Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2026: Studium und Lehre

Pionier im Studierendenaustausch

Louis Knehr war erster Tübinger Student an der University of Rwanda in Kigali

Louis Knehr mag unbekanntes Terrain: „Einfach mal schauen, mir selbst den Weg suchen – das finde ich gut.“ Dass er sein Auslandssemester in Zentralafrika verbringen wollte, war dem Studenten der Umweltnaturwissenschaften klar. Raus aus Europa, „komplett was Anderes sehen“ irgendwo, wo Englisch gesprochen wird, den Süden von Afrika kannte er schon. Für fünf Unis hat er sich beworben, die University of Rwanda war auf Platz 5 der Wunschliste: interessant, aber keinerlei Informationen für Austauschstudierende auf der Uni-Webseite. Und doch ist Louis Knehr dann genau dort gelandet, als erster Studierender aus Tübingen. Und damit nicht genug: „Vor Ort hat sich rausgestellt: Ich war wohl der erste überhaupt, der an dieser Uni ein richtiges Auslandssemester macht“ – erstaunlich für eine Hochschule mit 30.000 Studierenden in der Zwei-Millionen-Stadt Kigali.

Die Vorbereitungen für sein Studium seien die größte Herausforderung gewesen. Klare Zuständigkeiten und Abläufe gab es an der Gast-Uni nicht; Kontakte seines Tübinger Austauschkoordinators nach Ruanda halfen Knehr, Ansprechpersonen zu finden. Seinen Aufenthalt und die Kurswahl hat er über Mails und WhatsApp-Nachrichten mit Mitarbeitenden und Lehrenden organisiert. Auch vor Ort angekommen war immer wieder Gelassenheit und Flexibilität gefragt: Der vermeintliche Studienbeginn zum 1. September verschob sich auf Mitte des Monats, seine Kurswahl musste Knehr wegen ausfallender Module anpassen. Die zu Beginn gewonnene Zeit nutzte er, um erste Kontakte zu knüpfen – mit Erfolg: Neue Freundschaften würden sich schneller ergeben als in Deutschland, meint er.

Studium mit Anwesenheitspflicht

An der University of Rwanda belegte Louis Knehr Kurse im Fach „Botany and Conservation“, um einen Schwerpunkt auf Biologie zu setzen. Die Kurse fänden in Blöcken von 9 bis 12 Uhr oder 14 bis 17 Uhr statt, dabei gelte Anwesenheitspflicht. „Wer mehr als dreimal fehlt, darf die Klausur am Ende nicht mitschreiben“, berichtet Knehr. Notenrelevant seien neben dieser Abschlussprüfung auch Präsentationen oder schriftliche Aufgaben und Zwischentests. Wer die Klausur nicht besteht, müsse Strafe zahlen. Umgerechnet 50 Euro könnten hier fällig werden, etwa ein Zehntel des Semesterbeitrags in Ruanda – für manche ein Lernanreiz, für andere eine finanzielle Belastung, die auch mal zum Abbruch des Studiums führen könne.

Das Kursniveau sei leicht unter dem von Tübingen, meint Knehr, die Laborausstattung an der University of Rwanda könne mit der hiesigen aber nicht mithalten. Zum Curriculum gehörten auch zwei Exkursionen, um die Flora im Regenwald kennenzulernen und Pflanzen zu untersuchen. Eine davon begann mit mehrstündiger Verspätung, da noch eine Bus-Panne vom Vortag repariert werden musste. Die geplante Übernachtung war nicht organisiert, sodass die Gruppe am Abend zunächst mehrere Unterkünfte sichtete. Die Nacht verbrachte Louis Knehr dann mit zwei Kommilitonen ohne Decke auf einer in Plastik gehüllten 1,60m-Matratze. „Es ist oft wenig koordiniert und etwas wirr, aber am Ende klappt eigentlich alles“, so sein Fazit.

Vor gut 15 Jahren wurde die Unterrichtssprache in Ruanda von Französisch auf Englisch umgestellt. „Leute in meinem Alter können oft weder gut Englisch noch Französisch“, so Louis Knehr. Das habe manchmal die Kommunikation erschwert, aber im Wesentlichen sei er mit Englisch gut durchgekommen. In der Landessprache Kinyarwanda hat Knehr sich nur einzelne Wendungen angeeignet.

