Prof. Dr. Hanno Ehrlicher

Forschungsprojekte

Aktuelle Forschungsprojekte

Die hier vorgestellten laufenden Forschungsprojekte bilden zwei permanente Forschungsschwerpunkte des Lehrstuhls ab:

  1. Die Erforschung spanischsprachiger Kulturzeitschriften (Spanien und Lateinamerika)
  2. Forschungen zum spanischen Barockdrama Calderón de la Barcas

In beiden Fällen geht es darum, tradierte hermeneutische und posthermeneutische Methoden der Philologie mit Verfahren der sogenannten "Digital Humanities" zu verbinden.

Mythisches Denken und transnationale Gemeinschaftsbildung im Medium der Kulturzeitschrift: Vernetzungen zwischen Politik, Anthropologie und Ästhetik

Kurzbeschreibung

Das DFG-geförderte Forschungsprojekt ist Teil einer Forschungsgruppe zum Thema “TransEXIL.Verhandlung von Ästhetik und Gemeinschaft im postrevolutionären Mexiko”. Dieaus ingesamt 6 Teilprojekten bestehende Forschungsgruppe  fokussiert erstmalig Vernetzungen zwischen Exilierten verschiedener Herkünfte sowie lokalen Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Intellektuellen im Mexiko der 1920er bis 1950er Jahre im Zusammenhang. Für weitere Informationen konsutieren Sie bitte die Webseite der FOR
 

Projektinhalte

Das von Prof. Ehrlicher geleitete Teilprojekt wird die Zielsetzungen der FOR mit einem besonderen medienspezifischen Fokus auf Kulturzeitschriften in der Phase von 1917-1936 verfolgen. Im Mittelpunkt steht dabei in einem ersten Schritt die von José Vasconcelos edierte Zeitschrift "El Maestro. Revista de cultura nacional" (1.1921-17.1923), in der sich nicht nur die Vernetzung von Politik, Anthropologie und Ästhetik im Zeichen mythischer Gemeinschaftsbildung exemplarisch innerhalb des mexikanischen Kontextes nach der Revolution erkunden lässt, sondern die mit diesen Vernetzungen weit über diesen Kontext hinaus nach Lateinamerika wirkte. So diente die Zeitschrift auch als Umschlagort für die Verbreitung der Ideen der in Frankreich von Barbusse unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg begründeten Clarté-Gruppe, die nicht nur in Europa rasch Ableger in unterschiedlichen Kontexten fand sondern auch in Lateinamerika zur Gründung entsprechender Gruppen und einer ganzen Serie von Zeitschriften führte. Leitend bei der Untersuchung dieser Serie von lateinamerikanischen "Claridades" (in Peru, Chile und Argentinien) ist die Frage, ob sich programmatische Übereinstimmungen und gemeinsame transnationale Diskurstraditionen feststellen lassen bzw. wie und warum sich in diesen Zeitschriften jeweils kontextspezifische Diskurstraditionen ausbildeten. Drittens werden schließlich Projekte einer transnational angelegten Gemeinschaftsbildung im Zeichen des „Indoamerikanismus“ untersucht, wobei neben José Mariáteguis Zeitschrift "Amauta" und dem ebenfalls in Peru erschienenen "Editorial/Boletín Titikaka" eine Reihe von Zeitschriften mit dem Titel "Indoamérica" in Mexiko und Buenos Aires im Fokus stehen. Über eine rein diskurs- und ideengeschichtliche Dimension hinaus wird die ästhetische Dimension der Zeitschriften besonders in der Analyse von Bildprogrammen bzw. der in der Zeitschrift vernetzten Bildelemente eine Rolle spielen, wobei datengestützt gearbeitet und methodologisch ein mixed-methods-Ansatz verfolgt wird, in dem quantitativ-statistische Vefahren (wie z.B. Topic Modeling) mit (post)hermeneutischen qualitativen Interpretationen verschränkt sind.

