ist allerdings auch schon in der umayyadischen Gold- und Silbermünzgestaltung verwendet worden, wenngleich selten auf den Kupfermünzen. Wir sehen also neben der Wüstenspringmaus die Münzhoheit und die Herrschaftsbegründung in der Typengestaltung. Ist die Maus nun eine Zutat, welche allein der Typenunterscheidung eines neu eingeführten und zunächst dekretierten hohen Wertes dient, so wie das offenbar bei Tierdarstellungen in der iranischen Welt seit der Mongolenzeit bis in das 19. Jh. hinein der Fall war? Das ist für die frühislamischen Tierdarstellungen nicht gesichert, zumal eine Bevorzugung von Löwen und Adlern auf die Herrschaftssymbolik verweist. Die Wüstenspringmaus, arab. yarbūʿ, weckt jedoch noch eine andere Assoziation, nämlich die an den beduinischen Unterstamm der Banū Yarbūʿ, welche über den Spross Ḥanẓala der Stammesfamilie der Tamīm zugehörig war. Unter den nordsyrischen und nordmesopotamischen Beduinen waren Tiernamen für die eigene Namensgebung beliebt und sie blieben das auch nach der Islamisierung. Insofern kann es als wahrscheinlich gelten, dass ein Springmausbild in Syrien in den 140er Jahren die Assoziation an die Banū Yarbūʿ wecken sollte. Auf welche Person oder ob eine Identifikation überhaupt möglich sein wird, ist gegenwärtig noch nicht geklärt. Dies kann nämlich durchaus neben Marwān ibn Bašīr eine zweite Person gewesen sein, da ʿabbāsidische Kupfermünzen der Mitte des 2. Jh. H. häufig zwei Beamtennamen tragen: den eines lokalen Gouverneurs, der zumeist identifizierbar ist, und daneben den eines Beamten, der offenbar in der Regel für die Finanzverwaltung zuständig war. Für diese nachrangigen Beamten gibt es im Raum Syrien anders als in Ägypten zumeist keine Identifizierungsmöglichkeit da die literarische Quellenlage weniger gut ist. So bleiben in der islamischen Numismatik Rätsel je weiter wir in der Bestimmung kommen – glücklicherweise!

MdM June 2019

 

Der 1. Juni ist der Internationale Kindertag und auch sonst fallen in diesen Monat verschiedene Aktionstage, deren Anliegen das Kindeswohl ist (4.6.: Internationaler Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern geworden sind; 10.6.: Kindersicherheitstag; 12.6.: Welttag gegen Kinderarbeit). Das erste Land, welches einen Kindertag einführte, war übrigens nicht etwa ein westlicher Staat, sondern 1920 die Türkei. Die FINT-Münze des Monats stammt allerdings aus einem viel weiter entfernten, tropischen Teil der islamischen Welt: aus Zentralindien. Sie wurde unter einem Herrscher geprägt, welcher schon als Kind auf den Thron kam, was in der islamischen (wie in der europäischen) Geschichte an sich keine große Seltenheit ist (s. etwa MdM April 2019); denn worauf es ankam, war die Legitimation, die grundsätzliche Bestimmung zur Herrschaft, für die das Alter keine Rolle spielte. Auf dem Dekkan gab es jedoch ein Sultanat, an dessen Spitze nicht ausnahmsweise, sondern gleich mehrfach hintereinander Minderjährige rückten – das 1347 begründeten Sultanat der Bahmaniden-Dynastie.

Auf beiden Seiten der Münze (ex Sammlung Hans Herrli) finden sich ausschließlich Titel und Namen(sbestandteile), wobei auf der Rückseite mittig (2. Zeile) gut lesbar und weitgehend punktiert „Sohn des Humāyūn-Šāh“ steht. Dieser Humāyūn, der Vater des Münzherrn, war der 11. Bahmanī-Herrscher und ist als besonders grausam in die Geschichte eingegangen, womöglich aber zu Unrecht. Als er 1461 starb, folgte ihm planmäßig sein Sohn Aḥmad-Šāh (III.) auf den Thron, welcher allerdings erst acht Jahre alt war, sodass die Regierungsgeschäfte in seinem Namen von einem Rat aus drei Personen geführt wurden. Dies waren – ebenfalls gemäß Humāyūns Willen – die beiden obersten Würdenträger mit den Titeln vāǧa-yi ǧahān bzw. malik at-tuǧǧār („König der Händler“) und die verwitwete Sultansmutter maḫdūma-yi ǧahān Nargis-Begam, mit der sich besagte Herren allmorgendlich berieten und welche sodann den kleinen Aḥmad aus ihren Gemächern in den Audienzsaal zu schicken pflegte.

Ähnlich charakteristisch wie eine Vormundschaftsregierung ist, dass ein Kindkönig im Ausland als politische Schwäche gesehen wurde und damit als günstige Gelegenheit für eine militärische Intervention. Nachdem Aḥmad zum Sultan gekrönt worden war, fielen sogar gleich mehrere Nachbarmächte wiederholt ins Bahmanī-Territorium ein, v. a. der Gajapati-König von Orissa (im Osten) und der Sultan von Mālwā (im Norden). Alle Eroberungsversuche konnten letztlich aber abgewehrt werden, auch dank einem Bündnis mit dem Sultan von Gujarat. Für Aḥmad hatten diese Auseinandersetzungen wohlgemerkt bedeutet, dass er trotz seines Alters mit ins blutige Schlachtgetümmel genommen wurde, und auch sonst lassen die Chroniken oft erahnen, was minderjährigen Herrschern ganz selbstverständlich zugemutet wurde und wie traumatisierend frühe Gewalt- und Verlusterfahrungen für diese Kinder waren. Manchmal wird hiervon sogar ganz explizit berichtet.

Unter den Bahmaniden war es ferner üblich, Prinzen schon sehr zeitig zu verheiraten. Auch für den achtjährigen Aḥmad hatte seine Mutter bereits eine Braut gefunden, doch war es 1463 ausgerechnet die Hochzeitsnacht, in der den jungen Sultan plötzlich der Tod ereilte. Auf den Thron folgte ihm sein jüngerer Bruder Abū l-Muẓaffar Muḥammad (III.), welcher damals neun Jahre alt war. Er ist es, von dem die Münze des Monats stammt; in der Zeile oberhalb der Filiationsabgabe ist dementsprechend Muḥammad-Šāh zu lesen. Die 3. Rev.-Zeile enthält (neben einem Ornament) noch den Sultanstitel über einer Linie, unter der sich in diesem Fall nur noch minimale Spuren eines in (arabisch-indischen) Ziffern angegebenen Prägejahres erhalten haben (wohl 870er H.). Als Prägeort darf sicher die rund 40 Jahre zuvor von Gulbargā (Aḥsanābād) nach Bīdar (Muḥammadābād) verlegte Bahmanī-Kapitale angenommen werden. Auf der Vorderseite findet sich oben ein Ehrenname, bei dem man eigentlich sofort an einen Kalifen denkt: al-Muʿtaṣim / bi-llāh – „der bei Gott Zuflucht Suchende“. Der damals amtierende ʿAbbāside im Kairo hieß jedoch anders und so gehört jener Name offenbar ebenso dem 13. Bahmaniden-Herrscher wie der in Zeile 3 und 4 folgende: [Š]ams ad-Duny[ā] / [wa]-d-Dīn – „Sonne der Welt und der Religion“. (Man beachte wieder die Setzung diverser orthographischer Hilfszeichen.)

Das Kupfer-Stück ist bei einem Durchmesser von ca. 2 cm typischerweise sehr dick – etwa einen halben Zentimeter – und dementsprechend schwer: 16,3 g. Die Bezeichnung einer solchen Münze lautete gānī. Neben vollen gānīs wurden unter Muḥammad III. auch ⅔-, ½-, ⅓-, ⅙- und 1/12-gānī-Stücke geprägt sowie große Gold- und Silbermünzen (tankas). Wie Schatzfunde zeigen, kursierten auf dem gesamten Bahmanī-Territorium zudem die gewohnt kleinen und damit praktischeren Goldmünzen des südlichen, hinduistischen Nachbarn Vijayanagar und als Handelsmünze spielte bald auch der silberne lārī eine wichtige Rolle.

In Anbetracht von Muḥammads Alter blieb es anfangs bei besagtem Dreierrat, bis die darin tonangebende Sultansmutter beschloss, den vāǧa-yi ǧahān Malik-Šāh Turk zu beseitigen. Hierzu benutzte sie ihren minderjährigen Sohn, indem sie ihn während einer Audienz durch ein Zeichen die sofortige Tötung des vāǧa-yi ǧahān befehlen ließ. Malik-Šāh wurde daraufhin vor den Augen des Sultans niedergestochen; seinen Titel erhielt der bisherige malik at-tuǧǧār Maḥmūd Gāvān – ein hochgebildeter, kultivierter und in der ganzen islamischen Welt vernetzter Großkaufmann und Literat aus Gīlān, welcher den Bahmaniden bereits seit Humāyūn als Wesir diente (und u. a. für das dauerhafte Bündnis mit Gujarat verantwortlich war). Dank seiner herausragenden Qualitäten als Staatsmann und Feldherr erlebte das Sultanat nun sowohl eine kulturelle Blütezeit als auch seine maximale Ausdehnung. Im Westen wurde an der Konkan-Küste u. a. Goa erobert (das zuvor zu Vijayanagar gehört hatte) und im Osten (gegen Orissa) bis an den Golf von Bengalen (Krishna-Delta) expandiert, womit die stark vom Fernhandel profitierende Bahmanī-Herrschaft von Meer zu Meer reichte.

Der fähige Wesir ging in der Folge eine radikale Verwaltungsreform an, nach der jede der bislang vier (mittlerweile zu groß gewordenen) Provinzen in zwei neue Provinzen geteilt und die Macht der Zentralregierung in Bīdar (auf Kosten jener der Gouverneure) gestärkt werden sollte. Gleichzeitig war der Iraner Maḥmūd Gāvān um eine Balance zwischen der eingesessenen dekkanischen Elite einerseits und der Gruppe der (wie er selbst) erst neu ins Land gekommenen und teilweise (auch von ihm selbst) gezielt angeworbenen iranischen, türkischen oder arabischen „Fachkräfte“ andererseits bemüht. Die Spannungen zwischen diesen beiden rivalisierenden Fraktionen nahmen jedoch weiter zu und da auch die Reformen des übermächtigen Wesirs bei Manchen Unmut erzeugten, kam es 1481 schließlich so weit, dass einige der Fremdenhasser dem Sultan einen gefälschten Brief zeigten, aus welchem eine Verschwörung Maḥmūd Gāvāns mit dem König von Orissa hervorging. Nun war Muḥammad damals – wie so oft – betrunken und so lag es wohl hieran, dass er den übersiebzigjährigen vāǧa-yi ǧahān ohne eine Prüfung der Anschuldigungen umgehend hinrichten ließ – was er schnell bitter bereute; er selbst starb (alkoholbedingt) nur exakt ein (Mond-)Jahr später. Nach Maḥmūd Gāvān hielt den Staat niemand mehr zusammen und die Bahmanī-Herrschaft verfiel zusehends, bis aus ihr um 1500 schließlich fünf unabhängige Sultanate hervorgingen.

