Allegorische Strategien in geistlicher Tugenddidaxe. Studien zur spätmittelalterlichen Erbauungsliteratur
Erbauungsliteratur, die zur Anleitung christlicher Lebensführung dient, ist die didaktische Dimension per se inhärent. Die Poetik erbaulicher Lehrdichtung zielt jedoch nicht auf das Erlernen eines ausformulierten, normativen Wissensbestandes, sondern auf eine Praxis der ständigen Vergegenwärtigung des Lehrinhaltes zugunsten der eigenständigen Reflexion und Adaption in die persönliche Praxis, die die geistlichen Lesenden zu Gott leiten soll. Die Allegorie als literarische Darstellungsform wird besonders häufig für die geistliche Tugenddidaxe gewählt, weil sie sich diesen Herausforderungen lehrhaften Sprechens in besonderer Weise stellt. Im Modus des Uneigentlichen werden ästhetische Erfahrung, persönliche Involviertheit und Reflexion über den Lehrgegenstand aufgrund der gedanklichen Übertragungsleistung zwischen Literal- und Auslegungsebene enggeführt. Gerade aus den Spannungen zwischen Literalsinn und übertragenem Sinn, Konkretion und Abstraktion, zwischen allegorischer Über- und Unterbestimmtheit ebenso wie zwischen den religiösen und ästhetischen Ansprüchen allegorischer Erbauungsliteratur resultiert ein produktives didaktisches Potential, welches das Forschungsvorhaben untersucht. Von besonderem Interesse sind dabei die konkreten Überlieferungsverbünde in geistlichen Sammelhandschriften, die eine Vielzahl tugendallegorischer Texte kompilieren. Als bewusst konzipierte Einheiten der Tugenddidaxe dienen die Sammlungen nicht dem praktischen Auffinden von nachschlagbarem Wissen, sondern bilden durch die Kombination verschiedener tugendallegorischer Texte gezielt arrangierte Wissenskompendien, die einen besonderen ästhetischen Reiz aufweisen. Um zur fortwährenden und produktiven Auseinandersetzung mit demselben Lehrgegenstand auf dem Weg zu geistlicher Vervollkommnung anzuregen, weisen die Handschriften interessante Strategien der Rezeptionslenkung auf. Das Forschungsvorhaben untersucht daher gerade auch die Synergieeffekte, die sich durch die gezielte Kombination unterschiedlicher allegorischer Bildbereiche im Textverbund ergeben, um einerseits konkrete Rezeptionswege der erbaulichen Vervollkommnung darzustellen, andererseits die poetische Faktur der Allegorie im Textverbund zu konturieren.