Uni-Tübingen

Forschungsschwerpunkte

Besondere Forschungsschwerpunkte der Universität Tübingen liegen in den Bereichen

Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen

Computer zum Denken bringen

Der Exzellenzcluster „Maschinelles Lernen: Neue Perspektiven für die Wissenschaft“ befasst sich mit Entwicklungen im Bereich des maschinellen Lernens und deren Auswirkungen auf verschiedenste Wissenschaftsbereiche. Die beteiligten Forscherinnen und Forscher untersuchen Anwendungsfälle aus ganz unterschiedlichen Fächern – von der Medizin über die Geowissenschaften bis zu den Sozialwissenschaften.

Im Mittelpunkt der Forschung im Cluster stehen Algorithmen, die komplexe Strukturen und kausale Zusammenhänge in wissenschaftlichen Daten erkennen können, und Methoden, mit denen sich Unsicherheiten in datengetriebenen wissenschaftlichen Modellen quantifizieren lassen. Zudem befasst sich der Cluster mit Techniken, die es Forschenden ermöglichen, einzelne Schritte des maschinellen Lernens besser nachzuvollziehen, in den Ablauf einzugreifen und ihn zu kontrollieren. Nicht zuletzt stehen wissenschaftstheoretische und ethische Fragen auf der Agenda, die sich ergeben, wenn Algorithmen eine zunehmend zentralere Rolle im wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn spielen.

Maschinen lernen Sehen

Die Robustheit des intelligenten Systems Mensch auch in künstlichen Anordnungen nachzubilden, ist eine große Herausforderung für die Forschung im Bereich des maschinellen Lernens. Der Sonderforschungsbereich „Robustheit des Sehens – Prinzipien der Inferenz und der neuronalen Mechanismen“ (SFB 1233) befasst sich mit den Grundlagen des biologischen und des maschinellen Sehens.

In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme wollen die Mitglieder des Sonderforschungsbereichs die Prinzipien und Algorithmen besser verstehen, die den Berechnungen biologischer visueller Systeme zugrunde liegen und ein „robustes Sehen“ ermöglichen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kombinieren dazu Ansätze aus der Neurowissenschaft, der Forschung zu Computer Vision sowie dem maschinellen Lernen und konzentrieren sich vor allem auf die Bereiche, in denen es grundlegende Unterschiede zwischen der Neurobiologie des Sehens und aktuellen Algorithmen des maschinellen Sehens gibt.

Am „Tübingen AI Center“, unserem Kompetenzzentrum für Maschinelles Lernen, arbeiten Forschungsgruppen der Universität und des Max-Planck-Instituts an der Weiterentwicklung robuster lernender Systeme. Lernalgorithmen sollen erfolgreich mit äußeren und unerwarteten Einflüssen umgehen können. Gleichzeitig soll ihr Output besser vorhersagbar und transparenter sein. Das Kompetenzzentrum will in diesem Bereich eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung schlagen.

Ein Netzwerk zur künstlichen Intelligenz

Tübingen hat sich im Bereich der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens ausgesprochen dynamisch entwickelt und gilt mittlerweile als einer der führenden Standorte weltweit. Sichtbares Zeichen dieser Stärke ist die 2016 gegründete Cyber Valley Initiative, ein Verbund von Akteuren aus Wissenschaft und Industrie, die gemeinsam Grundlagen und Anwendungspotenziale der künstlichen Intelligenz erforschen und entwickeln wollen. In der Initiative wirken neben den Universitäten Tübingen und Stuttgart die Max-Planck-Gesellschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft, das Land Baden-Württemberg sowie zahlreiche global tätige Industrieunternehmen mit.

Neurowissenschaften

Hirnforschung auf Spitzenniveau

Seit über 30 Jahren ist Tübingen eine internationale Top-Adresse für die Hirnforschung. Von Anfang an haben die Neurowissenschaften auf Interdisziplinarität gesetzt. Das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung (HIH) bildet gemeinsam mit der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums das Zentrum für Neurologie. Es vereint Spitzenforschung, Ausbildung und Patientenversorgung unter einem Dach. Im Fokus stehen neurodegenerative und entzündliche Hirnerkrankungen, Epilepsien, Schlaganfälle und Hirntumore, ergänzt durch Forschung zu den Grundlagen und Störungen von Wahrnehmung, Bewusstsein, Motorik und Lernen. Kennzeichnend für die Arbeit am HIH sind translationale Forschungsansätze, die darauf zielen, wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst rasch in die Behandlung von Patientinnen und Patienten einfließen zu lassen.

