Unser Hauptziel ist die Modellierung einer feingliedrigen Typologie von non-default updates des Common Ground (CG), indem wir Mirativität in den romanischen Sprachen aus vergleichender und diachroner Perspektive untersuchen und damit die allgemeine Forschungsfrage QB des Bereichs B (Grammatik) adressieren: Wie werden sprachliche Mittel eingesetzt, um non-default updates des Common Ground vorzunehmen?
In den romanischen Sprachen wird Mirativität – die sprachliche Kodierung der Tatsache, dass eine Information für die Sprecherin bzw. den Sprecher neu oder unerwartet ist (DeLancey 1997) – nicht spezifisch und autonom ausgedrückt, sondern mithilfe anderer grammatischer und pragmatischer Kategorien. Dabei können eine Vielzahl sprachlicher Mittel (mirative Marker, MMs) Mirativität zum Ausdruck bringen, die mit Temporalität-Aspektualität, Expressivität, Negation, Abschwächung und Sprechakttypen interagieren und unterschiedlichen Typen von (non)-at‑issue‑Bedeutung entsprechen können. MMs drücken aus, dass eine eingehende oder saliente Proposition p unerwartet bzw. überraschend ist oder bisherige Erwartungen über- oder unterschreitet. Sie wurden als Auslöser von non-default updates charakterisiert, da sie den CG ausweiten auf „worlds that interlocutors have previously ruled out due to perceived outlandishness” (Beltrama & Hanink 2019: 1). Damit gehen sie über das Stalnaker’sche (1978) CG‑Modell hinaus, das zwar anerkennt, dass das Assertieren einer Proposition dem widersprechen kann, was sich bereits im CG befindet, den verschiedenen Typen von non-default updates aber keine Rechnung trägt (z. B. Farkas & Bruce 2010; Rett & Murray 2013; Murray 2014; Rett 2021).
Mittels synchroner und diachroner Korpusanalysen mit Akzeptabilitätsstudien untersuchen wir ausgewählte MMs in den romanischen Sprachen und gehen zwei zentralen Forschungsfragen (FF) nach:
(FF1) Was sind die konstitutiven Merkmale der Mirativität?
(FF2) Wie entwickeln sich MMs und gibt es systematische, sprachübergreifende Zusammenhänge zwischen der formalen Quelle romanischer MMs, ihren diachronen Grammatikalisierungs‑/Pragmatisierungspfaden und den spezifischen mirativen CG‑Updates, die sie auslösen?
Basierend auf früherer Forschung und Pilotstudien (Dessì Schmid, Momma & Wiesinger 2025) widmet sich der erste Arbeitsbereich unseres Projekts der Beantwortung von FF1. Dieser stellt die verbreitete Ansicht infrage, dass lediglich (i) speaker-orientedness und (ii) recency restriction (cf. Rett & Murray 2013) die ausschlaggebenden Merkmale von Mirativität seien. Stattdessen soll eine feingliedrige Typologie der Mirativität erarbeitet werden, in der eine differenzierte Analyse von (Un‑)Erwartetheit als epistemische und soziale Haltungen sowie die Frage, unter welchen Bedingungen und für wen sie ausgedrückt wird, eine zentrale Rolle spielen. Zudem argumentieren wir, dass bestimmte romanische MMs unterschiedliche Grade an Polyfunktionalität in Bezug auf verschiedene Typen von CG‑Updates aufweisen. Der zweite Arbeitsbereich unseres Projekts widmet sich FF2. Für die Untersuchung der Grammatikalisierungs‑ und Pragmatisierungspfade von MMs bieten die diachron gut dokumentierten romanischen Sprachen ein ideales sprachvergleichendes Forschungsfeld.