International Center for Ethics in the Sciences and Humanities (IZEW)

„BedenkZeiten“ - Ein Ethik-Blog in Zeiten der Corona-Pandemie

Unser alltägliches Leben hat sich durch die Covid-19-Pandemie in den letzten Monaten immer wieder rasant verändert. Seit das Virus Deutschland erreicht hat, wurden grundlegende Freiheiten eingeschränkt und wieder gelockert, die Wirtschaft, sowie unser alltägliches Leben gestoppt und wieder angekurbelt und in diesem Zuge wurden unzählige Fragen aufgeworfen. Da dieser Prozess gerade in der Anfangszeit in hohem Maße durch medizinische epidemiologische Expertise geprägt war und ethische Fragen zwar an vielen Stellen sichtbar waren, aber nicht als solche verhandelt wurden, haben sich die Mitarbeiter*innen des IZEW vor nunmehr über drei Monaten entschlossen den Blog „BedenkZeiten“ ins Leben zu rufen, um eben diesen Themen einen Raum zu geben. Wie es für die Arbeit des IZEW charakteristisch ist, wurde dieser Raum interdisziplinär und mit perspektivisch- und thematischer Vielfalt gefüllt und eine Vielzahl an Eindrücken, Herausforderungen und Problemen angesprochen, die unser Leben und Arbeiten momentan prägen:

Beiträge widmeten sich Fragen nach der Ausgestaltung von Verantwortung, Solidarität, Gerechtigkeit und Privatheit. Katharina Wezel stellte zu Beginn der Krise die Frage nach der Verantwortung für diejenigen, die „im Getöse der Aufregung um Corona untergehen“. Friedrich Gabel argumentierte dafür, nicht nur Solidarität mit den (möglichen) Opfern des Virus zu haben, sondern auch den Wandel von Risikogruppen zu reflektieren. Anna-Lisa Sander betont in diesem Sinne die Wichtigkeit über eine Generationengerechtigkeit. Maria Pawelec nahm zusätzlich eine internationale Perspektive ein und verwies auf die Verantwortung gegenüber der Situation in Flüchtlingslagern. Leonie Bossert, Lena Schlegel, und Konrad Ott erweiterten dies schließlich um Fragen der Verantwortung mit Blick auf Tierhaltung, Natur und Klimaschutz. Andreas Bauer fragte schließlich danach, wie eine App zur Verfolgung von Ansteckungsketten Datenschutz und Privatheit verändern kann. Solange Martinez rahmte all diese Aspekte in der Frage nach einem guten Leben und einer guten Zukunft mit anderen.

Vertieft wurden im Laufe der Zeit die Fragen nach „den Unsichtbaren“. Laura Schelenz sprach in diesem Zusammenhang über die Bedrohung von häuslicher Gewalt im Kontext von Ausgangsbeschränkungen. Eng damit verbunden schaute Cora Bieß darauf, wie mit entstehenden Konflikten konstruktiv und gewaltlos umgegangen und Traumata vermieden werden können. Marcel Vondermaßen machte deutlich, dass auch die Besonderheiten häuslicher Pflege in der aktuellen Debatte sichtbarer werden müssen. Ingrid Stapf, Marco Krüger und Anne Burkhardt verwiesen auf die Situation von Kindern und ihrer fehlenden politischen Berücksichtigung.

Ein weiteres Be-Denken fand in Hinblick auf all das statt, was im Zuge der Krise wegfällt. Vanessa Weihgold betrachtete hier etwa den Umgang mit Einsamkeit, Tod und Trauer. Demgegenüber problematisierten Sabine Schacht und Alexander Orlowski die Auswirkungen von Versammlungseinschränkungen auf Glauben, beziehungsweise politisches Handeln. Kerstin Schopp berichtete schließlich aus ihrem Feldtagebuch zum Trauerprozess über einen lange geplanten und nun ausfallenden Forschungsaufenthalt in Tansania.

Schließlich reagierten unsere Beiträge auf Stimmen aus dem öffentlichen Diskurs. So stellte Regina Ammicht Quinn als Reaktion auf einen ZEIT-Artikel die Frage, ob die Welt sich aktuell wirklich in starke Supermänner und schwache Opfer aufteilen lässt. Wulf Loh diskutierte im Anschluss an die Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates den darin enthaltenen Begriff des allgemeinen Lebensrisikos. Die BedenkZeiten-Redaktion äußerte Bedenken bezüglich der plakativen Äußerungen des Tübinger Oberbürgermeisters. Darüber hinaus verwies Uta Müller in Anlehnung an die Bild-Zeitungsdebatte über Christian Drosten schließlich auf die Rolle der Wissenschaft im Rahmen einer solche Krise.

Über die Sommermonate wollen wir uns eine Denkpause gönnen und ab dem 14. September 2020 stellen wir wieder Fragen nach dem Gute Leben in Zeiten der Pandemie.