Ein wichtiger Partner des Hertie-Instituts in Tübingen ist das Werner Reichardt Zentrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN), die gemeinsame Plattform der systemisch orientierten Neurowissenschaften an der Universität. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus drei Fakultäten kooperieren hier mit außeruniversitären Partnern. In fünf sich ergänzenden Bereichen untersuchen die Forschenden am CIN, wie das Gehirn seine unterschiedlichen Funktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Gefühle, Kommunikation und Handeln hervorbringt und wie Hirnerkrankungen diese Funktionen beeinträchtigen. Ziel ist es, in einem integrativen Ansatz die Arbeitsweise einzelner Nervenzellen sowie ihr komplexes Zusammenspiel in Schaltkreisen und Netzwerken zu verstehen und so die informationstheoretische und biologische Basis von Hirnleistungen zu entschlüsseln.

Eine weitere Säule der Neurowissenschaften ist das Zentrum für Neurosensorik (ZfN), ein Zusammenschluss des Departments für Augenheilkunde und der Hals-Nasen-Ohren-Klinik. In seiner Forschung betreibt das ZfN systemische Analysen der Ursachen und Behandlung neurosensorischer Erkrankungen. Das Department für Augenheilkunde nimmt mit klinischen Gentherapiestudien eine Vorreiterrolle in der Therapie genetisch bedingter Netzhauterkrankungen ein, während die HNO-Klinik führend in der Prothetik von Cochlea-Implantaten ist.

Ein zentraler außeruniversitärer Akteur in der Hirnforschung, der eng mit dem CIN, dem HIH und dem Universitätsklinikum kooperiert, ist das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Tübingen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft erforschen, wie Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson entstehen. Sie wollen neue Strategien der Diagnostik, Prävention und Therapie dieser Erkrankungen des alternden Gehirns entwickeln. Diese Zusammenarbeit wurde 2018 mit der Gründung des Tübingen NeuroCampus (TNC) institutionalisiert, einer Dachstruktur für mehr als hundert neurowissenschaftliche Arbeitsgruppen in Tübingen.

Sprache und Kognition

Ein Brückenschlag zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Die vielfältige linguistische Forschung an der Universität Tübingen zeichnet sich durch eine Kombination tiefer Untersuchungen zu Einzelsprachen und hochgradiger Interdisziplinarität aus: Das Tübinger Zentrum für Linguistik (TüZLi) dient als Plattform für die Koordination dieser Forschungsaktivitäten und bietet einen organisatorischen Rahmen für den interdisziplinären Ausbau der inner- und interfakultären Kooperation zwischen Sprach-, Kultur-, Kognitions- und Neurowissenschaften.

Leitidee ist die Entwicklung einer integrativen Sicht auf Sprache als Natur- und Kultur-Phänomen. Diese Perspektive verbindet die linguistischen Untersuchungen zur Struktur, Interpretation, Entwicklung und Verarbeitung von Sprache mit kognitions- und neurowissenschaftlichen Forschungen zu den biologischen Grundlagen und kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen der kulturellen Ausformungen der menschlichen Sprache. Zielsetzung des Zentrums ist es, am Gegenstand Sprache einen Beitrag zum Brückenschlag zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu leisten.

Aktuelles Beispiel für die Verbundforschung am TüZLi ist der zum Juli 2009 eingerichtete Sonderforschungsbereich 833 "Bedeutungskonstitution – Dynamik und Adaptivität sprachlicher Strukturen". Gegenstand des SFB 833 ist die Frage, wie Bedeutung entsteht, sowohl im sprachlichen wie außersprachlichen Kontext als auch während der Sprachverarbeitung sowie unter den spezifischen Bedingungen einer Einzelgrammatik. An dem Forschungsverbund sind Sprachwissenschaft – Allgemeine Sprachwissenschaft, Computerlinguistik und Einzelphilologien – sowie Kognitionswissenschaften – Psychologie und Neurowissenschaften – beteiligt.

