Uni-Tübingen

Sommeruniversität

Sommeruniversität an der Universität Tübingen heißt, dass Studierende und die interessierte Öffentlichkeit aus einer Serie von zehn allgemein verständlichen, aber dennoch forschungsaktuellen und spannenden Vorlesungen aus ganz verschiedenen Fachgebieten auswählen können. Die Sommeruniversität wird organisiert in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Tübingen und ist Teil des Tübinger Kultursommers.

Die Vorlesungen finden jeweils um 10.15 Uhr im Hörsaal des Theologicums, Liebermeisterstr. 16, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Montag, 1. August

Die „Völkerwanderung“

Prof. Dr. Mischa Meier

Begrüßung: Oberbürgermeister Boris Palmer, Prorektorin Prof. Dr. Karin Amos

Mit dem Begriff „Völkerwanderung“ verbinden sich vielfältige Assoziationen: endlose Wagentrecks, germanische und hunnische Kriegerscharen und nicht zuletzt der Untergang des Römischen Reiches. In der Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten hingegen ein weitaus diffizileres Bild entwickelt, das von populären Mythen in weiten Teilen abweicht. Ziel des Vortrags ist, die „Völkerwanderung“ aus der Perspektive der aktuellen historisch-archäologischen Forschung neu einzuordnen und zu deuten. Dabei wird es auch um wirkungs- und wissenschaftsgeschichtliche Fragen gehen.

Prof. Dr. Mischa Meier studierte Klassische Philologie und Geschichte in Bochum. Nach seiner Habilitation an der Universität Bielefeld zur Geschichte Ostroms im 6. Jahrhundert wurde er 2004 auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte in Tübingen berufen. 2022 erhielt er den Leibniz-Preis für seine umfassenden Forschungen zur Spätantike.
 

Dienstag, 2. August

Die Hochwasserkatastophe vom Juli 2021. Konfliktäre Social-Media-Resonanzen zwischen Anteilnahme, Verschwörungstheorien und Moralisierungen

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne

Das Juli-Hochwasser des Jahres 2021 im Westen Deutschlands lässt sich nicht nur als die folgenschwerste ‚Naturkatastrophe‘ Deutschlands seit der Sturmflut an der Nordseeküste im Jahr 1962 verstehen, sie hat auch eine bis heute andauernde politische, administrative und massenmediale Resonanz erfahren. Gerade in den sozialen Medien wurde die Flutkatastrophe mit starker Polarisierung verschwörungstheoretisch und moralisch aufgeladen diskutiert. Vor dem Hintergrund der Konflikttheorie Ralf Dahrendorfs erfolgt eine Einordnung wesentlicher Aspekte der Social-Media-Debatten.

Dr. Dr. Olaf Kühne ist seit 2016 Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Tübingen. Er befasst sich insbesondere mit der differenzierten sozialen Konstruktion von Räumen, insbesondere Landschaften, und den daraus erwachsenden sozialen Konflikten. Bei seinen Forschungen folgt er einem neopragmatischen Ansatz.
 

Mittwoch, 3. August

Relativität in Einsteins Relativitätstheorie — Bedeutung und Grenzen des Relativen

Prof. Dr. Carla Cederbaum

 „Alles ist relativ“, sagte Albert Einstein dem Volksmund zufolge. In Wahrheit ist es natürlich komplizierter: Seinen Relativitätstheorien (der Speziellen, SR, und der Allgemeinen, AR) liegt zwar die Idee zu Grunde, dass die Beschreibung von Raum und Zeit sowie von ihnen innewohnenden Phänomenen abhängig von den Beobachtenden, ergo relativ ist. Allerdings ist eben doch nicht alles relativ, manche physikalischen Größen und Eigenschaften sind von den Beobachtenden unabhängig. Wir werden Beispiele dafür kennen lernen, sowohl aus der elementareren SR als auch aus der umfassenderen AR. Tiefergehende Kenntnisse in Mathematik oder Physik werden nicht vorausgesetzt.

Prof. Dr. Carla Cederbaum studierte Mathematik und Physik in Freiburg und Cambridge und wurde 2011 in Berlin promoviert. Anschließend arbeitete sie an der Duke University in Durham, North Carolina. Seit 2019 ist sie Lehrstuhlinhaberin in Tübingen. Sie erhielt u.a. den Manfred Fuchs Preis der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und den Tübinger Preis für Wissenschaftskommunikation.
 

