Frau Hünger, was ist Ihr Lieblingsbuch, was Ihr Lieblingstheaterstück?
Eine schwierige Frage – ich habe so viele Lieblingsbücher. Meine ‚literarische Initiation’ hat auf jeden Fall mit Samuel Beckett begonnen, sein gesamtes Oeuvre ist mir sehr nah. Und daraus haben sich, glaube ich, viele Lieben entwickelt. Was Theaterstücke angeht – da sind wir natürlich wieder bei Beckett, Tom Stoppard oder aber Elfriede Jelinek.
Die Schriftstellerinnen, die im Vergleich zu ihren Kollegen deutlich zu wenig Beachtung finden, liegen mir ganz besonders am Herzen: Ilse Aichinger, Friedericke Mayröcker, Zsuzsanna Gahse oder Helga M. Novak usw. Zu diesem Thema gebe ich im Sommersemester gemeinsam mit meinen Kolleginnen Heike Gfrereis und Carolin Callies auch das Seminar ‚Frauenliteratur im Archiv‘.
Frauen sind in der Literatur nahezu in allen Bereichen unterrepräsentiert. Zur Rechtfertigung werden immer wieder Vorurteile bemüht: Frauen hätten weniger geschrieben, Frauen kreisten nur um Frauen, Frauen seien die schlechteren Autorinnen... Dabei gibt es eine Vielzahl großartiger Autorinnen, nur sind sie allesamt kaum durch Werkausgaben und Archive überliefert. Denn Männer haben Geschichte geschrieben und wiederum Männern die maßgeblichen Rollen zugewiesen.
Wir versuchen, in diesem Seminar die Perspektiven zu wechseln und recherchieren nach Objekten in den Nachlässen von Schriftstellerinnen, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach gesammelt werden, um ein imaginäres Museum daraus zu bauen. Welche Exponate kommen in dieses Museum, wie schreiben wir mit ihnen Literaturgeschichte und welche (literarischen oder wissenschaftlichen) Kommentare begleiten sie?
Was haben Sie studiert?
Meine Alma Mater ist die Bauhaus-Universität Weimar. Ich habe zunächst angefangen, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der FSU Jena zu studieren. Aber irgendetwas hat mir in diesem Studium gefehlt, besonders unter der Germanistik habe ich gelitten. Deswegen habe ich Kunst studiert und bin diplomierte freie Künstlerin.
Der Studiengang ‚Freie Kunst’ an der Uni Weimar wurde zu DDR-Zeiten in den 1970er-Jahren verboten und erst in den 1990er-Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung, wieder neueröffnet. Damals hat der Studiengang sich an der zeitgenössischen Kunst orientiert: viel Performance, Bodyart, Video, Installationen – also die eher neueren Medien waren das Feld, in dem man sich im Rahmen des Studiengangs bewegen konnte.
Und doch sind Sie bei der Literatur gelandet...
Ich bin durch mein Studium vielseitig aufgestellt. Von Haus aus bin ich aber Schriftstellerin. Ich komme aus der Lyrik, einem prekären Bereich der Literatur sozusagen. Ich denke, ich habe einfach die Sprache gewechselt: Von der Bildenden Kunst zur Literatur. In gewisser Weise ist Adorno „schuld“: Durch eine frühe und übereifrige Lektüre der Ästhetischen Theorie ist mir das eigene bildkünstlerische Arbeiten unmöglich geworden. So habe ich schon zu Studien-Zeiten ins theoretische Fach und damit zum Medium Schrift gewechselt.
Meine jetzige Aufgabe am Studio Literatur und Theater, nämlich Werkstätten oder Seminare zum kreativen Schreiben zu geben, hat auch meine ganze Berufswelt bestimmt. Ich habe bereits für verschiedenste Organisationen und Häuser solche Werkstätten und Seminare geleitet.
Tübingen ist Ihnen bereits gut bekannt...
Ich war 2018 bereits für drei Monate als Stadtschreiberin Tübingen. Und das war ich wirklich sehr gerne. Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt in dem Vierteljahr und viele Bekanntschaften und Freundschaften gewonnen. Deswegen habe ich mich mit Begeisterung auf die Stelle beim Studio Literatur und Theater beworben. Es eine bemerkenswerte Einrichtung – das einzige Literaturinstitut im deutschsprachigen Raum, für das es keinerlei Eignungstest gibt. Hier kann sich jede und jeder aus jeglicher Fakultät und mit jedwedem Hintergrund frei und kreativ betätigen. Ich finde, jede Hochschule sollte eine solche Einrichtung haben!
Ist das Studio Literatur und Theater ausschließlich ein Angebot für Studierende?
Nein, wir sind für alle offen, auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität. Und es gibt auch einige Gasthörerinnen und -hörer, die unser Angebot sehr gerne annehmen.
Was ist Ihre persönliche Vorstellung vom Studio Literatur und Theater?
Die zentrale Aufgabe des SLT ist für mich, die Leute zum Schreiben und auch zum Denken zu ermutigen. Ich bemühe mich, allen die Ehrfurcht vor den Texten und auch vor dem literarischen Kanon zu nehmen. Wir müssen immer wieder hinterfragen: Was sind das für Positionen, was für Werturteile sprechen wir aus? – Ich versuche eine Art permanenten und kritischen Dialog zu schaffen, das finde ich generell ganz wichtig im Umgang mit Wissen, mit Wissensbegriffen und Wissensgegenständen. Wir sollten uns immer gewärtig machen, dass all das historisch gewachsen ist und somit eine Geschichte hat.
Ich wünsche mir, dass das Studio ein offener und freier Raum ist. Ein kreativer Raum für Studentinnen und Studenten, in dem sie Mitspracherecht haben und in den sie mitgestalten können. Gemeinsam mit Studierenden des SLT haben wir deshalb ein Selbstverständnis entworfen, dass diesen Raum und auch meine künftige Arbeit konturieren soll.