Das ERC-Projekt Wide Incremental learning with Discrimination nEtworks (WIDE) versucht, einen tieferen Einblick zu gewinnen, wie wir in der Alltagssprache Wörter bilden und verstehen. Es wird der radikale Vorschlag zugrunde gelegt, die buchstabenähnlichen Lauteinheiten ganz beiseite zu lassen und sich stattdessen auf die vielfältigen Details des Sprachsignals selbst zu konzentrieren. Ausgehend von den zehntausenden veränderlichen Merkmalen eines Sprachsignals will man künstliche neurale Netzwerke durch Versuch und Irrtum lernen lassen, welche Bedeutungen jeweils gemeint sind.

Ziel des Graduiertenkollegs 1808: Ambiguität – Produktion und Rezeption ist es, zu zeigen, dass durch Kooperation der sprachbezogenen Fächer neue Erkenntnisse hinsichtlich der Produktion und Rezeption, der Auslösung und Auflösung von Ambiguität gewonnen werden können. Dieses Ziel wird in der Überzeugung verfolgt, dass Ambiguität als Querschnittsphänomen ein geeignetes Paradigma für neue Formen der Zusammenarbeit verschiedener sprachbezogener Disziplinen darstellt.

Molekularbiologie der Pflanzen

Pflanzliche Entwicklungsprozesse und Stressreaktionen

Das Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP) vereint Kompetenzen aus verschiedenen Fachbereichen der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät: Die Fachdisziplinen Genetik, Molekularbiologie, Biochemie, Nano-Biophysik, Zellbiologie, Physiologie und Entwicklungsbiologie kooperieren in der komplexen Pflanzenforschung.

Im Mittelpunkt steht die Erforschung grundlegender Entwicklungsprozesse der Pflanzen sowie die Reaktion von Pflanzen auf verschiedene Umwelteinflüsse wie Trockenheit, das Eindringen von Krankheitserregern oder Parasiten sowie die Etablierung von Symbiosen. Die pflanzlichen Forschungsobjekte sind vor allem die Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana), Tabak, Paprika, Hornklee (Lotus japonicus) und Mais.

In den vergangenen Jahren wurden viele Schlüsselfaktoren in Pflanzen identifiziert, die zur pflanzlichen Entwicklung und Anpassung an Umweltfaktoren wie beispielsweise Krankheitserreger oder Wassermangel beitragen. Im Sonderforschungsbereich 1101 „Molekulare Kodierung von Spezifität in pflanzlichen Prozessen“ erforschen die Wissenschaftler, welche Mechanismen die Schlüsselfaktoren auslösen und wie diese bis in das atomare Detail funktionieren. Sie wollen wissen, wie die Pflanzenzelle eine spezifische biologische Leistung hervorbringt.

Die International Max Planck Research School „From Molecules to Organisms“ ist ein innovatives Graduiertenprogramm, das eine hervorragende interdisziplinäre Ausbildung in den Bereichen Struktur-, Molekular-, Zell- und Entwicklungsbiologie sowie Bioinformatik, Genomik und Evolutionsbiologie bietet.

Das ERC-Projekt „Chromatin Packing and Architectural Proteins in Plants“ (CHROMATADS) – Verpackungs- und Gerüstproteine des Chromatins in Pflanzen – zielt darauf ab, eine große Wissenslücke in der funktionellen Genomik der Pflanzen zu schließen und unser Verständnis der dreidimensionalen Chromatinstruktur wesentlich zu verbessern. Der Schwerpunkt liegt auf TADS (Topologically Associating Domains), welche die funktionellen und strukturellen Chromatindomänen darstellen, die das Genom abgrenzen.

Das Ziel des ERC-Projekts DeCoCt: Knowledge based design of complex synthetic microbial communities for plant protection besteht darin, mikrobielle Gemeinschaften aus natürlichen Felddaten zu sezieren, zu entwerfen und wiederherzustellen, die mit natürlichen Gemeinschaften konkurrieren und in der Lage sind, eine krankheitsverursachende Gemeinschaft in eine schützende umzuwandeln.

