International Center for Ethics in the Sciences and Humanities (IZEW)

„Social Robotics and the Good Life – The Normative Side of Forming Emotional Bonds with Robots“ Digitaler Workshop am IZEW (13.-14.5.21)

von Niklas Ellerich-Groppe und Wulf Loh

Menschen bauen emotionale Bindungen zu Robotern in ihrem sozialen Nahfeld auf – angefangen von Staubsauger- und Rasenmäherrobotern, über Compagnon- und Lern-Roboter bis hin zu Pflege- und Therapierobotern. Diese genuin menschliche Eigenschaft ist empirisch unumstritten – aber sind solche Bindungen auch gut oder zumindest ethisch vertretbar? Sollten Designer:innen um einer nahtloseren und als positiver empfundenen Mensch-Maschine-Interaktion willen diese emotionalen Bindungen fördern? Und ist es mit der Vorstellung eines guten Lebens vereinbar, wenn Roboter emotionale Reziprozität – gar affektive Zuneigung oder Liebe – simulieren? Diese und weitere Frage standen im Mittelpunkt des vom IZEW (Wulf Loh, Regina Ammicht Quinn) in Kooperation mit Janina Loh (Wien) und Charles Ess (Oslo) organisierten internationalen Workshops.

In den ersten beiden Vorträgen ging es ganz grundsätzlich um die Möglichkeit emotionaler Reziprozität. Imke von Maur (Osnabrück) argumentierte gegen einen Einsatz von Pflegerobotern, da „Pflege“ immer auch einen affektiven Anteil habe, den Roboter lediglich simulieren könnten. Dagegen sah Eva Weber-Guskar (Bochum) diese emotionale Wechselseitigkeit auch bei Eltern-Kind oder Mensch-Tier-Beziehungen nicht vollständig gegeben und zeigte anhand Chatbot-App Replika auf, inwiefern Chatbots zumindest bis zu einem gewissen Grad bestimmte Beziehungsgüter herstellen können.

Die folgenden drei Vorträge widmeten sich der Frage des Einsatzes von affektiven Designmitteln zur Erleichterung der Interaktion. Matthew Dennis (Eindhoven) verfolgte dabei die These, dass nicht verkörperte Roboter am ehesten zu einem digitalen guten Leben beitragen können, da es hierbei möglich sei, ethische Herausforderungen, die mit der Körperlichkeit von Robotern einhergehen, zu umgehen. Niklas Ellerich-Groppe, Merle Weßel und Mark Schweda (Oldenburg) hingegen argumentierten für ein Queering von verkörperten Robotern, da mit der Dekonstruktion normalisierender Kategorien und der flexiblen Anwendung sozialer Zuschreibungen die Stereotypisierung von Robotern zur Akzeptanzsteigerung abgemildert werden könnte. Cordula Brand, Leonie Bossert und Thomas Potthast (IZEW) ging es grundsätzlicher um die Frage der Vereinbarkeit von Affective Computing in sozialen Trainingsszenarios, die das emotionale Befinden der Interaktionspartner:innen aufgreifen und darauf mit der Simulation passender Emotionen reagieren. Als besonders relevante ethische Aspekte identifizierten sie neben hohen Autonomie-, Sicherheits- und Privatheitsanforderungen gerade für den Bildungsbereich die Notwendigkeit eines Fokus auf die Belange der schwächsten und ärmsten Nutzenden.

Charles Ess (Oslo) zeigte in seiner Keynote am Abend die Potenziale der Tugendethik für eine Technikethik der Digitalisierung auf. Anhand ethischer Fragen, wie bspw. ob man robotische Hunde treten oder Avatare foltern dürfe, arbeitete er dabei die Vorteile einer Dezentrierung des Menschen heraus. Diese soll einerseits dem Menschen als relationalem Wesen, das in Beziehung zu menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten steht, besser gerecht werden, und andererseits auch der Robotik in der ethischen Auseinandersetzung einen neuen Platz zuweisen könne.

Die drei Vorträge des zweiten Tages beschäftigten sich mit Sex- bzw. Liebesbeziehungen zu robotischen Systemen und griffen dabei vielfach die am ersten Tag grundlegend behandelten Fragen wieder auf. Michael Kühler (KIT) argumentierte gegen die Möglichkeit einer romantischen Liebesbeziehung mit einem Roboter, da diese immer einen Personenstatus des Gegenübers voraussetzten. Dagegen zeigte Karen Lancaster (Nottingham) in ihrem Vortrag auf, dass Sexbots unter Umständen den Alternativen zur Erfüllung der sexuellen Bedürfnisse älterer Menschen in Pflegeeinrichtungen überlegen sein und so zu einem guten Leben in diesen Einrichtungen beitragen könnten. Schließlich verdeutlichten Lily Frank (Eindhoven), Sven Nyholm und Cindy Friedman (Utrecht) anhand dreier zentraler ethischer Fragen die Ambivalenzen in der Diskussion um Liebesbeziehungen zu Robotern: Schmälert es den Wert von Emotionen, wenn sie sich auf Objekte richten? Wird mit der ausschließlich sexuellen Bedürfnisbefriedigung durch Roboter die menschliche Würde verletzt? Und schließlich: Verlangt die artifizielle Simulation von Emotionen eine entsprechende moralisch angemessene Behandlung des fraglichen Roboters durch Menschen?

Im Ergebnis hängt die ethische Bewertung von emotionalen Bindungen zu Robotern wie häufig an Detailfragen: Über welche Roboter sprechen wir eigentlich, um welche Emotionen handelt es sich jeweils, und welche Form von Bindungen meinen wir im Einzelnen? Zu allen drei Aspekten bot der Workshop wichtige Impulse. Zudem zeigte sich, dass diese ethischen Fragen im Umkehrschluss immer auch die normativen Maßstäbe rekonstruieren, die wir an menschliche Beziehungen anlegen bzw. anlegen sollten.

(Ein ausführlicher Tagungsbericht von Niklas Ellerich-Groppe findet sich in der aktuellen TATuP unter: tatup.de/index.php/tatup/article/view/6909/11638)