Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2026: Forschung

„Von mir aus esse ich auch eine gentechnisch veränderte Erdbeere.“

Ein Interview mit Professorin Katja Tielbörger zur Reform der EU-Gentechnikgesetze

Am 17. Juni hat das Europäische Parlament für die EU eine neue Vorschrift zu sogenannten New Genomic Techniques (NGT) beschlossen. Das Ziel: Der Zugang zu klima- und schädlingsresistenteren Pflanzen soll erleichtert werden, genetisch veränderte Pflanzen werden künftig einfacher auf europäische Äcker gebracht. Die Biologin Professorin Katja Tielbörger erläutert, warum sie diese Entwicklung aus ökologischer Sicht kritisch sieht.

Frau Tielbörger, die EU hat die Regeln für neue genomische Techniken bei Pflanzen gelockert. Was hat Sie an der Reform am meisten überrascht?

Dass sie nicht nur für Nutzpflanzen gilt, sondern grundsätzlich für alle Pflanzenarten, also auch für Wildpflanzen. Wenn man die politische Begründung liest, geht es fast immer um Landwirtschaft, Klimaanpassung oder Ernährungssicherheit. Deshalb stellt sich für mich die Frage, warum die Regelung so weit gefasst wurde. Beantworten konnte mir das aber bisher niemand.

Worum geht es bei der neuen Regelung eigentlich?

Die EU unterscheidet künftig zwischen zwei Kategorien von Pflanzen die mithilfe der sogenannten New Genomic Techniques, kurz NGT, entwickelt wurden. Pflanzen der Kategorie NGT1 können durch den neuen EU-Beschluss ohne Risikoprüfung freigesetzt, also in die Umwelt ausgebracht werden. Für die Kategorie NGT2 braucht es nach wie vor eine Risikoprüfung. Das Problem: Entscheidend für die Einordnung ist allein die Zahl der genetischen Veränderungen – nämlich maximal 20 Veränderungen an 20 Stellen im Genom. Aus meiner Sicht ist genau das problematisch, weil diese Einteilung nichts darüber aussagt, welche Eigenschaften eine Pflanze tatsächlich hat und wie sie sich in der Umwelt verhält.

Sie sagen, die Debatte und die Entscheidungsfindung wurden von der falschen wissenschaftlichen Perspektive geprägt. Was meinen Sie damit?

Meiner Wahrnehmung nach und der meiner Fachkolleginnen und -kollegen kommen in der politischen Beratung und der öffentlichen Debatte vor allem Molekularbiologen zu Wort. Die ökologische Perspektive spielt dagegen eine deutlich kleinere Rolle, wäre für eine ausgewogene Debatte aber notwendig gewesen.

Was macht diese ökologische Sicht aus?

Die Ökologie untersucht die Wechselwirkungen von Organismen mit ihrer Umwelt, wohingegen die Molekularbiologie untersucht, was auf der Ebene von Genen und Proteinen passiert. Entscheidend für die Bewertung des Nutzens oder des Risikos ist aber die ökologische Perspektive: Wie verhält sich eine Pflanze im Freiland, welche Beziehungen geht sie zu anderen Arten ein und welche Folgen kann sie für die Ökosysteme haben. 

Warum ist die EU-Verordnung zu NGT aus dieser Perspektive gefährlich?

Aus wissenschaftlicher Sicht ergibt der Grenzwert der EU-Vorschrift keinen Sinn, weil das Risiko genetisch veränderter Pflanzen für die Umwelt von den Eigenschaften einer Pflanze bestimmt wird und nicht von der Anzahl der Veränderungen im Genom. Schon die Veränderung eines einzigen Nukleotids kann zu einem völlig anderen Phänotyp führen, etwa dazu, dass eine Pflanze ihre natürliche Feindabwehr verliert oder verändert. Bei Kreuzblütlern wie Raps oder Senf kann beispielsweise der Stoffwechsel der Senfölglykoside, die für die typischen Bitterstoffe und die Abwehr von Fraßfeinden wichtig sind, durch sehr kleine Veränderungen im Genom abgestellt werden. 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Risiken der Deregulierung?

Die neue Regelung erlaubt es, deutlich mehr genetisch veränderte Pflanzen und eben auch Wildpflanzen ohne Risikoprüfung in die Umwelt zu bringen. Dadurch steigt die Zahl neuer Organismen, die mit bestehenden Populationen interagieren. In der Invasionsbiologie spricht man dann vom „Gesetz der großen Zahlen“. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Pflanze problematische Auswirkungen hat, mag gering sein. Je mehr neue Organismen jedoch in die Umwelt gelangen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne davon Probleme machen, etwa indem sie durch Einkreuzung die genetische Zusammensetzung bestehender Populationen verändern. Wir sprechen dann von genetischer Kontamination.

Viele setzen Hoffnungen in die neuen gentechnischen Verfahren und halten sie für den Schlüssel zu einer nachhaltigeren und vor klimaresistentere Landwirtschaft. Sind das falsche Hoffnungen?

Aus ökologischer Sicht wissen wir bereits sehr gut, welche Maßnahmen Landwirtschaft widerstandsfähiger, nachhaltiger und klimastabiler machen können. Das Problem liegt in den Monokulturen. Wenn alle Pflanzen auf einem Acker gleich sind, reagieren sie auch ähnlich auf Dürren, Hitze oder Schädlinge. Die Lösung wäre die Diversifizierung unserer landwirtschaftlichen Systeme. Vielfalt auf dem Acker stabilisiert Erträge, streut Risiken und verringert den Bedarf an Dünge-, Herbizid- und Pflanzenschutzmitteln. Ich bin keine Gegnerin der Gentechnik. Von mir aus esse ich auch eine gentechnisch veränderte Erdbeere. Für mich stellt sich allein die Frage, warum wir ökologische Risiken eingehen sollten, wo doch die wirksamsten Lösungen bereits auf dem Tisch liegen. Von diesen nachweislich effektiven Lösungen lenken leider die rein hypothetischen Verheißungen der Neuen Gentechnik ab.

Das Interview führte Michael Pfeiffer