Muḥammad III. wurde als Sultan 1482 von seinem Sohn Maḥmūd beerbt. Dieser war damals 12 Jahre alt, weshalb man ihn bei seiner Krönung an beiden Armen auf den für ihn noch zu hohen Türkis-Thron der Bahmaniden hob. Wieder regierte zunächst ein Rat, dem die Sultansmutter vorstand, und wieder wurde der Junge instrumentalisiert, etwa als ihn der Anführer der Dekkaner-Fraktion ein Massaker an tausenden Türken anordnen ließ. Maḥmūd-Šāh blieb auch als Erwachsener eine Marionette rivalisierender Würdenträger, hinsichtlich deren Dominanz schon sein Vater während der Regelung der Thronfolge häufig gesagt hatte: „Wenn sie nicht einmal mir gehorchen, der ich viele Jahre lang ruhmreich geherrscht und mit meinem Schwert Nationen unterworfen habe, wie sollten sie sich da einem Kind fügen?“

SH

MdM May 2019

 

Am ersten Mai-Wochenende richtet die FINT traditionell das Tübinger Treffen der Oriental Numismatic Society (ONS) aus, eine internationale Wochenendtagung zur islamischen Münzkunde mit Vorträgen von Wissenschaftlern und Sammlern diverser Spezialisierungen. In diesem Jahr wird einer der Beiträge die hochinteressante Münzprägung der Qarmaṭen zum Thema haben. Die Qarmaṭen waren eine recht radikale schiitische Sekte, welche am Ende des 9. Jahrhunderts durch eine Spaltung der Ismāʿīliten, also der Siebener-Schiiten, entstand: Einige ismāʿīlitische Gemeinden erkannten damals den (überraschend erhobenen) Anspruch des ersten Fāṭimiden-Herrschers, selbst der erwartete Mahdī, eine Art Messias und Endzeit-Führer, sowie Kalif zu sein, nicht an und hielten stattdessen am Erwarten der bevorstehenden Rückkehr des verborgenen 7. Imams (Muḥammad b. Ismāʿīl; vgl. MdM Febr. 2019) fest, dessen Nachkomme der Fāṭimide zu sein behauptete. Zu diesen „altgläubigen“, qarmaṭischen Ismāʿīliten-Gemeinden zählte auch jene von al-Baḥrain am Persischen Golf, wo der Missionar Abu Saʿīd al-Ǧannābī um das Jahr 900 dem ʿAbbāsidenkalifat die Macht entriss und ein unabhängiges Fürstentum begründete.

Mit Baḥrain ist hier wohlgemerkt nicht (nur) das Gebiet des heutigen Inselkönigreichs gemeint, sondern die deutlich größere historische Küstenprovinz, welche u. a. auch Qaṭar sowie Teile des östlichen Saudi-Arabien umfasste. So entspricht das moderne al-Hofūf (in Saudi-Arabien) der qarmaṭischen Oasen-Hauptstadt al-Aḥsāʾ. Von hier aus beherrschten Abū Saʿīds Nachkommen im 10. Jh. zeitweise fast die gesamte Arabische Halbinsel (Karte) und unternahmen häufig Überfälle auf Städte wie Kūfa und Baṣra, die Küste von Fārs oder die jährlichen Ḥaǧǧ-Pilgerkarawanen nach und von Mekka. Im Jahre 930, unter Abū Saʿīds Sohn Abū Ṭāhir Sulaimān al-Ǧannābī, raubten sie bei einem Angriff auf die heiligste Stadt des Islams sogar den Schwarzen Stein (ein Meteorit?) der Kaʿba und behielten ihn für zwei Jahrzehnte in al-Aḥsāʾ. Kurz darauf offenbarte sich ihnen dann der erwartete Mahdī, wodurch sie die Endzeit und damit die Aufhebung der Gesetzesreligion für gekommen hielten. Der junge Perser, an den Abū Ṭāhir folgerichtig die Herrschaft übergab, entpuppte sich jedoch schnell als bedrohliche Enttäuschung, weshalb man ihn beseitigte und etwas demoralisiert wieder zu alten Glaubensvorstellungen zurückkehrte.

In Syrien und Palästina stießen die Baḥrain-Qarmaṭen mit ihrer Schwestersekte, den Fāṭimiden, zusammen, deren Westexpansion mit der Eroberung Ägyptens 969 noch nicht beendet war. Diese Bedrohung hatte eine pragmatische Allianz normalerweise gegnerischer Mächte zur Folge, die auf unserer Münze des Monats dadurch zum Ausdruck kommt, dass die extremschiitischen Qarmaṭen ihren eigentlichen Erzfeind, den sunnitischen Kalifen von Bagdad, nominell anerkennen. Die Nennung des (zu dieser Zeit būyidisch kontrollierten) ʿAbbāsiden findet sich in der vorletzten Revers-Zeile: al-Muṭīʿ li-llāh (reg. 946–974). Darüber steht: li-’llāh / Muḥammad / rasūl Allāh ṣallā / ’llāhu ʿalaihi wa-ʿalā ālihī – „für Gott; Muḥammad ist der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und seine Familie!“ (eine Eulogie). Die Erwähnung der Prophetenfamilie deutet bereits in Richtung Schiismus, doch ist es die Vorderseite des 4,15 g schweren Dinars, welche selbigen zweifelsohne als qarmaṭische Prägung kennzeichnet. Unter dem ersten Teil des Glaubensbekenntnisses (lā ilāha illā / ’llāh waḥdahū / lā šarīka lahū) ist dort as-sāda / ar-ruʾasāʾ zu lesen, was so viel wie „die Herren Oberhäupter“ bedeutet; sāda ist der Plural von sayyid. Gemeint ist damit die Führung des Ǧannābī-Fürstentums, an dessen Spitze nämlich zeitweise eine Art Gremium stand! Dieses Herrscherkollektiv war im Jahre 944 auf (den monarchisch regierenden) Abū Ṭāhir gefolgt und setzte sich aus dessen Brüdern zusammen, darunter Abū ’l-Qāsim Saʿīd und Abū ’l-ʿAbbās al-Faḍl. „Wenn es eine wichtige Entscheidung zu treffen galt, pflegten die Brüder einen gemeinsamen Ausritt zu unternehmen, von dem sie dann in Einigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens zurückkehrten“ (so der Chronist Ibn Miskawaih).

Dieser erste sāda-Rat bestand bis 361 H. (972) und aus ebendiesem Jahr stammt die Münze des Monats. Der inneren Avers-Umschrift ist zudem der (bereits im Mai 964 von den Qarmaṭen geplünderte) Prägeort Ṭabarīya zu entnehmen, Tiberias am Ufer des Sees Genezareth im nördlichen Israel. Während in Baḥrain selbst mit Blei-Münzen gezahlt wurde (auch darauf: as-sāda / ar-ruʾasāʾ), sind aus Damaskus, ar-Ramla („Filasṭīn“) und eben Ṭabarīya sowohl qarmaṭische Gold- als auch Silberprägungen bekannt. Auf den meisten Typen dieser Münzstätten und so auch in der letzten Revers-Zeile unseres Dinars ist wohlgemerkt noch ein bestimmtes Mitglied der Ǧannābī-Dynastie namentlich aufgeführt: al-Ḥasan b. Aḥmad („al-Aʿṣam“). Dieser Enkel Abū Saʿīds fungierte als eine Art Generalissimus und Vizekönig der Qarmaṭen in Syrien und Palästina, was ihn ab 970 für mehrere Jahre zum Hauptgegner des Fāṭimiden-Kalifats machte. Al-Ḥasan belagerte sogar Kairo, unterstand aber stets der zentralen Führung in Baḥrain – die er denn auch auf allen Münzen ordnungsgemäß über sich nennt. Hierbei ist 361 H. jedoch eine (meist falsch verstandene) Anpassung zu beobachten: Aus dem Plural as-sāda ar-ruʾasāʾ wird für mehrere Jahre die entsprechende Singularform as-sayyid ar-raʾīs ! Die Macht lag demnach also zwischenzeitlich wieder in den Händen eines einzelnen Qarmaṭen-Oberhauptes, bevor später, ab 366 H., erneut ein Herrschergremium regierte, welches dann dauerhaft aus sechs Mitgliedern der Ǧannābī-Dynastie bestand und ebenfalls numismatisch belegt ist. Wer genau sich nun aber hinter dem Titel as-sayyid ar-raʾīs verbirgt und warum auf manchen Münzen sogar sowohl der Singular als auch der Plural begegnet, sind zwei der vielen spannenden Fragen, welche ausführlich behandelt werden, wenn man sich diesen Monat wieder zur ONS-Konferenz in Tübingen trifft.

SH

MdM April 2019

 

Diesen Monat steht in Japan ein bemerkenswerter politischer Vorgang an, wie es ihn seit über 200 Jahren nicht mehr gab. Nachdem im Januar 2019 bereits Sultan Muḥammad V. von Kelantan als erster der bis dahin 15 Yang di-Pertuan Agong („der, der zum Herrscher gemacht wurde“) auf die (ihm 2016 zugekommene) malaysische Königswürde verzichtet hatte (Gerüchten zufolge spielte seine Heirat mit einer ehemaligen „Miss Moskau“ eine Rolle) und erst im März recht überraschend der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew (welcher eine Amtszeitbegrenzung für sich persönlich per Verfassungsänderung 2007 hatte aufheben lassen) als Staatsoberhaupt zurückgetreten war, wird nun der 125. Tenno Akihito aus Alters- und gesundheitlichen Gründen den Chrysanthementhron freiwillig für seinen ältesten Sohn Naruhito frei machen. Dieser Schritt musste dem Kaiser (dessen politische Funktion ja rein symbolischer Natur ist) allerdings erst von der japanischen Regierung erlaubt werden. Hierzu wurde im Parlament ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, bei dem es sich aber auch nur um eine Einzelfallregelung speziell für Akihito handelt. Für künftige Kaiser gilt vorerst weiterhin, dass im unverändert bestehenden „Gesetz über den kaiserlichen Haushalt“ von 1947 keine Abdankung eines Tennos vorgesehen ist.

