22.10.2026
Von PISA bis zur Teamarbeit mit KI: Das Oktober LEAD Retreat 2026
Drei Tage in Bad Boll, ein großes Thema (wie wir im Zeitalter der KI lernen, lehren und zusammenarbeiten) und viel Raum für Austausch.
Mittwochmorgen, 7:30 Uhr: Ein Bus voller LEAD-Mitglieder bricht von Tübingen nach Bad Boll auf. Drei Tage später kam er etwas müder, deutlich besser vernetzt und mit weitaus gefestigteren Meinungen zu PISA zurück.
Kommt die PISA-Apokalypse (?)
Nach der Vorstellung der neuen Mitglieder und der ersten Posterausstellung im Foyer zeigte Ulrike Rangel (IBBW), wie Baden-Württemberg versucht, Daten für die Schulen nutzbar zu machen. Anschließend widmete sich ein Podium mit Ulrich Trautwein, Ulrike Rangel und Patrick Kyllonen, moderiert von Benjamin Goecke und Janina Täschner, der Frage „PISA 2025: Apocalypse coming (?)". Dabei ging es weniger darum, wie schlecht die Zahlen sind, sondern darum, was wir mit dem tun, was wir längst wissen: Wie kommt Forschung in echte Klassenzimmer? Wer geht hinter den Durchschnittswerten verloren? Und wie misst man Lernen, wenn neben jeder Schülerin und jedem Schüler eine KI sitzt? Zum Mittagessen gab es eine zufällige Sitzordnung, ein erstaunlich wirksames Mittel, um aus Fremden künftige Kooperationspartner:innen zu machen.
Ein Einhorn wird gewählt
Am Nachmittag gehörte der Hauptraum dem Hector AI + Education Future Fund. Neun Projekte pitchten und präsentierten ihre Poster, und alle Anwesenden durften abstimmen. Gewonnen hat ETQ-AI, ein System, das Lehrkräften KI-gestützt in Echtzeit Feedback zu ihrem Unterricht gibt und nun offiziell „Tübingen's next Unicorn" ist.
Direkt danach fragte Nia Nixon (UC Irvine), was passiert, wenn eine KI Teil des Teams wird. Ihre Studien deuten darauf hin, dass ein KI-Teammitglied die Entscheidungen einer Gruppe unmerklich verschieben kann, selbst wenn ihm niemand gesagt hat, was es denken soll. Denkstoff vor dem Abendessen.
Schlüssel, Laternen und die Osterinsel
Der Donnerstag begann mit einer Keynote von Patrick Kyllonen (ETS) über Zusammenarbeit. Sein Ausgangspunkt: Schulen und Tests prüfen fast immer Einzelleistungen, aber in Beruf und Wissenschaft lösen wir Probleme im Team. Messen wir also vor allem das, was sich leicht messen lässt, statt das, worauf es ankommt? Wie jemand, der seinen verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort heller ist. Kyllonen zeigte Studien, in denen Gruppen gemeinsam Aufgaben lösen, Entscheidungen treffen und verhandeln, und fragte, ob sich Teamfähigkeit als eigene Kompetenz messen lässt. Seit KI zum Teammitglied wird, ist die Frage noch dringlicher.
Am Nachmittag stellte Shana Carpenter (Oregon State University) das Publikum auf die Probe, und zwar mit einer Frage, bevor jemand etwas gelernt hatte: Welche Religion herrschte auf der Osterinsel vor, nachdem die Statuen gefallen waren?
Genau das ist ihr Forschungsthema, „Pretrieval": Wer Lernenden Fragen stellt, bevor sie die Antworten kennen, hilft ihnen, sich den Stoff später besser zu merken, auch wenn sie die Antwort nicht wissen und kein Feedback bekommen. Schon eine einzelne Frage zu Beginn einer Vorlesung kann also verändern, worauf Studierende achten.
Dazwischen hielten Posterausstellungen, das Postdoc-Symposium zum selbstregulierten Lernen in digitalen Umgebungen und vier Special Interest Groups das Foyer in Bewegung.
Zehn Minuten bis zum Abendessen
Der Abend gehörte dem Science Slam, moderiert von Wy Ming Lin: drei Promovierende, je zehn Minuten und ein hungriges Publikum. Gayatri Nerpagar erforscht, wie gut Musiker:innen einschätzen können, wie genau sie sich bewegen. Dafür spielen sie Gitarre ohne Bünde und ohne Blick aufs Griffbrett. Wer sich präziser bewegt, nimmt das zwar besser wahr, ist sich dessen aber nicht unbedingt bewusster. Eleni Kanli widmete sich einem hartnäckigen Mythos im Spanischunterricht: Halten mehrsprachige Schüler:innen die Klasse auf, oder sind sie heimliche Superheld:innen? Ihre Antwort: weder noch, es kommt darauf an, und die beteiligten Sprachen spielen eine Rolle. Und Jakob Schwerter plädierte für das Üben, mit Unterstützung von Ted Lasso, einem Studenten, der genau drei Tage geübt hatte, und ehrlichen Daten dazu, wie schwer es ist, Studierende überhaupt zum Üben zu bringen. Das Applausmeter kürte Jakob zum Sieger, aber alle drei gingen mit Urkunden und einem tosenden Publikum nach Hause.
Lernen aus dem, was (noch) nicht funktioniert
Am Freitag schloss Manu Kapur (ETH Zürich) das Programm mit einer Keynote zu Productive Failure, gefolgt von einem Podium zum produktiven Scheitern in der Wissenschaft, ein passendes Finale für ein Retreat, bei dem es ums gemeinsame Lernen ging.
Wir bedanken uns bei allen, die gesprochen, gesslammt, gepitcht, Poster präsentiert, getanzt oder einfach dabei waren. LEAD sind die Menschen, die es ausmachen. Wir freuen uns aufs nächste Retreat!