Nichts über uns ohne uns: Forschung für ein inklusiveres Katastrophenmanagement
Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland derzeit unzureichend mitgedacht. Warnungen sind nur zum Teil barrierefrei, es gibt zu wenig Unterstützung für Vorsorge, die Barrierefreiheit für Notunterkünfte ist nicht Pflicht, Hilfsmittel werden als „Luxus“ wahrgenommen. Es gibt kaum Daten über die Betroffenheit von Menschen mit Behinderungen in vergangenen Katastrophen und kaum Daten im Einsatzfall darüber, wer wann, wo welche Hilfe braucht. Menschen mit Behinderungen werden bisher zudem wenig in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Schulungen zur Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen in Katastrophen gibt es kaum. All diese Missstände haben dazu geführt, dass Deutschland 2023 nach 2013 erneut von der UN für eine unzureichende Umsetzung von Artikel 11 der Behindertenrechtskonvention gerügt wurde.
Auch um diesen Zustand zu verbessern, wurde Anfang 2024 mit der KIM-Studie von Aktion Deutschland Hilft e. V. die erste umfassende Betrachtung zu Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen im Katastrophenmanagement in Deutschland veröffentlicht. Die von Dr. Friedrich Gabel und Maira Schobert vom IZEW durchgeführte Studie machte deutlich, dass es aktuell an einer klaren Strategie fehlt, wie Strukturen geschaffen werden können, die über lokales individuelles Engagement vor Ort hinausgehen (Gabel/Schobert 2024). Zudem ist den Verantwortlichen vielfach unbekannt, was genau konkrete Herausforderungen sind, denen Menschen mit Behinderungen in Katastrophen beziehungsweise bezüglich der Nutzung spezifischer Sicherheitsmaßnahmen (z.B. Evakuierung oder Unterbringung in einer Notunterkunft) gegenüberstehen. Damit verbunden gibt es aktuell keine einheitlichen Barrierefreiheitsstandardsfür die Gestaltung von Sicherheitsmaßnahmen. Stattdessen obliegt es den Land- und Stadtkreisen auszulegen, welche konkreten Kriterien bei der Planung von Evakuierungs- oder Notunterbringungskonzepten gewählt werden.
Ausgehend von den Befunden der KIM-Studie und basierend auf der Dissertationschrift von Dr. Friedrich Gabel (Gabel 2025) soll im Projekt KAI „Anforderungen eines inklusive(re)n Katastrophenmanagements“ erhoben und diskutiert werden, inwieweit Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen von Sicherheitsmaßnahmen im Katastrophenmanagement profitieren können beziehungsweise welche Barrieren aktuell eine gleichberechtigte Teilhabe erschweren. Ziel des Projekts ist die Erstellung eines Anforderungskatalogs für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und für die Politik. Dieser soll eine längst überfällige Grundlage für die Formulierung konkreter Kriterien für die Gestaltung von inklusiven Maßnahmen im Katastrophenmanagement auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene schaffen.
Um dies zu gewährleisten, wird der Fokus im Projekt gezielt auf den Austausch mit Menschen mit Behinderungen selbst gelegt. Dazu werden zunächst in Zusammenarbeit mit Einsatzkräften verschiedene Fallbeschreibungen zu konkreten Gefahrenlagen wie etwa Hochwasser, Hitze oder Stromausfall als auch zu konkreten Maßnahmen wie Evakuierung, Notunterbringung oder Eigenständige Versorgung im häuslichen Kontext erarbeitet. Diese werden in einem zweiten Schritt in Interviews und Fokusgruppendiskussionen mit Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungsformen (körperliche, sinnesbezogene, lernbezogene und psychische Beeinträchtigungen) diskutiert, um auf Basis ihrer lebensweltlichen Erfahrungen und Expertise zu bestimmen, welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen würden und was es bräuchte, um diese zu adressieren. In einem dritten Schritt sollen diese Daten analysiert werden, um daraus Empfehlungen für die Umsetzung von Anforderungen, den Umgang mit Konkurrenzen sowie Priorisierung von Anforderungen im Kontext von Katastrophen abzuleiten. Idealerweise entsteht daraus eine Blaupause für einen Katastrophenschutz, der die Bedarfe von deutlich mehr Menschen inkludiert als derzeit und damit eine gleichberechtigte Teilhabe an Sicherheit und eine gerechte Verteilung dieser sicherstellt.
- Gabel, F. (2025): Katastrophen, Behinderung und Gerechtigkeit - Wertbezogene Spannungsfelder eines angemessene(re)n Umgangs mit körperlicher, intellektueller, psychischer und sinnesbezogener Vielfalt im Katastrophenmanagement, Repository KITopen, Karlsruhe, Dissertation.
Gabel F., Schobert M. (2024): Langfassung zum Abschlussbericht der Bestandsaufnahme zum Katastrophenmanagement und der Inklusion von Menschen mit Behinderungen, Hg. v. Aktion Deutschland Hilft e. V.
Eine Kurzfassung des Abschlussberichts, die Fassung in Leichter Sprache und in Englisch finden Sie hier.
Verfasst von: Friedrich Gabel
Das Projekt KAI „Anforderungen eines inklusive(re)n Katastrophenmanagements“ hat im November 2025 gestartet und ist auf zwei Jahre angelegt. Es wird gefördert durch einen Innovation Grant der Universität Tübingen.
Diese werden zweimal jährlich an zwei PostDocs im Bereich der Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften vergeben und sollen den Transfer vielversprechender Promotionsprojekte in die Praxis ermöglichen. Bei der Umsetzung wird Friedrich Gabel von assoziierten Partnern wie dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der Initiative Inklusive Katastrophenvorsorge Baden-Württemberg unter Schirmherrschaft Innenministeriums, der Geschäftsstelle der Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg für die Belange der Menschen mit Behinderungen, der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Baden-Württemberg e.V. und dem DRK-Landesverband Baden-Württemberg e.V. unterstützt.