Auch in der islamischen Geschichte sind freiwillige Abdankungen sehr selten; ein Kalif oder Sultan hielt seinen Thron im Normalfall auf Lebenszeit besetzt. Die Entwicklungen, an welche die bislang kleinste FINT-Münze des Monats (⌀ 1 cm) erinnert, sind daher ziemlich ungewöhnlich, ja teils rätselhaft, und nahmen ihren Anfang, während sich der 1421 an die Macht gelangte Osmanen-Herrscher Murād II. über lange Jahre hin wechselhafte Kämpfe mit einer Reihe anderer, christlicher Mächte Südosteuropas lieferte. Vom Papst zu einem Balkan-Kreuzzug aufgerufen, überquerten dabei 1443 der Jagiełłonen-König Władysław (Ladislaus) III. und sein transsilvanischer Woiwode Johann Hunyadi mit einem polnisch-ungarischen Heer die Donau, entrissen Sultan Murād Serbien und stießen bis ins osmanische Bulgarien vor (Eroberung Sofias). Parallel erhob sich der albanische Fürst Georg Kastriota „Skanderbeg“ und auch die (muslimischen) Qaramaniden in Zentralanatolien starteten einen Angriff auf osmanisches Territorium. Derart in der Defensive blieb Murād letztlich nichts Anderes übrig, als den Christen 1444 im Frieden von Szeged(in) einen zehnjährigen Waffenstillstand zuzusichern, dessen Einhaltung er mit Eidschwüren bekräftigte. Dasselbe soll daraufhin auch Władysław getan haben. Der Sultan musste den von ihm zuvor vertriebenen Đurađ (Georg) Branković als Despoten von Serbien anerkennen und seine Ansprüche auf dieses Gebiet fallen lassen.

Älteren Chroniken zufolge hatte Murād nun bereits an diesem Punkt das Bedürfnis, sich von der Herrschaft zurückzuziehen, und kündigte überraschend an, zugunsten seines zwölfjährigen Sohnes Muḥammad (Mehmed) abzudanken. Nach dem Tod eines älteren Bruders war dieser erst im Jahr davor zum Kronprinzen aufgestiegen und aus der Provinz an den Hof seines Vaters geholt worden. Wahrscheinlich ist, dass Sultan Murād ihn dort im Sommer 1444 allerdings doch erst einmal „nur“ zum Mitregenten und Reichsstatthalter in Rumelien erhob, ehe er selbst nach Osten aufbrach, um (vielleicht schon zur Vorbereitung einer weitergehenden Machtübergabe?) auch noch in Anatolien für Ordnung zu sorgen (s. zu alledem etwa Franz Babinger, „Von Amurath zu Amurath“ in: Oriens, Bd. III, Nr. 2, S. 229–265). Sein Vorgehen gegen die Qaramaniden hatte recht schnell Erfolg, da erreichte ihn – nur kurze Zeit nach dem Friedensschluss von Szeged – die Nachricht, dass König Władysław und Verbündete abermals in Bulgarien eingefallen waren! Hinter diesem eklatanten Vertragsbruch steckte Kardinal Giuliano Cesarini (der Ältere), welcher den jungen Jagiełłonen als päpstlicher Legat anscheinend davon überzeugt hatte, dass der Eid gegenüber einem Ungläubigen ja gar keine Gültigkeit besitze. Angesichts dieser neuerlichen, akuten Bedrohung konnte Murād nun natürlich schlecht auf einem Rückzug von der Staatsführung beharren und selbige einem Kind überlassen. Er eilte von Kleinasien zurück auf den Balkan, wo er sich mit den Kreuzzüglern nahe Warna eine denkwürdige Schlacht lieferte, in der sowohl der König von Polen und Ungarn als auch der Kardinal sein Leben verlor. Für die Osmanen endete sie mit einem großen, für die weitere Expansion in Europa entscheidenden Triumph.

Im Anschluss an diesen Sieg dankte Murād II. dann (im Alter von 39 Jahren) tatsächlich in aller Form freiwillig ab – warum, wird sich wohl nie ganz klären lassen. Muḥammad, welcher als äußerst zielstrebig und ambitioniert beschrieben wird, wurde offenbar noch Ende 1444 offiziell als neuer Sultan inthronisiert, was anderen Herrscher der islamischen Welt sogleich in feierlichen Sendschreiben verkündet wurde, und natürlich beanspruchte der neue Monarch auch das Recht, seinen Namen in die sikka zu setzen. So steht auf unserer Münze des Monats – bei der es sich um eine solche erste Prägung des Teenager-Sultans handelt – im kreisförmigen Av.-Feld (untere Zeile:) Muḥammad b. / (obere Zeile:) Murād und innerhalb des liegenden Halbmondes (!) unmittelbar darunter: ḫān ʿazza naṣruhū – „der Ḫān Muḥammad, Sohn des Murād, möge sein Sieg glorreich sein!“. Das im April 1444 beginnende Prägejahr 848 H. findet sich auf der anderen Seite der Münze in Ziffern, verteilt über die beiden Zwischenräume, welche durch die die Einfügung zweier augenförmiger Inschriftenfelder in einen Kreis entstanden: ٨۴ / ٨. Im oberen Feld ist eine weitere arabische Wunschformel zu lesen, ḫalada mulkuhū – „Möge seine Herrschaft andauern!“, im unteren die Münzstättenangabe: żarb-i Adirna. Der Prägeort ist hier also die damalige osmanische Hauptstadt, das alte Adrianopel und heutige Edirne, womit auch diese islamische Münze des Monats wieder aus Europa stammt.

Besonders interessant ist das Gewicht des kleinen Silberstücks. Nachdem so eine als akče bekannte Münze über lange Zeit stets ca. 1,18 g gewogen hatte, ließ Sultan Muḥammad das Gewicht der „Silberlinge“ 1444 erstmals reduzieren, sodass unser Exemplar nur noch 1,04 g auf die Waage bringt. Wohl auch deshalb kam es in Edirne zur ersten Janitscharen-Revolte, bei der große Teile der osmanischen Hauptstadt niederbrannten. Die aufständischen Truppen forderten vom jungen Herrscher eine Solderhöhung von 3 auf 3½ akče pro Tag, die ihnen letztlich auch gewährt wurde. Aufgewiegelt hatte die Janitscharen vermutlich der alte Großwesir Ḫalīl Paša, welcher weder ein gutes Verhältnis zu Muḥammad noch Vertrauen in dessen Herrscherqualitäten hatte und daher schließlich aus Besorgnis Boten ins kleinasiatische Maġnisa (Manisa) entsandte. In diesem Provinzstädtchen hatte sich nämlich Murād nach seinem Thronverzicht zur Ruhe gesetzt. Als er nun aber durch besagte Boten dringendst zurück nach Rumelien gerufen wurde, machte er sich im Mai 1446 auf den Weg, um – Edirne erst im August erreichend – noch einmal als Sultan die Macht zu übernehmen! Muḥammad musste folglich weichen und ging nun seinerseits, abgesetzt und dementsprechend grollend, als Statthalter nach Maġnisa.

Auch Murāds Rücktritt vom Rücktritt ist numismatisch belegt, doch erfolgte interessanterweise nur eine minimale Anpassung der akče-Inschriften: Indem man das Wörtchen für „Sohn des …“ so verschob, dass es nicht mehr rechts neben Muḥammad stand, sondern links davon, ergibt sich die veränderte Lesung Muḥammad b. / Murād („Murād, Sohn des Muḥammad“), wobei anders als zuvor mit der oberen statt mit der unteren Zeile zu beginnen ist. Erst als Murād II. 1451 nach weiteren 4½ Jahren auf dem Thron verstarb, konnte Muḥammad II. abermals und dieses Mal endgültig als Sultan nachfolgen – und ein Projekt in Angriff nehmen, das er sich schon während seiner ersten Regierungszeit in den Kopf gesetzt hatte: die Eroberung Konstantinopels…

SH

MdM March 2019

Schon seit mehr als 100 Jahren wird am 8. März der internationale Frauentag begangen. Einige Länder, in denen dieser Tag – so wie ja erst ganz neu für die Berliner – ein gesetzlicher Feiertag ist, waren früher nicht nur Teil der Sowjetunion gewesen, sondern hatten auch einmal zum Reich der mongolischen Ilḫane gehört. Der neunte und letzte große Ilḫan (aus der Nachkommenschaft von Činggis-Ḫans Enkel Hülegü) regierte von 1316 bis 1335 und hieß Abū Saʿīd. Seine Gemahlin Baġdād-Ḫatun soll wie schon manch andere mongolische und türkische Dame vor ihr ganz beachtlichen Einfluss besessen haben und stand sogar im Verdacht, für Abū Saʿīds Tod in der Region Qarabāġ (Bergkarabach) verantwortlich zu sein, weshalb sie der nächste Ilḫan Arpa (der schon kein Nachkomme Hülegüs mehr war) 1336 hinrichten ließ. Ihr Vater war der mächtige Emir Čopan (gest. 1327) gewesen, welcher seinerseits mit Abū Saʿīds Schwester Sati-Beg verheiratet worden war (1319). Letztere verfügte anscheinend über weniger Autorität als Baġdād Ḫatun, sollte aber in den turbulenten Jahren, als das Ilḫanat zerfiel und rivalisierende Emire (aus neuen Dynastien) in wechselnden Allianzen erbittert um die Macht rangen, eine ganz besondere Rolle spielen, wie auch unsere Münze des Monats dokumentiert.

