Uni Tübingen

Pressemitteilung

05.11.2026

Geschichte zum Leben erwecken: Was Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Schulunterricht wirklich bringen

Studie zeigt, wie Unterricht mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Wissen und Kompetenzen fördern können und wo Grenzen liegen – In vielen Aspekten Videos ähnlich wirksam wie Live-Besuche

Zwei Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland berichten im Unterricht von ihren Erfahrungen vor, während und nach der Wiedervereinigung.

37 Jahre nach dem Mauerfall helfen im Geschichtsunterricht Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dabei, dass Schülerinnen und Schüler ein besseres Verständnis für den Umgang mit unterschiedlichen Perspektiven entwickeln und mehr über die deutsch-deutsche Transformationszeit nach 1989 lernen. In vielen Fällen bieten Videos eine hervorragende Alternative zu Live-Besuchen. Damit dies gelingt, braucht es aber den passenden didaktischen Rahmen. Zu diesen Ergebnissen kommt die bisher größte experimentelle Feldstudie zur Wirkung von Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht, durchgeführt von der Forschungsgruppe „Historisches Lernen“ am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL).

Ohne historisches Wissen lassen sich aktuelle Kontroversen wie jüngst etwa die mediale Diskussion über das Zusammenwachsen von Ost und West kaum verstehen und einordnen. Geschichtsunterricht mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verspricht hierfür einen persönlichen, lebendigen Zugang. Doch die Methode hat Tücken: Ein solcher Besuch kann Jugendliche emotional überwältigen, sodass der Lernerfolg auf der Strecke bleibt. Eine vorangegangene Studie zeigte: Schülerinnen und Schüler verstehen nach einem Besuch von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weniger gut, dass diese stets aus ihrer eigenen Sicht berichten als Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht mit Videos arbeiteten.

Didaktischer Rahmen: Zwei Stellschrauben für den Lernerfolg

Um das Risiko einer emotionalen Überwältigung zu minimieren und das Lernen zu unterstützen, setzte die Tübinger Forschungsgruppe bei der Konzeption der Unterrichtseinheit gemeinsam mit dem ZSL an zwei zentralen Stellschrauben an: 

  • Alltagsberichte statt starker Emotionen: Die Jugendlichen hörten Berichte aus dem Alltagsleben anstelle dramatischer Schilderungen.
  • Zwei Personen mit unterschiedlichen Perspektiven: Einer West- wurde stets eine Ost-Perspektive gegenübergestellt. So sollte deutlich werden, dass es nicht „die eine Wahrheit“ über die Vergangenheit gibt, sondern verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen.

Grundlage der neuen Studie ist eine wissenschaftliche Untersuchung, an der 50 Lehrkräfte von 41 Schulen in ganz Baden-Württemberg mit insgesamt mehr als 1.300 Schülerinnen und Schülern teilgenommen haben. Die Forscherinnen und Forscher verglichen drei Bedingungen: Per Zufallszuweisung unterrichteten Lehrkräfte entweder eine speziell entwickelte Unterrichtseinheit in der 9. Klasse mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Thema Transformationszeit nach 1989 mit Live-Besuch; oder sie unterrichteten die Unterrichtseinheit unter Einsatz professionell produzierter Videos mit Aussagen von denselben Personen. Die dritte Gruppe unterrichtete als Kontrollgruppe den regulären Lehrplan ohne Zeitzeugenbefragung.

„Historisches Wissen und kritisches Denken sind unverzichtbare Werkzeuge im demokratischen Diskurs über das geteilte und wiedervereinigte Deutschland“, betont Dr. Christiane Bertram, Co-Autorin der Studie. „Der Austausch unterschiedlicher Erinnerungen an eine gemeinsam erlebte Zeit fördert das Verständnis für andere Sichtweisen – eine Schlüsselkompetenz für das Zusammenleben in einer Demokratie.“

Ähnliche Effekte von Live-Besuch und Videos

Die Studie liefert ein klares und differenziertes Bild:

  • Stärkung des Perspektivenbewusstseins: Ein zentrales Lernziel – zu verstehen, dass Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stets aus ihrer persönlichen Perspektive berichten – wurde mit dem Besuch wie mit dem Video-Format erfolgreich erreicht.
  • Wissenszuwachs: Schülerinnen und Schüler, die mit der neu entwickelten Einheit unterrichtet wurden, wussten im Vergleich zur Kontrollgruppe mehr über die Transformationszeit – unabhängig davon, ob die Personen live vor Ort waren oder ein Videozusammenschnitt von ihnen gezeigt wurde.
  • Ähnliche Motivation, aber mehr Spaß beim Live-Besuch: Während der Live-Besuch den Jugendlichen am meisten Freude bereitete, unterschieden sich die Gruppen bei den übrigen Motivationsmaßen kaum. Dies zeigt, dass professionell gestaltete Videos in vielerlei Hinsicht eine ebenbürtige Alternative zum Live-Besuch darstellen.
  • Weniger Risiken: Das Risiko, dass ein emotional überwältigender Live-Besuch den tatsächlichen Lernerfolg gegenüber dem von Videos schmälern kann, trat nach der neu entwickelten Unterrichtseinheit nicht mehr auf.

Viele wichtige Kompetenzen brauchen mehr als eine Unterrichtseinheit

Die Studie zeigt auch Grenzen auf: Bei weitergehenden, komplexen Fähigkeiten, wie dem eigenständigen Erkennen und Dekonstruieren übergreifender historischer Narrative, hatten die Jugendlichen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen keinen deutlichen Vorteil. Solche tiefergehenden Kompetenzen benötigen intensive Arbeit und ließen sich in der vergleichsweisen kurzen Unterrichtseinheit von insgesamt 4,5 Stunden kaum messbar fördern.

„Um belastbare Ergebnisse für die Praxis zu liefern, ist die enge Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrkräften zentral“, erklärt Studienleiterin Dr. Katharina Totter. „Solche Studien stehen und fallen mit der Bereitschaft der vielen, vielen Teilnehmenden und Mitwirkenden, denen wir allen noch einmal herzlich danken möchten.“ Die Forschungsgruppe führt ihre Arbeiten in diesem Bereich fort – unter anderem im Transferprojekt „Generationen im Gespräch“ in Kooperation mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg, bei dem DDR-Zeitzeuginnen und -Zeitzeugen Schulklassen besuchen, um über ihre Erfahrungen vor und nach dem Mauerfall zu sprechen.

Frei verfügbare Unterrichtsmaterialien

Die Videos der Studie mit insgesamt über 20 Unterrichtsvideos mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur deutsch-deutschen Geschichte stehen auf dem Lehrerfortbildungsserver Baden-Württemberg neben ausgearbeiteten Unterrichtseinheiten kostenfrei zur Verfügung. Zudem finanziert das Kultusministerium Baden-Württemberg weiterhin das Einladen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in den Unterricht.

Publikation:

Totter, K., Wagner, W., Bertram, C., & Trautwein, U. (2026). Effects of working with multiple eyewitnesses in history lessons on competencies, knowledge, and motivation: A cluster randomized controlled field trial. Journal of Educational Psychology, 118(4), 624–649. https://doi.org/10.1037/edu0000996 

Kontakt:

Dr. Katharina Totter
Forschungsgruppe „Historisches Lernen“
Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung
Universität Tübingen
katharina.totterspam prevention@uni-tuebingen.de 

Pressekontakt:

Eberhard Karls Universität Tübingen
Hochschulkommunikation
Christfried Dornis
Leitung

Stefan Bentele
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon +49 7071 29-76724
stefan.bentelespam prevention@uni-tuebingen.de

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