Bildung und Medien

Determinanten und Wirkmechanismen von Lern- und Wissensprozessen

Von der Funktionalität unseres Bildungssystems über die Rolle der sozialen Herkunft für den Bildungserfolg bis zur Verbesserung der Unterrichtsgestaltung – zu diesen Fragestellungen forschen Tübinger Wissenschaftler in einem interdisziplinären Kontext hinsichtlich kognitiver, sozialer und institutioneller Determinanten und Wirkmechanismen von Lern- und Wissensprozessen unter Einsatz moderner Medien. PCs, das World Wide Web und mobile Technologien gehören längst zu selbstverständlichen Kommunikationsmitteln, die dem Nutzer ein steigendes Maß an Medienkompetenz abverlangen und auch im Umfeld von schulischem und außerschulischem Lernen wichtige Hilfsmittel geworden sind.

In der Forschung kommen evidenz- und nutzenorientierte Strategien u.a. mit Schulleistungs- und Interventionsstudien zum Einsatz, die eine nachhaltige Forschung durch die Kooperation mit der Praxis in Schulen, Hochschulen, Museen und der Wirtschaft ermöglichen.

Für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft stellt die Bildungsforschung ein hoch relevantes Thema dar, an dessen Erforschung in Tübingen nicht nur das Institut für Erziehungswissenschaft beteiligt ist, sondern auch das Institut für Soziologie und das außeruniversitäre Institut für Wissensmedien.

Das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung wurde im September 2014 als Forschungsinstitut innerhalb der Universität Tübingen gegründet. Als breit angelegtes Institut nutzt es sowohl für Forschung und Lehre als auch bei der Umsetzung von Verbesserungen in der Praxis systematisch den Wissensschatz aus Psychologie, Erziehungswissenschaft und verwandten Disziplinen.

Die Forschungsprojekte über Lernen, Leistung und lebenslange Entwicklung an der „Graduate School on Learning, Educational Achievement, and Life Course Development“ (LEAD) sollen Antworten auf drängende Fragen im Bildungsbereich geben. Sie wurde 2012 im Rahmen der Exzellenzinitiative an der Universität Tübingen eingerichtet.

Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen zielt konkret auf die Schaffung eines eng und strategisch ausgerichteten Netzwerks, um Fragen der Nutzung digitaler Medien in bildungsbezogenen, organisationalen und informellen Kontexten weiterzuentwickeln und das wissenschaftliche Umfeld für diese Thematik zu stärken. Die Wissenschaftler erforschen, wie die Schnittstellen, die durch digitale Technologien Zugriff auf unzählige Informationen ermöglichen, beschaffen sein müssen, um Wissenserwerb, Verstehen, Wissensaustausch, Entscheiden oder Problemlösen optimal zu fördern.

Mikrobiologie und Infektionsforschung

Gebündeltes Knowhow zur Erforschung von Infektionen

Infektionen werden vor allem erforscht, um sie effizient bekämpfen zu können. Fortschritte können sich dabei nur ergeben, wenn Bereiche wie Medizin, Biologie, Biochemie, Pharmazie und Bioinformatik eng zusammenarbeiten. An der Universität Tübingen kooperieren Forscher aus all diesen Bereichen im Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin Tübingen (IMIT). Tübingen ist außerdem ein Standort des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF).

Das Graduiertenkolleg 1708: Molecular Principles of Bacterial Survival Strategies beschäftigt sich mit den Strategien, mit denen Bakterien ungünstige Umweltbedingungen ertragen und so die Besiedlung neuer Lebensräume und Wirte ermöglichen. Das Graduiertenkolleg bietet eine interdisziplinäre Plattform für die Grundlagenmikrobiologie in Tübingen.

Der Exzellenzcluster CMFI – Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen arbeitet an der Entwicklung neuer zielgerichteter Wirkstoffe, die sich positiv auf Mikrobiome, die Kolonien von potenziell schädlichen Mikroorganismen, die auf dem menschlichen Körper leben, auswirken.

