Uni-Tübingen

Sommeruniversität

Sommeruniversität an der Universität Tübingen heißt, dass Studierende und die interessierte Öffentlichkeit aus einer Serie von fünf allgemein verständlichen, aber dennoch forschungsaktuellen und spannenden Vorlesungen aus ganz verschiedenen Fachgebieten auswählen können. Die Sommeruniversität wird organisiert in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Tübingen und ist Teil des Tübinger Kultursommers.

Die Vorlesungen finden jeweils um 10:15 Uhr im Hörsaal des Theologicums, Liebermeisterstraße 16, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Für Personen mit Hörgerät bieten wir eine mobile drahtlose Signalübertragungsanlage (FM-Anlage) an. 
Einzige Voraussetzung: Das Hörgerät muss mit einer sogenannten „Telefonspule“ (vom Akustiker aktivierte T-Spule) ausgestattet sein.

Montag, 27. Juli

Wem gehören Sammlungen? Provenienzforschung am MUT zwischen kolonialem Erbe, Restitution und Verantwortung

Dr. Annika Vosseler & Dr. Anne Kremmer

Was bedeutet Provenienzforschung an einem Universitätsmuseum? Der Vortrag gibt Einblicke in die Arbeit am Museum der Universität Tübingen MUT und zeigt, wie koloniale Sammlungsgeschichten erforscht, aufgearbeitet und neu verhandelt werden. Anhand ausgewählter Beispiele — darunter das Verbundprojekt „Prekäre Provenienz“ (2021–2024), die Restitution von Hinematioros Pou im März 2026 und aktuelle Forschungen zu menschlichen Gebeinen aus kolonialen Kontexten — stellen wir Fragen, Methoden und Herausforderungen unserer Arbeit vor. Dabei zeigen wir, wie der Arbeitsalltag von Provenienzforscherinnen aussieht und warum diese Forschung für Universitäten und ihre Sammlungen wichtig ist.

Dr. Annika Vosseler und Dr. Anne Kremmer arbeiten am Museum der Universität Tübingen im Bereich Provenienz- und Sammlungsforschung. Sie beschäftigen sich mit kolonialen Sammlungskontexten, menschlichen Gebeinen, Restitutionsprozessen und der Frage, wie Universitäten Verantwortung für ihre Sammlungen übernehmen können.


Dienstag, 28. Juli

KI und Bildung: Geht das zusammen?

Prof. Dr. Andreas Lachner

Künstliche Intelligenz (KI) erfasst gegenwärtig nahezu alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und verändert dabei grundlegend, wie Menschen lernen, arbeiten und kommunizieren. Auch der Bildungsbereich steht vor tiefgreifenden Transformationsprozessen, die sowohl Potenziale als auch Herausforderungen mit sich bringen. In dem Vortrag werden aktuelle empirische Befunde zu den Auswirkungen von KI auf Schule und Unterricht systematisch aufgearbeitet und kritisch diskutiert. Dabei stehen insbesondere Ergebnisse aus kontrollierten Studien sowie Analysen realer Nutzungsdaten im Fokus. 

Prof. Dr. Andreas Lachner erforscht, wie Bildungstechnologien adaptiv in Schule und Unterricht integriert werden können, mit dem Ziel, Bildung gerechter und wirksamer zu gestalten. Er ist Professor für Lehren und Lernen mit digitalen Medien und Co-Direktor des Tübingen Center for Digital Education (TüCeDE).


Mittwoch, 29. Juli

Ein südkoreanischer Sonderweg? Fallen und Tücken einer Erfolgsgeschichte

Prof. Dr. You Jae Lee

Südkorea hat wie kaum ein anderer postkolonialer Staat den Sprung in die Liga der Industrienationen geschafft. Auch die südkoreanische Populärkultur findet heute weltweit große Resonanz. Der Vortrag geht der Frage nach den Gründen dieses Erfolgs nach und stellt dabei einige seiner zentralen Elemente heraus, darunter Bildungseifer, Familiensolidarität, staatliche Planung und Bürgersinn. Die komprimierte Modernisierung hat jedoch auch zahlreiche Probleme hervorgebracht, die die heutige koreanische Gesellschaft vor große Herausforderungen stellen. Dazu zählen soziale Ungleichheit, die demografische Entwicklung (niedrige Geburtenrate und hohe Lebenserwartung) sowie gesellschaftliche Polarisierungen – etwa zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Generationen und den Geschlechtern.