Nach dem Tod ihres – problematischerweise keinen Erben hinterlassenden – Bruders wurde Sati-Beg, deren Abstammung sie zu einem Legitimationsquell machte, zunächst von Arpa zur Frau genommen. Gegen dessen Feinde kämpfte daraufhin auch ihr Sohn aus der Ehe mit Čopan namens Sorġan, doch wurde der zehnte Ilḫan noch 1336 geschlagen und selbst hingerichtet. Im Folgenden standen Sati-Beg und ihr Sohn auf der Seite des Ǧalāyiriden-Emirs Ḥasan, welcher beide zurück nach Qarabāġ entsandte, wo Sorġan Gouverneur wurde. In Täbris installierte Ḥasan (Baġdād-Ḫatuns erster Ehemann) derweil seinen eigenen Marionetten-Ilḫan, doch ließen erneute Auseinandersetzungen um die Macht im Reich nicht lange auf sich warten: Gegen seinen ǧalāyiridischen Namensvetter wandte sich Čopans Enkel Ḥasan – zur Unterscheidung wird ersterer Ḥasan-i Buzurg („der große Ḥasan“) und letzterer Ḥasan-i Kūčik („der kleine Ḥasan“) genannt –, woraufhin Sati-Beg und ihr (čopanidischer) Sohn zu ihm überliefen. Ḥasan-i Kūčik trug den Sieg davon und machte nach der Beseitigung des gegnerischen Marionetten-Ilḫans einen bemerkenswerten Zug, indem er 1338 (wohl nicht zuletzt mangels verbliebener Hülegü-Nachkommen) niemand anderen als Sati-Beg auf den Thron setzte, also der (nicht nur) in der Geschichte des Ilḫanats einzigen Sultanin huldigen ließ! Entsprechend wurde Sati-Begs Name auch ordnungsgemäß in die Freitagspredigt (ḫuṭba) und Münzinschrift (sikka) integriert und so handelt es sich bei der Münze des Monats, passend zum Weltfrauentag, tatsächlich um einen der wenigen islamischen Münztypen, auf denen eine Herrscherin genannt wird.

Der Doppeldirham mit einem Gewicht von 2,08 g zeigt sogar, was eine Frau auf dem Thron für die Titulatur bedeutete – sprachliches gendering war auch hier schon ein Thema. Während nämlich auf vielen Prägungen Sati-Begs einfach die übliche, männliche Form as-sulṭān al-ʿādil oder as-sulṭān al-aʿẓam zu lesen ist, findet sich im Reversfeld der Münze des Monats die korrekte weibliche Form as-sulṭāna al-ʿādila, „die gerechte Sultanin“. In den beiden Zeilen darunter folgt zum einen der Name der Ilḫanin, Sātī-Beg Ḫān, und zum anderen die obligatorische Wunschformel, welche hier ebenfalls grammatikalisch angepasst wurde: Statt ḫallada Allāh mulkahū lesen wir ḫallada Allāh mulkahā, „Möge Gott ihre Herrschaft andauern lassen!“. Die türkischen Titel beg und ḫan sind maskulin, gehören aber offenbar fest zum (unveränderlichen) Namen; ansonsten wäre hier etwa die feminine Form ḫatun zu erwarten gewesen.

Rings um die Nennung der Münzherrin steht über die Blätter des Sechspasses verteilt, wo und wann der Doppeldirham geprägt wurde. Allerdings macht diese Inschrift auf den ersten Blick ebenso stutzig wie das, was auf dem Avers in sowie zwischen den Blättern eines Vierpasses geschrieben steht. Gleich lesbar ist nur der Anfang des islamischen Glaubensbekenntnisses innerhalb des zentralen Perlkreises – lā ilāha illā / Allāh –, die anderen Inschriften sind hingegen alle spiegelverkehrt! So steht im unteren und linken Blatt rasū / l Allāh, im Zwickel dazwischen nichts anderes als der Name des ersten Kalifen Abū Bakr (womit auch der unvollständig sichtbare Rest klar ist). Was die spiegelverkehrte Inschrift auf dem Rev. angeht, so enthält das Sechspassblatt links neben al-ʿādila die Angabe der Münzstätte: Arzarūm, geschrieben ارزروم. Die Araber nannten den Ort Arzan ar-Rūm oder Arḍ ar-Rūm („Land der Römer“), was bereits auf die Lage in Anatolien schließen lässt – Erzurum ist heute die größte Stadt im Osten der Türkei.

Münzen Sati-Begs sind bislang von gut 30 – zuallermeist (trans)kaukasischen und ostanatolischen – Prägeorten bekannt, womit die Ilḫanin andere muslimische Herrscherinnen in den Schatten stellt. Wirkliche Macht aber hatte Abū Saʿīds Schwester nicht, da auch sie nur die Marionette eines Emirs war, in ihrem Fall die des gerissenen, aufstrebenden Čopaniden Ḥasan-i Kūčik. Dieser benutzte Sati-Beg, um im andauernden Machtkampf mit seinem Rivalen Ḥasan-i Buzurg dessen Pläne bezüglich eines aus Ostiran eingeladenen Thronanwärters geschickt zu durchkreuzen (1339), und zwang die Sultanin schließlich, einen minderjährigen Abkömmling Hülegüs aus einer Nebenlinie zu heiraten. Letzterer hieß Sulaimān und wurde damit neuer Marionetten-Herrscher, sodass Sati-Begs Sultanat schon nach weniger als einem Jahr endete. Dementsprechend ist auch das Prägejahr auf unserer Münze des Monats keine Überraschung: Nach sanata im Sechspassblatt auf 12 Uhr steht – wie gesagt, alles spiegelverkehrt – in den rechtsseitig folgenden Blättern tisʿa und ṯalāṯīn, also: 39; die folgende Hunderterzahl ist nicht zu sehen. 739 H. ist das Jahr, zu dessen Beginn Sati-Beg inthronisiert wurde und an dessen Ende bereits die Münzprägung Sulaimāns einsetzte. Einige wenige Stücke mit dem Namen der abgesetzten Ilḫanin tragen aber auch die Jahresangaben 740–745 H. (die letzten stammen aus Hasankeyf und Arzan), was wohl im Kontext erneuter Machtverschiebungen und Auseinandersetzungen zu sehen ist, in deren unübersichtlichem Verlauf sich Sorġan u. a. wieder mit Ḥasan-i Buzurg zusammentat und gemeinsam mit seiner Mutter und Sulaimān nach Anatolien ging. Ḥasan-i Kūčik war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben; ermordet hatte den 25jährigen Čopaniden 1343 seine untreue Gemahlin ʿIzzat-i Mulk, was diese auf grausame Weise mit ihrem eigenen Leben bezahlte. Dass Sati-Beg zumindest weitere Verwicklungen in blutige Intrigen erspart blieben und ihre letzten Jahre vielleicht sogar zu den glücklicheren zählten, kann man ihr anlässlich des Frauentages zumindest wünschen, denn sowohl über ihr Ende als auch über das ihres dritten Ehemanns Sulaimān ist uns nichts bekannt. Dass mit ihr, wenn auch nur für kurze Zeit, offiziell eine Frau an der Spitze eines Reiches stand, gerät jedenfalls nicht in Vergessenheit, auch dank Sati-Begs gut belegter Münzprägung.

SH

MdM February 2019

 

Im Iran besteht diesen Monat Anlass zu großen offiziellen Feierlichkeiten: Die Islamische Revolution jährt sich zum 40. Mal. Nachdem Moḥammad-Reżā, Irans letzten šāhānšāh („König der Könige“) aus der kurzlebigen Pahlavī-Dynastie, das Land angesichts überhandnehmender Massenproteste gegen ihn sowie seines auch international geschwundenen Rückhalts im Januar 1979 notgedrungen für immer verlassen hatte, landete am Morgen des 1. Februar auf dem Flughafen Teheran-Mehrābād der einflussreiche schiitische Geistliche (im Rang eines Ajatollahs) Rūḥollāh Chomeinī. Dieser hatte die oppositionellen Kräfte im Iran bis dahin aus seinem erst irakischen und zuletzt französischen Exil heraus mobilisiert und übernahm nun als Führer der von ihm vorangetriebenen Revolution binnen kurzer Zeit und unter Ausschaltung anderer Oppositionsflügel die Macht. Am 5. Februar setzte er eine neue Regierung ein; am 11. Februar (nach iranischem Kalender: 22. Bahman) – welcher seither als Tag der Revolution begangen wird – erklärte sich auch das noch dem Schah ergeben Militär für neutral. Während trotzdem mehrere Generäle und andere Anhänger der gestürzten Monarchie sowie neue Gegner des Revolutionsregimes hingerichtet wurden, rief Chomeinī nach einem entsprechenden Referendum die Islamische Republik aus; auf den iranischen Münzen verschwand in der Folge nicht nur das Schah-Bildnis, sondern auch das alte Löwe-und-Sonne-Emblem. In einer weiteren Volksabstimmung wurde schließlich die bis heute gültige Verfassung angenommen, in welcher es heißt (Artikel 5):

„In der Islamischen Republik Iran liegen während der Verborgenheit (ġaiba) des Herrn der Zeit [d. h. des 12. Imams Muḥammad al-Mahdī, geb. 870] – möge Gott der Erhabene seine Wiederkehr beschleunigen! – die Regierungsgewalt (velāyat-e amr) und die Leitung der Gemeinde (emāmat-e umma) bei dem gerechten und frommen, auf der Höhe der Zeit stehenden, tapferen und zur Führung befähigten Rechtsgelehrten (faqīh) [...].“

Dies entspricht dem von Chomeinī vertretenen schiitischen Konzept der velāyat-e faqīh, der „Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“, und bedeutet, dass der als oberster Führer (rahbar) amtierende Ajatollah (seit Chomeinīs Tod 1989: ʿAlī Chāmeneʾi) die Herrschaft an der Spitze des Staates lediglich in Vertretung, also nur provisorisch bis zur jederzeit möglichen Rückkehr des seit 941 ganz im Verborgenen lebenden 12. Imams ausübt. Denn eigentlich sei der entrückte Muḥammad al-Mahdī („der Rechtgeleitete“) der einzig legitime Stellvertreter Gottes auf Erden, das einzig wahre Staatsoberhaupt.

Schiiten, die einer mit ʿAlī, dem Schwiegersohn des Propheten, beginnenden und mit dessen Nachfahren Muḥammad al-Mahdī endenden Reihe von 12 Imamen – d. h. von 12 unfehlbaren „Gemeindeoberhäuptern“ –  anhängen, werden Zwölferschiiten oder Imamiten genannt. Indem sie in frühislamischer Zeit einem – zunächst noch nicht verborgenen – Imam wegen seiner besonderen Abstammung folgten, erkannten die Schiiten Herrscher wie die Umayyaden oder ʿAbbāsiden grundsätzlich nicht als rechtmäßige Kalifen an. So wurde etwa Mūsā al-Kāẓim, der 7. Imam der „Zwölfer“, von Hārūn ar-Rašīd vorsichtshalber deportiert und bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt.