Cyanobakterien sind die einzigen Prokaryonten, die eine oxygene Fotosynthese durchführen. Sie haben einen enormen Einfluss auf die biogeochemischen Zyklen der Erde gehabt. In den letzten Jahren wurden Cyanobakterien zunehmend als „Zellfabriken“ für eine nachhaltige Wirtschaft untersucht.  Die Forschungsgruppe 2816: The Autotrophy-Heterotrophy Switch in Cyanobacteria: Coherent Decision-Making at Multiple Regulatory Layers befasst sich mit der Funktion und Kontrolle von wichtigen Enzymen, Pfaden und Regulatoren des Stoffwechsels und deren Zusammenspiel, um die versteckten regulierenden Schichten zu identifizieren, die die zentralen Stoffwechselwege innerhalb dieser Bakterien organisieren.

Translationale Immunologie und Krebsforschung

Komplexe Grundlagenforschung für Patienten

Bei den großen Forschungsthemen Immuntherapie und Überwindung der Therapieresistenz solider Tumoren liegt die Aufmerksamkeit der Forscher des Interfakultären Instituts für Zellbiologie ganz auf der komplizierten Immunabwehr des Körpers. Denn es geht zwar bei Autoimmunerkrankungen und bei Krebs um verschiedene Krankheiten und Forschungsansätze. Doch Grundlage weiterer Fortschritte bildet die Erkenntnis, dass die menschliche Immunabwehr je nach genetischer Veranlagung unterschiedlich reagiert.

So geht man zum Beispiel bei Multipler Sklerose oder Diabetes davon aus, dass bei bestimmter genetischer Disposition manche Krankheitserreger körpereigenen Strukturen ähneln und das Immunsystem beim Kontakt mit den Erregern ein Abwehrprogramm einschaltet, dass sich dann auch gegen den eigenen Körper richtet. Es kommt zu Überreaktionen. Bei Krebserkrankungen hingegen müsste die Immunabwehr sogar gestärkt werden.

Ergebnisse der Spitzenforschung zum komplexen Thema Krebs mit mehr als 200 Erkrankungsarten rasch vom Labor ans Krankenbett zu bringen, ist eine der Aufgaben des Comprehensive Cancer Center Tübingen–Stuttgart. Enge Kontakte bestehen im Bereich Krebsforschung außerdem zum Standort Tübingen des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung.

Der SFB Transregio 209: Leberkrebs – neue mechnistische und therapeutische Konzepte in einem soliden Tumormodell untersucht drei Bereiche von Mechanismen, welche die Leberkarzinogenese prägen. Die Ziele sind über das Leberkrebsmodell hinaus relevant und helfen bei der Erforschung anderer solider Tumormodelle.

Das stark erhöhte Auftreten des Cholangiokarzinoms (CCC oder Gallengangskarzinom), eines besonders aggressiven Lebertumortyps, für den es derzeit keine systemische Therapie gibt, wird im Rahmen des ERC-Projekts CholangioConcept: Functional in vivo analysis of cholangiocarcinoma development, progression and metastasis untersucht.

Der Exzellenzcluster „Individualisierung von Tumortherapien durch molekulare Bildgebung und funktionelle Identifizierung therapeutischer Zielstrukturen (iFIT)“ bündelt verschiedene Bereiche der Krebsforschung und konzentriert sich mit modernsten bildgebenden Verfahren auf die Möglichkeiten, wie Tumore Stress im menschlichen Körper überwinden.

Die Forschungsgruppe 2314:  Targeting therapeutic windows in essential cellular processes for tumor therapy hat das Ziel, neue Zielstrukturen für die Therapie solider Tumoren zu identifizieren und in einer Kombination von genetischen und Molekül-basierten Strategien zu validieren. Der Arbeit liegt die Hypothese zugrunde, dass Tumorzellen durch den Selektionsdruck, in nicht optimalen Umgebungen zu wachsen, unabhängig von den spezifischen Mutationen von einer Vielzahl von Änderungen in einer Reihe grundlegender zellulärer Prozesse abhängig sind.