Professor Lee studierte Geschichte, Koreanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Berlin (FU Berlin, HU Berlin) und Seoul (SNU). Er promovierte an der Universität Erfurt im Fach Geschichtswissenschaften und widmete sich dabei dem Thema der christlichen Missionen während der Kolonialzeit. 2010 wurde er als Juniorprofessor für Koreanistik und 2018 als Lehrstuhlinhaber (W3) an der Eberhard Karls Universität Tübingen berufen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Postkolonialismus, Kalter Krieg, Diaspora und Alltagsgeschichte. Seit September 2021 leitet er das 10-jährige AKS Strategic Research Institute und ist seit Oktober 2012 Direktor des King Sejong Institute Tübingen.


Donnerstag, 30. Juli

Die Ewigkeitschemikalien PFAS – neue Probleme mit „alten“ Stoffen?

Prof. Dr. Christian Zwiener

Poly- und Perfluoralkylsubstanzen (PFAS) umfassen tausende Einzelstoffe und werden aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften sehr vielfältig verwendet in Produktion, im Brandschutz, Kältemitteln, Kochgeschirr oder Kosmetik. Aufgrund ihrer überaus hohen Stabilität (Persistenz) und einer bisher weit unterschätzten Toxizität sind sie jedoch als Problemstoffe einzustufen. Deshalb wurden einzelne Vertreter bereits verboten, Grenzwerte in die neue Trinkwasserverordnung eingeführt und bei der Europäischen Chemikalienbehörde (ECHA) ein Verfahren zur umfassenden Beschränkung der gesamten Stoffklasse gestartet. Der Vortrag geht auf die Stoffklasse der PFAS und deren Historie ein und beleuchtet relevante Fragen aus Forschung, Regulierung und Verbrauchersicht.

Prof. Dr. Zwiener ist Diplom-Chemiker mit Schwerpunkt Analytik von organischen Spurenstoffen und seit 2009 Professor für Umweltanalytik im Fachbereich Geowissenschaften. Er lehrt im Studiengang Umweltnaturwissenschaften und ist Mitglied im Vorstand der Wasserchemischen Gesellschaft, im ThinkTank PFAS der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und Delegierter der Europäischen Chemischen Gesellschaft (EUChemS). Die Forschungsschwerpunkte liegen auf organischen Spurenstoffen, deren Analytik, Verhalten und Schicksal in der Umwelt und in technischen Prozessen der Wasseraufbereitung und Sanierung. In den letzten 8 Jahren hat er mehr als 30 Fachbeiträge zum Thema PFAS publiziert.


Freitag, 31. Juli

Schallplatten und ihre Beilagen als Sammlungsobjekte an der Universität Tübingen

Prof. Dr. Thomas Schipperges & Dr. Jörg Büchler

Spätestens seit Nick Hornbys Roman High Fidelity (1995) geriet die Vinyl-Szene neu in Bewegung. Die Rückkehr der Langspielplatte – seit 1948 verbreitet, nach 1982 von der CD zunehmend abgelöst – wurde inzwischen viel behandelt. Zum Kultcharakter der Schallplatte tragen nicht nur die in Vinyl gepressten Klänge bei. Cover und Beigaben bilden ein multimediales Gesamtkunstwerk aus Bildern, Texten, Noten und technischen Daten. Hier setzt der Vortrag an mit Blick auf die Sammlungen der Universität (UB, Musikwissenschaftliches Institut, Museum der Universität MUT; darunter Schenkungen des SWR und der Kirchenmusikhochschule).

Thomas Schipperges war nach Stationen in Heidelberg, Leipzig und Mannheim von 2013 bis 2026 Professor für Musikwissenschaft am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen, jetzt Seniorprofessor. Jörg Büchler studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Tübingen und ist nach Tätigkeiten in Forschungsprojekten seit 2021 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Institut, 2024 Promotion.


Dienstag, 5. August 

Klimavariabilität und Erdsystemdynamik – wie und was wir für die Zukunft aus der Vergangenheit lernen können

Prof. Dr. Kira Rehfeld

Das Erdsystem verändert sich über Jahrmillionen hinweg. Menschliche Eingriffe über die letzten Jahrhunderte haben die Entwicklung des Klimas in einer nie zuvor gekannten Geschwindigkeit verändert. Mit Klimasimulationen können vergangene Klimaveränderungen beschrieben, verstanden und ein Blick in die Zukunft geworfen werden. Mit Beobachtungsdaten und Rekonstruktionen aus Paläodaten, beispielsweise vor 127 000 Jahren, kann getestet werden, was eine Erwärmung von 1,5 Grad für das Erdsystem bedeutet. Zeitlich bewegen wir uns dabei von der Vergangenheit (seit dem weitgehenden Aussterben der Dinosaurier) bis in die Gegenwart und von den heute zu treffenden Entscheidungen bis in die nächsten 300 Jahre.

Kira Rehfeld ist Professorin für Klimatologie an der Universität Tübingen, angesiedelt am Geo- und Umweltforschungszentrum und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters TERRA. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der raum-zeit-übergreifenden Klimamodellierung und der Untersuchung von CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.