Woran nun die FINT-Münze des Monats erinnert, ist, dass die Herrschaftsübernahme als Staatsoberhaupt tatsächlich schon einmal für einen anderen Imam der Zwölferschia aus der Nachkommenschaft des ʿAlī ibn Abī Ṭālib ganz offiziell eingeleitet worden war. Auf Geheiß des Kalifen al-Maʾmūn (reg. 813–833) hatte nämlich der 8. Imam ʿAlī ibn Mūsā von Medina nach Marv (im heutigen Turkmenistan) reisen müssen, wo ihn der ʿAbbāside im Jahre 817 (201 H.) zu seiner und aller Überraschung feierlich als Thronfolger einsetzte, also dazu designierte, als nächster Kalif über das islamische Weltreich zu gebieten! Niederschlag fand diese spektakuläre Regelung ab 202 H. auch auf al-Maʾmūns Dirhams der östlichen Münzstätten Marv, Nīšāpūr, al-Muḥammadīya (Rayy), Iṣfahān, Fārs und Samarqand. Letztere ist, wie der inneren Av.-Umschrift zu entnehmen, der Prägeort unserer Münze des Monats, in deren Rev.-Feld zunächst steht: li-llāh / Muḥammad rasūl Allāh / al-Maʾmūn ḫalīfat Allāh – „für Gott / Muḥammad ist der Gesandte Gottes / al-Maʾmūn ist der Kalif [d.h. der Stellvertreter] Gottes“. Anschließen heißt es: mimmā amara bihī al-amīr ar-Riḍā / walī ʿahd al-muslimīn ʿAlī ibn Mūsā / Ibn ʿAlī ibn Abī Ṭālib – „Von dem, was der Zustimmung findende Emir, der designierte Thronfolger, ʿAlī ibn Mūsā, Nachkomme des ʿAlī ibn Abī Ṭālib, (zu schlagen) befahl“. Damit wird tatsächlich zum einzigen Mal einer der 12. Imame zu seinen Lebzeiten und ohne entrückt zu sein auf Münzen genannt. Der wichtige Titel ist walī ʿahd al-muslimīn (s. auch MdM Okt. 2018); ar-Riḍā (persisch: Reżā) sollte zum Beinamen des (ob seiner Ernennung skeptischen) 8. Imams werden.

Auch die zweite, äußere Av.-Umschrift war eine Neuerung al-Maʾmūns. Sie enthält Vers 4–5 aus Sure 30 (wo es um den Sieg dank Gottes Hilfe geht) und ist von nun an für lange Zeit ein standardmäßiger Bestandteil der Münzinschriften. In der untersten Rev.-Zeile unseres 3,12 g schweren Dirhams ist mit al-Maʾmūns Wesir Ḏū ʼr-Riʾāsatain („der mit der doppelten Führungsgewalt“) noch eine dritte Persönlichkeit im Zentrum jener interessanten Geschehnisse aufgeführt, während auf dem Av. unter dem ersten Teil der šahāda an gleicher Stelle al-mašriq, d. h. „der Osten“, zu lesen ist. Auf Goldmünzen westlich(er)er Prägeorte steht analog al-maġrib, „der Westen“ oder aber, auf Bagdader Dinaren, al-ʿIrāq, „der Irak“; offenbar kommt hier eine administrative Dreiteilung des Imperiums zum Ausdruck. Nach dem konkreten Prägeort ist als Prägejahr 203 H. (818/19) angegeben. Damals war al-Maʾmūn bereits auf dem Weg von Ḫurāsān in die Zentralprovinz Irak, wo seine Entscheidung, einen ʿAliden anstelle eines ʿAbbāsiden zum Nachfolger zu bestimmen, für große Empörung gesorgt hatte. Aus einer Erhebung war in Bagdad sogar ein Gegenkalif hervorvorgegangen, was nun ein persönliches Eingreifen – sowie offenbar politisches Umdenken – al-Maʾmūns erforderte. Unterwegs verlor jedenfalls 202 H. (Febr. 818) erst Ḏū ʼr-Riʾāsatain sein Leben, welchen man für politische Fehlentscheidungen verantwortlich machte und dessen Nennung auf unserer Münze somit gar nicht mehr aktuell war. 203 H. verstarb dann nahe Ṭūs zudem ʿAlī ar-Riḍā, womit sich dessen Thronfolge passenderweise schnell wieder erledigt hatte. Gleichwohl wird auch er auf einigen Münzen noch bis 205 H. posthum genannt; sein Grab entwickelte sich zum heutigen Pilgerzentrum Mašhad („Märtyrerschrein“).

Al-Maʾmūn, bei dessen triumphalen Einzug in Bagdad das dortige Gegenkalifat bereits zusammengebrochen war (204 H./819), steht nicht nur im Verdacht, hinter der Ermordung des (zu) mächtigen Ḏū ʼr-Riʾāsatain zu stecken, Schiiten werfen dem ʿAbbāside außerdem vor, ihren Imam, den walī ʼl-ʿahd, vergiftet zu haben. Daher wird auch dieser Kalif von ihnen bis heute verflucht, obwohl al-Maʾmūn anscheinend tatsächlich geplant hatte, die beiden hāšimidischen Linien der ʿAbbāsiden und ʿAliden zu einen. Interessanterweise war ʿAlī ibn Mūsā (ebenso wie sein Sohn Muḥammad, der 9. Imam) 817 in Marv obendrein mit einer Tochter des Kalifen verheiratet worden, wobei aber unklar ist, welche Überlegungen es hinsichtlich der einstigen Nachfolge eines Imam-Kalifen ʿAlī ar-Riḍā gegeben hatte. Fest steht, dass es zu keiner Versöhnung in der verzweigten Prophetenfamilie kam: Die drei Imame, die auf den 8. folgten und in deren wachsender Anhängerschaft die ʿAbbāsiden eine Gefahr sahen, verstarben allesamt in Gefangenschaft am Kalifenhof. Für jene Schiiten, welche meinten, der 11. Imam habe bei seinem Tod 873/74 einen Sohn namens Muḥammad hinterlassen, war daher klar, dass der ʿAlide sein Kind geheim gehalten hatte und dass der 12. Imam vorerst versteckt bleiben musste, um vor den Kalifen sicher zu sein. Bis zu Muḥammads nach wie vor ausstehendem Hervortreten aus dieser Verborgenheit, sind es im Iran seit Februar 1979 schiitische Geistliche, die ihn als Staatsoberhaupt vertreten.

SH

MdM January 2019

 

Der erste Monat des Jahres bietet Gelegenheit, der ersten islamischen Dynastie zu gedenken, jener der Umayyaden. Etwa ein Jahrhundert hatte die Herrschaft dieser arabischen Familie über das unlängst errichtete Kalifenreich gedauert, als es im Januar 750 an den Ufern des Großen Zāb (eines Tigris-Nebenflusses in Kurdistan) zu einer Schlacht kam, die für den Umayyaden Marwān II. – genannt „der Esel“, wohl weil das 100. Jahr einer Dynastie (nach Sure 2, Vers 259) als „Eselsjahr“ bezeichnet wurde – in einer folgenschweren Niederlage endete. Den Sieg trug damals jenes Heer davon, welches unter schwarzen Bannern unaufhaltsam aus Richtung Osten vorgerückt war und für den Kalifatsanspruch des Hauses ʿAbbās kämpfte, also für die Nachkommenschaft eines Onkels des Propheten Muḥammad. Zwar gelang es Marwān (dessen Residenz das nordmesopotamische Ḥarrān war) vom winterlichen Schlachtfeld nach Syrien zu entkommen, doch sollte mit ihm die Umayyaden-Herrschaft im Nahen Osten enden: Ein halbes Jahr später wurde er von seinen Verfolgern am Nil (wahrscheinlich unweit der Fayyūm-Oase) getötet; zuletzt ließ man angeblich eine Katze die Zunge aus seinem abgetrennten Kopf fressen. Das Kalifenreich gehörte nunmehr den ʿAbbāsiden, deren blutige Machtübernahme nicht viele Umayyaden überlebten – die Chroniken berichten von systematischen Massakern. Auch die Flucht von Marwāns Söhnen ʿAbdallāh und ʿUbaidallāh nach Abessinien nahm kein gutes Ende, wohingegen es einem anderen jungen Mitglied der gestürzten Dynastie namens ʿAbd ar-Raḥmān glückte, sich bis ins heutige Marokko durchzuschlagen, der Heimat seiner berberischen Mutter Rāh. 755 schaffte es dieser Enkel des Kalifen Hišām sogar, nach Europa überzusetzen und die Kontrolle über die Randprovinz al-Andalus zu gewinnen, den muslimisch beherrschten Teil der Iberischen Halbinsel mit der Hauptstadt Córdoba (Qurṭuba). Hier, im äußersten Westen der islamischen Welt, etablierte ʿAbd ar-Raḥmān (ad-dāḫil, „der Einwanderer“; gest. 788) in der Folge eine neue Umayyadenherrschaft, ein Emirat, das zwar in Unabhängigkeit vom Bagdader ʿAbbāsiden-Kalifat Bestand hatte, dessen Herrscher dem Weltreich ihrer Vorfahren mit dem Kernland Syrien aber nur noch in Erinnerungen und Erzählungen nachhängen konnten. Auch in der Münzprägung hielt man in Córdoba noch lange am traditionellen Design der umayyadischen Reichsmünzen fest, indem die Dirhams ʿAbd ar-Raḥmāns I. (ab 762/63) und der folgenden Emire anonym blieben und im Rev.-Feld weiterhin die 112. Koransure zeigten.

Mit einem einfachen Emirat sollten sich die Umayyaden von al-Andalus allerdings nicht für immer bescheiden. Der Mann, unter dem sich diesbezüglich – wie durch die Münze des Monats dokumentiert – eine Wende vollzog und die Herrschaft der Dynastie abermals in eine neue Phase überging, hatte das Licht der Welt im Januar 891 als Europäer erblickt und denselben Namen erhalten wie sein noch in Damaskus geborener und von dort geflüchteter Ahn, welcher einst das Umayyaden-Emirat von Córdoba begründet hatte. ʿAbd ar-Raḥmān III. regierte von 912 bis 961 und bewies seine Führungsqualitäten früh in einer Reihe erfolgreicher Dschihad-Feldzüge gegen christliche Nachbarmächte und Rebellen (im Januar 928 ergab sich ihm der letzte Sohn des Aufstandsführers ʿUmar b. Ḥafṣūn). Vor diesem Hintergrund sowie angesichts der Errichtung und Expansion des schiitischen Fāṭimiden-Kalifats in Nordafrika (Januar 910) legte er sich im Januar 929 ebenfalls die Titulatur eines Kalifen zu. Für seine Münzen – zu denen von da an auch erstmals Goldprägungen (ganze Dinare und Teilstücke) gehörten! – bedeutete dies ein Ende der traditionellen Anonymität: Anstelle der 112. Sure wird nun stets der umayyadische Herrscher genannt. So ist im Rev.-Feld unserer silbernen Münze des Monats zu lesen: al-imām an-Nāṣir / li-Dīn Allāh ʿAbd ar-Raḥmān / amīr al-muʾminīn. Neben dem kalifalen Imam-Titel und vor allem dem eines „Befehlshabers der Gläubigen“ nahm der aufstrebende Umayyade also auch noch einen Thronnamen nach Vorbild der (zu dieser Zeit an Macht verlierenden) ʿAbbāsiden an: An-Nāṣir li-Dīn Allāh bedeutet „der der Religion Gottes zum Sieg Verhelfende“.