Donnerstag, 4. August 

„Es ist worden spät“. Endzeit bei Lord Byron, Charles Baudelaire und Stefan George

Prof. Dr. Eckart Goebel 

Der Vortrag bietet die detaillierte Lektüre eines kurzen Gedichtes aus dem Zyklus Das Jahr der Seele von Stefan George. Adorno lobte es als das „größte und rätselhafteste“ Gedicht, das von George existiert. Es ist titellos und beginnt: „Ihr tratet zu dem herde/Wo alle glut verstarb“. Gezeigt werden soll, dass George in dieses Endzeitgedicht raffiniert Bezüge auf Gedichte anderer Lyriker einwebt, auf Goethes Prometheus, Byrons Darkness und Baudelaires Sonett über den Untergang der romantischen Sonne. Auf engstem Raum entsteht eine Miniaturgeschichte moderner Lyrik, von deren Glut nur noch graue Asche in eisiger Mondnacht geblieben ist.

Prof. Dr. Eckart Goebel studierte in Berlin und Oxford und promovierte und habilitierte sich an der Freien Universität Berlin im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Von 2005 bis 2015 war er Professor for German an der New York University. Seit 2015 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Komparatistik und Neue deutsche Literatur an der Universität Tübingen. Seine Schwerpunkte: Goethezeit, Literatur und Psychoanalyse, klassische Moderne, Ideengeschichte.
 

Freitag, 5. August 

Peptid-basierte Immuntherapie: T-Zellen im Kampf gegen COVID-19

Prof. Dr. med. Juliane Walz 

Der Vortrag präsentiert die Forschungsarbeit von Prof. Dr. Juliane Walz und ihrem Team im Rahmen der COVID-19 Pandemie. Sie hat einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der T-Zell-vermittelten Immunität gegen SARS-CoV-2 geleistet und bildet darüber hinaus die Grundlage für die Entwicklung eines Multi-Peptid-Impfstoffs gegen COVID-19. Bisherige Impfstoffe gegen COVID-19 schlagen bei Menschen mit Immunschwäche – wie Patient_innen mit angeborenem Immundefekt, aber auch an Krebs Erkrankten – schlecht an, da häufig nicht ausreichend Antikörper gebildet werden. Gleichzeitig hat diese Gruppe ein besonders hohes Risiko für einen schweren Verlauf der Krankheit. Erkenntnisse aus der Peptid-basierten Immuntherapie für Tumor- und Infektionserkrankungen konnten nun in einen neuen Corona-Impfstoff überführt werden, der sich bereits in einer ersten klinischen Prüfung befindet und möglicherweise diese Lücke schließen kann.

Prof. Dr. med. Juliane S. Walz (*1985) ist eine deutsche Hämatologin, Onkologin und Immunologin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Immuntherapien für Krebs- und Infektionserkrankungen. Im Jahr 2022 wurde sie auf eine Professur für Peptid-basierte Immuntherapie und als Medizinische Direktorin an die Universität Tübingen berufen.
 

Montag, 8. August 

Russland – eine lupenreine Diktatur

Dr. Ralf Frankenberger

Mit dem Ende der Sowjetunion verbanden viele Politiker_innen und Wissenschaftler_innen die Hoffnung auf eine friedliche und demokratische Zukunft. Nach den Wirren der Jelzin-Ära schaffte es Präsident Wladimir Putin das politische System zu stabilisieren – indem er das Land grundlegend reformierte. Dabei handelte es sich jedoch mitnichten um eine Demokratisierung, sondern die Transformation in eine lupenreine Diktatur. Der Vortrag zeigt auf, wie und entlang welcher Entwicklungslinien dies geschah, welche Rolle dabei die neue russische Ideologie spielt und warum mit einer Öffnung kaum zu rechnen ist.

Dr. Rolf Frankenberger hat in Tübingen Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert und im Fach Politikwissenschaft promoviert. Er arbeitet als Akademischer Oberrat am Institut für Politikwissenschaft. Seine Schwerpunkte sind Autokratie und Demokratie, Populismus, Politische Kultur und Partizipation im Vergleich.
 