Mittwoch, 6. August 

Lebenswelten muslimischer Geflüchteter in Deutschland

Dr. Abdelghafar Salim

Seit 2015 haben viele Menschen aus islamisch geprägten Ländern in Deutschland Zuflucht gefunden. Ihre Ankunft hat wichtige Diskussionen über Integration und das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft angestoßen. Dabei wird die Religionszugehörigkeit muslimischer Geflüchteter häufig mit Integrationsherausforderungen verbunden.
Zugleich besteht ein erheblicher Bedarf an vertieftem Wissen über ihre alltäglichen Lebenswelten: Wie gestalten muslimische Geflüchtete ihr religiöses Leben im deutschen Kontext? Welche Rolle spielt Religion im Zusammenspiel mit prägenden Erfahrungen wie Flucht, Traumata und Gefühlen von Unsicherheit? Der Vortrag greift diese Fragen auf und zieht Rückschlüsse für gesamtgesellschaftliche Herausforderungen und die Integrationsdebatte.

Abdelghafar Salim ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen. Zuvor war er am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle/Saale. Er forscht an der Schnittstelle von Recht, Ethik und praktischer Theologie im Islam.


Donnerstag, 7. August 

Die Insel der Zwergdinosaurier

Dr. Felix Augustin

Wenn wir an Dinosaurier denken, fallen uns zuerst spektakuläre Riesenformen aus weit entfernten Gebieten der Erde ein. Doch kurz vor dem Aussterbeereignis am Ende der Kreidezeit lebten einige der ungewöhnlichsten Dinosaurier aller Zeiten mitten in Europa – auf kleinen Inseln inmitten eines subtropischen Meeres. In diesem Vortrag werden die einzigartigen Dinosaurier aus Transsilvanien vorgestellt.

Felix Augustin arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geowissenschaften der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Evolution und Ökologie fossiler Wirbeltiere. Sein aktuelles Forschungsprojekt befasst sich mit der Diversität und Paläoökologie der Oberkreide Transsilvaniens – der „Insel der Zwergdinosaurier“.


Freitag, 8. August 

Symmetrien in Mathematik und Allgemeiner Relativitätstheorie

Prof. Dr. Carla Cederbaum

Bereits in der Schule beschäftigen wir uns mit Symmetrien wie etwa der Spiegelsymmetrie ebener Figuren oder der Rotationssymmetrie dreidimensionaler Körper. Diese sind nicht nur ästhetisch, die Symmetrie hilft uns auch, z.B. den Flächeninhalt einer ebenen Figur oder das Volumen eines dreidimensionalen Körpers zu bestimmen. Auch in der mathematischen Forschung spielen Symmetrien eine große Rolle.
Wir werden über die mathematische Definition von Symmetrien sprechen und ergründen, welche Rolle Symmetrien in der (Differential-)Geometrie und Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie spielen.

Carla Cederbaum studierte Mathematik und Physik in Freiburg und Cambridge und wurde 2011 in Berlin promoviert. Anschließend war sie Professorin an der Duke University. Seit 2019 ist sie Lehrstuhlinhaberin in Tübingen. Sie erhielt u.a. den Manfred-Fuchs-Preis der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und den Tübinger Preis für Wissenschaftskommunikation.


Freitag, 11. August 

Die Natur der Mikroorganismen – clevere Chemikerin mit Alternative für Glyphosat?

Prof. Dr. Stephanie Grond

Mikrobielle Naturstoffe sind eine vielversprechende Quelle zur Entdeckung neuer chemischer Strukturen. Sie erfordern den Einsatz moderner chemischer Analytik. Die produzierten Moleküle verschaffen den Mikroorganismen in ihrem Lebensraum offensichtlich einen Vorteil. Wir staunen, wie clever die Natur die erfolgreichen Lebensgemeinschaften eingerichtet hat – auf molekularer Ebene. Der Vortrag zeigt, mit welchen Forschungsmethoden die Moleküle aus den Bakterien entdeckt und weiterentwickelt werden. Wir Menschen wollen hier die Chemie der Natur als Vorbild für Innovationen in technischen Anwendungen der Medizin, Landwirtschaft oder Materialtechnik nutzen.

Prof. Dr. Stephanie Grond ist seit 2009 Professorin am Institut für Organische Chemie der Universität Tübingen. Sie hat in Göttingen Chemie und Biologie studiert und zur Chemie bakterieller Wirkstoffe promoviert. Forschungsarbeiten zur Molekularbiologie neuer Naturstoffe führten Sie 2001 an die University of Washington und 2018 zur Enzymchemie an die McGill University in Montreal.