Die arabischen Inschriften auf solchen Prägungen der spanischen Umayyaden-Kalifen sind oft nicht leicht zu lesen, was nicht zuletzt am Einsatz von Punzen bei der Stempelherstellung liegt: Die Wörter und sogar Buchstaben wurden teilweise nach dem Baukastenprinzip aus den gleichen ganzen oder halben Ringlein, Strichen usw. zusammengesetzt (wobei es nicht um Schönheit ging). Typisch sind auch die vielfältigen Ornamente oben und unten im Feld, bei denen es sich im Falle der Münze des Monats gleich zweimal (Kombination nicht bei G. C. Miles, The Coinage of the Umayyads of Spain, S. 273 f.) um eine Fleur-de-Lys handelt; während die untere eher knospenhaft anmutet, wurde die obere um zwei Ranken erweitert. Auf Prägungen, die ein Jahr jünger sind als unser Exemplar, begegnen oben allerlei unsymmetrisch wuchernde Arabesken, woraufhin noch ein Jahr später Sterne dominieren (s. Miles, op. cit., S. 276 f. bzw. 280).

Während die Umschrift auf der Rückseite Vers 33 aus Sure 9 enthält (wobei vor al-hudā die Präposition bi- fehlt), steht um das Glaubensbekenntnis auf der Vorderseite, wo und wann der 3,13 g schwere Dirham geschlagen wurde. Das hier (nicht ohne die übliche Ranke am Ende der Zehnerzahl) angegebene Jahr 336 H. entspricht dem Jahr 948 christlicher Rechnung und ist für die Münzprägung von besonderer Bedeutung. Denn nicht nur stand ab diesem Jahr nach einigen Experimenten schließlich die exakte Art und Weise fest, wie der Kalif auf den neuen Münzen aufzuführen war, just 336 H. ließ ʿAbd ar-Raḥmān III. zudem die Münzstätte von Córdoba in seine erst neu erbaute Palaststadt (inkl. Quecksilberbrunnen) wenige Kilometer westlich der bisherigen Residenz verlegen. Als Prägeort ist auf dem Dirham daher erstmals nicht mehr al-Andalus zu lesen, sondern Madīnat az-Zahrāʾ. Darauf, dass mit dem Umzug auch ein Wechsel in der Leitung der Münzstätte einherging, könnte der Name Muḥammad unterhalb des Glaubensbekenntnisses deuten. An dieser Stelle oder anderswo im Feld weisen Prägungen der Umayyaden von al-Andalus regelmäßig Namen von Personen auf, die sich zum Großteil nicht sicher identifizieren lassen, bei denen es sich aber in erster Linie um Münzmeister (ṣāḥib as-sikka) handeln mag. Vor Muḥammad (s. Miles, op. cit., S. 76 f.) war noch auf den letzten Dirhams aus Córdoba – wohin die Hauptmünzstätte 365 H. zurückverlegt werden sollte – ein Herr namens ʿAbdallāh angegeben.

Jedenfalls zeugt die Münze des Monats von wichtigen Entwicklungen in der – nicht etwa anno 750 endenden – Geschichte der Umayyaden, darunter von deren Comeback als „Befehlshaber der Gläubigen“ (in Konkurrenz zu anderen Kalifaten). Unter ʿAbd ar-Raḥmān III. erreichte die Herrschaft der Dynastie auf der Iberischen Halbinsel ihre höchste Blüte; genau 200 H.-Jahre vor dem Umzug in die hierfür repräsentativen Prachtbauten von Madīnat az-Zahrāʾ hatte sich ʿAbd ar-Raḥmān I. noch auf seiner Flucht ins Ungewisse befunden.

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MdM December 2018

 

Passend zur Weihnachtszeit ein christliches Motiv – auf einer islamischen Münze; auch das gibt es. Der Avers zeigt Jesus in einem frontalen Brustbild als Pantokrator („Allherrscher“), mit einem Evangelienbuch in seiner Linken und einem (auf unserem Stück durch Punkte konturierten) Nimbus, welcher ein Kreuz enthält. Was die 6,84 g schwere Kupferprägung islamisch macht, ist der muslimische Münzherr aus der türkischen Artuqiden-Dynastie. Deren Gründer war ein Emir im Dienste der Selǧuqen-Sultane gewesen und als Statthalter von Jerusalem ebenda verstorben, woraufhin sich seine Söhne Anfang des 12. Jh. die Herrschaft über Teile Nordmesopotamiens/Ostanatoliens sichern konnten. Hier, ganz am Rand des großselǧuqischen Reiches, regierten die Artuqiden recht autonom in direkter Nachbarschaft zur christlichen Kreuzfahrer-Grafschaft Edessa und bald auch zu anderen islamisch-türkischen Dynastien wie den Dānišmandiden und Zangiden. Noch waren die Türken auf dem Gebiet der heutigen Türkei relativ neu. Der unverkennbar türkische Name des Machthabers, welcher die Münze des Monats prägen ließ, bedeutet „schwarzer Löwe“ und findet sich in der untersten Zeile der – stilistisch recht wilden – arabischen Inschrift auf dem Revers. Dort heißt es: ḍuriba hāḏā / d-dirham fī ayyām / Faḫr ad-Dīn / Qara-Arslan / [(rechts:) b. Dāʾūd] / (links:) b. Sökmen / (ganz oben:) b. Artuq, zu Deutsch: „Es wurde geschlagen dieser / Dirham in den Tagen / des Faḫr ad-Dīn / Qara-Arslan / b. Dāʾūd / b. Sökmen / b. Artuq“. Die Abstammung des Münzherrn mit dem islamischen Ehrennamen „Stolz der Religion“ wird hier also über drei Generationen bis zu besagtem Gründer und Namensgeber der Dynastie angegeben. Die Formulierung „in den Tagen“ ist an dieser Stelle eher ungewöhnlich und gab bereits Anlass zur Vermutung, der Münztyp könnte nicht direkt unter Qara-Arslan, sondern anderswo von einem Gouverneur dieses Artuqiden geprägt worden sein, doch besteht im Grunde keine Notwendigkeit zu so einer Interpretation.

Während sein Onkel 2. Grades namens Temür-Taš b. Il-Ġāzī b. Artuq 1122–1154 in Mārdīn (sowie ab 1118 Maiyāfāriqīn, heute: Silvan) regierte – die Dynastie teilte sich in zwei Hauptlinien –, herrschte Qara-Arslan 1144–1167 über Ḥiṣn Kaifā (sowie Ḫartpert, heute: Harput). Der Prägeort der Münze ist zwar ebenso wenig angegeben wie das Prägejahr, doch darf wohl die Hauptstadt angenommen werden, also das heutige (leider durch ein Staudammprojekt bedrohte) Hasankeyf am oberen Tigris. Interessant ist, dass solche großen Kupfer-Prägungen als Dirhams bezeichnet wurden; sonst waren es ja eigentlich Münzen aus Silber, die so hießen. In den Chroniken wird sogar erwähnt, wie 1122/23 eine Kupfermine auf artuqidischem Territorium entdeckt wurde und Temür-Taš 1147/48 Münzen prägen ließ, nachdem einer der Chronisten selbst hierfür das Kupfer besorgt hatte. Da Æ-Münzen nach islamischen Recht eigentlich kein richtiges Geld waren, galten für sie meist weniger strenge Regeln. So sind bildliche Darstellungen gerade für die artuqidische Münzprägung nicht etwa selten, sondern typisch: Auf den bei Sammlern beliebten Kupfer-Dirhams dieser Dynastie entfalten sich ganze Bilderwelten, wobei Vorlagen aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen erkennbar sind – christliche Motive machen hier nur den Anfang. Bald finden sich Darstellungen, welche auf hellenistische, römische und sāsānidische Vorlagen zurückgehen. Bei manchen der reizvollen Bilder handelt es sich wahrscheinlich um Astralallegorien (s. vor allem W. Spengler/ W. Sayles, Turkoman Figural Bronze Coins, Bd. I, passim) und zeitgenössische Herrscherportraits, doch geben viele der Motive nach wie vor Rätsel auf, zumal Vorbilder kreativ verändert und auch ganz eigene Kompositionen gefunden wurden.

Im Falle antiker Vorlagen stellt sich natürlich die Frage, was die Menschen im 12. Jh. eigentlich (noch) darin sahen und damit verbanden. Während von einem richtigen Verständnis der Originale eher nicht auszugehen ist, kann man sich gut vorstellen, dass der – übrigens auch in der Architektur zu beobachtende – klassizistische Stil für die neuen türkischen Machthaber nicht zuletzt eine Sache des höfischen Geschmacks und der Mode war: In ihren Augen waren die Zeugnisse der griechisch-römischen Vergangenheit wohl faszinierend exotisch und so zeigten sie ein besonderes (ästhetisches) Interesse an antiken sowie christlichen Darstellungen und Formen – gewillt, sich selbst in diese regionale Tradition zu stellen. Ebenso wie andere Artuqiden förderte Qara-Arslan an seinem Hof Gelehrte und Literaten; man kann auf eine gebildete und aufgeschlossene Herrscherpersönlichkeit schließen.

Die Adaption christlicher Motive gleich zu Beginn der artuqidischen Münzprägung dürfte sich noch insbesondere dadurch erklären lassen, dass man sich bei der Gestaltung des neuen, eigenen Geldes – das ja auch akzeptiert werden sollte – zunächst an jenen Münzen orientierte, welche in der Region bereits kursierten und der mehrheitlich christlichen Bevölkerung (!) vertraut waren. Diese Münzen stammten aus dem byzantinischen Reich und tatsächlich lassen sich unter den großformatigen, anonymen folles Typen identifizieren, deren Christus-Pantokrator-Darstellung jener auf den artuqidischen Dirhams sehr ähnlich ist (s. etwa E. Whelan, The Public Figure, S. 161 f.). Wohlgemerkt gab es außer Qara-Arslan noch weitere muslimische Machthaber der Region, welche solche byzantinischen folles nicht nur mit Gegenstempeln versahen, sondern die christlichen Motive für frühe eigene Münzen übernahmen. Beispielsweise findet sich die Christusbüste mit Kreuznimbus ebenso auf den ersten Prägungen der Dānišmandiden sowie auf einer Münze des Artuqiden Šīr-Bārīk (Maudūd b. ʿAlī b. Alp-Yaruq b. Artuq), welcher erst Temür-Taš und später Qara-Arslan diente.