Geo- und Umweltforschung

Wasser, Klima, Energie – Zukunftsthemen der Menschheit

Die Verfügbarkeit von sauberem Wasser, die Belastung der Umwelt mit Schadstoffen, die Rohstoffversorgung, die Entwicklung des globalen Klimas – zahlreiche wichtige Themen ergeben sich für die Zukunft der Menschen im Geo- und Umweltbereich. Den weit gefächerten Forschungsfragen stehen am Tübinger Zentrum für Angewandte Geowissenschaften (ZAG) fast ebenso breite Kompetenzen gegenüber, die über viele Jahrzehnte gewachsen sind. Fachgebiete sind unter anderem Hydrogeochemie und -geologie, Umweltchemie und -physik, Geomikrobiologie, Geophysik und Sedimentologie.

Im Sonderforschungsbereich 1253 „CAMPOS – Catchments as Reactors: Schadstoffumsatz auf der Landschaftsskala“ erarbeiten Wissenschaftler neue Ansätze zur Quantifizierung des Transport- und Umsetzungsverhaltens von Schadstoffen in Fließgewässern, Grundwasser und Boden. Ziel ist es, realistischere Vorhersagen über die Entwicklung der Wasser- und Bodenqualität unter sich ändernden Umweltbedingungen treffen zu können.

Der Fokus des Sonderforschungsbereichs 1070 „RessourcenKulturen“ ist die soziokulturelle Dynamik, die sich aus der Nutzung von Ressourcen ergibt. Hauptziele sind die Neukonzeption des Ressourcenbegriffs in der Kulturwissenschaft, die Identifizierung diachroner soziokultureller und politischer Entwicklungen, das Verständnis der Identitätsbildung in Bezug auf menschliche Migrationen und ein besseres Verständnis der symbolischen Dimension von Ressourcen.

Im Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1372 „Tibetan Plateau: Formation – Climate – Ecosystems“ wird die Entstehung des Tibet-Plateaus erforscht. Es gehört neben Arktis und Antarktis zu den Schlüsselregionen der Erde, in denen anthropogene Veränderungen tiefgreifende Auswirkungen auf die weltweite Umweltentwicklung haben. In den Geowissenschaften wird außerdem das Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1803 „Earthshape“ koordiniert. Darin untersuchen Wissenschaftler die Wechselwirkungen zwischen biologischen und geomorphologischen Prozessen wie zum Beispiel von Erosion unter Einbeziehung von tektonischen Prozessen wie beispielsweise der Gebirgsbildung.

Auf der Basis der hervorragenden interdisziplinären Vernetzung und Ausrichtung auf immer komplexere Umweltthemen soll die Forschung an der Universität Tübingen künftig in einem neuen zentralen Gebäude, dem Geo- und Umweltzentrum (GUZ), gebündelt werden, das in enger Nachbarschaft zu den anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen auf dem Campus Morgenstelle angesiedelt wird.

Ein nachhaltiges Ressourcenmanagement des Grundwassers im Rahmen von Klimawandel und Landnutzungsänderungen erfordert vorhersagekräftige Modelle, die alle relevanten hydrologischen und (biogeo)chemischen Prozesse als gekoppelte Systeme simulieren und dabei explizit Rückkopplungsmechanismen berücksichtigen. Das Graduiertenkolleg 1829 „Integrated Hydrosystem Modelling“ befasst sich mit den entsprechenden bisher ungeklärten Prozessbeschreibungen.

Das ERC-Projekt EXTREME: EXtreme Tectonics and Rapid Erosion in Mountain Environments bietet erstmals einen ganzheitlichen Modellierungs- und Datenerfassungsansatz, der die zeitliche und räumliche Entwicklung aller Aspekte der tektonischen Platteneckenentwicklung quantifiziert. EXTREME wird ein globales Verständnis von kontinentaler Verformung in Bezug auf atmosphärische und feste Erde liefern.

Ziel des ERC-Projekts O2RIGIN: From the origin of Earth's volatiles to atmospheric oxygenation ist es, den Zusammenhang zwischen endogenen und exogenen Prozessen unseres Planeten zu verstehen, die zum Redoxkontrast zwischen Erdoberfläche und Erdinneren führten.

