Die Bedeutung Elie Wiesels für eine kritische Erinnerungskultur nach Auschwitz macht es notwendig, die wissenschaftliche Erforschung seines Werkes mit Impulsen für die Bildungsarbeit zu verbinden. Die Forschungsstelle Elie Wiesel macht es sich daher zum Ziel, an dieser Stelle im Laufe der Zeit pädagogische Impulse und konkrete Vorschläge für die Praxis kostenlos zugänglich zu machen.
Unterrichtsvorschläge zum Holocaustzeugnis „Die Nacht“ von Elie Wiesel
Das bedeutende Zeugnis des Holocaust „Die Nacht“, das der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel zehn Jahre nach seiner Befreiung verfasst hatte, liegt nun in neuer deutscher Übersetzung vor. Sie ist nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen angefertigt und enthält ein Glossar sowohl zu jüdischen Begriffen als auch zur Lagersprache und NS-Begriffen, biografische und editorische Hinweise, einschließlich einer Landkarte der Wege der Deportation und Befreiung. Dies ermöglicht auf besondere Weise einen umfassenden Umgang mit der Ganzschrift „Die Nacht“ für Lehrer*innen und Schüler*innen im Unterricht. So eignet sich der Umgang mit diesem Werk in den verschiedensten Fächern, insbesondere in Religionslehre, Ethik, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch. Darüber hinaus möchten wir auch eine fächerübergreifende Zusammenarbeit mit Kolleg*innen der verschiedenen Fachbereiche anregen. Ebenso bietet sich das Werk „Die Nacht“ auch für die Gestaltung eines Seminarkurses im Bereich der Oberstufe an. Nicht nur in diesem Kontext lässt sich der schulische Unterricht mit dem Besuch der Link zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau oder anderer Gedenkstätten als Lernen an außerschulischen Lernorten verknüpfen.
Will man mit dem Holocaustzeugnis Elie Wiesels im Unterricht arbeiten, ist es wichtig, Schüler:innen nicht unvorbereitet mit den Texten aus „Die Nacht“ zu konfrontieren. Lernende sollten stets die Möglichkeit haben, sich zunächst zu dieser Thematik zu verhalten, ihre Interessen, Vorerfahrungen und Zugänge, aber auch mögliche Abwehr und Vorbehalte oder auch der Wunsch, sich nicht „ständig mit diesem Thema“ beschäftigen zu müssen, auszudrücken. So sollten die Vorerfahrungen der Schüler*innen entsprechend Raum bekommen und der Lehrkraft auch die Möglichkeit bieten, den Bezug der Kinder und Jugendlichen zum Thema zu ergründen. Außerdem sollten sie über Konsequenzen, Handlungsmöglichkeiten und die Bedeutung für die Gegenwart diskutieren können, damit sie nicht mit den Eindrücken eines Holocaust-Zeugnisses alleine bleiben und ihnen die Bedeutung auch für ihre eigene, konkrete Lebenswirklichkeit transparent werden kann.
Deshalb schlagen wir eine Dreiteilung einer möglichen Unterrichtseinheit vor:
Erster Schritt: Zugänge, Vorerfahrungen, mögliche Abwehr und Widerstände gegen das Thema. Denkanstöße: fiktive Fragen / Aussagen wie die folgenden sollten – gerne auch kontrovers – diskutiert werden:
Warum sollen wir uns erinnern?
Was geht mich das an?
Das ist so lange her und hat mit uns nichts mehr zu tun!
Ich kann das Thema nicht mehr hören, ständig sollen wir uns damit auseinandersetzen!
Ich komme aus einem anderen Land, warum soll ich mich damit beschäftigen?
etc.
Zweiter Schritt: Ein ganz anderer Zugang als üblich, nämlich über eine konkrete Biografie
Hierzu kann das ganze Buch „Die Nacht“ von Elie Wiesel gelesen werden (ca. 130 Seiten in einem Taschenbuch), oder es können einzelne repräsentative Textteile verwendet werden. Wie in Schritt 1 sollen die Lernenden auch hier immer wieder die Möglichkeit erhalten, sich dazu zu verhalten: durch Austausch über ihre Eindrücke, ihre Gefühle, ihre Fragen etc. Wichtig ist, das „Überwältigungsverbot“ zu beachten und Schüler:innen nicht unvorbereitet mit belastenden Themen zu konfrontieren. Vor allem ist eine gute Nach- und Aufarbeitung wichtig.
Dritter Schritt: Was nun? Bedeutsamkeit für die eigene Lebenswirklichkeit
Elie Wiesel hat aus seiner Erfahrung der Todeslager eine Botschaft für Menschlichkeit, Menschenwürde und Frieden gemacht. Nach der Lektüre von „Die Nacht“ kann man diese biografischen Aspekte näher in den Blick nehmen und davon ausgehend die Bedeutsamkeit für die eigene Gegenwart und Zukunft diskutieren:
Welche Beispiele für Feindlichkeit gegen Gruppen von Menschen gibt es heute? Welche Ursachen gibt es dafür?
Was können wir heute tun, um in einer pluaren Gesellschaft, mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, friedlich zusammenzuleben?
Wie können wir Rassismus und Antisemitismus heute vorbeugen und bekämpfen?
Hinweise und Ideen zu Schritt 2 finden Sie im folgenden Unterrichtsentwurf "Lebens- und Glaubensgeschichten eines Überlebenden". Dieser wird derzeit komplett überarbeitet. Ebenso werden weitere Unterrichtsvorschläge erarbeitet und demnächst auf dieser Seite abrufbar sein.
Die Erstveröffentlichung des Unterrichtsentwurfes erfolgte in: Glaubensprofile: Elie Wiesel, in: notizblock. Zeitschrift für Religionslehrerinnen und Religionslehrer der Diözese Rottenburg-Stuttgart 26/1999, S. 43-50 (Wiederabdruck in: Franz Wendel Niehl (Hg.): Christen-Juden, Katechetisches Institut des Bistums Trier, 2002).