Obwohl man am artuqidischen Hof durchaus in der Lage war, byzantinische Vorbilder sowie griechische oder auch lateinische Inschriften korrekt nachzuempfinden, handelt es sich bei Dirhams wie der Münze des Monats wohlgemerkt um keine genauen Nachahmungen der Originale. Während einige Exemplare dieses Typs stilistisch nah am Vorbild bleiben, zeigen andere gewisse Freiheiten und Merkwürdigkeiten. So mutet die Christus-Darstellung in unserem Fall teilweise etwas eigenartig an (Gestaltung der Haare) und die „Schrift“ zu beiden Seiten des Nimbus stellt mitnichten einen Versuch dar, das +EMMANOVHΛ auf manchen byzantinischen Prägungen wiederzugeben. Stattdessen verteilen sich links dieselben Buchstaben wie rechts, indem so gut wie alle einfach sinnlos gespiegelt wurden; selbst die Abkürzung IC / XC (für Jesus Christus; normalerweise direkt über den Schultern) ist hier somit nicht zu lesen und wieder kann man fragen, inwieweit die Abwandlungen bewusst zu einem bestimmten Zweck erfolgten. Die Ikonographie artuqidischer Münzen bleibt ein herausforderndes und überaus spannendes Gebiet der islamischen Numismatik.

SH

MdM November 2018

 

Dem November erging es 2002 im international relativ isolierten Turkmenistan nicht anders als allen anderen Monaten und den Wochentagen: Er wurde vom Präsidenten (auf Lebenszeit) Saparmyrat Nyýazow per Gesetz umbenannt. Machthaber eines bestimmten Schlages sowie Anführer von Revolutionen gehen in ihrem Eifer ja mitunter gerne so weit, irgendwann sogar die Zeitrechnung im Sinne ihrer neuen Ideologie (sowie des Kultes um ihre Person) kreativ anzupassen; beispielsweise führte auch Muʿammar al-Gaddafi eine verwirrende Kalenderreform inkl. Umbenennung sämtlicher Monate durch. Während der November in Libyen danach al-Ḥarth („das Pflügen“) hieß, entschied sich „der große Türkmenbaşy“ Nyýazow dafür, den vorletzten Monat Sanjar zu nennen, zu Ehren des gleichnamigen Selǧuqen-Sultans (Sanǧar, sprich: Sandschar). Dieser im November 1086 geborene Sohn Sultan Malik-Šāhs I. gilt (nicht zu Unrecht) als letzter Großselǧuqe – als letzter Vertreter der Dynastie, welcher noch auf imperialer Ebene in Ost und West anerkannt wurde –, doch ergibt sich seine spezielle Bedeutung für Turkmenistan insbesondere daraus, dass Sanǧars Hauptstadt Marv (Mary) heute auf dem Territorium dieses postsowjetischen Wüstenstaates liegt und das hier noch immer stehende Mausoleum des 1157 verstorbenen Sultans zu den Wahrzeichen des Landes gehört. Auf Sanǧar wurde und wird von Seiten der Regierung in Aschgabat dementsprechend häufig Bezug genommen; seit 2009 findet sich etwa ein Phantasiebildnis des Selǧuqen auf dem turkmenischen 5-Manat-Schein.

Die FINT-Münze des Monats ist nun ein direktes Zeugnis für die unruhigen Anfänge der außerordentlich langen Herrschaft des letzten Großselǧuqen in Ḫurāsān. Geprägt wurde der 3,41 g schwere Dinar im Jahre 493 H. (1099/1100) nicht weit entfernt von der modernen turkmenischen Hauptstadt in Nīšāpūr (s. Av.-Umschrift). Es handelt sich also um einen dīnār nīšāpūrī und damit nicht um irgendeine Goldmünze. Während nämlich Dinare aus anderen östlichen Münzstätten wie Marv, Balḫ, Herāt oder Ġazna im 11. und 12. Jh. nicht selten kaum noch Gold enthielten, d. h. hauptsächlich aus Silber bestanden, und nur als Lokal- oder Regionalwährung akzeptiert wurden, waren die Goldprägungen aus Nīšāpūr weithin für ihre Reinheit bekannt und deshalb die bevorzugte Währung des transregionalen Handels, nicht nur in Iran und Mittelasien. Bei ihnen konnte man sich darauf verlassen, dass sie dauerhaft einen stabilen, sehr hohen Feingehalt aufwiesen, und so bezog man sich auf sie auch zur Wertangabe, z. B. seitens des Staates, wenn es um Lehen oder Tribute ging. Diese herausragende Stellung war bereits den Nīšāpūrer Dinaren der Sāmāniden (10. Jh.) und Ġaznaviden zugekommen und die Errichtung des Selǧuqen-Reiches hatte hieran nichts geändert. So lesen wir vom dīnār nīšāpūrī in den Quellen etwa, wenn 1122 angeblich 1 Million davon investiert werden, um sich unter Sanǧar das Amt des Wesirs zu erkaufen, oder wenn Sanǧar einem Emir ein Lehen in Māzandarān zuweist, dessen Wert urkundlich mit 30 000 Dinaren der Sorte aus Nīšāpūr beziffert wird.

Wie Nāṣir-i Ḫusrau feststellte, als er auf seiner Reise von Mekka nach Baṣra 1051 in Falaǧ Station machte, gehörte beispielsweise sogar die Yamāma im heutigen Saudi-Arabien zu den Gebieten, in denen man allgemein mit dem dīnār nīšāpūrī zahlte (welcher al-Bīrūnī zufolge zudem die Währung des Perlen-Handels war). Seit die einheimischen Prägungen nicht mehr hoch im Kurs standen, hatte man auch im būyidischen Irak schon verbreitet nach Nīšāpūrī-Dinaren gerechnet, doch war hierhin gleich noch eine zweite überregional beliebte, da zuverlässig guthaltige Gold-Währung vorgedrungen: der dīnār maġribī der Fāṭimiden. Diese Münze war gewissermaßen das westliche Pendant zum dīnār nīšāpūrī, wurde vom sunnitischen ʿAbbāsiden-Kalifen in Bagdad allerdings ungern gesehen, da sie natürlich Namen und Slogans des schiitischen Erzfeindes in Kairo trug. Al-Qāʾim erließ daher 1035 ein Verbot der Erwähnung solcher maġribinischen Dinare in Kaufverträgen und anderen Dokumenten, was sich letztlich zwar nicht völlig durchgesetzt haben, doch der Dominanz der Nīšāpūrer Goldmünzen zuträglich gewesen sein mag – auf denen ja unter sāmānidischer, ġaznavidischer sowie selǧuqischer Herrschaft immer ordnungsgemäß der ʿabbāsidische Kalif genannt wurde. Letzteres gilt also auch für unsere Münze des Monats. Hier ist es al-Mustaẓhir bi-llāh (reg. 1094–1118), dessen Name mit dem Imam-Titel (nach dem Glaubensbekenntnis) unten im Rev.-Feld steht. Platz 2 in der auf dem Dinar dokumentierten Herrscherhierarchie nimmt nun allerdings noch nicht Sanǧar ein, da dieser damals noch gar kein Sultan war, sondern in Ḫurāsān nur als untergeordneter Vizekönig (malik) regierte. Hierzu hatte ihn 1097 sein Bruder Berkyaruq (reg. 1092–1105) ernannt, den der junge Prinz Sanǧar daraufhin als Sultan anerkannte, auch auf seinen Münzen. Dies änderte sich jedoch 1099/1100. Wie unser Dinar belegt, unterstütze Sanǧar jetzt offen den Sultanatsanspruch eines anderen Bruders namens Muḥammad Tapar, was bedeutet, dass er selbigen ab 493 H. anstelle Berkyaruqs über sich auf allen Münzen aufführen ließ und im mehrjährigen, wechselhaften Krieg zwischen den Brüdern für Muḥammad kämpfte. So lesen wir auf dem Av. (unter li-llāh): as-sulṭān al-muʿaẓẓam / Ġiyāṯ ad-Dunyā wa-d-Dīn / Abū Šuǧāʿ Muḥammad („der hochverehrte Sultan, Beistand der Welt und der Religion, Vater der Tapferkeit Muḥammad“). Neu ist zudem, dass die zweite, äußere Av.-Umschrift (Koran, 30:4–5) weggelassen und der Satz „Muḥammad ist der Gesandte Gottes“ vom Rev. auf das Av. verschoben wurde.

Sanǧar selbst ist auf dem Dinar direkt nach dem Sultan auf Platz 3 genannt (unten im Av.-Feld). Ehe er sich 1118 seinerseits zum obersten Herrscher des Selǧuqenreiches aufschwang, blieb er noch bis zu Muḥammads Tod dessen Vizekönig; entsprechend lautet sein Titel auf der Münze al-malik al-muẓaffar („der siegreiche König“). Normalerweise sind nun auf Prägungen Sanǧars aus Ḫurāsān keine weiteren, untergeordneten Personen aufgeführt, auch die mächtigsten Emir-Gouverneure nicht. Es muss daher erstaunen, dass wir (einzig) auf unserem Dinar rechts und links im Av.-Feld noch amīr / Ismāʿīl lesen. Wer war jener Emir und warum wurde er in diesem einen Jahr auf Nīšāpūrer Münzen genannt? Im SNAT-Bd. XIVa, wo das Stück von Atef Mansour Ramadan 2012 publiziert worden ist (s. S. 68 f., Nr. 664), wurde diese Frage nicht beantwortet und leider bleiben die Hintergründe auch weitgehend im Unklaren. Wahrscheinlich hängt die Nennung mit einer nicht überlieferten Entwicklung in besagtem Bruderkrieg zusammen, der im Prägejahr der Münze des Monats auch weit im Osten ausgetragen wurde. Entscheidend war hier die Schlacht bei Naušaǧān, in der Sanǧar über Berkyaruq und dessen mächtigen Oberemir Ḥabašī ibn Altun-Taq siegte. Letzterer hatte bis dahin auch große Teile Ḫurāsāns kontrolliert, die nun dauerhaft an den jungen malik fielen. Berkyaruq war damals in Nīšāpūr gewesen, während Ḥabašī u. a. 5000 Ismāʿīliten für den Kampf gegen Sanǧar gewann. Vermutlich stammten diese schiitischen Truppen aus Quhistān, wo für diese Zeit ein Emir namens Ismāʿīl belegt ist: Ḥusām ad-Dīn Abū l-Muẓaffar Ismāʿīl ibn Muḥammad Gīlakī. Dass dieser als Verbündeter in Frage kam, legen Lobgedichte nahe, die Muʿizzī und Ǧabalī – Hofpoeten der Selǧuqen – auf ihn verfassten; außerdem soll ein Emir Sanǧars den Gīlakī-Herrscher (auf Anordnung von oben) später einmal in Nīšāpūr willkommen geheißen haben. 494 H. hatte Sanǧar die Quhistān-Ismāʿīliten andererseits bekämpfen lassen und überhaupt wäre eher nicht anzunehmen, dass er und Muḥammad auf einer Münze gleichzeitig mit einem Alliierten Ḥabašīs anerkannt wurden. Wie dem auch sei, der Emir Ismāʿīl von Quhistān dürfte in diesen Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt haben, weshalb es sein kann, dass seine Macht 493 H. kurzzeitig bis nach Nīšāpūr reichte.