Rahmendaten

Das Teilprojekt wird seine Arbeit ab Mai 2025 aufnehmen und hat eine Laufzeit von insgesamt 4 Jahren. Im Laufe dieser Zeit werden Prof. Ehrlicher und die als Postdoktorandin beschäftigte mexikanischstämmige Forscherin Dr. Claudia Cedeño Báez in enger Abstimmung mit den weiteren Teilprojekten der FOR die Forschungsziele des Projektes verfolgen. Eine Besonderheit der FOR besteht einerseits in ihrem Fokus auf Mexiko als einem besonderen Ort transexilischer Dynamiken, weshalb die FOR entsprechend eng mit Partner*innen aus Mexiko und allgemein aus Lateinamerika zusammenarbeit; eine weitere Besonderheit der FOR besteht in der der räumliche Verteilung Teilprojekte auf unterschiedliche Standorte in Deutschland (Hannover, Berlin, Hamburg, Lüneburg, Bonn, Tübingen) sowie die Entscheidung zu konsequenter Mehrsprachigkeit (Englisch und Spanisch neben dem Deutschen) innerhalb der Gruppe.

Aufzeichnung von Regelmäßigkeiten im dramatischen Werk von Pedro Calderón de la Barca mit einem komputationellen Ansatz

Kurzbeschreibung

Das DFG-geförderte Projekt ist Teilprojekt des Schwerpunktprogrammes Computational Literary Studiesdas seit 2019 läuft und 2023 in die zweite Förderphase gegangen ist. Ziel des Projektes ist die Erforschung von Regelmäßigkeiten im Werk des dramatischen Barockdichters Calderón de la Barca auf unterschiedlichen Ebenen mit Hilfe voncomputergestützter quantativer Analysemethoden. Zur Vorbereitung dieser Analysen wurde ein Großteil des dramatischen Werkes Calderóns (205 Stücke, sowohl Comedias als auch Autos Sacramentales) TEI-konform ausgezeichnet und im Rahmen des Drama-Corpora Projekts veröffentlicht.

Projektinhalte

Pedro Calderón de la Barca (1600–1680) war einer der produktivsten Schriftsteller des spanischen Goldenen Zeitalters ("Siglo de Oro"). Er schrieb im Laufe seines Lebens über zweihundert Dramen. In der Literaturwissenschaft wird die comedia nueva des spanischen Goldenen Zeitalters im Vergleich zu den Werken des klassischen französischen Theaters oft als "regellos" beschrieben. Wenn aber jedes Werk ein Unikat darstellt, wie konnte Calderón dann ein so umfangreiches Werk schaffen?

In diesem Projekt versuchen wir, wiederkehrende Muster in Calderóns Werk zu identifizieren, indem wir ein erst jüngst erstelltes Korpus von etwa 200 seiner Dramen nutzen, das 110 comedias nuevas und 84 autos sacramentales umfasst. Wir stellen Forschungsfragen wie: Welche Regelmäßigkeiten lassen sich in der Lexik, der Semantik und der dramatischen Struktur dieser Werke beobachten? Welche Wiederholungen in der Verwendung von Figurenkonstellationen und typischen Charakteren zeigen sich in den beiden von Calderón verwendeten Untergattungen, den comedias und den autos sacramentales? Und lassen sich die anhand des dramatischen Œuvres Calderóns getroffenen Generalisierungen auf weitere Werke des Siglo de Oro ausdehnen?

Konkret werden wir qualitative und quantitative Methoden der Literaturanalyse integrieren, um vier Hauptaspekte der comedias und autos sacramentales im Hinblick auf wiederkehrende Elemente zu analysieren: (a) Analyse der Wahl und Verwendung des Vokabulars, die uns eine feinkörnige Gattungsklassifizierung jenseits einer binären Einteilung in Komödien und Tragödien ermöglicht (unter Verwendung distributiver Methoden); (b) Identifizierung wiederkehrender Charaktertypen und Charakterinteraktionen (unter Verwendung der Analyse sozialer Netzwerke); (c) Charakterisierung der allgemeinen dramatischen Struktur, die in der Äußerungsverteilung und der metrischen Struktur verankert ist; (d) Analyse der zeitlichen Dynamik der beobachteten Regelmäßigkeiten, die es uns auch ermöglicht, Datierungen von bisher undatierten Dramen Calderóns vorzuschlagen.

Schließlich werden wir die Übertragbarkeit der in diesem Forschungsprojekt entwickelten Methoden auf Dramen anderer Autoren des Siglo de Oro testen.