Menschliche Evolution und Archäologie

Die kulturelle Entwicklung der Menschheit

Am Tübinger Institut für Ur- und Frühgeschichte und der Forschungsstelle "The Role of Culture in Early Expansions of Humans" (ROCEEH), an der die Universität Tübingen beteiligt ist, steht die kulturelle Entwicklung der ersten Hominiden zum Menschen im Vordergrund. Die ersten Anfänge gehen in die Zeit vor 2,5 Millionen Jahren zurück und reichen bis in die jüngere Altsteinzeit. Dafür müssen die Forscher verschiedene Kontinente bereisen. Denn heute geht man davon aus, dass die Menschen einen gemeinsamen Ursprung in Afrika haben und sich von dort aus in verschiedenen Ausbreitungswellen über die Erde verteilten.

Die Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens an sich ist noch längst nicht in allen Details erforscht. Die Forscher versuchen in diesem Großprojekt jedoch auch die Frage zu beantworten, warum die Ahnen der heutigen Menschen so erfolgreich waren und sich gegen alle anderen Hominiden durchsetzen konnten. Im Zusammenhang mit wechselnden Umweltbedingungen und den biologischen Grundlagen der menschlichen Entwicklung werden von Tübingen aus archäologische Funde aus allen Teilen der Erde untersucht. Dazu trägt das Tübinger Interfakultäre Zentrum für Archäologie (TZA) bei, in dem auch die naturwissenschaftliche Archäologie stark vertreten ist. Eine enge Kooperation über die Zusammenarbeit in der Forschungsstelle ROCEEH hinaus besteht mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung im Tübinger Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment.

Der Fokus des Sonderforschungsbereichs 1070 „RessourcenKulturen“ liegt auf der soziokulturellen Dynamik, die sich aus der Nutzung von Ressourcen ergibt. Hauptziele sind die Neukonzeption des Ressourcenbegriffs in der Kulturwissenschaft, die Identifizierung diachroner soziokultureller und politischer Entwicklungen, das Verständnis der Identitätsbildung in Bezug auf menschliche Migrationen und ein besseres Verständnis der symbolischen Dimension von Ressourcen.

Das ERC-Projekt CROSSROADS: Human Evolution at the Crossroads konzentriert sich auf das frühe Paläolithikum und untersucht Hypothesen über die früheste menschliche Besiedlung Europas und die Entwicklung und Anpassung der frühen europäischen Hominini. Dieses interdisziplinäre Großprojekt wird ein Meilenstein in der Paläoanthropologie des Balkans sein und wird seine fossile und paläolithische Vergangenheit kontextualisieren.

Das ERC-Projekt STONECULT: Do early stone tools indicate a hominin ability to accumulate culture? untersucht, ob frühe Steinwerkzeuge eher der Technologie von Menschenaffen oder von modernen Menschen ähneln. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen von STONECULT werden daher mehrere Bereiche gleichzeitig berühren (z. B. Anthropologie, Archäologie, vergleichende Psychologie, Ethologie und Primatologie).

Das ERC-Projekt PALAEOSILKROAD: A Silk Road in the Palaeolithic: Reconstructing Late Pleistocene Hominin Dispersals and Adaptations in Central Asia ist ein multidisziplinäres archäologisches Projekt, das die Entdeckung paläolithischer Fundorte im innerasiatischen Bergkorridor zum Ziel hat und die Hypothese untersucht, dass pleistozäne Zerstreuungen während des letzten Gletscherzyklus (vor ca. 110 000 - 15 000 Jahren) im Zusammenhang mit klimatischen Impulsen stehen.

Die Tübinger Forschungslandschaft umfasst weitere Profilbereiche sowie eine ganze Reihe von Sonderforschungsbereichen, Sonderforschungsbereichen Transregio und Forschungsgruppen der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Die Universität engagiert sich in der Ausbildung der Nachwuchswissenschaftler in Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft und in von der Universität Tübingen eingerichteten interdisziplinär angelegten Promotionsverbünden. Die strukturierten Promotionsprogramme und Promotionsverbünde sind in die Graduiertenakademie als Dacheinrichtung eingebunden.

Überblick zur Forschung an der Universität

Die englischsprachige Broschüre "Committed to the Future" gibt einen Überblick über die Forschung an der Universität Tübingen – von Einrichtungen und Forschungsinfrastruktur über Drittmittelprojekte bis hin zu Kooperationen mit außeruniversitären Partnern. Download der Neuauflage 2021