Alltag in Ruanda

Mit einer entspannten Selbstverständlichkeit berichtet Knehr vom Alltag in Ruanda. Statt Bus oder Bahn fahre man in Kigali „fast immer mit dem Motorrad, also hinten drauf.“ Sicher habe er sich in der Millionenstadt immer gefühlt, auch nachts. Unterschiede zwischen armen und reichen Vierteln seien nicht so deutlich ausgeprägt, Townships wie in Südafrika gebe es in Kigali nicht. Er selbst hat sich gegen ein Doppel- oder Viererzimmer im Campus-Hostel der Uni entschieden und eine Wohnung mit Küche und Bad in Campusnähe gefunden – wie in Ruanda üblich ohne Waschmaschine: „Man wäscht von Hand oder lässt jemanden waschen.“

Typisch für die Landesküche seien sehr gehaltvolle, kalorienreiche Speisen, etwa Fufu, ein dicker Brei aus Wasser und Mais- oder Maniokmehl, der mit Soße oder Fleisch gegessen wird. Obst und Gemüse wie Mango, Wassermelone, Bananen aller Art, Jackfruit, Avocado oder „Tree Tomatoes“ aus dem Kongo sei gut und günstig, Preise für importierte Waren dagegen teils sehr hoch. Bezahlt wird überwiegend per Handy mit einem Guthaben-System, feste Preise gibt es allerdings nur in großen Geschäften und Supermärkten, in kleinen Läden und bei Straßenhändlern sei Verhandeln angesagt. Für Weiße würden oft höhere Preise verlangt als bei Einheimischen, sagt Knehr. „Da muss man hartnäckig bleiben.“ Als Weißer werde man einerseits als wohlhabender wahrgenommen, andererseits sei man auch privilegierter. Mit Verwunderung berichtet Louis Knehr, dass Weiße in einer Firma oft besser verdienten als Schwarze – bei gleicher Qualifikation. „So krass und unfair das ist: Tatsächlich sehen Schwarze weiße Menschen oft als verlässlicher oder seriöser.“

Immer am letzten Samstag des Monats gebe es „Umuganda“, so Knehr. „Da sind morgens von 8 bis 11 alle Läden zu, kein Taxi fährt, und alle räumen gemeinsam die Straße auf und putzen.“ Diese Aktion wurde nach dem Bürgerkrieg eingeführt, Kigali ist mittlerweile eine der saubersten Städte Afrikas. Dass Ruanda unter Präsident Paul Kagame de facto eine Diktatur ist, sei immer wieder spürbar, so Knehr. Der Polizei begegneten viele mit überzogenem Gehorsam – 30 fahren, wo 50 erlaubt ist – und jeder kenne eine Geschichte von jemandem, der einfach verschwunden ist. Gerade junge Menschen wollten das Land aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, sagt Knehr. Ohne eine Art „Rückkehrgarantie“ wie ein Haus, ein Stück Land oder eine größere Summe auf dem Konto sei eine Reise nach Europa aber auch als Tourist kaum möglich.

Natur erleben in Zentralafrika

Ruanda ist kleiner als Baden-Württemberg. Louis Knehr hat bei Ausflügen nicht nur Natur und Nationalparks in Ruanda selbst, sondern auch in den Nachbarländern Kongo, Tansania und Uganda erkundet. Vulkane besteigen, mit dem Kanu in Höhlen paddeln und Affen im Regenwald oder Giraffen und Elefanten in der Steppe beobachten – Zentralafrika habe ganz unterschiedliche Landschaften zu bieten.

Nach Semesterende ist Knehr auf der Suche nach einer Praktikumsstelle mit professionellem Labor ans Rwanda Forensic Institute gekommen. Statt Wasser- oder Bodenproben wie im Studium in Tübingen hat er hier im Bereich Toxikologie und Drogenanalyse verschiedene Proben etwa auf Methanol oder Pestizide getestet. Die sechs Wochen zählen als Pflichtpraktikum, auch alle in Ruanda absolvierten Kurse konnte er sich für sein Studium in Tübingen anrechnen lassen. Insgesamt acht Monate hat er in Ruanda verbracht, in der vorlesungsfreien Zeit im Sommer zieht es ihn wieder hin: Statt Neuland zu erkunden will er nun Freunde besuchen.

Tina Schäfer

University of Rwanda

Ins Ausland mit ERASMUS+ weltweit

Louis Knehr war mit Unterstützung von ERASMUS+ weltweit unterwegs – einer ERASMUS-Förderung, die es für manche Länder außerhalb Europas gibt. Als erster Akademiker in seiner Familie und wegen seiner Erwerbstätigkeit neben dem Studium, die er vor seinem Auslandssemester hatte, erhielt er zum regulären Stipendium noch einen monatlichen Zuschuss, ein sogenanntes Social Top-up. So standen ihm für gut fünf Monate Studium rund 4000 Euro zur Verfügung. Je nach Höhe der Miete und etwaigem Reiseprogramm seien zusätzliche Ersparnisse aber hilfreich.

Webseite ERASMUS+ weltweit