Dienstag, 9. August 

Aufbruch zu einem neuen Arbeitsrecht der katholischen Kirche

Prof. Dr. Hermann Reichold

Die Kirchen sind nach dem Staat Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber – aber nur deshalb, weil die Einrichtungen von Caritas (ca. 700.000 Beschäftigte) und Diakonie (ca. 600.000 Beschäftigte) der Amtskirche jeweils mit ihren besonderen arbeitsrechtlichen Regeln zugerechnet werden. Diese besondere, in Europa singuläre Stellung des kirchlichen Arbeitsrechts unter anderem mit besonderen „Loyalitätsobliegenheiten“ der Mitarbeitenden wurde durch die Kampagne #OutInChurch, die sich für die Rechte von LGBTIQ+-Personen am kirchlichem Arbeitsplatz einsetzt, stark erschüttert. Die sogenannte „Grundordnung“ wird nun überarbeitet und stark liberalisiert – darüber wird zu reden sein.

Prof. Dr. Hermann Reichold ist seit 2000 Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht an der Universität Tübingen. Von 2007 bis 2012 war er Richter am Staatsgerichtshof Baden-Württemberg, von 2008 bis 2010 Dekan der Juristischen Fakultät. Seit 2011 ist er der Leiter der Forschungsstelle für kirchliches Arbeitsrecht.
 

Mittwoch, 10. August 

Die wunderbare Welt der Farbe im Kino

Prof. Dr. Susanne Marschall 

Wir empfinden Farben aufgrund eines komplizierten Wahrnehmungs- und Denkprozesses, halten sie aber im Alltag einfach für einen objektiv vorhandenen Bestandteil unserer visuellen Umgebung. Als Element künstlerischer Gestaltung auf der Leinwand bewegen sich die Farben des Films zudem in einem reichen Beziehungsgefüge zwischen Wahrnehmung und Erinnerung, Technik- und Filmgeschichte. In die Filmästhetik fließen künstlerische Handschriften, kulturelle Kontexte und auch Modeerscheinungen ein. Der Vortrag vertieft sich anhand ausgewählter Filmbeispiele in die wunderbare Welt der Filmfarben und deren subtile Wirkung auf das Publikum.

Prof. Dr. Susanne Marschall hat Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Köln und Mainz studiert. 2005 habilitierte sie sich mit der Monografie „Farbe im Kino“. 2010 nahm sie den Ruf auf die Professur für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen an. Seitdem ist sie auch Direktorin Zentrums für Medienkompetenz der Universität.
 

Donnerstag, 11. August 

Negative Emissionstechnologien – eine mögliche Antwort auf die Klimakrise?

Dr. Holger Euchner

Um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen, sehen realistische Szenarien neue Methoden zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre vor, sogenannte negative Emissionstechnologien. Nach einer kurzen Einführung in verschiedene Szenarien der Klimaforschung werden solche Möglichkeiten zur Reduktion des CO2 Gehalts in der Atmosphäre vorgestellt. Insbesondere schauen wir dabei auf das unter Führung der Universität Tübingen durchgeführte Projekt „NETPEC“ und geben Einblicke in den dort gewählten solarbasierten, photoelektrochemischen Ansatz sowie in die aktuelle Forschung an der Universität Tübingen in diesem Feld.

Dr. Holger Euchner studierte Physik an der Universität Stuttgart und University of Missouri, St. Louis. Nach seiner Promotion forschte er an der Technischen Universität Wien und am Helmholtz Institut der Universität Ulm, wo er sich 2021 habilitierte. Derzeit arbeitet er an der Universität Tübingen im NETPEC-Projekt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Batterien, Elektrochemie und atomistische Simulationen.
 

Freitag, 12. August 

Nachhaltig, digital oder doch ganz einfach investieren?

Prof. Dr. Monika Gehde-Trapp

Investieren und profitieren mit gutem Gewissen? Die Welt verbessern und via Krypto-Assets als ungerecht empfundene Strukturen umgehen? Was Werbung, Manager_innen und Influencer_innen preisen, braucht einen kritischeren Blick. Denn nicht nur der Vermögensverwalter DWS ringt aktuell um Klarheit beim nachhaltigen Investieren. Auch der vermeintlich krisensichere Bitcoin ist als das „neue Gold“ entzaubert. Der Vortrag räumt mit Mythen auf und vermittelt einen wissenschaftlich fundierten Blick – für Gewissen und Anlageerfolg. Das hilft, besser zu investieren.

Prof. Dr. Monika Gehde-Trapp hat nach ihrer Promotion in Mannheim an den Universitäten zu Köln, Mannheim und Hohenheim sowie der New York University gearbeitet – zu den Themen Investments, Finanzinstitute und Risikomanagement. Seit April 2022 lehrt und forscht die Finanz-Expertin in Tübingen.