Rahmendaten

Das Projekt hat eine Laufzeit von insgesamt 3 Jahren und wurde in Tübingen im April 2023 begonnen. Von Tübinger Seite fungieren Prof. Dr. Hanno Ehrlicher als P.I. und Dr. Antonio Rojas Castro als Projektmitarbeiter (Postdoc). Das Projekt wird in enger Kooperation mit dem Lehrstuhl für Computerlinguistik von P.I. Prof. Dr. Sebastian Pado vom Institut für Maschinelle Spracherkennung der Universität Stuttgart geleitet, wobei Herr Pado seinerseits eine Doktorandin, Allison Keith, betreut. Unterstützung für das Projekt- und Datenmangement kommt ebenfalls von Seiten des IMS durch Dr. Kerstin Jung

Coloquio Anglogermano sobre Calderón

Seit 2014 leitet Prof. Ehrlicher zusammen mit Prof. Grünnagel (Universität Bochum) die Koordination des internationalen Colloquio anglo-germano sobre Calderón, das unter dieser Leitung erstmals 2017 in Vercelli und Turin und zuletzt 2021 in Wien ausgetragen wurde.
Das nächste Treffen findet im September 2027 in Toulouse statt. 
Die Ergebnisse der Treffe erscheinen als Schriftenreihe unter dem Titel Archivium Calderonianum im Reichenberger-Verlag. Derzeit ist der aus dem Treffen in Tübingen 2024 hervorgegangene Band 20 in Vorbereitung.

Abgeschlossene Forschungsprojekte

2017-2020: Literarische Modernisierungsprozesse und transnationale Netzwerkbildung im Medium der Kulturzeitschrift: vom "Modernismo" zur Avantgarde

DFG-Sachbeihilfe

DFG Sachbeihilfe, Laufzeit 04/2017-06/2020

Das Forschungsprojekt widmet sich der Erforschung eines umfangreichen Korpus von Kulturzeitschriften der spanischsprachigen Moderne. Dabei sind zwei Teilprojekte vorgesehen, die sich jeweils dem Schwerpunkt des Modernismo (1890-1914) und der Avantgarde (1920-1936) widmen und einen gemeinsamen zeitlichen Schnittpunkt in der Übergangsphase des sog. posmodernismo (ca. 1910-1920). Beide Teilprojekte sind eng aufeinander abgestimmt und auf folgende Zielsetzungen hin konzipiert:
1. Mit Hilfe einer konsequent kulturvergleichend Untersuchung werden Prozesse der Entstehung der modernen Literatur in ihrer transnationalen Dimension untersucht und die Kulturzeitschrift dabei als ein entscheidendes Medium dieser Modernisierungsdynamik erkennbar. Die Modernisierungsdynamik der spanischsprachigen Literaturen, die in den epochenzentrierten Studien zu Modernismo und Avantgarde notwendig nur partiell in den Blick gerieten, wird in diesem Ansatz auf ihre Kontinuitäten und Brüche hin befragt. Der hohe Grad an transnationaler Vernetzung, den sowohl der kosmopolitische Modernismo als auch die international agierenden Avantgarden aufwiesen, soll damit nach einer Phase nationalphilologischer Ausdifferenzierung der Zeitschriftenforschung wieder neu fokussiert werden.
2. Dabei werden etablierte Methoden zur Erforschung literarischer Felder der Moderne jenseits nationaler Grenzen Theoriemodelle des Kulturtransfers eingesetzt, um sie mit Blick auf die Kulturzeitschriften medienspezifisch zu erweitern. Insbesondere formorientierte Ansätze wie z.B. die Polysystemtheorie Itamar Zohars oder Morettis Konzeptionen eines distant reading werden genutzt, um sie mit Bezug auf die Spezifika des Zeitschriftenmediums in seiner Zwischenstellung zwischen Buch und flüchtigeren Publikationsformen (Zeitung) weiterzuentwickeln.
3. Das Medium der Kulturzeitschrift wird als ein Netzwerk aus Textformen verstanden, das nicht nur Akteure in Relation setzt sondern auch unterschiedliche Gattungen und Texttypen. Zur Erforschung dieses Netzwerkaspektes werden sowohl qualitativ-analytische Parameter eingesetzt, die intensive Lektüre ausgewählter Passagen der Zeitschriften notwendig machen, als auch quantitative Methoden, die auf der Erfassung von (Meta)Daten und deren Visualisierung basieren.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind in einer umfangreichen Datenpublikation auf dem DARAIAH-Repositorium einsehbar, die mehrere erläuternde Texte, Visualisierungen und Datasheets mit insgesamt über 31.500 Datensätzen. Die englischsprachige ARtikelserie ist außerdem auf der Virtuellen Forschungsumgebung  Revistas Culturales 2.0. publiziert.