Saparmyrat Nyýazows Macht in Turkmenistan endete übrigens 2006 mit dem Tod des Türkmenbaşy; unter dem nachfolgenden Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow, Nyýazows Leibzahnarzt, wurde die Umbenennung der Monate und Wochentage 2008 wieder rückgängig gemacht.

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MdM October 2018

 

October 2018. Vor exakt 1000 Jahren (gemäß unserer Zeitrechnung) schrieb man in der islamischen Welt das Jahr 409 nach der Hidschra und aus ebendiesem Jahr stammt die erste „Münze des Monats“ aus der Sammlung der Forschungsstelle für islamische Numismatik Tübingen. Es handelt sich um einen Dirham mit einem Gewicht von 3,05 g. Geschlagen wurde die (im Gegensatz zu vielen anderen Prägungen der Zeit) guthaltige Silbermünze unter der Herrschaft des Būyiden Sulṭān ad-Daula (reg. 1012–1024) in dessen iranischer Residenz Šīrāz.

Vom Prägeort sind nur noch die drei letzten Buchstaben deutlich zu erkennen, doch selbst wenn diese Stelle gänzlich unleserlich wäre, ließe allein schon das außergewöhnlich künstlerisch-ansprechende Design auf die Hauptstadt der Provinz Fārs schließen. Hier entstand nämlich eine ganze Reihe būyidischer Münztypen, die durch eine ähnlich innovative Gestaltung und Ästhetik auffallen; vielleicht sollte das anspruchsvollere Layout die Dirhams auch fälschungssicherer machen.

Dem etwa gleichzeitig arbeitenden Stempelschneider im kakūyidischen Iṣfahān, einem gewissen Muḥammad, dienten die kleinen Kunstwerke aus Šīrāz offenbar als direktes Vorbild (L. Treadwell, Craftsmen and coins, S. 88). Während Muḥammad dank von ihm signierter Stempel namentlich bekannt ist, bleibt der Meister in Fārs so wie die meisten seiner Kollegen anonym.

Zwar sind es insbesondere die Dirhams des Būyiden Abū Kālīǧār (reg. 1024–1048), in denen hinsichtlich Kreativität und künstlerischem Raffinement ein Höhepunkt gesehen werden kann – zu bewundern sind spektakuläre Blütenformen, Achtorte und rankige Wellenlinien –, doch brachte die Suche nach neuen, komplexeren Designs in der būyidischen Münzprägung von Šīrāz unzweifelhaft schon zuvor sehr reizvolle Typen hervor (wenngleich die vollendete Eleganz qaraḫanidischer Prägungen unerreicht blieb). Nachdem die Serie eher konventionell gelayouteter Münzen bereits durch Prägungen ʿAḍud ad-Daulas unterbrochen worden war, auf denen ein doppeltes Hexagon das Inschriftenarrangement bestimmte, fällt das eigentliche Erblühen solcher Spezial-Designs in die ersten Jahre des 5. Jh. H. Noch unter Bahāʾ ad-Daula (reg. 989–1012) waren in Fārs erste Dirhams mit ausschließlich konzentrischen Kreisinschriften geschlagen worden (fast gleichzeitig fand der nasḫī-Duktus Verwendung), woraufhin unter Sulṭān ad-Daula, Abū Kālīǧārs Vater, bald mit kleinen Medaillons gearbeitet wurde oder eben – so wie auf unserem Tübinger Exemplar – mit wie aufgespannt wirkenden Feldern in Form regelmäßiger Hexagone, deren Seiten konkav sind und so eine Art Stern ergeben. Dabei setzen die effektvoll geperlten Bogenlinien bei 2, 4, 6, 8, 10 und 12 Uhr an einem durchgehenden Ring an, welchen auf dem Av. wie Rev. je eine Umschrift und zuletzt noch ein äußerer Perlkreis umläuft. Die zwischen den Bögen und dem Ring entstandenen sechs mandelförmigen Kartuschen wurden nur auf dem Av. allesamt mit Schrift befüllt – auf dem Rev. ließ man beachtenswerter Weise die linke und die rechte frei, was zur Leichtigkeit des gesamten Designs beiträgt.

Sulṭān ad-Daula trägt auf seiner Münze von 409 H. (1018/19) nicht nur einen Ehrennamen. Sein daula-laqab ist lediglich einer von vieren, die auf dem Av. zu lesen sind, und findet sich zusammen mit ʿIzz al-Milla („Macht der Glaubensgemeinschaft“) und Muġīṯ al-Umma („Helfer der Gemeinde“) innerhalb der kleinen Kartuschen, welche das zentrale Feld umgeben. Noch innerhalb des Feldes und damit an prominenterer Stelle steht unter dem Glaubensbekenntnis (Zl. 1–2) und gefolgt von der kunya Abū Šuǧāʿ („Vater der Tapferkeit“) jener Ehrenname, welcher erwartbar der höchstrangige ist: ʿImād ad-Dīn („Stütze der Religion“). Dieser ist zusätzlich dadurch hervorgehoben, dass er zusammen mit der kunya in einer anderen, kursiven Schriftart erscheint, gekennzeichnet durch zwei Ligaturen (ʿain-mīm und šīn­-ǧīm). In kalligraphischer Hinsicht ist auch die floral verzierte Form des ʿain in der Hunderterzahl der Jahresangabe (Av.-Umschrift) bemerkenswert.

Sulṭān ad-Daula war seinem Vater Bahāʾ ad-Daula zwar als oberster König des būyidischen Herrschaftsverbandes auf den Thron gefolgt, schaffte es aber nicht, sich innerhalb der verzweigten Familie gegen Rivalen durchzusetzen (s. H. Busse, Chalif und Grosskönig, S. 91 ff.). 1017, also erst etwa ein Jahr bevor unser Dirham in Šīrāz geprägt wurde, hatte Sulṭān ad-Daula diese so wichtige Stadt zurückerobern müssen, nachdem Fārs von seinem Bruder Qiwām ad-Daula, dem Herrn der östlichen Nachbarprovinz Kirmān, mit ġaznavidischer Unterstützung besetzt worden war. Zur Zeit dieses Übergriffs war Sulṭān ad-Daula gerade in Mesopotamien gewesen, wohin er nach der erfolgreichen Zurückdrängung Qiwām ad-Daulas (408 H.) zunächst zurückkehrte. Nichtsdestotrotz ging ihm das Zweistromland mit der Kalifenmetropole Bagdad Anfang der 1020er Jahre – anders als seine Kernprovinz Fārs – dauerhaft an einen weiteren Bruder namens Mušarrif ad-Daula verloren, welcher ihm zuletzt nicht einmal die Würde ließ, noch formell als Dynastieoberhaupt anerkannt zu werden.

Außer dem Bagdader ʿAbbāsiden-Kalifen al-Qādir bi-llāh (reg. 991–1031) – der Name findet sich nach der Propheten-Eulogie in der untersten Rev.-Zeile – lässt Sulṭān ad-Daula auf seiner Münze (über die Kartuschen bei 1, 11, 5 und 7 Uhr verteilt) auch noch al-Ġālib bi-llāh nennen. Bei dieser Person handelt es sich um al-Qādirs Sohn Abu l-Faḍl, welcher bereits im Februar 1001 achtjährig dazu bestimmt worden war, seinem Vater dereinst als Kalif nachzufolgen. Entsprechend ist der ʿabbāsidische Prinz auf dem Dirham als „sein“, d. h. al-Qādirs, „walī-ʿahd“ bezeichnet, also mit dem Titel eines designierten Thronerben.

Der Grund für die frühzeitige, in Bagdad öffentlich vor Würdenträgern und Mekka-Pilgern aus dem Osten der islamischen Welt verkündete Festlegung eines rechtmäßigen Nachfolgers war damals das Auftreten eines falschen kalifalen walī-ʿahd in Transoxanien gewesen. Genauer gesagt, hatte sich der dortige Herrscher aus der Dynastie der Qaraḫaniden durch ein fingiertes Ernennungsschreiben für seinen Günstling al-Wāṯiqī (einen Nachfahren des Kalifen al-Wāṯiq) davon überzeugen lassen, ebendiesen Mann sogar in der Freitagspredigt als al-Qādirs Thronfolger nennen zu lassen – was am Tigris freilich auf großes Missfallen stieß und eine rasche Klarstellung erforderte. So wurde die Meldung von al-Ġālibs Designation schriftlich in alle Provinzen übermittelt und die Nennung des (echten) Kronprinzen in der Freitagspredigt angeordnet, womit der būyidisch kontrollierte Kalif nicht zuletzt ein gewisses Maß an politischer Handlungsfähigkeit zeigte. Allerdings brauchte es interessanterweise erst Sulṭān ad-Daula, ehe auf Bagdader oder eben Šīrāzer Münzen tatsächlich auch al-Ġālibs Name zu lesen ist; Bahāʾ ad-Daula hatte sich zuvor offenbar geweigert, den ʿabbāsidischen walī-ʿahd auf diese Weise offiziell anzuerkennen (E. Hanne, Putting the Caliph in His Place, S. 67).

Nun war es al-Ġālib bi-llāh jedoch nicht vergönnt, seinen Vater zu überleben – als Todesjahr dieses Kronprinzen ist das Prägejahr unseres Dirhams das letzte, in welchem al-Qādirs designierter Thronfolger auf Münzen aufgeführt wurde.

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