2022-2025: Digitalisierung und Analyse von kulturellen Transfers in kolumbianischen Literaturzeitschriften (1892-1950)

DFG-Sachbeihilfe (Deutschland - UdeA)

DFG Sachbeihilfe: 04/2022 - 09/2025, binationale deutsch-kolumbianische Förderlinie

Im deutsch-kolumbianischen Forschungsprojekt Digitization and Analysis of Cultural Transfers in Colombian Literary Magazines (1892–1950) wurden erfolgreich insgesamt 10 Zeitschriften aus den Beständen der Bibliothek der Universidad de Antioquia (UdeA) digitalisiert und hemerographische Daten zu insgesamt 28 Zeitschriften erhoben, die für die nachhaltige Weiternutzung publiziert wurden. Das Projekt ermöglichte an der UdeA, wo es zuvor keine Forschungsexpertise im Bereich der Digital Humanities gab, eine ganze Reihe von Studierenden auf dem Master- und Doktorandenniveau in Methoden der Digital Humanities auszubilden und eine langfristig angelegte Forschergruppe in diesem Bereich zu etablieren. Es zeitigte damit langfristige und auf Nachhaltigkeit angelegte Effekte. Mit seiner konsequenten Verfolgung von Prinzipien des Open Access und der FAIRen Datenpublikation und dem ebenso konsequenten Einsatz von Verfahren des Minimal Computing war es aus Sicht der Verantwortlichen einerseits ein gelungenes Beispiel für eine wirklich horizontale Zusammenarbeit zwischen einer Universität aus dem „globalen Süden“ und einer des „globalen Nordens“, bietet andererseits zugleich ein Best-Practice-Modell für den Aufbau digitaler Infrastrukturen unter prekären institutionellen Bedingungen, das auch in anderen Kontexten Lateinamerikas Schule machen könnte.

Analytisch stand in einer Reihe von Studien, die qualitative mit quantitativen Analysemethoden mischten (Mixed-Methods-Ansatz) die Erforschung von Prozessen des Kulturtransfers im Medium der Kulturzeitschrift im Vordergrund. Dabei konnten vertiefte Einsichten in die Rolle der Kulturzeitschrift innerhalb der komplexen Dynamiken des Kulturtransfers im Zuge der Modernisierung des Buchmarktes in Kolumbien gewonnen werden und sowohl neue Akteure identifiziert werden als auch die spezifischen Vermittlungsstrategien innerhalb regionaler Subzentren jenseits von Bogotá erforscht werden. 

In the German-Colombian research project Digitization and Analysis of Cultural Transfers in Colombian Literary Magazines (1892–1950), ten journals from the holdings of the University of Antioquia Library were successfully digitized and the hemerographic data from 28 journals were collected and published for sustainable further use. Prior to this project, the Faculty lacked an academic team capable of supporting research in the field of Digital humanities. The project enabled the training of various master's and doctoral students at the University of Antioquia (UdeA) and laid the foundation to establish a research group in Digital humanities, capable to broaden the paradigms to study literary phenomena at the UdeA Faculty of Communications and Philology. Through its consistent pursuit of open access, adherence to FAIR data publication principles, and its equally consistent use of minimal computing methods, the project stands as a successful example of truly horizontal cooperation between a university from the “global South” and one from the “global North”. At the same time, it offers a best-practice model for building digital infrastructures under precarious institutional conditions, potentially setting a precedent for similar initiatives in Latin America.

Analytically, a series of studies combining qualitative and quantitative analysis methods (mixed-methods approach) focused on researching processes of cultural transfer in the medium of cultural magazines. This provided in-depth insights to the role of cultural magazines within the complex dynamics of cultural transfer in the course of the modernization of Colombia’s book market in the first half of the 20th century, identified new actors, and explored specific mediation strategies within regional sub-centers beyond Bogotá.